rezensiert von Philipp Schmerheim

Ein Fundstück aus dem Asterix-Archiv: Mit Der goldene Hinkelstein legt der Egmont-Verlag ein kaum bekanntes gallisches Abenteuer vor, das ursprünglich 1967 in Frankreich als Hörspiel mit Begleitheft veröffentlicht wurde und nun als Comicheft mit optionaler Hörspielfassung auf den Markt kommt. Die Geschichte, in der Troubardix sein Glück bei einem Bardenwettbewerb versucht, ist unterhaltsam. Das eigentlich Interessante an Der goldene Hinkelstein sind aber die dabei eingerissenen Mediengrenzen, die einen frischen Blick auf die Erfolgsfaktoren des Asterix-Erzählkosmos werfen.

Goscinny, René (Text)/Uderzo, Albert (Ill.):
Asterix. Der goldene Hinkelstein.
Berlin: egmont-ehapa, 2020.
48 Seiten. 13,00 € (gebundene Ausgabe)
ISBN 978-3-7704-4128-0.
Empfohlen ab 7 Jahren.
ASTERIX®- OBELIX®- IDEFIX® / © 2020 LES EDITIONS ALBERT RENE / GOSCINNY – UDERZO

Inhalt

Der arme Troubardix hat es nicht leicht: Zwar ist er der Dorfbarde des kleinen Dorfes voller unbezwingbarer Gallier, aber singen lassen möchte ihn niemand, denn Singen – das kann er nicht, Amtsbezeichnung hin, Amtsbezeichnung her. Davon lässt Troubardix sich jedoch nicht beirren, denn dass seine schiefen Sangesküste an der Küste von Aremorica nicht wohlgelitten sind, liegt seiner Meinung nach schlicht daran, dass seine dörflichen Zeitgenossen allesamt Banausen sind, denen die hohe Kunst der Musik ebenso wenig vertraut ist wie sie die verfaulten Fische des Fischhändlers Verleihnix riechen können.

Kein Wunder also, dass er zu Beginn von Der goldene Hinkelstein voller Zuversicht ein neues Lied einstudiert, das er beim Bardenwettstreit im Karnutenwald präsentieren möchte, um den begehrten goldenen Hinkelstein als Trophäe für den besten Barden Galliens zu erringen. Asterix schwant nichts Gutes, als er von Troubardix' Vorhaben hört, denn statt Applaus bekommt dieser in der Regel Hiebe von seinem Publikum erteilt. Um ihren trotz allem guten Freund und Dorfvertreter zu schützen, begleiten Asterix und Obelix ihn zum Wettkampf.

Parallel zu diesen Geschehnissen langweilt sich im Römerlager Babaorum der aus dem fernen Rom abkommandierte General Eucalyptus fürchterlich. Der Kunst- und Musikliebhaber vermisst die Kulturszene der Ewigen Stadt und ist deshalb ganz Ohr, als er von seinem Zenturio Eidescolumbus hört, dass sich in einem gar nicht so weit entfernten Wald die besten Sänger Galliens treffen. Kurzerhand befiehlt Eucalyptus dem Zenturio, den Gewinner des Wettbewerbs in das römische Lager zu verschleppen, um ihm den drögen Militärdienst musikalisch zu versüßen.

Was aus Römersicht ein todsicherer Plan ist, entpuppt sich dank der Anwesenheit von Asterix und Obelix schnell als Desaster: Die beiden können Troubardix zwar noch vor der tobenden Publikumsmenge retten, aber kurze Zeit später wird der erbost in den Wald ausgebüxte Barde von den Römern für den Wettbewerbssieger gehalten, entführt und dem General vermacht. Asterix und Obelix lassen nicht lange auf sich warten und dementsprechend endet auch diese Geschichte in einer besonders für Obelix unterhaltsamen ausgewachsenen Prügelei.

Kritik

Dass eine beliebte Erzählwelt weitgehend auserzählt ist, merkt man unter anderem daran, dass ihre Schöpfer und Verlage in immer regelmäßigeren Abständen Archivfunde aufbereiten und als mal mehr, mal weniger sensationelle Novität vermarkten. So verhält es sich auch mit dem Asterix-Kosmos: Ihre Schöpfer, René Goscinny und Albert Uderzo sind mittlerweile in den Pantheon der verstorbenen Comic-Halbgötter eingegangen (Uderzo ist im Mai 2020 im Alter von 92 Jahren gestorben, Goscinny bereits 1977). Die mittlerweile 38 Bände umfassende Comicbuchreihe wird mittlerweile von dem US-französischen Duo Didier Conrad und Jean-Yves Ferri weitgehend treuhänderisch fortgeführt.

Die Geschichten aus dem Asterix-Kosmos sind episodischer Natur, sie spielen sich in einer konstant im Jahr 50 v. Chr. eingefrorenen Welt ab, kurz nach der (eben nicht ganz vollständigen) Eroberung Galliens durch den späteren römischen Diktator Caius Iulius Caesar, mit dem die gallischen Dorfbewohner sich meistens aus der Ferne, manchmal sogar direkt ein Katz-und-Maus-Spiel liefern. Am Ende jeden Abenteuers feiert das kleine gallische Dorf ein Gelage mit Dutzenden Wildschweinopfern, und am nächsten Morgen wird das Erzähluniversum gleichsam wieder auf Null gesetzt und die so bekannten wie beliebten erzählerischen Versatzstücke werden für die nächste Geschichte rekombiniert.

So ist es auch im Fall von Der goldene Hinkelstein, denn dessen Motive sind Asterix-Liebhabenden vertraut: Der verkannte Barde, seltsame Ereignisse im Karnutenwald, ein frisch aus Rom eingetroffener General, der anders als seine soldatischen Untergebenen noch nicht ahnt, welche Gefahren in der gallischen Provinz auf ihn lauern, eine missglückte Entführung vonseiten der Römer, die in Angst und Verwüstung im Römerlager resultiert.

So vertraut die Geschichte also ist, so besonders sind Entstehungskontext und Erscheinungsbild von Der goldene Hinkelstein: Das Heft ist faktisch ein illustriertes Dialog-Transkript eines Asterix-Hörspiels. Goscinny und Uderzo produzierten 1967 die Geschichte Le Menhir d'Or für ein Hörspiel, das ausschließlich als Schallplattenbuch verkauft wurde: Das besondere Format des die Geschichte enthaltenden Begleithefts ermöglichte eine ganz andere, auch großflächigere Umsetzung des Zusammenspiels von Illustrationen und Text. Dieses Schallplattenbuch bildet die Grundlage für die von Uderzos Mitarbeitenden restaurierte und den Sehgewohnheiten des 21. Jahrhunderts angepasste Version. Der Entstehungsprozess wird am Ende des Hefts auf einer Doppelseite prägnant erläutert, hier sind auch Miniaturen der ursprünglichen französischsprachigen Seiten reproduziert.

Der Schrifttext von Der goldene Hinkelstein besteht dementsprechend fast ausschließlich aus Dialogen, die lediglich von kurzen Einschüben einer heterodiegetischen Erzählstimme zu Beginn eines Szenen- bzw. Ortswechsels ergänzt werden. Die teils doppelseitigen, teils einseitigen Illustrationen Uderzos zeigen bestimmte exemplarische Momente der jeweiligen Szene.

Faszinierend ist, dass beide Franzosen sich an die Anforderungen ihres neuen Ausdrucksmediums anpassen: Die Dialoge sind sehr erklärbeflissen, ständig erläutern Troubardix, Asterix, Automatix und die anderen, was sie tun und lassen wollen, wie sie sich fühlen, was um sie herum geschieht. Der Schrifttext expliziert also Handlungsbestandteile, die in den Comics normalerweise nonchalant und en passant in Uderzos Zeichnungen ausgelagert sind. Die diesmal sehr großformatig ausgefallenen Illustrationen in Der goldene Hinkelstein wirken auf den ersten Blick in ihrem Stil altvertraut, sind aber bei genauerem Hinsehen ebenfalls den Formatumständen angepasst: Die Bilder sind noch exemplarischer und dynamischer, es wimmelt geradezu vor Bewegungslinien; teils gibt es sogar ausschließlich Lautmalerei zu sehen.

Die besonderen Entstehungsumstände von Der goldene Hinkelstein haben noch einen anderen Effekt: Eigentlich muss man die Geschichte zugleich lesen und hören. Das Hörspiel-Label Karussel hat eine 33 Minuten lange Hörspielversion produziert, die über einen QR-Code auf der letzten Heftseite zugänglich ist, sie findet sich aber auch auf allen gängigen Streamingportalen wie Deezer, Spotify und Co. Das Hörspiel ist teils charmant – es ist ein Heidenspaß, die quäkig-nölende Darbietung Troubardix' zu hören, der mehrmals erfolglos versucht, seinen Gassenhauer "Am Hinkelstein, Geliebte mein, dort hatten wir ein Stelldichein" bis zum bitteren Ende zu singen. Teils ziehen die Dialoge sich jedoch durch die gewollt deutlichen Sprecheinlagen in die Länge, trotz des dynamischen Handlungsverlaufs schleppt sich dadurch der Rezeptionsprozess.

Das illustriert das Hauptproblem dieser editorisch liebevoll aufbereiteten Ergänzung des Asterix-Kosmos: Dessen Geschichten funktionieren gerade über das rasante, geradezu mühelos erscheinende perfekte Zusammenspiel von Goscinnys Texten und Uderzos Panels. Im Transkriptionsformat, in dem die Dialoge über lange Strecken alleine die erzählerische Dynamik tragen müssen, wirken diese teils redundant, teils auch banal, gerade weil sie eigentlich gar nicht dafür gemacht sind, alleine die Handlung zu tragen, sondern vielmehr einzelne Steine in einem viel umfassenderen Mosaik bilden.

Somit ist die Geschichte vom goldenen Hinkelstein zwar nicht vollends überzeugend, das Heft bietet aber auf mehreren Ebenen sehr wertvolle Einsichten in den Asterix-Kosmos: Die Schwächen von Der goldene Hinkelstein veranschaulichen, wie gut die eigentlichen Comics funktionieren, und sie zeigen auch, warum sie dies tun. Der goldene Hinkelstein gibt aber auch einen Einblick, wie unterschiedlich Ausdrucksmedien erzählen können, wie sehr sich beispielsweise die erzählerische Dynamik von Hörspielen und Comics unterscheidet, mit dem hier aufbereiteten Schallplattenbuch als nicht gänzlich komfortabel zwischen diesen beiden Formen eingenistetem Hybridmedium.

Fazit                

Bei aller Detailkritik: Es ist wunderbar, dass der Egmont-Verlag und sein französisches Pendant Les Editions Albert René sich nach und nach durch die Asterix-Archive wühlen und regelmäßig weitere Fundstücke veröffentlichen. Dahinter stecken natürlich immer auch monetäre Überlegungen, etwa die Anschlussfähigkeit des Bardenwettkampfs an heutige TV-Casting-Formate wie The Voice oder DSDS, aber der immer noch großen Asterix-Fangemeinde kann es vermutlich nur Recht sein. Als (allerdings etwas derbes) gemeinsames Vorlesevergnügen lässt sich Der goldene Hinkelstein wohl schon mit Asterix-begeisterten Grundschulkindern rezipieren, aber auch alle Älteren dürfen ruhig einen Blick reinwerfen.


catchme refresh
Joomla Extensions powered by Joobi

Veranstaltungen

Mai 2021
Mo Di Mi Do Fr Sa So
26 27 28 29 30 1 2
3 4 5 6 7 8 9
10 11 12 13 14 15 16
17 18 19 20 21 22 23
24 25 26 27 28 29 30
31 1 2 3 4 5 6