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von Kirsten Kumschlies

Erstmals hat der preisgekrönte Autor John Boyne, der mit Der Junge im gestreiften Pyjama bekannt geworden ist, einen nicht-historischen Jugendroman vorgelegt, der in der Gegenwart spielt. Schon der Titel verrät, dass es sich hier um eine Transgender-Geschichte handelt. Aus der Perspektive des jüngeren Bruders erzählt er von einem Jungen, der sich als Mädchen fühlt und sein Geschlecht wechselt. Der Roman liest sich spannend, mitreißend und flüssig, greift aber zu sehr auf Stereotype zurück und verliert sich in oberflächlichen und unglaubwürdigen Figurenkonstruktionen- und konstellationen.

Boyne, John: Mein Bruder heißt Jessica.

Aus dem Englischen von Adelheid Zöfel.
Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2020.
988 Seiten. 14,99 €
ISBN 978-3-7373-4219-3.
Empfohlen ab 14 Jahren.

Inhalt

Sam vergöttert seinen älteren Bruder Jason, nicht nur deshalb, weil er der Fußballstar der Schule ist, sondern vor allem, weil er der einzige in der Familie ist, der sich um ihn kümmert. Die Eltern der Brüder sind viel zu sehr mit der Karriere der Mutter beschäftigt, die Ambitionen auf den Posten der britischen Premierministerin hat. Der Vater unterstützt sie nach Kräften als ihr Privatsekretär. Viel Zeit für die Söhne bleibt da kaum übrig. Die Kinder entgleiten dabei in eine Art von Wohlstandvernachlässigung, werden von wechselnden Au-pair-Mädchen betreut, und zu Hause dreht sich alles nur um die politische Karriere der Mutter. Als Jason eines Tages bekennt, er sei sicher, eigentlich ein Mädchen zu sein, gerät die familiäre Welt komplett aus den Fugen. Die Eltern reagieren schockiert und unempathisch, allein schon, weil sie durch Jasons Outing ihre Karriere gefährdet sehen. Sie gehen so weit, ihrem Sohn Elektroschocks zu empfehlen und suchen schnellstmöglich einen Therapeuten auf, mit der Intention, den Sohn wieder ‚geradezubiegen‘. Auch Sam, aus dessen Sicht die Geschichte erzählt ist, reagiert wütend und verletzt auf die Aussage seines Bruders, er sei eigentlich seine Schwester. Er versteht die Welt nicht mehr. Hinzukommt, dass er in der Schule wegen des Transgender-Outing seines Geschwisters gemobbt und ausgegrenzt wird. In seiner Verzweiflung schleicht er nachts in Jasons Zimmer und schneidet ihm/ihr den Pferdeschwanz ab. Jason vermutet die herzlosen Eltern hinter der Tat und verlässt die Familie kurz vor Weihnachten. Beim Therapeuten hat er hingegen Unterstützung gefunden, und diese erhält er auch von Tante Rose, der jüngeren Schwester der Mutter, die einen linksalternativen Lebensstil pflegt. Bei ihr findet Jason Unterschlupf, was die Mutter als Affront empfindet, zumal sie ihre Schwester nie gemocht hat. Dank ihrer Unterstützung aber kann Jason dort seine Identität als Mädchen annehmen und nennt sich nun an Jessica. Sam reagiert immer noch mit Abwehr und Überforderung, während die politisch ambitionierten Eltern beinahe so tun, als hätten sie nie ein zweites Kind außer Sam gehabt. Doch die Handlung wendet sich in einem dramatischen Showdown. Als die Mutter aufgrund einer Intrige eines Parteikollegen im Rennen um das Amt der Premierministerin ausgebootet wird, der Jasons Transgender-Identität an die Öffentlichkeit gibt, will Jason bzw. Jessica diese zugunsten der Karriere der Mutter wieder aufgeben. Doch diese wendet sich ihrem Kind inmitten eines Mediengewitters plötzlich zu und bekennt sich zur vorbehaltlosen Mutterliebe, was schlussendlich dazu führt, dass sie doch Premierministerin wird und Jessica ihrerseits fortan als Mädchen leben kann.

Kritik

Die Inhaltsangabe lässt es erahnen: John Boyne verfällt in dieser durchaus spannenden Transgender-Geschichte zu sehr in Klischees, entwirft eindimensionale Figuren ohne Tiefe, deren Handlungsmotive in großen Teilen mehr als fragwürdig erscheinen. Insbesondere die Eltern sind so holzschnitthaft gezeichnet, dass dem Setting jede Glaubwürdigkeit abgeht, was sich nochmal steigert, als sie sich dann am Ende Hollywood-like um 180 Grad drehen, ohne dass der Text eine Entwicklung auch nur angedeutet hätte. Das ist schade, denn im Grunde liegen in der brisanten Geschichte zum wichtigen Thema Transgender und auch in der Figur des kleinen Bruders viel Potenzial für eine vielschichtige Handlung. So wäre es spannend, die emotionale Zerrissenheit der Brüder, auch in ihrem Verhältnis zueinander, herauszuarbeiten.

Wie man es von John Boyne gewohnt ist, bleibt die Fokalisierung konsequent bei einer etwas naiven, unsicheren Jungenfigur (genauso wie in Der Junge im gestreiften Pyjama und Der Junge auf dem Berg), er erzählt sprachlich und gedanklich nah am Horizont seines kindlichen Protagonisten. Sams innere Prozesse, seine Irritationen, auch seine Wut und Verzweiflung angesichts der Entwicklung seines Bruders zu einer Schwester sind nachvollziehbar und sensibel geschildert. Aber all dies löst sich auf in der klisccheehaften Familienkonstellation, die der Text entwirft. Bis zu der plötzlichen Wandlung am Ende zeigen die Eltern nicht eine empathische Regung, sondern sind ausschließlich auf die „Karriereleiter“ der Mutter fixiert. Warum das so überspitzt dargestellt ist, bleibt unklar und in Szenen wie der nachfolgend zitierten, fühlt man sich fast an antagonistische Märchenfiguren erinnert, da die Ignoranz der Mutter unwillkürlich Assoziationen mit der Figur der bösen Stiefmutter weckt:

"'Eure Mutter und ich haben gestern noch bis spät in die Nacht geredet,' sagte Dad und tätschelte meinem Bruder Jason die Schulter, als wäre er ein kleines Hündchen. 'Du machst eindeutig eine Persönlichkeitskrise durch, aber wir sind deine Eltern, wir lieben dich, und wir werden Hilfe für dich suchen.'

'Was für Hilfe?' Seine Stimme klang hoffnungsvoll. Vielleicht dachte er ja auch, dass es einen Ausweg für ihn gab.

'Medizinische Hilfe', sagte Mum.

'Was für medizinische Hilfe?'

'Na ja, keine Ahnung“, antwortete sie etwas genervt. „Ich bin doch kein Arzt. Aber vielleicht gibt es Tabletten. Oder Hypnose. Oder Elektroschocks.' (S. 45)

In Analogie zum Jungen im gestreiften Pyjama, das den Untertitel „eine Fabel“ trägt, wäre es vielleicht sinnvoll diesen Roman ebenso oder als Märchen zu bezeichnen, um die Leserinnen und Leser entsprechend zu orientieren. Zwar sind keine textuellen Märchen-Referenzen vorhanden, aber dann wären jedenfalls die Flächenhaftigkeit der Handlung, die Eindimensionalität der Figuren und auch das gefällige Happyend stimmig gewesen. Denn erzählen kann Boyne ja; die Spannungsstruktur kann man dem Text beileibe nicht absprechen. Rasant wird die Handlung durch starke Ereignisdichte insbesondere zum Ende hin, als Sam sich in die Tochter eines Parteifreundes seiner Mutter verliebt und ihr das Familiendrama anvertraut. Sie wiederum erzählt ihren Eltern davon, was der Parteifreund sogleich schamlos ausnutzt, um Sams Mutter im Rennen um das höchste politische Amt auszuschalten, indem er die Geschichte von Jasons Verwandlung in Jessica an die Presse zu geben. So kann man das Buch phasenweise trotz seiner Eindimensionalität kaum aus der Hand legen.

Fazit

Boyne fasst mit seinem neuesten Roman ein brisantes Thema an, kann aber leider nicht an die Erzählkraft früherer Werke anschließen. Zu sehr verliert er sich bei der Transgender-Story in Klischees und offeriert ein allzu gefälliges Happyend, bei dem sich alle Probleme in Wohlgefallen auflösen. Vorsichtig empfohlen sei das Buch Leserinnen und Lesern ab 14 Jahren, die einerseits spannende Geschichten mögen, andererseits Interesse an der gesellschaftlichen virulenten Transgender-Thematik haben.

Erstveröffentlichung: 21.01.2021