von Kirsten Kumschlies

Christoph Scheuring hat mit Sturm ein gewichtiges Jugendbuch vorgelegt, das die eindrückliche Geschichte einer jungen Tierschützerin erzählt, die als Observer drei altgediente Fischer auf ihrem Boot begleitet, um deren Fangquoten zu überwachen. Dabei geraten sie nicht nur in einen Wirbelsturm und erleiden Schiffbruch, sondern auch in einen emotionalen Sturm, der mit einer Liebesgeschichte zu tun hat, sich vor allem aber um die Frage dreht, wie wir Menschen mit der Natur umgehen. Vielleicht hat der Autor sich mit dieser Themenvielfalt etwas viel vorgenommen, aber die Geschichte ist beeindruckend und hallt nach der Lektüre noch lange nach.

Scheuring, Christoph: Sturm.
Verlag Magellan, Bamberg, 2020.
301 Seiten. 18,00 €
ISBN 978-3-7348-5028-8
Empfohlen ab 14 Jahren.
 

Inhalt

Die 18jährige Nora ist in belasteten Verhältnissen aufgewachsen. Ihr Vater war Alkoholiker und misshandelte Frau und Tochter. Die Mutter setzte sich gegen die Gewalttätigkeiten des Mannes nie zur Wehr, doch eines Tages ist es Nora, die zurückschlägt und der Gewalt des Vaters mit Gegengewalt begegnet, was zur Folge hat, dass die Mutter schweigend und sprachlos die Familie verlässt und nie wieder zurückkommt. Von nun an leben Vater und Tochter in angespannter Zweisamkeit, der Vater macht einen Entzug und verhält sich Nora gegenüber seither nahezu unterwerfend und demütig. Doch Nora hat bis hierhin gelernt, sich im Leben nur mit Gewalt durchsetzen zu können. Sie wird in der Schule zur Schlägerin und hat keine Freunde, fühlt sich aber mit Tieren sehr verbunden und verschreibt sich schließlich dem militanten Tierschutz. Als sie Zeugin der brutalen Machenschaften im Schlachthof ihrer Region wird, greift sie zu harten Mitteln und kettet sich selbst am Eingangstor des Schlachtbetriebs fest. In Folge dieser Aktion wird sie zur Ableistung von Sozialstunden verurteilt, die sie beim Meeresschutzverein „Ocean Watch“ erbringt. Die Aktivistin Sarah, die für den Schutz von Fischen einsteht, weist Nora in ihre Aufgaben ein. Die beiden jungen Frauen mögen sich spontan und sind sofort ein Herz und eine Seele. Als die Protagonistin dann im Auftrag von "Ocean Watch" nach Kanada fliegt, verabschieden die beiden sich mit einem Kuss, den Nora nicht mehr vergessen kann.

Von der kanadischen Küste aus begleitet sie als Observer den Fischer Johan und seinen Vater sowie dessen Großvater auf deren Boot, um ihre Fangquoten zu kontrollieren und für „Ocean Watch“ zu dokumentieren. Die Fischer begegnen der jungen Tierschützerin mit unverhohlener Ablehnung, doch als sie in einen verheerenden Sturm geraten, verkehren sich die Verhältnisse. Der alte Großvater geht auf dem Meer in den Tod, was Nora zunächst mit blankem Entsetzen erfüllt. Später erfährt sie, und mit ihr die Leserinnen und Leser, dass es sich um einen Akt von Sterbehilfe handelte: Der uralte, kranke Fischer hatten sich einen Tod auf dem Meer gewünscht. Doch der schlimme Sturm bringt nicht nur diesen Tod, sondern das gesamte Fischerboot zum Kentern. Als Schiffbrüchige treiben Nora und Johan nun durch den Atlantik und kämpfen ums nackte Überleben. In dieser Notsituation verlieben sie sich ineinander und erkennen, dass sie doch mehr gemeinsam haben, als sie zunächst dachten. Aber neben dieser Romanze stehen auch die homoerotischen Liebesgefühle, die Nora für Sarah entwickelt hat. Entscheiden will sie sich nicht, und erstaunlicherweise verlangt das am Ende auch keiner von ihr.

Kritik

Sarah und Johan repräsentieren die unterschiedlichen Pole, um die das Denken der Protagonistin kreist und die das Kernthema des mitreißend emotional erzählten Jugendromans darstellen. Sarah ist die Figur der militanten Tierschützerin, die sich vor allem dem Kampf gegen die Überfischung der Weltmeere verschrieben hat, während Johan derjenige ist, der als Fischer für den Einklang von Natur und Mensch argumentiert und eindrücklich darauf hinweist, dass der Tod eben auch zum Leben gehört:

"Ihr Menschen aus der Stadt habt zum Tod ein abgrundtief krankes Verhältnis. Ihr habt ihn in die letzte, dreckige Ecke eures Lebens gepackt, wo ihr ihn garantiert nicht mehr ansehen müsst. Und wo er dann auch irgendwann nicht mehr vorkommt. Und genauso benehmt ihr euch. Als wärt ihr alle unsterblich und die Natur wäre es auch und als hätte euer Handeln überhaupt keine Folgen. Ihr zerstört die Natur und euch selbst und begreift es noch nicht einmal. Ihr macht aus unserer wundervollen, lebendigen Natur ein totes Stück Disneyland, weil ihr nicht sehen wollt, dass es ohne Tod keine Schönheit und kein Werden und Vergehen mehr gibt. Wenn ihr nicht lernt, den Tod als einen Teil des Lebens zu akzeptieren, werdet ihr die Natur komplett und für immer zerstören. Das ist die ganze banale Wahrheit." (S. 228)

Da fühlt man sich als Leser bzw. Leserin schon direkt angesprochen. Solche Mono- und Dialoge machen den Roman stark, eben weil er nicht einseitig in der Darstellung bleibt, sondern das Thema Tier- und Naturschutz aus mehreren Perspektiven beleuchtet. Zwar stehen die Figuren durch dieses Arrangement ein Stück weit wie Platzhalter für die jeweilige Argumentationsschiene da, aber sie geraten zum Glück nicht holzschnittartig, sondern haben durchaus Kontur und Tiefe. Durch sie und auch die dichten Natur- und Meerbeschreibungen gelingt ein mitreißendes und ergreifendes Leseerlebnis, das den Roman zu einem besonderen "Klimabuch" macht, das sich kaum aus der Hand legen lässt. Auch die grausamen Szenen, die Nora im Schlachthof erlebt, rütteln auf und gehen ans Herz. Sie sind auch deshalb so erschütternd, weil der Roman sehr nah an seiner Protagonistin bleibt und durch interne Fokalisierung mit ihr auf Natur und Tiere sieht.

Leider ist die Handlung auch latent überfrachtet. Insbesondere die Liebesgeschichte zwischen Johan und Nora hätte der Text nicht gebraucht, zumal sie insofern unglaubwürdig erscheint, als die durch den gewalttätigen Vater traumatisierte Nora, die nie Freunde hatte, sich nun vorbehaltlos und spontan auf eine Beziehung einlassen kann. Schön wiederum ist, dass sich die Liebesthemen jeglicher Heteronormativität entziehen, da Nora sich zu beiden Geschlechtern hingezogen fühlt, was sie weder kommentiert noch problematisiert. Und eine Entscheidung für Sarah oder Johan steht für Nora auch nicht an: Sie braucht beides, den militanten Tierschutz auf der einen und die Naturverbundenheit auf der anderen Seite. Einfache Antworten findet sie nicht, und solche bietet auch der jugendliterarische Text nicht an. Nora bewundert "Johans Stärke und Eindeutigkeit" (S. 240) und pendelt "hilflos zwischen beiden Polen" (ebd.), so reflektiert sie am Ende und stellt damit auch die Leserinnen und Leser vor eine gewisse Unschlüssigkeit, die ihnen das Finden eigener Positionen abverlangt.

Die thematische Überfrachtung bleibt, denn es geht ja auch noch um Sterbehilfe, Alkoholmissbrauch, Kindesmisshandlung, Schiffbruch – und eben um Liebe und Natur- und Tierschutz.

Fazit

Trotzdem ist Sturm ein tolles, ergreifendes Buch, spannend von der ersten bis zur letzten Seite und getragen von einem wichtigen Plädoyer für den Einklang von Natur und Mensch. Absolut zeitgemäß und sehr empfehlenswert für jugendliche Leserinnen und Leser ab 14 Jahren. Durchaus eine Lektüre mit Sogwirkung, die aber auch nachdenklich stimmt.

Erstveröffentlichung: 11.02.2021


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