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von Philipp Schmerheim

1923, in seiner Berliner Zeit, lernte Franz Kafka ein kleines Mädchen kennen, das seine Puppe im Park verloren hatte. Um sie zu trösten, schrieb er eine Reihe von Briefen, in denen die Puppe ihrer Puppenmama von ihren Abenteuern auf der ganzen Welt berichtet. Erhalten sind diese Briefe nicht, wir kennen sie nur aus den Tagebucheintragungen von Kafkas letzter Lebensgefährtin Dora Dymant. Juliane Sophie Kayser verarbeitet diese Lebensanekdote zu einer kleinen Geschichte. Die Illustrationen dazu stammen von Graham Rust.

Kayser, Juliane Sophie (Autorin)/Rust, Graham (Ill.): Franz und die Puppe auf Reisen.
Tomorrow’s Classics, Heidelberg, 2020.
64 Seiten. 13,00 €
ISBN 978-3982212302.
Empfohlen ab 5 Jahren.

Inhalt

Im Steglitzer Park in Berlin trifft der Schriftsteller Franz Kafka das etwa sechsjährige Mädchen Lilli, das gerade seine Puppe Pauline verloren hat. Um sie zu trösten, behauptet Kafka, einen Brief von Pauline bekommen zu haben. Drei Wochen lang treffen Lilli und Franz sich nun jeden Nachmittag auf einer Parkbank, wo der Prager Schriftsteller ihr aus den Briefen von den neuesten Puppenabenteuern erzählt, die er selber zuvor in der heimischen Stube per Hand geschrieben hat (s. Abb. 1): Pauline verirrt sich auf einem Trödelmarkt, wo ein liebes Mädchen sie vor gierigen Puppenhändlern rettet, sie landet in einem Zug nach Hamburg, fährt mit dem Schiff nach Amerika, erleidet unterwegs Schiffbruch und gelangt schließlich ins paradiesische Land der Puppen, wo sie den feschen Matrosen Paul kennenlernt. Nun schon fast eine junge Dame geworden, heiratet Pauline ihr Herzblatt und will mit ihm eine Familie gründen.

Dies ist der letzte Brief, den Kafka seiner kleinen Freundin mitbringt, die unterdessen selbst eine neue Lebensphase betritt: Sie wird eingeschult. Und daheim im Kinderzimmer vermisst sie zwar Pauline immer noch, aber hat wenigstens noch ihren Teddybären, dem sie Einschlaflieder vorsingen kann.

Abb. 1: Franz Kafka schreibt die Puppenbriefe in einer Illustration von Graham Rust. (In: Juliane Sophie Kayser: Franz und die Puppe auf Reisen. Tomorrow's Classics, Heidelberg 2020)

Abb. 1: Franz Kafka schreibt die Puppenbriefe in einer Illustration von Graham Rust. (In: Juliane Sophie Kayser: Franz und die Puppe auf Reisen. Tomorrow's Classics, Heidelberg 2020)

Kritik

Kafkas Freundschaft mit dem kleinen Mädchen, das seine Puppe verloren hat, fällt in das letzte Lebensjahr des Prager Schriftstellers, der 1924 an den Folgen seiner Tuberkulose-Erkrankung starb. Die Puppenbriefe haben sich nicht erhalten, dass es sie gegeben haben muss, wissen wir lediglich aus den Tagebucheinträgen von Kafkas damaliger Partnerin Dora Dymant (Diamant 2005). Gerade dieser Umstand hat wohl dazu geführt, dass sich bereits verschiedene Autorinnen und Autoren zu eigenen literarischen Versionen dieser Begebenheit haben inspirieren lassen. Der bisher wohl umfangreichste Versuch ist der über 200 Seiten umfassende Roman Kafkas Puppe, in dem der Kafka-Experte Gerd Schneider nicht nur die Lebensanekdote literarisch verarbeitet, sondern auch Versatzstücke aus Kafkas Leben und Werken nutzt.

Literarhistorisch interessant ist, dass sowohl Kafkas Puppenbriefe als auch die aus dieser Lebensbegebenheit resultierenden Fiktionalisierungen auf die Tradition der Puppengeschichte verweisen, hierbei insbesondere auf Antonie von Cosmars erstmals 1835 erschienenen Briefroman Abenteuer der Puppe Wunderhold. In diesem schreibt die Titelheldin Briefe an ihre Puppenmama über ihre zahlreichen Erlebnisse mit und bei verschiedenen Menschenfamilien.[1]

Während Schneiders Roman sich an ein erwachsenes, mit Kafkas Leben und Werk vertrautes Lesepublikum richtet, adressiert Kayser Kinder im Grundschulalter.[2] Die dialoglastigen zehn Kapitel sind sprachlich auf Leseverständnis hin optimiert; dazu passend erfährt die junge Protagonistin im Rahmen von Vorlesesituationen von den Abenteuern ihrer Puppe, denn es ist ja Kafka, der Lilli die Briefe vorliest. Abgesehen vom einleitenden ersten Kapitel steigt jedes Kapitel mit dem gleichen Satztyp nach dem Muster "Es war Montagnachmittag, vier Uhr" ein. Damit wird die Vorlesesituation nicht nur zeitlich verortet, sondern auch als Ritual zwischen den beiden Titelfiguren eingeordnet. Der Wiederbegegnung folgt die Vorlesesituation, darauf eine – meistens kurze und eher spontane – Reflexion Lillis zum Vorgelesenen. So sagt sie am Ende des sechsten Kapitels:

"Auf alle Fälle bin ich heilfroh, dass Pauline nicht ertrunken ist!", sagt Lilli und schluckte.
"Ich hätte doch besser auf sie aufpassen sollen."
"Ja, aber dann würde Pauline ja diese ganzen Abenteuer gar nicht erleben", wandte Franz ein.
"Und mir keine Briefe schreiben können", ergänzte Lilli und war wieder froh. (S. 33)

Ähnlich wie Schneider arbeitet Kayser Verweise auf andere Texte Kafkas ein, vor allem Zitate aus seinen Tagebucheinträgen. Diese sind im Anhang nachgewiesen. Der Anhang enthält auch eine persönliche Reflexion Kaysers über den Entstehungsprozess des Bands sowie pädagogische Lektürehinweise für Eltern, die u.a. einen erzieherisch reflektierten Umgang mit der grundlegenden Handlungskonstellation, anmahnen, denn letztlich trifft sich in Franz und die Puppe auf Reisen ein kleines Mädchen wochenlang immer wieder mit einem wildfremden Mann im Park.

Etwas anachronistisch wirkt der erzählerische Kern der innerfiktionalen Puppengeschichten: Diese vermittelt letztlich eine Familienmoral, die Backfischromanen eingeschrieben ist: Die Entwicklungsgeschichte der Puppe Pauline ähnelt derjenigen etwa vom Trotzkopf Emmy von Rhodens: Ein unternehmungslustiges Mädchen darf für einige Zeit (bevor sie geschlechtsreif wird) wilde Abenteuer erleben, bevor sie in den Hafen der Ehe (ge)steuert (wird). Bei Kaysers Kafka finden wir immerhin keine arrangierte Heirat vor, stattdessen trifft Pauline einen feschen Matrosen, mit dem sie im paradiesischen Land der Puppen leben kann, in dem es jeden Tag Marzipankartoffeln und rosarote Eisenbahnen aus Zuckerguss gibt. Und da sie mit ihrem Angetrauten "eine Familie gründen" (48) möchte, werden "wir uns wohl nicht wiedersehen können. [//] Hoffentlich werde ich später einmal genauso eine liebe Puppenmutter wie du." (ebd.)

Das ist aber ein Stück weit gewollt: Franz und die Puppe auf Reisen verweist auch in seinem altmodischen Charme auf die Tradition der Puppengeschichte des 19. Jahrhunderts. Dazu tragen auch die Illustrationen von Graham Rust bei. Die warmen Farbtöne der mit Deckfarben erstellten naturalistischen Zeichnungen erinnern an Illustrationen in Kinderbüchern des 19. Jahrhunderts; zugleich aber stellt Rust alle Figuren – und somit auch Lilli und Franz – als puppenähnlich wirkende Wesen dar.

Fazit

Für Liebhaber von Puppengeschichten und Franz Kafka ist Franz und die Puppe auf Reisen ohnehin ein Muss. Auch für andere (Vor-)Lesende ab sechs Jahren lohnt sich ein Blick in das Buch – sei es wegen der liebevollen Illustrationen, sei es wegen der trotz der genannten Kritik charmant erzählten Puppenabenteuer.

 

Literaturverzeichnis

Barth, Susanne: Puppenschicksale. Zur Entstehung und Entwicklung der Puppengeschichte in der Mädchenliteratur um die Mitte des 19. Jahrhundert In: Geschichte der Mädchenlektüre. Mädchenliteratur und die gesellschaftliche Situation der Frauen. Hrsg. von Dagmar Grenz und Gisela Wilkending Weinheim: Juventa, 1997. S. 91-114.

Diamant, Dora: Mein Leben mit Franz Kafka. In: Als Kafka mir entgegenkam. Hrsg. von Hans-Gerd Koch. Berlin: Wagenbach, 2005.

Sollen wir Menschsein spielen? Eine kommentierte Anthologie deutschsprachiger Puppentexte. Hrsg. von Insa Fooken und Jana Mikota. Siegen Universitätsverlag, 2016.

Schmideler, Sebastian: Bücherschicksale der ‚Puppe Wunderhold’. Die Erfolgsgeschichte eines Mädchenbuchs des 19. Jahrhunderts. In: Puppen. Menschenbegleiter in Kinderwelten und imaginären Räumen. Hrsg. von Insa Fooken und Jana Mikota. Göttingen [u.a.]: Vandenhoeck & Ruprecht, 2018. S. 93-109.

Schneider Gerd: Kafkas Puppe. Würzburg: Arena Verlag, 2008.

Dall’Armi, Julia von: "Traumreisen, die Wirklichkeit werden" – Zur Erzähl- und Handlungsfunktion der titelgebenden Figur in Gerd Schneiders Jugendroman "Kafkas Puppe". In: denkste: puppe. Multidisziplinäre Online-Zeitschrift für Mensch-Puppen Diskurse (2018) H. 1. S. 38-44.

Fußnoten

[1] Zu Cosmar siehe ausführlich Schmideler 2018, zur Puppengeschichte im 19. Jahrhundert s. Barth 1997. Zur Puppengeschichte allgemein s. Fooken/Mikota 2016.

[2] Die Ausrichtung auf eine Lesendenschaft im Erstlesealter zeigt sich auch an den Beilagen. Dem Buch liegen zwei Urkunden bei, die man Kindern zur Einschulung zur ersten erfolgreich gemeisterten Lese-Etappe schenken kann.

 

Ersteveröffentlichung am 01.06.2021