von Kirsten Kumschlies

Jugendliche aus allen Erdteilen der Welt, die unterschiedlicher nicht sein könnten, finden über ein virtuelles Spiel zueinander und decken Menschenrechtsverletzungen namhafter Konzerne auf. Dirk Reinhardt legt mit Perfect Storm einen brisanten Politthriller vor, der es in vielerlei Hinsicht in sich hat. Er sensibilisiert für globale Probleme, legt Chancen und Gefahren der vernetzten Welt offen und bietet zudem ein intermediales, postmodernes Montagespiel der Erzählweisen an, das in der Jugendliteratur außergewöhnlich ist.

Reinhardt, Dirk: Perfect Storm.
Verlag Gerstenberg, Hildesheim, 2021.
410 Seiten. 18,00 €
ISBN 978-3-8369-6099-1
Empfohlen ab 14 Jahren.

 

Inhalt

Auf den ersten Blick haben die Jugendlichen Dylan, Luisa, Felix, Boubacar, Kyoko und Matthew nichts gemeinsam, und sie stammen aus sämtlichen Regionen der Welt: USA, Kongo, Australien, Deutschland, Kolumbien und Japan. Doch sie eint, dass sie alle in einer digitalisierten, globalisierten Welt aufgewachsen sind bzw. immer noch aufwachsen. Die Jugendlichen lernen sich bei einem Computerspiel kennen, in dem sie gemeinsam die Quest der "Langloria Freedom Fighters" bestreiten. Zunächst kommunizieren sie nur im Rahmen des Spiels und aus ihren Rollenperspektiven heraus, doch nach und nach schleichen sich private Themen in die Chat-Kommunikation, und die Teenager und Teenagerinnen freunden sich an. Eines Tages berichtet Boubacar von dramatischen Menschenrechtsverletzungen im Kongo, von denen auch ihre Familie unmittelbar betroffen ist. Skrupellose US-Konzerne beuten die Minenarbeiterinnen und Minenarbeiter aus und greifen auf brutale Kinderarbeit bei der Gewinnung von Coltan zurück, das unter anderem für den Bau von Mobiltelefonen unerlässlicher Bestandteil ist:

 

"Das Coltan, das sie fördern, ist wertvoll, aber die Schürfer dürfen nur einen kleinen Teil des Erlöses für sich behalten, der größere Teil geht an die Pächter der Minen. Die wiederum zahlen ‚Schutzgelder‘ an die Rebellen, welche die Region beherrschen. Die Rebellen finanzieren damit ihre Waffen und erhalten so den Bürgerkrieg aufrecht, der den Osten des Kongo seit Jahrzehnten erschüttert. Deshalb heißt das so harmlos wirkende Erz hier auch 'Blut-Coltan'." (S. 70)

 

Aufgerüttelt von diesem Bericht aus dem Kongo beschließen die Jugendlichen, etwas zu unternehmen und tun das, was sie besonders gut können: Sie hacken sich in die Netzwerke der kriminellen US-Konzerne ein, um, dem Vorbild von Julien Assange folgend, auf Wikileaks einen Sturm der Enthüllungen zu entfachen. Tatsächlich gelingt das Vorhaben und der Plan geht auf, ‚nebenbei‘ erreicht die Freundschaft der Jugendlichen neue Dimensionen und sie gewinnen im Chat immer mehr Vertrauen zueinander – obwohl sie aus ganz unterschiedlichen Lebenskontexten stammen. So sitzt etwa der in Australien lebende Matthew nach einem Surfunfall im Rollstuhl und Felix aus Berlin hat das Asperger Syndrom. 

Was die jugendlichen Aktivisten und Aktivistinnen lange Zeit nicht ahnen: Ein junger Agent der NSA namens Jacob ist ihnen dicht auf den Fersen, hat ihre Chatprotokolle längst gehackt und ist kurz davor, den jungen Whistleblowern und Whistleblowerinnen das Handwerk zu legen. Ein dramatischer Wettlauf mit der Zeit beginnt, der unter den Freunden und Freundinnen schließlich auch ein Todesopfer fordert und zum Ende hin eine überraschende Wendung nimmt.

 Kritik

Der letzte Satz der Inhaltsangabe macht es schon deutlich: Wir haben es bei Reinhardts Perfect Storm mit einem spannenden Politthriller zu tun, der auf einen dramatischen Handlungsverlauf setzt und durch eine mitreißende Story aufrüttelt, die nach der Lektüre noch lange nachhallt. Aber es handelt sich keineswegs um einen reißerischen Roman, sondern vielmehr um einen hochkomplexen Text, der mit der Montage unterschiedlicher Erzählverfahren arbeitet. Die Handlung entfaltet sich nicht chronologisch, sondern stellt sich als Mosaik unterschiedlicher Protokolle und Dokumente dar, die kunstvoll miteinander verschränkt sind. Ein Großteil der Geschichte präsentiert sich in den Chat-Protokollen der jugendlichen Protagonisten und Protagonistinnen, deren dramatischer Modus eine starke Unmittelbarkeit erzeugt, die sich sehr nah an der Gattung Drama bewegt. Aber es finden sich auch Passagen im narrativen Modus, vornehmlich jene, die von den Ermittlungen aber auch vom Privatleben des NSA-Ermittlers Jacob erzählen. Durch diese komplexe Erzählweise erschließt sich die Handlung nicht unmittelbar und es braucht Zeit, bis man Figuren und Setting erfasst und kognitiv miteinander verschränkt hat. Ebendas macht diesen Jugendroman ziemlich einzigartig – aber auch anspruchsvoll. Dass Dirk Reinhardt in seinen Texten schwierige Themen anfasst und sich nicht davor scheut, von Flucht und Krieg zu erzählen, hat er schon mit den preisgekrönten Romanen Train Kids und Über die Berge und über das Meer eindrücklich belegt. Er schließt hier mit seinem neuen Roman nicht nur an, sondern erweitert sein Spektrum auch erheblich, indem er seinen Leserinnen und Lesern nicht nur bedrückende Themen zumutet, sondern nun auch Erzählverfahren der Montagetechnik, die ein schnelles und einfaches Lesen schier unmöglich machen. Durch die spannende Handlung, die eingebauten Cliffhanger und die Figuren, die als Sympathieträger fungieren und zur Identifikation einladen, schafft er es aber, das Leseinteresse kontinuierlich aufrechtzuerhalten. Reinhardt erzählt ganz nah ‚am Zahn der Zeit‘. Die Handlung spielt im Jahr 2020, die Corona-Krise ist allgegenwärtig, steht aber nicht im Zentrum der Erzählung. Vielmehr macht der Text aufmerksam auf Korruption, Krieg, Flucht, Menschenrechtsverletzung und Klimawandel und lässt sich damit als regelrechter Globalisierungsroman bezeichnen, denn die Globalisierung befördert auf Ebene der Erzählung nicht nur die Welt umspannenden Krisen, sondern ermöglicht auch die weltweite digitale Vernetzung, was sowohl im positiven als auch im negativen Sinne gilt. Die Freundschaft zwischen den jugendlichen Protagonisten und Protagonistinnen wäre schließlich auch ohne globalisierte Digitalisierung nicht möglich. 

Auch die Erzählweise lässt sich als postmodern bezeichnen. Dabei ist besonders interessant, dass durch die im dramatischen Modus vorgeführten Chat-Protokolle virulente digitale Kommunikationsweisen in den sozialen Medien als intermedialer Bezug aufgegriffen werden und glaubhaft dargestellt werden.

Fazit

Reinhardts Roman lässt sich in vielerlei Hinsicht als außergewöhnlich und innovativ bezeichnen und ist demnach uneingeschränkt empfehlenswert für Jugendliche ab 14 Jahren, wenngleich der Text mit seinen Montageverfahren von jugendlichen Leserinnen und Lesern hohe Lese- und literarische Verstehenskompetenzen einfordert. Es gilt nicht nur, einen langen Leseatem zu haben, sondern zunächst auch Brüche in der Handlung, Ana- und Prolepsen auszuhalten. Keine leichte Kost, aber summa summarum: richtig gut!

Erstveröffentlichung: 06.06.21 


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