von Kirsten Kumschlies

"Was, wenn du dich an alles erinnern kannst – außer an deine Gefühle?", so der (plakative) Aufhänger im Klappentext des Jugendromans Wenn ich die Augen schließe von Ava Reed. Sie erzählt von einem Mädchen, das in Folge eines Unfalls ihr emotionales Gedächtnis verloren hat und nun versucht, sich in seiner eigenen Persönlichkeit (neu) zu orientieren. Dabei stößt die Protagonistin auf innere Anteile, die ihr lieber verborgen geblieben wären. Eine einfach erzählte Geschichte über Identitätskonflikte und Mobbing im Klassenzimmer.

Reed, Ava: Wenn ich die Augen schließe.
Verlag Loewe, Bindlach, 2020.
320 Seiten. 14,95 €
ISBN 978-3-7432-0253-5
Empfohlen ab 16 Jahren.

 

Inhalt

Norah hatte einen schweren Autounfall, bei dem sie sich eine Kopfverletzung zugezogen hat und in Folge dessen ins Koma gefallen ist. Als sie aufwacht, ist zwar ihre Erinnerung an Erlebtes noch vorhanden, wenngleich auch an mancher Stelle lückenhaft und brüchig, aber das Gedächtnis für Gefühle fehlt ihr ganz. So weiß sie im Grunde nicht mehr, was für ein Mensch sie vor ihrem Unfall war, erinnert sich nicht, warum sie ihre kleine Schwester mit Nichtachtung strafte, die ihr doch (aus jetziger Perspektive) mit liebevoll-naiver Bewunderung begegnet, warum sie angeblich die Hauskatze der Familie aus dem Zimmer jagte – und vor allem weiß sie nicht, aus welchen Gründen sie eine Beziehung zu dem allseits beliebten, smarten Jonas eingegangen ist, denn der erscheint ihr plötzlich nur noch oberflächlich und egoistisch. 

Als sie aus dem Koma erwacht, sehnt sie sich spontan nur nach einem einzigen Menschen: ihrem Sandkastenfreund Sam. Auf ihr starkes Drängen hin holen die Eltern Sam ins Krankenhaus, aber dieser begegnet ihr skeptisch und ablehnend, schlägt Norah jedoch die Bitte um Beistand in diesen schweren Tagen nach dem Unfall nicht aus. Nach und nach stellt sich heraus – auch durch Kapitel, die aus der Perspektive von Sam erzählt sind und seine Sicht der Dinge entfalten –  , was vorher geschah: Sam war zum Mobbingopfer der Clique um den coolen Jonas geworden, und Norah hatte schweigend zugesehen, hatte ihm nicht geholfen und ihre Gefühle zu ihm aus Angst schlicht verleugnet. Der Roman zeichnet nach, wie Sam und Norah sich einander annähern und sich gemeinsam der unliebsamen Vergangenheit stellen.

Kritik

Die Stärke dieses einfach erzählten Jugendromans ist es, dass er trotz aller Vorhersehbarkeit der Handlung spannend bleibt und tatsächlich, jenseits der aufscheinenden Trivialisierungsmechanismen in der Erzählweise, zum Nachdenken anregt. Auf durchaus sensible Weise wirft er die Frage auf, wie wir uns selbst angesichts von Mobbing und Gruppenzwang verhalten. Schauen wir weg? Greifen wir helfend ein? Wie wichtig sind Anerkennung und Akzeptanz in Gruppen? Auf die Dynamiken in solchen Mobbing-Prozessen macht der Text nachhaltig aufmerksam. Norah war keine mutige Heldin. Dem Wunsch nach Anerkennung folgend ließ sich auf eine Beziehung mit dem angesagten Jonas ein und traute sich nicht, Stellung zu beziehen oder eine eigene Meinung zu vertreten. Stattdessen schaute sie schweigend weg, als ihr langjähriger und geliebter Freund Opfer von Mobbing-Attacken wurde. Damit sind Gefühle angesprochen, die wohl die meisten jugendlichen Leserinnen und Leser kennen: Hätte ich nicht mutiger sein können? Worum geht es mir eigentlich? Wo stehe ich in der Gruppe? Was ist mir wirklich wichtig? Das sind Fragen, mit denen Norah sich konfrontiert sieht, als sie sich nach dem Unfall auf die Suche nach dem eigenen Selbst macht. Mitunter ist die Geschichte, die Reed erzählt, ein wenig konstruiert und verflacht. Gelungen aber ist die doppelte Fokalisierung. Ein Großteil der Kapitel ist aus der Perspektive Norahs erzählt, ein kleinerer Anteil aus der Perspektive Sams. Dabei wird auch deutlich, welche psychischen Gründe Jonas dafür hatte, Sam zu mobben, denn Norah erinnert sich, mit welcher Verachtung Jonas‘ Vater seinem Sohn begegnete. So erscheinen die verbalen und gewalttätigen Attacken gegen Sam psychologisch glaubwürdig motiviert, wenngleich mit dieser Darstellungsweise auf ein tradiertes Narrativ rekurriert wird, das dem ‚Täter‘ eine schwere Kindheit zuschreibt.

Die Wendung in der Handlung ist vorhersehbar: Während Sam Norah nach dem Unfall unterstützt, glänzt Jonas mit Abwesenheit. Nach wenigen Wochen macht Norah offiziell mit Jonas Schluss und geht eine Liebesbeziehung mit Sam ein, was dazu führt, dass sie selbst zum Mobbingopfer wird. Ihre ganze alte Clique, die in den Unfall verwickelt war, stellt sich plötzlich gegen sie, bis in der Protagonistin schließlich der Mut wächst, Eltern, Lehrer und Lehrerinnen einzuschalten. So zeichnet sich am Ende eine Wendung ab – und Norah erinnert sich wieder an ihre Gefühle.

Der Roman ist eindringlich geschrieben und liest sich sehr leicht, wodurch er trotz der ernsten Thematik doch mehr als "Lesefutter" zu verbuchen ist denn als ästhetisch komplexe Jugendliteratur. Die Handlung ist wohl konzipiert, setzt auf Spannung und Identifikation mit den Figuren. Das rosafarbene Cover, das ein feenartiges, zartes Mädchengesicht zeigt, das leicht verschwimmt, verleiht dem Buch leider einen arg trivialen Anstrich, der ihm textuell so stark nicht eingeschrieben ist. Dasselbe gilt für den phrasenhaften Titel Wenn ich die Augen schließe, der an einen Groschenroman erinnert und der auch inhaltlich kaum zu der erzählten Geschichte passt. Schließlich geht es vordergründig um Mobbing und das eigene Verhalten dazu, welches durch innere Monologe der Protagonistin und in den Figurendialogen reflektiert wird. Vor diesem Hintergrund irritieren auch die paratextuell eingefügten Illustrationen von Schmetterlingen, die die Kapitel aus Norahs Sicht zieren, und jene von Zweigen, die die Perspektive Sams einleiten. Diese überflüssigen Beigaben rücken den Roman ganz unnötig in die Nähe von Trivialliteratur, wenngleich sich die Schmetterlinge auch als Symbol für Norahs Transformation deuten lassen.

Fazit

Kann man gut lesen, muss man aber nicht. Ada Reed versteht es, einen Blick ins Innere ihrer Figuren zu werfen und aus deren Sicht eine gleichsam spannende, unterhaltsame wie thematisch brisante Handlung zu konstruieren, die sich in einem Rutsch weglesen lässt. Das positive Ende macht Hoffnung, wirft aber auch Fragen nach den eigenen Verhaltensmustern im Kontext von Mobbing und Gruppenzwang auf. Für Leserinnen und Leser ab 16 Jahren mit kleinen Einschränkungen empfehlenswert.

Erstveröffentlichung: 08.04.2021


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