von Kirsten Kumschlies

Die Freude wird bei vielen groß sein: Endlich hat der einst als Popliterat gehandelte Benjamin Lebert, der mit Crazy bekannt wurde, einen weiteren Jugendroman vorgelegt. Doch die Enttäuschung beim Lesen ist groß, wächst von Seite zu Seite. Hier werden nur Köpfe abgeschlagen, Figuren brutal enthauptet und zerstückelt, und das Schlimme ist: Das ist alles. Mehr als Gewaltexzesse hat das Buch nicht zu bieten. Zwar rekurriert Lebert in Im Zeichen der Acht auf den Sagenfundus aus dem Schwarzwald-Raum, reduziert die literarische Inszenierung dieser Prätexte aber auf die additive Aneinanderreihung brutaler Szenen. Das ist nicht nur nichts für schwache Nerven, sondern jugendliterarisch vielleicht die größte Pleite des Jahres.  

Lebert, Benjamin: Im Zeichen der Acht.
Arctic Verlag, Zürich, 2020.
303 Seiten. 19,60 €
ISBN 978-03880-033-0
Empfohlen ab 16 Jahren.
 

Inhalt

Martha von Falkenstein und Tristan Nachweih waren früher einmal Menschen und im Leben ein verliebtes Paar. Doch Tristan wandte sich immer mehr den bösen Mächten zu, fand Gefallen am Töten und Morden. Eine Entwicklung, die Martha nicht mitgehen konnte, fühlte sie sich doch zur guten Seite hingezogen. Als die Vertreter von Gut und Böse sind Martha und Tristan reinkarniert und fechten nun im Schwarzwald den alles entscheidenden Kampf aus. Die letzte Schlacht aber kann nur mit acht Kriegern geschlagen werden, so ist es vorbestimmt. Nun ist es an beiden Mächten, sich ihre Kämpfer zusammenzusuchen, die sie als Verfechter und Verfechterinnen der guten bzw. der bösen Macht in den Krieg schicken. Mordend und ohne Rücksicht auf Verluste zieht Tristan Nachweih durch den Schwarzwald. Die jugendlichen Kriegerinnen und Krieger, die er für sich gewinnen kann, tun es ihm nach und enthaupten und zerstückeln ohne Zögern einen alten Holzfäller und ein jugendliches Mädchen, das aus einem Heim für schwer Erziehbare geflohen ist. Tristan findet in Fynn und Zoe treue Gefolgsleute, die den Tod dem Leben vorziehen, ebenso im skrupellosen Serienmörder Henry B. Lindt. Doch die gute Gegenseite ruht nicht. Ebenso versucht Martha von Falkenstein, Kämpferinnen und Kämpfer für sich einzuspannen, die die letzte Schlacht für das Leben und das Bewahren kämpfen wollen. Auf ihrer Seite stehen Kathrin, eine junge Frau, deren Partnerin an Krebs gestorben ist und Daniel, dessen Bruder Balder für Tristan kämpft, und den er hofft retten zu können. In der Beziehung zwischen Fynn und Zoe spiegelt sich die Liebesgeschichte wider, die einst Martha und Tristan verband: Wie damals Martha von Tristan ist Zoe von Fynn schwanger und schwankt zwischen Gut und Böse. Will sie ihr ungeborenes Kind töten und für Tristan und Fynn in den Tod gehen oder bewahrt sie das Leben und bleibt bei Martha? Das ist die alles entscheidende Frage.

Kritik

Benjamin Lebert inszeniert in Im Zeichen der Acht den Kampf gegen Gut und Böse auf sehr plakative Weise. Mit deutlichen Anleihen an Schauer- und Gruselmärchen verlagert er seine fantastische Geschichte in den Schwarzwald und lässt seine Figuren hier ums Überleben kämpfen. Jede Figur wird akribisch genau eingeführt und beschrieben, unabhängig davon, wie relevant sie für die Handlung ist. Dabei treten viele nur auf, um gleich darauf auf brutale Weise ermordet zu werden. Fast scheint in den gewaltverherrlichenden Mordbeschreibungen, die sich hier additiv aneinanderreihen, eine bestürzende Art von Liebe zum Detail zu stecken, etwa, wenn die schauerlichen Beschreibungen noch über den Tod der Figuren hinausreichen:

"Sie hatten Isabells Sarg bei der Aufbahrung in der Friedhofskirche natürlich nicht geöffnet. Er war mit ihrer Lieblingspflanze, dem Efeu, verziert worden. Und wie dieser Efeu umrankten Zoes Gedanken während der Trauerfeier den Sarg. Sie stellte sich die Frage, wie ein Bestatter mit einer Leiche verfuhr, die keinen Kopf mehr hatte. Hatte er ihn angenäht? Oder hielt ihn die Tote in ihren kalten Händen?" (S. 117)

 

So hetzt der heterodiegetische Erzähler von einer Fokalisierung zur nächsten, von einem grausamen Detail zum anderen, alles in kurzer Syntax, überwiegend parataktisch formuliert, sodass die Handlung enorm an Fahrt aufnimmt. Auf die Fläche des Schwarzwaldes projiziert ist der erbitterte Kampf der Acht, der letztlich die inneren Prozesse eines jeden Menschen abbilden soll, was in der ambivalenten Figur Zoe ihren Höhepunkt findet und wie in einem Schmelztiegel zusammenfließt. Sie ist die einzige, die wankt, die sich nicht entscheiden kann zwischen Gut und Böse. Am Ende sind fast alle tot – die Leserinnen und Leser bleiben im besten Falle ratlos zurück, im schlechteren Fall verstört und bestürzt, sich fragend, inwiefern diese plakativ-triviale Story "die zarten Hoffnungen der Teenager ernstnimmt", wie der Klappentext den Autor Benjamin Lebert zitiert. In einem Interview, das im Anhang des Buches abgedruckt ist, sagt er: "Ich wollte keinesfalls Verzweiflungen und Abgründe der Jugend aussparen und ebenso wenig mächtige Naturerscheinungen. Man muss sie wahrnehmen. Erfahren. Man kann ihr nur mit Kraft begegnen, die einem zur Verfügung steht. Mehr ist nicht möglich. Die eigene Kraft, das ist vielleicht im besten Fall: die Liebe." (S. 297) Für solche starken Botschaften hätte es aber nicht nur Nachdrücklichkeit durch abgehackte Syntax gebraucht, sondern Figuren mit Profil und nicht solche, die nur in flächenhafter Anlage der eigenen Ermordung entgegenstolpern. Auf diese Weise bleibt der Roman nur eins: ein entsetzliches Gruselmärchen vor romantischer Schwarzwaldkulisse. Diese erhält Kontur durch einige poetisch anmutende Landschaftsbeschreibungen, die die literarästhetische Qualität insgesamt aber auch nicht retten.

Fazit

Benjamin Leberts Aneinanderreihung von Gewaltszenen im fantastischen Setting ist leider nicht zu empfehlen. Aber wer weiß, vielleicht stößt der Text ja doch auf die Leseinteressen von Jugendlichen ab 16 Jahren, die rasant-schnelle Handlungsabläufe mögen und sich von der Brutalität und der Grausamkeit der erzählten Handlung nicht abschrecken lassen.

Erstveröffentlichung: 22.12.20

 


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