von Philipp Schmerheim

Shaun Tans Die Fundsache stellt "[k]eine erkennbare Bedrohung für die Ordnung der Alltagsexistenz [dar]. Irrelevant" ist dieses Bilderbuch, "[f]ür öffentlichen Gebrauch sicher". So steht es auf der Rückseite des Bands, der offenbart unter Bilderbuch-Aktenzeichen K7645683/67b "genehmigt" wurde. Dieser satirische Peritext verrät, worum es in Shaun Tans 2013 erstmals auf Deutsch (und 1999 im englischen Original) erschienenem Bilderbuch-Comic-Hybrid geht: Um Dinge, die die Alltagsordnung stören, die nicht hineinpassen in ein normiertes, in Alltagsroutinen, Schubladendenken und behördlichen Vorgängen erstarrtes Leben.

Tan, Shaun: Die Fundsache.
Aus d. Englischen von Eike Schönfeld.
Hamburg, Carlsen 2009.
Originaltitel: The Lost Thing.
32 Seiten, 16,90 €
ISBN 9783848900398.

Inhalt

Der autodiegetisch erzählende Protagonist, seines Zeichens ein passionierter Kronkorkensammler (dessen Sammlung im Vorsatz und Nachsatz abgedruckt ist), erzählt seinen direkt angesprochenen Lesenden davon, wie er einst "das Ding gefunden" habe. Dieses steht am Strand der Stadt, vor einer furchterregenden, schmutzig rostigen Stadtmauer, die den Hochhausmoloch offenbar vor feuchten Überraschungen schützen soll, herum: "Viel machte es nicht. Es stand bloß da. Wie fehl am Platz. […] Aber es war ganz freundlich, als ich mit ihm redete." Das Ding sieht aus wie ein überdimensionierter roter Teekessel, aus dem Tentakel ragen.

Der Protagonist stellt schnell fest, dass das "Ding" ganz allein ist (und entsprechend traurig wirkt) und nimmt es nach erfolgloser Ratsuche bei Experten und Freunden mit nach Hause, wo er es allerdings vor den wenig erfreuten Eltern verstecken muss (die aber ohnehin "zu sehr mit aktuellem Kram beschäftigt" sind, um sich wirklich Gedanken über das seltsame raumfüllende Mitbringsel zu machen). Das ist allerdings keine Lösung auf Dauer, und so bringt er das Ding zum "Bundesamt für Krimskrams", das angeblich für alles eine Schublade hat. Bevor er dort aber damit beginnen kann, für die Anmeldung einen körperhohen Stapel Formulare auszufüllen, rät ihm eine hilfreiche Seele, das Ding doch lieber an einen anderen Ort zu bringen, denn im Bundesamt werde "vergessen, zurückgelassen, glattgebügelt." Einer Visitenkarte folgend, finden der Erzähler und das Ding schließlich diesen anderen Ort, der voll ist mit anderen Dingen, die auch nirgendwo richtig hinzugehören scheinen. Da es der Fundsache dort zu gefallen scheint, lässt der Erzähler sie dort, kehrt zu seiner Kronkorkensammlung zurück und denkt nur noch von Zeit zu Zeit an die ungewöhnliche, kurze Freundschaft… meistens dann, wenn ihm "aus dem Augenwinkel etwas [auffällt], das nicht ganz passt." Aber, nun, "solche Dinge fallen mir in letzter Zeit seltener auf. […] Bin wohl zu viel mit anderen Sachen beschäftigt."

Kritik

Die Inhaltsbeschreibung lässt es erahnen: Tan legt mit Die Fundsache eine Parabel über ein modernes Leben vor, das von Konformitätsdruck und erstarrten Routinen geprägt ist und in dem alles, was nicht in die vorgefertigten Lebensschablonen zu passen scheint, entweder ignoriert oder als Bedrohung empfunden wird. Dabei scheint in der urbanen Welt, die Tan hier gewohnt futuristisch und doch "abgewohnt" zeichnet, eigentlich nichts wirklich zu passen: Die Straßen sind grau und schmutzig, überall stehen verrostende Rohre und qualmende Schornsteine herum, kein Pflänzchen verschönert die zubetonierte Landschaft unter schmutzig-grauem Himmel, die Menschen wirken seltsam gesichtslos oder maskenhaft. Der einzige Farbtupfer in dieser erstarrten Welt ist das „Ding“ und sind die – einmal auf einer Hochkanten-Doppelseite dargestellten – anderen Fundsachen, zu denen es sich schließlich gesellt.

In Tans Zeichnungen paart sich Dali’scher Surrealismus mit der metaphysischen Malerei eines Giorgio de Chirico, und das Sujet von "Die Fundsache" passt nahezu perfekt zu diesem Zeichenstil. Als ebenso passend erweist sich die Collage-Technik, die gleichsam den Rahmen für Tans Zeichnungen bildet: Jede Seite, alle Panels (aus Bild und Text) werden gerahmt

"by a collage of text and diagrams cut from old physics and maths textbooks. These were used by my Dad when he was an engineering student, and largely inspired much of the book’s aesthetic; they add some sense of the dry and industrial world presented in the paintings, a sort of meaningless functionality - pointless and amusing also." (https://www.shauntan.net/the-lost-thing-book)

Das "Ding" ähnelt den in der Collage zusammengeführten Fragmenten der alten Lehrbücher insofern, als es in seiner jetzigen Umgebung eher verloren und aus der Zeit gefallen wirkt, bevor die Figur des Erzählers es entdeckt und ihm eine neue Heimat findet. Dementsprechend spielt Tans "Die Fundsache" erzählerisch wie ästhetisch mit dem topos des Verlorenseins und Findens bzw. mit der Dialektik von "lost and found": damit, dass manche Dinge nicht in eine vorgefertigte Welt passen und erst ihren Platz finden müssen, der allzu oft in einer anderen Umgebung situiert ist. (Der Originaltitel The Lost Thing und der deutsche Buchtitel Die Fundsache stehen unter diesem Aspekt in einem geradezu dialektischen Verhältnis.)

Auch auf diese Weise beschreibt Die Fundsache eine Gesellschaft, die es verlernt hat, außerhalb ihrer vorgefertigten Schablonen zu denken. So sehr verlernt sogar, dass ihre Mitglieder selbst auffällige Gestalten nicht mehr bemerken, wie Tan selbst anmerkt:

"The Lost Thing itself I always knew would be red and big, so very noticeable, which makes us wonder why nobody really notices it (this is the key question of the story, for which there is no single answer)." (https://www.shauntan.net/the-lost-thing-book)

Zumindest Tans Geschichte wurde und wird bemerkt: 2010 erschien nach achtjähriger Produktionszeit auch eine Kurzfilmadaption von The Lost Thing, die Tan selbst mitentwickelt hat (Regie: Tan und Andrew Ruhemann). 2011 erhielt der Film einen Oscar als "best animated short film". Buch und Film dienen auch als Grundlage für elaborierte Lernressourcen zum graphischen und audiovisuellen Erzählen. So hat das ACMI (Australian Centre for the Moving Image) einen an Schüler von der dritten bis achten Jahrgangsstufe adressierten Onlinelehrgang entwickelt: https://www.acmi.net.au/education/school-program-and-resources/shaun-tans-lost-thing/

Fazit

Für die ganz Kleinen sind Tans Werke eher nichts, wenngleich sich die Zeichnungen wie Wimmelbilder aus einer abstrakt-durchgeknallten Welt lesen lassen. Aber alle, die auch nur einen Hauch Zweifel an unserer im Schubladendenken gefangenen Welt verspüren, werden die Augen kaum von Die Fundsache losreißen können.

Eine kürzere Fassung dieser Rezension wurde auf ajum.de veröffentlicht.


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