von Kirsten Kumschlies

Nach Staat X legt die Jugendautorin mit Zwei Leben in einer Nacht ihren zweiten Roman im Loewe-Verlag vor und wagt sich hier an ein brisantes Thema. Es geht um die Inszenierung von Selbstmorden suizidaler Jugendlicher in einem Internetforum, welches die Todeswünsche der Angemeldeten in Form einer modernen Challenge organisiert. Wahl will zum Nachdenken anregen, verhebt sich aber an dem schwierigen Thema, das sie in einer eindimensionalen Geschichte unwillentlich bagatellisiert und dabei auf Figuren setzt, die in ihrer einfachen Konzeption nicht überzeugen. Deren Nöte und Ängste fallen leider dem Fokus auf eine schnelle und spannende Handlungsdynamik zum Opfer.

Wahl, Carolin: Zwei Leben in einer Nacht.
Verlag Loewe, Bindlach, 2020.
281 Seiten. 9,95 €
ISBN 978-3-7432-0746-2
Empfohlen ab 16 Jahren.

 

Inhalt

Die Umstände, unter denen sich Caspar und Samantha (im Roman durchgehend kurz Sam genannt) begegnen, sind mehr als nur belastet. Beide wollen nicht mehr leben und haben sich in dem Suizid-Forum "Deathwish" im Netz getroffen. Hier organisiert ein Unbekannter, der sich Ghost nennt, Selbstmorde von Jugendlichen, indem er sie in eine Art von Challenge einbettet und dabei den verzweifelten Usern Aufgaben stellt, die den Suizid aufwändig und filmreif inszenieren. Die Nacht ist gekommen, in der Caspar und Sam ihrem Leben ein Ende setzen wollen. Wie immer, wenn Ghost die Jugendlichen in den Selbstmord schickt, ist es Freitag, der 13. Sam und Caspar treffen sich um Mitternacht und empfangen Ghosts Aufgabenstellungen bis zum Morgengrauen. So werden sie zum Beispiel aufgefordert, sich das Erkennungszeichen des Forums, einen Blauwal, in den Arm zu ritzen. Sam und Caspar erledigen alles, fühlen sich aber sofort zueinander hingezogen und öffnen sich einander, vertrauen sich gegenseitig ihre Lebensgeschichten an. Zu verlieren haben sie nichts.

Schließlich bleiben den beiden Protagonisten nur noch etwa fünf Stunden, um sich kennenzulernen, bis sie freiwillig in den Tod gehen – zwei Leben verdichten sich in nur einer Nacht.

Kritik

Auf ebendiese erzählte Zeit der einen Nacht konzentriert sich der Jugendroman. Über Caspars Motive, sich umbringen zu wollen, erfahren die Leserinnen und Leser in Rückblenden schnell sehr viel, während die Hintergründe Sams weniger beleuchtet werden. Caspar gilt als hochbegabt und hielt dem Druck seines Elternhauses nicht mehr stand. Dass Sam sich wegen ihrer verstorbenen Schwester bei „Deathwish“ angemeldet hat, ahnt man früh, auserzählt wird es erst zum Ende hin, als sich die Dinge eklatant wenden. Bis dahin springen Zeitebenen und Fokalisierungen regelmäßig hin und her. Im stetigen Wechsel fokalisieren die Kapitel einmal auf Caspar und einmal auf Sam. Neben die Analepsen, die vom Leben der Figuren vor dem Todeswunsch erzählen, stellen sich paratextuell durch Schrifttype abgehobene Dialoge aus dem Deathwish-Forum, in dem sich die jugendlichen Teilnehmer und Teilnehmerinnen über ihre Todessehnsüchte austauschen. Dass Sam und Caspar sich ineinander verlieben, scheint von Anfang an klar. Und es ist sicher auch nicht zu viel vorweggenommen, wenn hier erwähnt wird, dass die beiden schlussendlich nicht in den Tod gehen, denn das legt der Text in leider klischeehafter Erzählweise und ebensolcher Figurenkonzeption von Beginn an nahe. Zu offensichtlich sind die Gefühle auf Allgemeinplätze reduziert, etwa, wenn Sam gleich am Anfang sinniert:

"Normalerweise reagiert sie nicht so auf das andere Geschlecht. Oder überhaupt auf einen anderen Menschen, Nicht so schnell. Nicht so intensiv. Nicht nach einer halben Stunde." (S. 61)

Sicherlich fasst Carolin Wahl mit diesem Roman ein brisantes Thema an. Die Darstellung wirkt aufgrund der Vereinfachungen mitunter aber so unglaubwürdig, dass man sich fragen muss, inwiefern hier Bezüge zur außertextlichen Realität bestehen. In einer kurzen Danksagung gibt die Autorin Auskunft darüber, durch die Geschichte der "Blue Whale Challenge, die vor einigen Jahren in Russland stattgefunden hat" (S. 279) zu der Story inspiriert worden zu sein. Das sind wichtige Hintergrundinformationen, von denen man sich mehr gewünscht hätte, vielleicht auch schon in einem Vorwort. Vorangestellt ist dem Roman jedoch "nur" eine sogenannte „"Triggerwarnung" vor "Depression, Trauer, Tod, Suizid, Ängste" (S. 7), versehen mit dem Hinweis: "Ihr solltet das Buch also nur lesen, wenn ihr emotional mit diesen Themen umgehen könnt." (ebd.) Wem hilft das? Die Lapidarität dieser Warnung wird einmal mehr gesteigert, als der nächste Satz den jugendlichen Leserinnen und Lesern "das bestmögliche Lesevergnügen" (ebd.) wünscht. Suizid und Suizidgedanken sind traditionell ein wichtiges Thema in der Jugendliteratur, der Allgemeinliteratur ohnehin. So wurzeln sie in Goethes Werther, finden sich bei Schiller, Wedekind und Gottsched - und werden hier nun mit einer banal anmutenden Triggerwarnung versehen, die wohl gut gemeint ist, aber vielleicht ebenso ins Leere läuft wie die eindimensionale Geschichte, die Carolin Wahl erzählt. Hier geht es nicht um einen Blick ins Innere der verzweifelten Figuren, wie sie etwa moderne Jugendromane wie Allein unter Schildkröten entwerfen, nicht um die Darstellung von Depression, Trauer oder Krankheit, sondern schlicht um den spannenden, einfach erzählten Handlungsablauf, der auf Dynamik der Aktionen setzt. Das Ende mag in der konkreten Ausgestaltung ein wenig überraschen, dass es um die Enttarnung von Ghost, dem Initiator des Suizid-Forums geht, ist jedoch von vornherein absehbar. Zudem weist der Plot auch Ungereimtheiten und Widersprüche auf. So stellt sich am Ende heraus, dass Sam sich in das Forum nur eingeschleust hat, um den Spielemacher Ghost zu stellen, während der Romanauftakt so angelegt ist, als sei das Mädchen tatsächlich suizidal: 

"Sam lauscht in sich hinein, doch da ist nichts. Keine drückende Angst. Keine alles verschlingende Panik, nur ein Gefühl von Erleichterung. Es ist, als ob endlich eine riesige Bürde von ihren Schultern fällt.“"(S. 9)

Diese Irreleitung des Lesers macht ausschließlich im Zuge der Spannungssteigerung Sinn. Dass diese gelingt, ist dem Roman wenigstens an keiner Stelle abzusprechen.

Fazit

Dass sich depressive Menschen auf eine solch vitale Challenge eines ominösen Spielemachers einlassen, ist unglaubwürdig, passt aber zur Konstruktion dieses Romans, der allein auf die schnellen Handlungsabläufe und die Lösung des Kriminalfalls setzt. Von daher bietet der Text vor allem das, was am Ende der vorangestellten Triggerwarnung steht: bestmögliches Lesevergnügen, wobei der Begriff "Vergnügen" im Kontext dieser Thematik einigermaßen makaber erscheint. Treffender wäre: spannender Thriller zum schnellen Lesen ab 16 Jahren – mehr leider nicht.

Erstveröffentlichung: 11.02.21


catchme refresh
Joomla Extensions powered by Joobi

Veranstaltungen

Mai 2021
Mo Di Mi Do Fr Sa So
26 27 28 29 30 1 2
3 4 5 6 7 8 9
10 11 12 13 14 15 16
17 18 19 20 21 22 23
24 25 26 27 28 29 30
31 1 2 3 4 5 6