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von Kirsten Kumschlies

Die Tendenz zur Komödisierung der DDR-Darstellungen in der Allgemeinliteratur ist von Literaturkritik und -wissenschaft vielfach zur Kenntnis genommen worden. Komik ist aber ebenso tragend in solchen Texten, die Kindern und Jugendlichen von DDR, Mauerfall und Wiedervereinigung erzählen. Susanne Drogi schaut hier genauer hin und nimmt komische Mauerfall-Narrationen für junge Leserinnen und Leser gründlich in den Blick – mit gutem Ende für die lustigen Schelme und Schelminnen, die hier im Zentrum stehen. Alle finden sie ihr Glück jenseits der Mauer!

Drogi, Susanne: Vom Suchen und Finden des Glücks diesseits und jenseits der Mauer.
Formen und Funktionen von Komik in der Kinder- und Jugendliteratur zu DDR und 'Wende'.
Baden-Baden: Tectum 2020
ISBN 978-3-8288-4399-8
342 Seiten, 68,00 €

Inhalt

Seit dem Mauerfall im Jahr 1989 differenziert sich das an Kinder und Jugendliche gerichtete Schreiben über und das Erzählen von der 'Wende' immer mehr aus. So trägt die Kinder- und Jugendliteratur maßgeblich zur deutsch-deutschen Erinnerungskultur bei, indem sich die Texte einem breiten Themenspektrum zuwenden. Realisiert werden die Umbruchserzählungen in Form von Fluchtgeschichten, Erlebniserzählungen aus der Mauerfall-Nacht in Berlin oder von den Montagsdemonstrationen in Leipzig, Jahrhundert-Geschichten, die einen weiten historischen Bogen spannen von den Weltkriegen über den Mauerbau bis hin zur Wiedervereinigung und solchen Texten, die den jungen Rezipienten und Rezipientinnen vom Alltag in der DDR erzählen. Dabei lässt sich von Anfang an (wie in der Allgemeinliteratur auch) eine gewisse Komödisierung konstatieren, die den Blick der Texte und Medien auf die DDR kennzeichnen – man denke nur an populäre Texte wie Helden wie wir (1995) und Am kürzeren Ende der Sonnenallee (1999) von Thomas Brussig sowie auf Komik und Humor setzende Filme wie Good bye, Lenin! (Becker 2003) oder Boxhagener Platz (Geschonek 2010).

Susanne Drogi setzt mit ihrer Dissertation an eben dieser Beobachtung an, "dass ein wesentlicher Teil der KJL zur Wende durch humoristische Mittel geprägt ist" (S. 33). Sie untersucht "das schelmische Erzählen als Instrument der Zeitdiagnose von KJL" (ebd.) Dabei schließt sie an den Begriff der Vergangenheitsversionen von Astrid Erll an und betrachtet "Texte als Ausdruck einer steten diskursiven Erzeugung von Vergangenheit aus gegenwärtigen Bedürfnissen und Interessen, die ihre Leser*innen ästhetisch herausfordern und unterhalten" (ebd.). Als leitende Fragestellung formuliert sie: „Lässt sich für die zu untersuchenden kinder- und jugendliterarischen Texte bzw. Medien zur Wende 1989/90 eine vergleichbare und verbindende Strategie humoristischer bzw. komischer Darstellungsweisen feststellen und falls ja, wie lässt sie sich beschreiben und deuten?" (S. 34) Anschließende Unterfragen sind: „Ist eine Motivkonstellation festzustellen, in deren Zentrum entweder eine konkrete Schelmenfigur steht oder – wenn diese Figur im Text nicht existiert – die Texte mehrere andere Darstellungsmöglichkeiten nutzen, um so etwas wie schelmisches Erzählen zu erreichen? Wie kann das Schelmische innerhalb der zeitgeschichtlichen KJL und des allgemeinen Erinnerungsdiskurses zur DDR und Wende verortet und gedeutet werden?" (ebd.)

Die Arbeit gliedert sich traditionell in einen Teil zu theoretischen Grundlagen, in dem Drogi Humor und Komik in kinder- und jugendliterarischen Texten allgemein sowie die Figur des Schelms im Speziellen untersucht, und einen mit konkreten Textanalysen. Im Fokus stehen hier insgesamt neun Texte und Medien aus den letzten 15 Jahren: zwei Bilderbücher, eine Erzählung für Kinder (Das langgestreckte Wunder von Thomas Rosenlöcher und Karl-Heinz Appelmann bzw. Jacky Gleich, Esterhazy von Irene Dische und Hans Magnus Enzensberger und Zweimal Marie von Nina Petrick), fünf Romane und Erzählungen für Jugendliche (Macht ihr eure Wende, ich bin verliebt von Markus Burkhard Karel, Jarda und das wahre Leben von Sheila Och Mauerblümchen von Holly-Jane Rahlens, In einem Land vor meiner Zeit von Ina Raki, Pullerpause im Tal der Ahnungslosen von Franziska Gehm, die Graphic Novel Such dir was aus, aber beeil dich von Nadia Budde und der Film Sputnik (Regie: Markus Dietrich). Mit Ausnahme von Petrick und Rahlens stammen alle Autorinnen und Autoren aus dem Osten. 

Kritik

Angemerkt sei erst einmal: Die Zuordnung von Gehms Pullerpause im Tal der Ahnungslosen als Jugendliteratur leuchtet nicht ein, vielmehr erscheint die die DDR karikierende Zeitreise-Geschichte als intentionale Kinderliteratur, der eine doppelsinnige Orientierung bzw. Mehrfachadressierung zugeschrieben werden kann. Doch dies sei hier nicht prominent gesetzt, denn zunächst einmal ist das Anliegen der Arbeit zu würdigen. Noch immer bildet die Kinder- und Jugendliteratur zu Mauerfall und 'Wende' ein Forschungsfeld, das bisher (im Gegensatz zur 'Wendeliteratur' für erwachsene Leserinnen und Leser) viel zu wenig bestellt ist. Neben dem Sammelband von Ute Dettmar und Mareile Oetken Grenzenlos und der von Petra Josting, Clemens Kammler und Barbara Schubert-Felmy didaktisch ausgerichteten Publikation Literatur zur Wende liegt bislang nur die Dissertation von Gunhild Keuler vor, die sich in systematischer Perspektive den Mauerfall- und DDR-Erzählungen für Kinder und Jugendliche widmet. Vor diesem Hintergrund ist allein die thematische Ausrichtung von Drogis Arbeit eine große Bereicherung für die Kinder- und Jugendliteraturforschung. Auch die Fokussierung auf die Komik macht in diesem Kontext sehr viel Sinn, ist doch dem Befund, dass diese ein wesentliches Gestaltungsmerkmal der 'Wendeliteratur' ist, uneingeschränkt zuzustimmen. "Satiriker haben gerade in jenen historischen Abschnitten Konjunktur, in denen es nichts zu lachen gibt" (S. 28), so zitiert Drogi zur Begründung Jill Twark (was übrigens, nebenbei bemerkt, schon mal sehr gespannt macht auf die ersten literarischen und medialen Aufbereitungen der derzeitigen Coronakrise) und verweist so auf die tragende Rolle von "Humor und Satire als Instrumente der Kritik und Identitätsbildung im Anschluss an die Wendeerfahrung" (ebd.). Auf die Rolle der Schelmenfigur in diesem Kontext hat Ute Dettmar schon sehr früh aufmerksam gemacht. Und zahlreiche Texte der Allgemeinliteratur zur Wende wurden von Literaturwissenschaft sowie -kritik als Schelmenliteratur bezeichnet.

So erscheint es nur folgerichtig, dass Drogi in ihrer Arbeit das schelmische Erzählen bzw. die Schelmenfigur zentral setzt. Den Schelm sieht sie als "Typus-Motiv des Komischen" und bindet die Figur gleichsam an die von Heidi Lexe herausgearbeiteten typischen Motivkonstellationen klassischer Kinderliteratur an (51), wodurch eine Anschlussstelle an das motivanalytische Modell von Kurwinkel und Jakobi entsteht (welches Drogi aber zum Zeitpunkt des Verfassens noch nicht hat vorliegen können), demnach es sich dann beim Schelm um ein figurales Motiv handeln würde. Drogi geht so weit, das Schelmische als ein Grundmuster moderner KJL deuten zu können (vgl. S. 89), was ein wenig gewagt erscheint, zumal in den (immens lesenswerten) Analysen immer wieder deutlich wird, dass viele Texte gar nicht mit typischen Schelmenfiguren arbeiten, was die Autorin selbst einräumt. Sie stellt den Schelm in eine Reihe mit der Pikarofigur als Archetyp von unangepassten Protagonisten und konstatiert, dass die Motive Elternferne, Grenzüberschreitung und Verweigerung häufig in Verbindung mit dem Schelm auftreten. Als kinderliterarisch verwandt mit dem Schelm bezeichnet Drogi das unartige Kind, beispielsweise Paul Maars Sams oder Michel aus Lönneberga von Astrid Lindgren, die als Heilsbringer auftreten. Die typische Handlung des Schelms sei der Streich. Drogi unterscheidet in Anlehnung an Regina Hofmanns Studie zum kindlichen Ich-Erzähler in der Kinderliteratur "zwischen Geschichten, in denen ausschließlich die komische Wirkung der als Streich benannten Taten im Vordergrund steht und denen, die als Mittel zur Kritik an der außerliterarischen Wirklichkeit dienen" (S. 76)

Die vorgelegten Textanalysen überzeugen schließlich durch Ausführlichkeit und Innovativität, wobei die Einordnungen der Figuren als Schelme oder Schelminnen nicht in Gänze gelingen. So fehlt der Bezug zum Schelmischen beispielsweise bei der Analyse von Mauerblümchen, und bei der Graphic Novel von Nadia Budde geht es mehr um das Kindlich-Naive der Protagonistin als um eine Schelmin. Dafür deutet Drogi Anne und Marie in intertextueller Fortschreibung von Kästners Das doppelte Lottchen bei Petricks Zweimal Marie und auch Luise und Lotte bei Kästner als Schelminnen. Im Zentrum der Analysen stehen Fragen nach den kulturellen Dimensionen von Texten: "Welche Stimmen, Vorstellungen und Denkweisen werden in den Texten aktualisiert? Auf welche Weise?" (S. 93). Im Ergebnis kann Drogi festhalten, dass es sich in allen untersuchten Medien um "Erkundungen von Identität(smöglichkeiten)" handelt, "in deren Verlauf das Historische als notwendiger Bestandteil von Identitätskonstruktion verstanden wird". (S. 295) Und: "Für alle werden die soziohistorischen Bedingungen zu wichtigen Reifungskontexten" (S. 296), womit eine Nähe zum Initiationsroman hergestellt ist.

"Die Unbedarftheit der Figuren erscheint als ein Merkmal, das die Figurenkonzeptionen als Parallele zur Allgemeinliteratur deutet" (S. 297), so Drogi weiter. Ihre Arbeit stellt die Schelmenfigur als literarisches Mittel dar, "das sozialkritische und gesellschaftsdiagnostische Reflexionen vornimmt" (S. 298), woraus sie ableitet: "Schelmenfiguren vermögen es, Zeitumstände in besonderer Weise widerzuspiegeln und angesichts konkreter gesellschaftlicher Bedingungen diese implizit danach zu befragen, inwiefern der Mensch in diesen eher natürlich oder entfremdet lebt und agiert" (S. 299). Komik erscheint ganz allgemein als wichtige Strategie der Mauerfall-KJL, und die „Texte stimmen in der Wahl der Erinnerungsinhalte mit den sog. Mauerkomödien der Allgemeinliteratur überein" (S. 304).

Besonders spannend aber stellen sich abschließend die Befunde dar, die über die Komik und das Schelmische in den analysierten Texten hinausgehen, weil sie sich grundsätzlich einfügen in den Forschungsdiskurs zur Kinder- und Jugendliteratur zu DDR, zum Mauerfall und zur 'Wende'. Dazu zählt die Erkenntnis, dass die Texte mehrheitlich das Ende des sozialistischen Systems häufig als finales Happyend modellieren (S. 300) und dass die Handlungen "teils in Großstädten (Berlin, Leipzig, Hamburg als westdeutsche Großstadt), teils in der Provinz situiert" (S. 301) sind. "Die ostdeutschen Städte und Dörfer werden überwiegend als grau, trostlos und verfallen dargestellt, wobei Baustellen als Orte des Neuen ebenfalls einen Topos darstellen" (ebd.).  Als weitere wichtige Themen werden identifiziert: Schule, Unterrichtssituationen, Kleidung, Nahrungsmittel, sozialistische Feiertage und Umweltverschmutzung. Elementar ist dabei, dass alle Texte Restriktionen und Einschränkungen zum Thema haben. Zudem kann Drogi konstatieren, dass die Texte gelebtes Leben in der DDR und die DDR als mögliche Heimat und Ort von Kindheit(en) anerkennen. "Ein differenziertes Bild, das den Sozialismus als gesellschaftlichen Entwurf wertschätzt und diskutiert, entsteht nicht", so formuliert sie im Anschluss an Carsten Gansel (S. 302). Insgesamt geht die Arbeit in ihrem Verweispotenzial deutlich über Komik-Analyse hinaus und liefert wichtige Grundlagen für weitere Forschungen. Drogi selbst fordert abschließend mehr Unterrichtsvorschläge für die Grundschule (S. 307), die ohne Frage ein Desiderat bilden, dem man aber aus praktischer Perspektive mit der mangelnden curricularen Einbindung des Themas meist ausweicht. Und die von Drogi schließlich eingeforderte Rezeptionsforschung stellt schon seit Jahren eine zentrale Leerstelle der Literaturdidaktik dar. Die Befunde der Arbeit müssen in weiterführenden Forschungen unbedingt ihren Platz finden.

Fazit

Drogis Arbeit ist für mehrere Forschungsfelder interessant und bietet richtungsweisende Anschlussstellen: die Komikforschung, die Motivanalyse, die Kinderliteraturforschung mit dem Fokus auf Texten zu Mauerfall und Wende und die Literaturdidaktik. Vor diesem Hintergrund mag man ihr das Prädikat "wichtig" zuschreiben – mit innerliterarisch erfreulichem Ende: Alle schelmischen Figuren finden ihr Glück jenseits der Mauer. Wendeverlierer begegnen uns hier höchstens am Rande. Eine Arbeit für Auf- und Umbruch!

Erstveröffentlichung am 07.03.2021