von Kirsten Kumschlies

Grit Poppe hat schon mit Jugendromanen wie Weggesperrt und Abgehauen buchstäblich Mauern eingerissen, indem sie Themen der DDR-Geschichte anfasste, die jugendliterarisch bislang gar nicht beachtet wurden. In diesen ersten Texten ging es um grausame Haftbedingungen im Jugendwerkhof Torgau, denen Poppe ein literarisches Denkmal gesetzt hat, das man aufgrund der schonungslosen Darstellung so schnell nicht vergisst. Mit Verraten stellt sie sich erneut  auf die Seite der Jugendlichen in der DDR und erzählt  von den perfiden Methoden, mit denen die Stasi versuchte, geschwächte Persönlichkeiten, die Schicksalsschläge zu verarbeiten hatten, für ihre Zwecke zu missbrauchen. Ein wichtiges zeithistorisches Buch, das thematisches Neuland betritt, und damit ein zentraler Beitrag zur DDR-Erinnerungskultur ist.

Poppe, Grit: Verraten.
Verlag Dressler, Hamburg, 2020.
368 Seiten. 12,00 €
ISBN 978-3-7915-0164-2
Empfohlen ab 15 Jahren.

Inhalt

Ostberlin 1986: Nachdem Sebastians Mutter gestorben und seine Großmutter ins Altersheim gekommen ist, landet der Junge plötzlich seinerseits in einem Heim, in dem es zugeht wie in einem Kindergefängnis. Sebastian versteht die Welt nicht mehr, denn er hat nichts verbrochen. Ausgerechnet sein Vater, der die Familie vor Jahren verlassen hat, holt ihn dort raus. Einerseits ist Sebastian zutiefst dankbar, andererseits findet er keinen Zugang zu seinem Erzeuger, denn dieser ist ihm fremd. Zwar ist er freundlich, aber wortkarg und verschlossen. Zudem irritiert den Jungen, dass er mit einem Leichenwagen im Heim vorfährt, denn Sebastians Vater arbeitet auf dem Städtischen Friedhof. Was Sebastian und sein Vater nicht ahnen: In dem Sarg, der im Kofferraum lagert, versteckt sich die Ausreißerin Katja als blinder Passagier. Sie ist auf der Flucht vor den Behörden, gilt als widerständig und aufrührerisch, weil es ihr gelungen ist, schon aus mehreren Heimen zu fliehen. Nun droht ihr der Jugendwerkhof in Torgau. Als Sebastian sie in seinem neuen Zuhause bei seinem Vater entdeckt, bietet er ihr Unterschlupf an. Katja versteckt sich für einige Wochen auf dem Dachboden. In dieser Zeit gerät Sebastian massiv in die Klemme. In der Schule wird er von einem Stasi-Mitarbeiter, Herrn Möller, als inoffizieller Mitarbeiter angeheuert und erhält den Auftrag seinen Vater zu bespitzeln, denn dieser gilt – wie der Protagonist nun erfährt – als Staatsfeind der DDR. Nach und nach stellt sich heraus, warum Sebastian seinen Vater nicht gekannt hatte. Wegen angeblich staatsfeindlicher Aktivitäten und einem Fluchtversuch war er lange inhaftiert. Mit perfiden Methoden setzt Herr Möller den Jungen unter Druck. Zwar hat Sebastian massive Gewissensbisse dabei, sowohl seinen Vater als auch seine Mitschülerinnen und Mitschüler zu bespitzeln, aber er fürchtet sich auch vor den Drohungen des Stasi-Mannes, der ihm im Falle einer Kooperation eine attraktive Ausbildungsstelle verspricht. Zudem tritt Herr Möller auf wie ein Vertrauter, wirbt um Sebastian auf der einen Seite, droht ihm auf der anderen. Immer wieder will Sebastian die Mitarbeit aufkündigen, traut sich dann aber doch nicht, bis er sich eines Tages doch seinem Vater anvertraut. Der Vater erfährt letzten Endes auch von der versteckten Katja auf dem Dachboden und wird in der Folge beiden Jugendlichen zum väterlichen Freund. Trotzen können sie dem DDR-Regime im Jahr 1986 nicht. Im letzten Kapitel, das auf eine Ellipse folgt, finden sich Sebastian und Katja im Jugendwerkhof wieder.

Kritik

Wieder einmal stellt Grit Poppe unter Beweis, dass sie eine herausragende Autorin für DDR-und Mauerfall-Jugendliteratur ist. Wie in den Vorgängern Weggesperrt, Abgehauen und Schuld scheut sie nicht davor zurück, brisante Themen aus der DDR-Geschichte anzupacken, die bislang noch nicht jugendliterarisch aufgearbeitet wurden. Eindringlich sensibilisiert sie für das Schicksal von Jugendlichen, die am Rande der DDR-Gesellschaft standen. In Weggesperrt erzählt sie von den grausamen Bedingungen, unter denen Jugendliche im Jugendwerkhof zu leiden hatten. Nun betritt sie ebenso wichtiges thematisches Neuland in diesem zeithistorischen Kontext, indem sie in Verraten einen traumatisierten Jungen in den Mittelpunkt stellt, der von der Stasi angeworben wird. Der Roman ist insofern als herausragend zu bezeichnen, als es Poppe gelingt, die 

Zerrissenheit Sebastians sehr differenziert darzustellen. Sie zeigt, wie er mit sich hadert und innerlich wankt, sodass man sich an mancher Stelle beinahe wünscht, er würde sich endgültig auf Herrn Möller von der Stasi einlassen, damit er ein besseres Leben mit guten Berufschancen in der DDR haben kann und vor dem Jugendwerkhof bewahrt wird:

"Sebastian dachte an das Gefängnis in Bad Freienwalde, in dem schon kleine Kinder in Zellen eingesperrt leben mussten. Die meisten in seinem Alter landeten dort, weil sie aus dem Jugendwerkhof ausgerissen waren. Und sie flüchteten sicher nicht, weil es da so schön war. 

'Aber du hast recht, Jungen wie du gehören auf die Erweiterte Oberschule, nicht in den Jugendwerkhof.'

Sebastian lauschte in die Stimme hinein. Es klang, als glaubte Herr Möller, was er sagte. 

'Du bist doch gut in Deutsch. Du kannst für uns ja etwas schreiben über Auffälligkeiten und Vorkommnisse', schlug Herr Möller vor." (S. 167-168) 

Darüber hinaus liefert der Text ein spannendes zeithistorisches Dokument von der DDR im Jahr 1986. So sind zum Beispiel die Umweltschutzbestrebungen und die Auswirkungen des Reaktorunfalls in Tschernobyl, die von der DDR-Regierung verleugnet wurden, ein weiteres Thema, das Sebastian umtreibt. Stasi-Mann Möller setzt ihn unter Druck, auch seine Mitschülerinnen und Mitschüler zu bespitzeln, was Sebastian nur widerwillig und mit arg schlechtem Gewissen tut. So wird er völlig verunsichert in seinem Umgang mit der Mitschülerin Sabine, die sich gegen Atomkraft und Waldsterben engagiert. Poppe erzählt von den inneren Prozessen des Protagonisten so feinsinnig, dass man sich beim Lesen regelrecht mitquält , mit Sebastian mitfühlt und ihn aus dieser verzwickten Situation befreien möchte. Das gelingt ihr durch Variation von inneren Monologen, erlebter Rede und äußeren Handlungssträngen, die sich aus viel verwendeter Figurenrede konstituieren. Zudem eröffnet sie einen Einblick in Katjas Perspektive, da die Hälfte der Kapitel auf ihre Sicht fokalisiert ist, der andere Anteil auf jene von Sebastian. Interessanterweise tritt Katja in Funktion der stärkeren Persönlichkeit als Ich-Erzählerin auf, während der labile Sebastian durchgängig in der dritten Person bezeichnet ist. So entsteht eine mitreißende Geschichte, die zugleich historisches Wissen über die DDR vermittelt. Beschlossen wird die Handlung durch ein Nachwort, in dem die Autorin Informationen über ihre Recherche gibt und ein Interview mit Christian Ansehl, der im Alter von 15 Jahren als inoffizieller Mitarbeiter von der Stasi rekrutiert wurde. Hier wird eindrücklich klar, was für eine enorme Belastung es für Jugendliche war, wenn sie für die Bespitzelung ihrer Mitmenschen ausgenutzt wurden. In der Zusammenschau zeigen Interview und Romantext, dass es sich bei Jugendlichen wie Christian und Sebastian um Opfer handelte und nicht um Verräter: "Die Minderjährigen, die vom MfS als IMs missbraucht wurden, gelten als Opfer des SED-Regimes. Ihre Namen, Auszüge aus Akten und Fallgeschichten sind besonders geschützt und dürfen nur mit Einverständnis der Betroffenen in die Öffentlichkeit gelangen." (S. 343)

Fazit

Ein wichtiges Buch, in dem Grit Poppe auf ein bislang verschwiegenes Thema der DDR-Geschichte aufmerksam macht und das sie brillant für Jugendliche aufbereitet. Es ist auch als Schullektüre für Schülerinnen und Schüler ab 15 Jahren empfehlenswert, da sich hier Aspekte literarischen und historischen Lernens miteinander kombinieren lassen. Darüber hinaus: eine packende Lektüre, die unter die Haut geht.

Erstveröffentlichung: 25.02.2021


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