von Kirsten Kumschlies

Sasha hat einen großen Traum: Sie will Comedy Queen werden, Witze erzählen, lustig sein und ihr Umfeld zum Lachen bringen. Dass dieser Wunsch aus einem tragischen Familienhintergrund entspringt, möchte sie am liebsten verschweigen. Der schwedischen Autorin Jenny Jägerfeld gelingt es in ihrem Kinderroman, von Trauer und Tod zu erzählen und dennoch einen komischen Unterton anzuschlagen. Eine ungewöhnliche Mischung, die den Roman äußerst lesenswert macht.

Jägerfeld, Jenny: Comedy Queen.

Aus dem Schwedischen von Birgitte Kicherer
Verlag Urachhaus, Stuttgart, 2021.
246 Seiten. 17,00 €
ISBN 978-3-8251-5189-8
Empfohlen ab 12 Jahren.

Inhalt

Sashas 12. Geburtstag steht kurz bevor. Eigentlich ein Grund zur Freude, doch vor wenigen Wochen hat sich ihre an Depression erkrankte  Mutter das Leben genommen. Für Sasha ist indes  eines ganz klar: Sie will nicht werden wie ihre Mutter. Da diese immer nur geweint hat, möchte sie das Gegenteil. Das heißt konkret: Lachen und andere Leute zum Lachen bringen. So setzt sie sich ein Ziel, das alles bestimmt. Sie will Comedy Queen werden. Und nicht nur das, sie erstellt eine Liste mit Sachen, die sie ihres Erachtens tun muss, um zu überleben und nicht so zu werden wie ihre Mutter:

1. Haare abschneiden

2. Versuch gar nicht erst, dich um etwas Lebendiges zu kümmern (um dieses Lebewesen nicht so zu vernachlässigen, wie es bei Sasha und ihrer Mutter der Fall war)

3. Keine Bücher lesen (denn ihre Mutter las viele!)

4. Immer nur bunte Outfits anziehen (kein Schwarz!)

5. Nicht zu viel denken (am besten überhaupt nicht)

6. Nicht mehr spazieren gehen. Den Wald meiden (denn die Mutter ging stundenlang im Wald spazieren)

7. Comedy Queen werden!

Was zunächst lustig und humoristisch anmutet, wächst sich bald zum belastenden Drama für Sasha und ihren Vater aus. Denn das Mädchen klammert sich verbissen an die in der Liste formulierten Imperative, verweigert zum Beispiel die Lektüre jeglicher Bücher auch in der Schule und nimmt den Welpen, den ihr Vater ihr zum Geburtstag schenken möchte, nicht an. Dabei hatte Sasha sich zuvor nichts sehnlicher gewünscht als einen Hund. Der Vater drängt sie zu einer Therapie, aber Sasha sperrt und verweigert sich, verschanzt sich hinter der Prämisse, ganz normal und fröhlich sein zu wollen.

Es vergeht etwas Zeit, bis sie sich schließlich öffnen und die Trauer zulassen kann. Schließlich bricht diese doch auf, und sie erzählt ihrer Therapeutin von der Liste. So kommen die Tränen, mit ihnen aber auch die innere Befreiung. Am Ende zieht ein zuckersüßer Hundewelpe namens Toffee bei Sasha und ihrem Vater ein – und mit ihm der Mut, nach dem Selbstmord der Mutter weiterleben zu können.

Kritik

Dass die schwedische Autorin Jenny Jägerfeld neben dem Schreiben eine psychologische Praxis in Stockholm leitet, ist dem Text deutlich anzumerken. Denn der psychologische Kinderroman Comedy Queen erzählt mit besonderer Feinfühligkeit und großer Empathie für seine traumatisierte Protagonistin. Seine große Stärke ist, dass er die Themen Trauer, Tod und Depression zwar ernstnimmt, aber nicht mit bitterem Ernst verhandelt, sondern die Handlung durchaus komische Züge trägt. Ebendas geht mit dem Anliegen der Ich-Erzählerin absolut konform: Sie will unbedingt besonders lustig und witzig sein, was sich in der Erzählhaltung deutlich widerspiegelt. Sasha trägt die Handlung und ihre damit verbundenen Gedanken und Gefühle mit einem so lustigen, teilweise der konzeptionellen Mündlichkeit entlehnten Unterton vor, der einer Tragikomik Vorschub leistet, die als Besonderheit zu deklarieren ist. Denn das Lachen bleibt den Lesenden nicht im Halse stecken, sondern wirkt eher wie befreiende kinderliterarische Komik, gerade, wenn Figuren auf folgende Weise eingeführt werden:

"Ich gehe durch den Aspudden-Park nach Hause. Sonst gehen Märta und ich immer zusammen, aber dienstags hat sie Banjo-Unterricht, believe it or not. Von allen Instrumenten im ganzen Universum wählt sie BANJO. Aber was weiß ich schon darüber? Einmal hat sie gesagt, sie liebt ihr Banjo mehr als ihren kleinen Bruder. Das glaube ich allerdings nicht so ganz. Das war nach dem BANJOTRAUMA, wie sie es nennt, als ihr Bruder das ganze Banjo mit Erdnussbutter vollgeschmiert hat. Ich könnte mir vorstellen, dass sie das ein bisschen beeinflusst hat. Seither nennt sie ihn nur noch den Banjoschänder." (S. 19)

 Dieser hier aufgebaute Wortwitz wird konsequent durchgehalten: Märtas kleiner Bruder heißt durchgehend nur "Banjoschänder". 

Die Leserinnen und Leser begleiten die Protagonistin durch einen schmerzhaften Trauerprozess, bei dem sich Lachen und Weinen die Hand geben. Den ersten großen Zusammenbruch hat Sasha nach ihrem ersten lang ersehnten Auftritt als Comedy Queen. Langsam begreift sie, dass sie die Trauer nicht verdrängen kann, diese aber auch mit Frohsinn und Leichtigkeit gepaart werden kann. Darauf und dass all dies eine lange Zeit braucht, macht dieser Roman, der mit sich mit seiner Adressierung an etwa 12jährige Leserinnen und Leser an der Grenze zwischen Kinder- und Jugendliteratur bewegt und als sog. Übergangsliteratur bezeichnet werden kann, nachdrücklich aufmerksam. Die Intention ihres Schreibens unterstreicht die Autorin in einem kurzen Nachwort, in dem sie erklärt:

"Einer der Gründe, warum ich dieses Buch geschrieben habe, war, dass ich es ein wenig leichter machen wollte, über Selbstmord und psychische Krankheit zu reden. Dass wir das tun, ist nämlich von lebenswichtiger Bedeutung." (S. 245)

Zentral an der Botschaft des Textes ist, dass Sasha schlussendlich begreifen kann, dass ihre Mutter krank war. Sie erinnert sich an schöne und schlechte Zeiten, kann sich unter vielen Tränen von den Imperativen der Liste lösen und mit dem Einzug des Hundewelpen Toffee wieder echte Freude in ihr Leben lassen. So wandelt sich der ungesunde Wunsch nach Fröhlichkeit, in wahrhaftige, gelebte Fröhlichkeit, was nichts daran ändert, dass Sasha immer noch eins will: Comedy Queen werden! Aber das geht in einem ehrlichen Prozess, der auch Trauer, Wut und andere negative Gefühle nicht leugnet, sicherlich viel besser. 

Fazit

Jenny Jägerfelds Roman Comedy Queen liest sich trotz der Thematik des Suizids eines Elternteils leicht, locker und wegen der humoristischen Erzählweise der Ich-Erzählerin zuweilen sogar komisch. So gelingt es der Autorin, von Depressionen zu erzählen, ganz ohne eine depressiven Unterton. Sie schafft Empathie mit der Protagonistin, trivialisiert nicht, nimmt das Thema und ihre Figuren ernst und macht doch Hoffnung. Vor diesem Hintergrund ist der Text uneingeschränkt empfehlenswert für Kinder und Jugendliche ab 12 Jahren.

Erstveröffentlichung: 05.05.2021


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