Drucken

von Gerd Klingeberg

Chaotische Beziehungen zwischen Eltern und Kindern sind nicht ungewöhnlich. Dass Vater Fabian jedoch in einer Art Zeitreise noch einmal intensiv die eigene Zeit als 17-Jähriger erlebt, lässt ihn manches im rebellisch aufmuckenden Verhalten seiner ebenfalls 17-jährigen Tochter Flora mit anderen Augen betrachten. Ob sich dies tatsächlich als hilfreich erweist? Das wird nach der Lektüre des auf den ersten Blick unterhaltsamen Buches allenfalls ansatzweise beantwortet werden können… 

Ulbricht, Arne: Schilksee 1990.
Verlag Edition Outbird, Gera, 2020.
266 Seiten. 16,90 €
ISBN 978-3-948887-03-2
Empfohlen ab 16 Jahren.

 

Inhalt
Fabian war für seine kleine Tochter immer ein Bilderbuchpapa. Musste er auch sein, da seine Karrierefrau als Professorin der Literaturwissenschaften kaum Zeit für eine Mutterrolle aufbringen kann. Inzwischen ist Flora 17 Jahre alt und auf dem Selbstfindungstrip, hat ständig den Blick aufs Handy gerichtet, chattet in diversen WhatsApp-, Facebook- und Instagram-Gruppen und bringt auch noch einen Freund mit nach Hause, der bei ihr übernachten wird. Es ist der blanke Horror für Fabian. Doch offenbar ist es seitens der sich unverstanden fühlenden Flora endlich mal an der Zeit, mit dem biederen Herrn Papa, der nach langen Jahren als erfolgloser Schriftsteller mit seinem neuen Bestseller-Sachbuch „Die aufgesaugte Generation“ überraschend zum gefeierten Jugendversteher avanciert ist, gehörig Klartext zu reden. Diese töchterliche Zurechtweisung macht Fabian ebenso betroffen wie die Tatsache, dass es nach einem Bordellbesuch mit seiner Ehe mächtig schlecht aussieht. Bei der reflektierenden Suche nach Ursachen in seiner eigenen Jugend erlebt er wie in einer Zeitreise eine wichtige Phase seines Lebens als 17-Jähriger mit allen ihren Einzelheiten, darunter vor allem seine erste große Liebe mit Freundin Juli samt Umständen, die so ganz anders waren als heutzutage. Oder auch nicht…  

Kritik
Der Handlungsverlauf des Romans Schilksee 1990 ist in zwei jeweils relativ kurze, knapp 30 Jahre auseinanderliegende Zeitebenen unterteilt. Miteinander verknüpft werden sie durch den Protagonisten Fabian Herzog. Im ersten Teil, der im Oktober 2019 angesiedelt ist, tritt er als Familienvater in Erscheinung, im zweiten Teil, der von Ereignissen aus dem Oktober 1990 erzählt, wird eine Lebensphase des damals 17-Jährigen beschrieben.
Aus dieser Konstellation resultiert ein im Grunde interessanter Spannungsaufbau, weil Fabian einerseits heftig mit den Allüren seiner 17-jährigen Tochter konfrontiert wird, andererseits in der Retrospektive sein eigenes Verhalten als 17-jähriger Schüler intensiv nacherlebt. Ulbricht erwähnt für beide Zeitebenen eine Fülle jeweils aktueller, realer Ereignisse aus Politik und Gesellschaft und schafft damit ein stimmiges Ambiente aus Kohl-Ära und Wende-Deutschland, in dem sich entsprechende Zeitgenossen problemlos wiederfinden.
Allerdings ergibt sich daraus auch die Frage, an wen der Roman eigentlich adressiert ist. Es sei "ein Roman über eine Jugend (im Jahr 2019), die am Frühstückstisch YouTube-Videos schaut und durch Fridays for Future politisiert wird, und über eine Jugend (im Jahr 1990), die viel Lebenszeit in Telefonzellen verbrachte…", so der Klappentext. Und tatsächlich kann man, wie es sich aus dieser Sichtweise ergibt, den Roman nicht als typischen Jugendroman bezeichnen, wohl aber als einen, der auch für jugendliche Leserinnen und Leser in der Darstellung unterschiedlicher Welten durchaus von Interesse ist (demnach dann vielleicht als Jugendlektüre). Die anfängliche Vermutung, bei der Intention des Romans gehe es um mehr als die Schilderung eines problematischen Vater-Tochter-Verhältnisses, nämlich um ein besseres Verständnis zwischen Eltern und ihren fast erwachsenen Kindern, erweist sich allenfalls als teilweise stimmig. Ulbricht selbst konterkariert diesen mutmaßlichen Ansatz im Epilog, wenn er zu Recht konstatiert, dass der anno 1990 gerade 17-jährige Fabian bei einer Reise ins Jahr 2019 nichts "kapiert" hätte, dass aber auch seine Tochter – obwohl sie in ihrem Verhalten grundsätzlich starke Ähnlichkeiten mit dem ihrer Elterngeneration aufweist – bei einer Reise zurück ins Jahr 1990 sich dort ebenso wenig zurechtfinden würde (vgl. S. 252 ff). Demnach ergibt sich allenfalls ein aus der Rückbesinnung auf die eigene Jugend entstehendes Verständnis für die Identitätssuche und ein damit zumeist verbundenes Aufbegehren seitens der jüngeren Generation; aber dies wäre letztlich für Heranwachsende keine relevante Problematik.
Einigermaßen schwierig stellt sich auch die Möglichkeit der Identifikation mit den handelnden Romanfiguren dar, da der Autor sie in klischeehafter Überzeichnung präsentiert. Bei den männlichen Jugendlichen geht es neben Party und Prügeleien offensichtlich in erster Linie um Sex und Suff, während zugleich die Liebesbeziehung von Fabian und Juli zwischen Manie und Pilcher-Romantik hin und her pendelt. Fragwürdig ist auch die flapsig-offensive Erwähnung sexueller Themen: Sie reicht von der seitenlangen Schilderung eines Bordellbesuchs auf der Reeperbahn über eine pubertäre "Punkteliste" (S. 93), mit der anno 1990 der „Erfolg“ sexueller Anmache bei Frauen dokumentiert wird, bis hin zur Frage nach Intimrasur oder dem Größenvergleich männlicher Geschlechtsorgane. Zwar mag dergleichen nicht gänzlich unberechtigt sein, im konkreten Zusammenhang mutet es indes eher peinlich als passend an.     

Fazit
Schilksee 1990 punktet zunächst mit einem durchaus interessanten Ansatz, indem eine Zeitreise in die eigene Vergangenheit geschildert wird. Das Ergebnis muss jedoch als einigermaßen ambivalent bezeichnet werden. Betrachtet man vor allem die locker-flockige Schilderung einer "typischen" chaotischen Beziehung zwischen Vater und heranwachsender Tochter, so geht das Buch als humorvolle, unterhaltsame Lektüre für Leserinnen und Leser ab 16 Jahren durch. 

Erstveröffentlichung: 07.04.2021