von Marvin Madeheim

Nach den beiden Vorgängern Ein Strandtag (2020) und Ein Markttag (2021) präsentieren Susanna Mattiangeli (Text) und Vessela Nikolova (Illustration) mit Ein Museumstag (2021) nun das dritte Bilderbuch im Bunde der kleinen Ausflugsziele. Obgleich alle drei Titel stilistisch und inhaltlich demselben Erzähl- und Darstellungsmuster folgen, gelingt den beiden Autorinnen mit ihrem dritten Teil ein großer Wurf, bei dem besonders das Verhältnis der Kunstwerke zu ihren Betrachter*innen von subtilem Witz und medienreflexiver Raffinesse geprägt ist.

Mattiangeli, Susanna (Text); Nikolova, Vessela (Bild): Ein Museumstag.
A. d. Italienischen von Lucia Zamolo.
Bohem, Münster, 2021.
36 Seiten. 15 €
ISBN 978-3-95939-099-6.
Empfohlen ab 6 Jahren.

Inhalt

Ein junges Mädchen in gelber Jacke besucht mit seiner Schulklasse ein Museum. Als Leser*innen folgen wir dem Blick der kleinen Protagonistin, die uns auf Textebene ihre Eindrücke, Erfahrungen und Fragen mitteilt und von der Wirkung der Kunstwerke berichtet. Sie führt uns von antiken Skulpturen über Renaissance-Malerei hin zu moderner und post-moderner Kunst. Dabei begegnen wir bekannten Gemälden wie Jan van Eycks Arnolfini-Hochzeit oder Leonardo da Vincis Dame mit dem Hermelin, sehen Malereien von Pablo Picasso und Marc Rothko sowie Skulpturen von Alberto Giacometti. Die Reise endet im Museums-Shop. Zum Schluss gibt es noch ein Gruppenfoto.

Kritik

Stilistisch zeichnet sich das Bilderbuch aus durch eine naturnahe Darstellungsweise der Figuren und Räume, erzeugt durch zarte flächige Aquarelle, die teilweise mit Buntstift konturiert und akzentuiert werden. Ganzseitige Einzelbilder werden kombiniert mit den Rezeptionseindrücken der Protagonistin in Form verschiedener Gemälde- und Skulpturendetails. Die Gemäldedarstellungen werden hierbei im Sinne einer "transfiguration" (Serafini 2015, 445) stilistisch an die Gestaltung des Bilderbuchs angepasst.
Nun ist der Museumsbesuch ein bekannter Topos in Bilderbüchern. Gleichwohl erweist sich die Art und Weise, wie der kindliche Gang durch die Ausstellungsräume bildlich inszeniert wird, als clevere und ansprechende Form, Gemälde- und Bilderbuchkunst zu verbinden.
Inhaltlich umfasst die Erzählung viele Einzelheiten und Besonderheiten eines Museumstags: Nachdem die Rucksäcke und Taschen in Schließfächern verstaut wurden, kann es losgehen. Jene Garderoben-Szene ist bereits auf dem Vorsatzpapier des Buches zu sehen, anschließend folgen Impressum und Titelblatt, erst dann betreten die Kinder den Ausstellungsraum. Dass das peritextuelle Abgeben der Rucksäcke als Vorbereitung auf den Museumsbesuch hier vor der eigentlichen Geschichte stattfindet, zeigt gleich zu Beginn einen ausgeprägten Sinn der beiden Autorinnen für die medienspezifischen Potenziale von Bilderbüchern.1
Ein präsentes Motiv des Bilderbuchs sind Suchaufträge. Hierbei wird das Augenmerk auf Besonderheiten und Gemeinsamkeiten der Gemälde und Skulpturen gelegt, wie etwa die Darstellung von Händen oder Tieren. Auch wenn sich der Fokus auf skurrile Details in den anderen beiden Reihentiteln wiederfinden lässt (beim Strandtag dürfen wir nach "Popos" (o. S.) Ausschau halten), handelt es sich bei dieser 'detektivischen Schatzsuche' in Gemälden doch auch um ein gängiges Mittel museumspädagogischer Arbeit. Und so findet das Mädchen neben da Vincis Hermelin auch noch Hund, Huhn, Taube, Lamm und Frosch. Gleichzeitig gibt jener Fokus auf die vielen Gemeinsamkeiten den Grundton der Bilderzählung an. Denn verglichen wird bei diesem Museumstag viel.
Während im Rahmen der 'Schatzsuche' Ähnlichkeiten der Kunstwerke untereinander hervorgehoben werden, wird an anderer Stelle die Nähe der Kunst zu ihren Betrachter*innen ins Zentrum der Erzählung gerückt. Dabei ist das Bilderbuch durchzogen von verschiedenen Übergriffen zwischen den unterschiedlichen Bildebenen und Kunstformen, die auf Textebene immer wieder mit einem subtilen Witz kommentiert werden.
Nach dem Eintritt der Schulklasse in die heiligen Hallen der Kunst sehen wir als Leser*innen wiederholt ganzseitige Raumansichten, in denen Figuren andächtig Kunst betrachten, daneben Detailansichten von Gemälden und Skulpturen. Auf Textebene heißt es zu den kunstvollen Bildausschnitten: "Auf den Bildern bewegt sich natürlich nichts. Aber manche Körper sehen ganz weich und warm aus, als würden sie sich bewegen, als würden sie fliegen." (o. S.) Was hier von der kindlichen Hauptfigur im Hinblick auf altmeisterliche Malerei festgestellt wird, gilt natürlich ebenso für den Rest des Bilderbuchs. Die formalästhetische Einheitlichkeit von Gemäldedarstellungen auf der einen Seite und Handlungsdarstellungen auf der anderen unterstreicht jene Gleichzeitigkeit von unbewegtem Bild und seiner doch so lebendigen Wirkung. So wiederholt sich etwa der grüne Wiesenhintergrund der Gemäldedarstellungen von spielenden Putten, Amor und Nymphe auf der gegenüberliegenden Bilderbuchseite als Wandfarbe des Museumsraums, in dem die Besucher*innen stehen, um die Kunstwerke zu betrachten (Abb. 1). An späterer Stelle werden wiederum visuelle Bezüge hergestellt zwischen den Rezeptionsverrenkungen einer Besucherin und den skulpturalen Darstellungen antiker Diskuswerfer. "Du musst deine Augen nutzen, aber auch deinen Rücken: Museumsgymnastik." (o. S.)

Abb.1: Mattiangeli/Nikolova, 2021

Die kindliche Aussage über die scheinbare Lebendigkeit der Kunst erweist sich indes als eine spannende Form von Medienreflexivität, bei der die scheinbare Lebendigkeit der Gemäldedarstellungen benannt wird, diese aber freilich ebenso für alle anderen Darstellungen im Bilderbuch gilt. Denn für uns als Betrachter*innen der Bilderbuchseiten stehen natürlich auch die dargestellten Menschen im Museumsraum still, während sie sich auf Handlungsebene schlendernd von Bild zu Bild bewegen.
Das mimetische Moment und die vermeintliche Nähe von Kunst und Leben werden von der Erzählstimme immer wieder thematisiert, etwa wenn sie anmerkt, dass "manche Menschen genauso aus[sehen] wie die Menschen auf den Bildern" (o. S.). Auch hier findet ein reziprokes Spiel der beiden Bildebenen statt, bei dem die Darstellung der Gemälde und die Darstellung der Figuren, die die Gemälde betrachten, in Wechselwirkung treten. So sehen wir etwa eine Dreiergruppe, die dicht vor einer Malerei von Pieter Bruegel d. Ä. steht. Bei dem flämischen Originalgemälde handelt es sich um die Darstellung zweier hagerer Frauen, die einem wohlgenährten Mönch in die Wange beißen. Der Gemäldetitel lautet frei übersetzt Der Streit zwischen Fastenzeit und Fasten.2 Im Bilderbuch steht die Dreiergruppe wiederum wie in einen Spiegel blickend vor dem Kunstwerk. Dass es im Museum manchmal so dichtgedrängt zugehen kann, dass sich die Besucher*innen buchstäblich gegenseitig in die Wange beißen könnten, ist hier nur eine von vielen möglichen Leseweisen, die sich im Sinne einer doppelten Adressiertheit wohl aber eher an mitlesende Erwachsene richtet.

Abb.2: Mattiangeli/Nikolova, 2021

Doch auch die Gemälde selbst scheinen ein stilles Eigenleben zu führen. In einem Raum voller Porträts fixieren die Gemäldefiguren allesamt eine Museumsbesucherin, es handelt sich um jene tätowierte Frau, die auch das Buchcover ziert. "[V]ielleicht finden sie ja uns komisch", (o. S.) heißt es entsprechend von der Erzählstimme. Dass sich hier Malereien vermeintlich über die ›bemalte‹ also tätowierte Haut einer Betrachterin mokieren, stellt einen weiteren Übergriff zwischen den verschiedenen Kunstformen dar. Gleichzeitig ist an dieser Stelle für die Leser*innen ein Moment der Reflexion möglich. Denn während noch auf der vorigen Seite die altertümliche Kleidung der damals Porträtierten ebenfalls als "komisch" (o. S.) betitelt wurde, sind es nun die Gemäldebewohner, die mit gerümpfter Nase auf die heutige Zeit blicken. Damit wird die Mode der damaligen Zeit ins Verhältnis zur Gegenwart gesetzt, was dazu einlädt, ausgehend vom Alten über das Neue zu sprechen.

Fazit

Ein Museumstag verbindet die magische Erfahrung eines kindlichen Museumsbesuchs mit anspruchsvollen und medienreflexiven Korrelationen zwischen der dargestellten Kunst auf der einen Seite und den erzählbildlichen Raumansichten auf der anderen. Dabei kann das Bilderbuch Kindern helfen, ihren ersten Museumstag vorzubereiten, indem es konkretes Wissen über die Abläufe im Museum vermittelt. Ferner wird den Kindern ermöglicht, vom bekannten Medium Bilderbuch her auf die Bildkunst im Museum zu schließen, bereits im Bilderbuch erlernte Lese- und Sehgewohnheiten zu übertragen, nach dem Erzählerischen in der musealen Kunst Ausschau zu halten und sich so im Bildermeer zurechtzufinden.
Darüber hinaus zeichnet sich Ein Museumstag aus durch sein raffiniertes und bedeutungsvolles Zusammenspiel der verschiedenen Bildebenen. Die bildnerische Komplexität macht das Bilderbuch zu einem anspruchsvollen Lesevergnügen für Kinder und Erwachsene gleichermaßen. Hierbei lädt es dazu ein, immer wieder neu angeschaut zu werden, und die Gemeinsamkeiten zwischen den Gemälden und ihren Betrachter*innen herauszufinden. Und dabei kann viel Zeit vergehen. "Wie viel Zeit? Museumszeit eben." (o. S.) Geeignet ist es ab sechs Jahren.

1Zur Bedeutung von Peritexten in Bilderbüchern siehe auch Mourão (2013, S. 73).

2Das Originalgemälde hängt im Dänischen Nationalmuseum in Kopenhagen und trägt den Titel Striden mellem Fastelavn og Fasten (1550–1560).

Literatur

Mattiangeli, Susanna (Text)/Nikolova, Vessela (Bild): Ein Museumstag. Aus dem Italienischen von Lucia Zamolo. Münster: Bohem 2021.
Mattiangeli, Susanna (Text)/Nikolova, Vessela (Bild): Ein Strandtag. Aus dem Italienischen von Lucia Zamolo. Münster: Bohem 2020.
Mourão, Sandie: Picturebook: Object in Discovery. In: Children’s Literature in Second Language Education. Hrsg. v. Janice Bland u. Christiane Lütge. London: Bloomsbury 2013. S. 71–84.
Serafini, Frank: The Appropriation of Fine Art in Contemporary Narrative Picturebooks. In: Children’s Literature in Education 46 (4) 2015. S. 438–453.

Erstveröffentlichungsdatum: 17.07.2021


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