Drucken

von Kirsten Kumschlies

Die liebenswerten Bukowski-Kinder sind zurück! Im Jahr 2020 hat der Bremer Autor Will Gmehling mit dem Kinderroman Freibad den Deutschen Jugendliteraturpreis absolut verdient gewonnen. Schnell hat er nun mit Nächste Runde eine ebenso lesenswerte und herzerwärmende Fortsetzung vorgelegt, mit der es sich ähnlich verhält wie mit dem ersten Band: Eigentlich passiert gar nicht so viel, und trotzdem mag man das Buch nicht mehr aus der Hand legen. Da ist es erfreulich, dass der dritte Band für 2021 schon angekündigt ist.

Gmehling, Will: Nächste Runde. Die Bukowskis boxen sich durch.
Peter Hammer Verlag, Wuppertal 2020.
175 Seiten. 14,00 €
ISBN 978-3-7795-0652-2
Empfohlen ab 8 Jahren.

  

Inhalt

Seitdem die Bukowskis einen ganzen Sommer im Freibad verbracht haben, sind einige Monate vergangen. Es ist Herbst geworden, der Ich-Erzähler Alf ist in die 5. Klasse gekommen und entdeckt einen neuen Sport für sich. Er geht nicht mehr zum Schwimmen, sondern entwickelt stattdessen eine ausgeprägte Begeisterung fürs Boxen. Regelmäßig sucht er mit seinem Vater das "Butterfly Gym" auf und trainiert dort eisern. Seine Schwester Katinka hingegen lernt weiterhin eifrig aus freien Stücken Französisch und der kleine Bruder Robbie hat sich in den Kopf gesetzt, seinem Vorbild, dem Obdachlosen Konrad nachzueifern, und Flaschensammler zu werden – sehr zum Leidwesen seiner Eltern. Doch die plagen momentan ganz andere Sorgen. Die Mutter hat einen neuen Chef in der Bahnhofsbäckerei bekommen, den fiesen und rücksichtlosen Herrn Meyer-Asswinkel, der ankündigt, den Laden umzustrukturieren. Es dauert nicht lange, bis der Mutter von Alf, Katinka und Robbie die Kündigung ins Haus flattert. Sie ist am Boden zerstört, zumal sie auf keinen Fall in einer anderen Bäckerei arbeiten will, vor allem, weil sie sich mit ihren Kolleginnen Karin, Ayshe und Gül so gut versteht. Das können sich die Bukowski-Kinder nicht bieten lassen. Sie heften sich an die Fersen von Herrn Meyer-Asswinkel und beschatten ihn, mit dem Ergebnis, dass sie die Kündigung schließlich noch abwenden können. 

Und dann ist da noch die Liebe, die Alf umtreibt. Im Sommer hatte er Johanna kennengelernt, die Tochter des Bademeisters im Freibad, die er auch in diesem Herbst nicht vergessen kann. So nimmt er all seinen Mut zusammen, fasst sich ein Herz, ruft Johanna an und lädt sie zu seinem Geburtstag ein. Und wunderbarerweise kommt es auch zu einer Gegeneinladung von Johannas Seite. Aber Alf hat die Rechnung ohne seine nervige Schwester Katinka gemacht. Obwohl sie erst 8 Jahre alt ist, will sie unbedingt mit auf Johannas Geburtstag kommen, ruft diese an und redet so lange auf Johanna ein, bis sie tatsächlich eingeladen wird. Alf ärgert sich maßlos. Aber so ist das eben unter Geschwistern, am Ende jubeln ihm sowohl Katinka als auch Johanna zu, als er zu seinem ersten offiziellen Boxkampf nach Wuppertal fährt. Da komme, was wolle, die Bukowskis sind eben eine echt starke Familie und 'boxen sich durch'.

Kritik

In Bezug auf Freibad ist häufig herausgestellt worden, mit welcher Leichtigkeit und Sensibilität Gmehling von Armut erzählt. Dasselbe gilt für die Nächste Runde. Die Bukowskis haben nicht viel Geld, aber das problematisieren weder die Figuren selbst noch die Erzählinstanz. Alf, Katinka und Robbie geht es gut, vor allem, weil sie in der Familie so stark zusammenhalten und liebevoll miteinander umgehen. Die Darstellung der Familie ist die große Stärke von Gmehlings Kinderromanen. Er führt liebenswerte und sympathische Figuren vor und erzählt aus deren Alltag, davon, wie die Familienmitglieder füreinander einstehen. Es sind diese einfühlsam konstruierten Alltagsszenen, die das Buch besonders machen, weil sie einerseits direkt aus dem Leben gegriffen zu sein scheinen, andererseits den Wert des Familienzusammenhalts auf unverstellte Art und Weise betonen:

 

"So war es oft bei uns. Jeder redete, was ihm gerade einfiel. Ich brachte Papa ein Glas Wasser ans Bett. Mama kam zu uns ins Zimmer und sagte zu Katinka, es gebe über die berühmte Coco einen Film. Und zu Robbie sagte sie, er solle aber nur Flaschen mit Pfand aufsammeln und sich außerdem in Acht nehmen vor Scherben. 

Wir waren die Bukowskis. Wir passten aufeinander auf. So konnten wir immer gut einschlafen." (S. 153)

 

Die Ich-Stärke gewinnt der Protagonist und Erzähler Alf durch den hier aufscheinenden Rückhalt und durch den Sport – im ersten Band durchs Schwimmen und Turmspringen, hier nun durchs Boxen. Durch diesen Sitz im Leben gewinnt er ein stabiles Selbstwertgefühl, und es stört ihn nicht, nicht viel Geld zu haben und in der Schule nicht die besten Leistungen zu erbringen. Auch Katinka trotzt mit ihrer widerständigen Eigensinnigkeit allen Zuschreibungen von außen, indem sie stoisch ihren eigenen Weg geht und Französisch lernt. Und auch der kleine Robbie gibt nicht auf, was seinen Wunsch betrifft, Flaschen zu sammeln:

 

"Das liegt wahrscheinlich bei uns in der Familie. So schnell kriegt uns keiner klein. Wenn dich beim Boxen einer richtig verprügelt und du am Boden liegst, wenn der Ringrichter dich auszählt und dein Trainer das Handtuch wirft, dann ist es vielleicht Zeit, aufzugeben. Vorher aber nicht."(S. 140)

 

Das Plädoyer für den familiären Zusammenhalt wird besonders deutlich, als Alf und sein Vater ausnahmsweise eine Pizza essen gehen, was sie sich normalerweise nicht leisten können, und dabei Zeugen des autoritären Umgangsstils eines Vaters mit seinen Kindern am Nachbartisch werden: "...andauernd mäkelte der Mann an den Kindern herum" (S. 47). Das kann der Bukowski-Papa gar nicht mit ansehen. Er greift ein und weist den fremden Mann zurecht, und Alf fühlt sich in dieser Szene gut "wegen Papa. Weil er war, wie er war." (ebd.). Dazu gehört zwar auch, dass er immer dicker wird, aber das macht nichts. Die Eltern sind beide zugewandt und gehen sensibel und offen mit ihren Kindern um, sie verstellen sich nicht und besprechen die Sorgen des Alltags, ohne sie unter den Teppich zu kehren. "Sie kamen mit der Welt zurecht" (S. 48), so drückt es der Ich-Erzähler aus, trotz der finanziellen Probleme. Da ist es folgerichtige Ehrensache, dass die Kinder die Kündigung der Mutter nicht akzeptieren können und den unsympathischen Herrn Meyer-Asswinkel zur Rede stellen.

Gmehlings Erzählungen leben von dieser Familien- und Figurenkonstellation- und konzeption. Die Figuren sind eigenwillig und so sympathisch dargestellt, dass man sie am liebsten persönlich kennenlernen möchte. Sie sind die Träger des wunderbaren Leseerlebnisses, dass beide Kinderromane bescheren. Mit ihren Stärken und Schwächen sind sie so einnehmend, dass es gar keine temporeiche Handlung braucht, um in den Lesefluss zu gelangen, denn man möchte schlicht und ergreifend wissen, wie die Bukowskis ihren Alltag so meistern. Dabei ist es ja ganz einfach: 'Sie boxen sich durch!'

 Fazit

Allen Freibad-Fans sei ebenso Nächste Runde ans Herz gelegt, denn auch im Herbst und Winter warten Alf, Katinka und Robbie mit spannenden Alltagserlebnissen und starken Gefühlen füreinander auf. Kurze Kapitel machen das Buch für Kinder ab 8 Jahren leicht lesbar. Eine kinderliterarische Hommage an die Kraft des familiären Zusammenhalts und die des Sports – eine wahre Perle des modernen Kinderromans! Gerade wegen dieser Thematik sind Gmehlings Bücher auch eine sehr passende Lektüre für Corona- und Lockdownzeiten, in denen es ja auch hilfreich sein kann, sich auf die Familie (mit all ihren Eigenarten) zu besinnen.

Erstveröffentlichung: 23.01.2021