rezensiert von Michael Stierstorfer

Was sind erfolgversprechende Techniken der Leseanimation durch Kinder- und Jugendliteratur (KJL) und wie können Buchhändlerinnen und Buchhändler bzw. Pädagoginnen und Pädagogen dem individuellen Entwicklungsstand des Rezipienten entsprechend passende Lektüretipps aussprechen? Darauf gibt dieser mit farbigen Cover- und Lektüreabbildungen versehene Band eine aufschlussreiche Antwort. Es stellt sich jedoch die Frage, ob neben Neulingen auf dem Gebiet der KJL auch Expertinnen und Experten auf ihre Kosten kommen.

Inhalt

Das Vorwort erklärt, welche Absicht(en) Wambold mit diesem Titel verfolgt: "Kinder mit Büchern an das Lesen heranzuführen, ist in vielerlei Hinsicht eine gute Tat. Doch es müssen adäquate Bücher sein, die sie unterhalten, berühren, dort abholen, wo sie sich gerade im Leben befinden, die sie weiterbringen, neue Horizonte eröffnen – und sie brauchen vertraute Personen, die sie beim Lesen begleiten." (S. 11). Wambold will ihre Leserschaft also u.a. dazu befähigen, bzgl. der Leseanimation die individuell passenden Empfehlungen auszusprechen. Diesem Ziel Rechnung tragend gibt das vorliegende Buch einen knappen, aber zielgerichteten Überblick über den Markt der Kinder- und Jugendliteratur (KJL) in Deutschland, über Themenschwerpunkte, Entwicklungen und Funktionen von Bilder-, Kinder- und Jugendbüchern – auch mit Blick auf die Verlage. Ein plausibler Kriterienkatalog für "gelungene" KJL bietet eine erste Orientierung für Vermittlungsinstanzen.

Der Fokus liegt nach Angaben von Wambold zudem auf dem (Vor-)Lesen von KJL, weshalb darin auch Techniken wie (Anschluss-)Reflexion zwischen Vermittlerinnen und Vermittlern und Heranwachsenden zu finden sind. Für Rezipientinnen und Rezipienten, denen ein basaler Einblick reicht, finden sich Zusammenfassungen am Ende der Kapitel zu den Bereichen Bilder-, Kinder- und Jugendbuch (vgl. S. 69, 77, 86, 92, 132, 173, 207). Ein übersichtliches und fundiertes Schlagwortregister (vgl. S. 231-233) ermöglicht auch punktuelle Recherchen nach Begriffen aus dem Bereich des Lesens und der Leseförderung.

Wambold, Fenja: Bücher lieben lernen. Individuelle Lesefreude und Leseförderung. 

Leitfaden Bilderbuch, Kinderbuch, Jugendbuch. 

Bramann, Frankfurt a.M. 2020, 19,80 €, 978-3-95903-014-4.

Kritik

Der erste Teil geht ebenso scharfsinnig wie knapp auf die chronologische Entwicklung des Kinder- und Jugendbuchmarktes ein. Aktuelle Statistiken unterfüttern die Genreaufteilung. Neuere Phänomene wie All-Age, Crossover und Doppeladressierung finden eine auch für eine nicht wissenschaftliche Leserschaft eingängige Erläuterung. Auch die unterschiedlichen Arten einer zeitgemäßen Leseförderung skizziert Wambold anschaulich. Das Spektrum reicht vom sogenannten "Gießkannenprinzip" über Hybridformen aus analogem und digitalem Lesen bis zu Aktionen wie Lesetüten, Vorlesewettbewerben und dem Welttag des Buches.

Hierbei favorisiert Wambold insbesondere die Verteilung von kostenlosen Büchern im Rahmen der Maßnahme "Ich schenk dir eine Geschichte", wobei sie die recht seichten Text-Comic-Hybride, die in dieser Reihe erscheinen, ohne Einschränkung empfiehlt. Als Nächstes zählt die Autorin Projekte zur Leseanimation auf, welche etwa Erzähltheater und Leseclubs umfassen. Hierbei fokussiert Wambold jedoch zu wenig das Potenzial von Leseanimation mithilfe von Social Media und u.a. Buchtrailern und Booktubes.

In einem Überblick über wichtige Institutionen und Zeitschriften im Bereich der Jugendliteratur listet sie eklektisch einige zentrale Vereine und deren Publikationsorgane und Fachjournale auf, stellt jedoch andere etablierte Institutionen wie die Akademie für KJL nicht vor und lässt Zeitschriften wie "Buch & Maus" oder "Literatur im Unterricht" unerwähnt. Den ersten Bereich schließt eine deskriptive Synopse von wichtigen Studien zur Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen (u.a. KIM, JIM, etc.) ab.

Der zweite Teil zum Bilderbuch beschreibt dessen folgende Subgenres anschaulich und unterlegt sie mit Beispielen: Das Elementarbilderbuch für Säuglinge, Szenenbilderbücher für Kleinkinder, das erzählende Bilderbuch für Kinder ab ca. 3 Jahren und das Sachbilderbuch, bei dem sich keine konkrete Altersangabe findet. Der Abrundung dieses Kapitels dienen ergiebige Titelvorschläge und Erfahrungsberichte zu besonders sensiblen Themen wie Tod, Scheidung und Missbrauch. Im weiteren Verlauf rücken andere (Sub-)Gattungen des Kinder- und Jugendbuchs in den Blickpunkt wie Märchen, Lyrik, Vorlesebücher, Erstlesebücher, Sachbücher, Fantasy und Phantastik, Dystopien, realistische Literatur und Comics. bzw. Graphic-Novels, wobei letztere nicht definiert werden, sodass eine klare Konturierung für die Leserschaft unterbleibt.

Auch ein gelungener skizzenhafter Überblick über Themenschwerpunkte in der aktuellen KJL ist vorhanden. Als Abschluss dieses Überblicks über das basale Wissen zur KJL formuliert Wambold mögliche und durchdachte Kriterien für gelungene KJL, wie z.B. "authentische Lebensbezüge, Identifikation, die 'Message (durch die Blume)', neue Horizonte mit Stoff zum Nachdenken, Problemlösungsstrategien, stimmige Sprache, stereotypenfreie Zone, im Bann einer (stimmigen) Geschichte, das Ende der Geschichte, informative Literatur als Impuls und Orientierungspunkt." (S. 202-206)

Fazit

Insgesamt ist ein gelungenes Sachbuch über den aktuellen Kinder- und Jugendbuchmarkt entstanden, das Studierenden, Buchhändlerinnen und Buchhändlern, Pädagoginnen und Pädagogen und allen an der KJL Interessierten einen ersten Überblick über das weitläufige Feld vermittelt. Für Rezipienten vom Fach bietet das Buch nur mit Blick auf die aktuellen Tendenzen teilweise Neues. Der Adressatenkreis hätte innerhalb dieses Werks noch eine genauere Bestimmung verdient, da dieser nicht ganz klar wird. So entsteht der Eindruck, dass manche Kapitel in erster Linie für Buchhändlerinnen und Buchhändler und wieder andere für Lehrende geschrieben wurden. Im Untertitel verspricht dieses Buch "Individuelle Lesefreude und Leseförderung / Leitfaden Bilderbuch, Kinderbuch, Jugendbuch". Den Aspekt des Leitfadens löst das Buch sicherlich ein, jedoch setzt die Autorin hier wissenschaftlich-didaktisch undifferenziert Leseförderung zum Großteil mit Leseanimation gleich und behandelt Verfahren des Laut- und Viellesens lediglich sehr rudimentär. In diesem Kontext hätte sie die weiterführende Literatur (S. 217-230) durch Fußnoten konziser mit dem Haupttext verknüpfen können. So stehen beide Teile fast unverbunden nebeneinander und verleihen diesem Band eher populärwissenschaftlichen Charakter.

Undeutlich bleibt, was genau unter individueller Lesefreude zu verstehen ist, da dieser Titel eher auch als Ratgeber für eine individuelle Leseberatung für Fachbuchhändler anzusehen ist. Summa Summarum sei dieser flüssig zu lesende Band allen ans Herz gelegt, die sich in die Thematik des Kinder- und Jugendbuchmarktes zum ersten Mal einarbeiten wollen. Die farbigen Illustrationen von Beispielbüchern machen die Deskriptionen auch auf der Ebene der Anschauung gut verständlich.

Erstveröffentlichung: 28.06.2021


catchme refresh
Joomla Extensions powered by Joobi

Veranstaltungen

Juli 2021
Mo Di Mi Do Fr Sa So
28 29 30 1 2 3 4
5 6 7 8 9 10 11
12 13 14 15 16 17 18
19 20 21 22 23 24 25
26 27 28 29 30 31 1