von Inger Lison

In 24 Stunden 360 km rund um das IJsselmeer und zurück: Die elfjährige Atlanta hofft auf ein Wunder und radelt gegen das noch ungewisse Krebsschicksal ihrer Mutter an. Auf ihrer Tour lernt sie den gleichaltrigen Finley kennen, der sich ihr anschließt. Schnell bemerken sie, dass sich geteiltes Leid leichter ertragen lässt. Mit Haifischzähne ist Anna Woltz ein überaus gelungener und tiefsinniger Roman gelungen, der mit tollen Figuren und Dialogen aufwartet und hoffnungsvoll in die Zukunft blicken lässt.

Woltz, Anna: Haifischzähne.
Verlag Carlsen, Hamburg, 2020.
89 Seiten. 10,00 €
ISBN 978-3-551-55515-1
Empfohlen ab 10 Jahren.

 

Inhalt

In Haifischzähne geht es nicht etwa um einen bereits erlittenen Verlust eines Familienangehörigen oder die sich anschließende Trauerbewältigung, sondern vielmehr um die Todesangst, die die elfjährige Atlanta empfindet, als ihre Mutter an Krebs erkrankt. Nach sieben Monaten Krebstherapie rückt nun der Moment der Wahrheit näher, wenn sich herausstellt, ob diese auch angeschlagen hat. Um eine Art Selbstgeißelungsopfer zu bringen bzw. mit kindlicher Magie gegen das unvermeidliche Schicksal anzukämpfen, täuscht Atlanta ihren Eltern eine Übernachtung bei ihrer Freundin Noor vor und setzt sich wildentschlossen auf ihr Fahrrad: Eine Strecke von 360 km gilt es innerhalb eines Tages und einer Nacht zurückzulegen. Wenn sie diese Herausforderung meistert, dann kann nach Atlantas Auffassung die Diagnose nur gut ausgehen. Mit im Gepäck: ein warmer Pulli, eine Regenjacke, etliche Wasserflaschen, zwölf Käsebrote, vier Bananen, diverse Müsliriegel, eine Weihnachtsbeleuchtung mit Blinkfunktion, ein Reparaturset für alle Fälle, ein Handy und − eine Zahnspange für die Nacht. So gut ausgestattet braust Atlanta los und fühlt sich seit langer Zeit endlich wieder lebendig:

"Jetzt, da meine Beine wieder strampeln und mir der Wind die Haare zerzaust, kann ich endlich atmen. Sonst wäre es ja genau wie zu Hause. Da hocken Papa und Mama und warten. Was immer sie auch tun, so feste sie auch staubsaugen oder Gemüse schnippeln oder auf die Tastatur einhämmern, eigentlich halten sie nur den Atem an und warten. "(S. 9).

Doch ihre Tour wird abrupt durch einen Zusammenstoß bei Kilometer 4,9 unterbrochen: Da kracht nämlich der ebenfalls elfjährige Finley mit seinem Fahrrad in Atlanta hinein. Der Junge ist auch von zu Hause "ausgerissen", allerdings mit unbestimmtem Ziel. Seine Mutter hatte ihm morgens gegenüber erwähnt, dass sie seine Geburt bereut. Auf seiner überstürzten Flucht ins Nirgendwo hat er noch schnell ihre Glückbringer mitgehen lassen: zwei versteinerte Haifischzähne, die Namensgeber des Romans. Diese benötigt die abergläubische Mutter unbedingt für ihre Fahrprüfung, die am nächsten Tag stattfinden soll. Trotz des rabiaten Starts und einer anfänglichen gegenseitigen Skepsis entscheidet sich Finley, Atlanta auf ihrem Weg zu begleiten. Zusammen lässt es sich leichter gegen den mittlerweile einsetzten Gegenwind anradeln. In dieser Zeit erzählen sich die beiden Kinder ihre Leidensgeschichte und können sich gegenseitig Trost spenden. Allmählich entwickelt sich dabei eine Freundschaft zwischen ihnen. 

Auch wenn Atlanta und Finley ihre vorgenommenen Pläne nicht in Gänze in die Tat umsetzen können, führt dieses gemeinsame Abenteuer zu einer Selbstreflexion und einem inneren Reifeprozess. Atlanta „geigt“ Finleys Mutter nach der Rückkehr die Meinung und erreicht zudem in ihrer eigenen Familie, dass sie zum ersten Mal ihre Mutter für die Diagnose ins Krankenhaus begleiten darf.

Kritik

Obwohl Anna Woltz neuester Kinderroman das Thema Krebs aufgreift, driftet dieser nicht in die Schiene der Betroffenheitsliteratur ab.. Erzählt wird vordergründig vom Reifeprozess zweier Kinder, die mit einer beängstigenden, wenn nicht sogar existenziellen Situation umzugehen versuchen. Der Handlungsaufbau geht mit einigen Stationen von Joseph Campbells Modell der Heldenreise konform. Dass diese Fahrradtour für die Kinder eine kathartische Funktion innehat, fängt die Autorin in gelungenen Dialogen und Innensichten ein. Dabei kommt aber die Komik nicht zu kurz. Die Passage, in der Atlanta in blinkender Weihnachtsbaumbeleuchtung eingehüllt vor Finley steht, lädt anfangs zum Schmunzeln ein, bildet aber auch gleichzeitig einen Kontrast zu der aufkeimenden Verzweiflung des Mädchens, die in einem Tränenmeer endet:

"'Wir müssen einen Platz zum Schlafen finden. Und zwar schnell, weil es fast dunkel ist. Hier sind nirgendwo Straßenlaternen, in einer halben Stunde sehen wir überhaupt nichts mehr.' 'Pah', sage ich, 'als hätte ich nicht daran gedacht! Ich wusste, dass die Fahrradlampen nicht ausreichen würden.' Ich ziehe die Lichterkette aus meiner Fahrradkiste und wickel mir die Lämpchen um den Bauch und meine Schultern, um den Lenker und dann wieder zurück zu mir. 'Batteriebetrieben, guck mal.' Ich knipse den Schalter an und die bunten Lämpchen fangen in Wellen an zu blinken. 'Warte, die können auch normal leuchten.' Ich drehe an dem Knopf und die Lämpchen brennen abwechselnd. 'Nein, das ist es auch nicht, warte …' Und dann habe ich es endlich gefunden und stehe da auf einer schmalen Straße neben einem Deich in Friesland mit roten und grünen und gelben Lämpchen um mich herum. Und Finley schaut mich an, als würde ich weinen, und plötzlich spüre ich Tränen auf meinen Wangen. Nicht ein paar, sondern ganz viele. Von allen Mädchen, die ich kenne, weine ich am wenigsten, und darum sind es sehr, sehr viele. Ich habe sie alle aufgehoben.« (S. 43- 44)

Zudem verwendet Woltz weitere sehr ausdrucksstarke Bilder, wie beispielweise das bleierne Gefühl der Machtlosigkeit, das in diesem Roman mit einer "Glocke aus Glas" (vgl. S. 38-55) veranschaulicht wird:

"Da ist sie wieder, diese Glocke aus Glas. "Kennst du diese Leute, die eine Wespe nicht totschlagen, sondern ganz behutsam ein Glas über sie stülpen? Nun ja, letzten Winter fand ich mich plötzlich unter so einem Glas wieder. Ich konnte noch immer alles sehen und das meiste auch verstehen, aber ich gehörte nicht mehr dazu. Papa und Mama wurden genauso gefangen. Manchmal hocken wir alle zusammen unter demselben Glas. Aber meist sitzt jeder unter seinem." (S. 27)

Finley ist derjenige, der diese unsichtbare Glocke anheben kann, so dass Atlanta wieder atmen kann. 

Des Weiteren greift die Autorin, genauso wie Stefanie Höfler in Der große schwarze Vogel, das Motiv des schwarzen Vogels auf, das in literaturwissenschaftlicher Perspektive u.a. als Symbol des Todes und der Trauer interpretiert werden kann. (vgl. S. 54).

Die sich allmählich entwickelnde Freundschaft zwischen Atlanta und Finley fängt die Autorin in  der Wiedergabe der Gefühlswelt und bezaubernden Dialogen ein:

"Finley ist weg. Es fühlt sich an, als würde mir jemand in den Bauch boxen. Seit Mama krank ist, habe ich hiervor am meisten Angst. Im Stich gelassen zu werden. Allein zurückzubleiben. Gestern Abend tat er, als wollte er bleiben. Er hat sich neben mich gelegt, genauso erschöpft wie ich. Aber dann bin ich eingeschlafen. Und er ist wohl weggelaufen. Meine Hände zittern noch mehr als gestern in dem toten Wald. Ich atme schnell. Und dann schwenkt die Tür der Hütte auf und ein Weihnachtsbaum steht im Eingang. 'Du bist wach!', ruft Finley. Er ist ganz außer Atem und von Kopf bis Fuß in rote, grüne und gelbe Lämpchen gewickelt. 'Mir war so furchtbar kalt, ich wurde hier echt zum Stein.' 'Was hast du gemacht?', frage ich heiser. Er fängt an zu lachen. 'Hundert Runden gerannt. Und jetzt habe ich Hunger!' Während er unser Essen holt, setze ich mich auf meine Hände, damit sie nicht mehr zittern. Er ist noch da. Er hat mich nicht im Stich gelassen." (S. 49-50).

Das Besondere an diesem Roman stellen zudem die einzelnen Kapitelüberschriften dar, die ausschließlich aus Kilometerangaben bestehen. Mit den genauen in der Realität vorkommenden Ortsangaben können die Leserinnen und Leser die Reiseroute von Atlanta und Finley beispielsweise über google maps nachverfolgen. Die einzelnen Kapitel sind wie die einzelnen Etappen von Atlanta und Finley vom Umfang her mit maximal 2-4 Seiten knapp bemessen. Das steigert das Erzähltempo und spiegelt buchstäblich das Fahrtempo der Kinder wider. Darüber hinaus eignen sich diese kurzen Kapitel auch sehr gut zum Vorlesen. Und auch bei noch nicht so gut geübten Leserinnen und Leser können diese kurzen "Leseetappen" zur Lesemotivation beitragen. 

Fazit

Anna Woltz gilt als eine der talentiertesten Autorinnen der Gegenwartsliteratur. Mit Meine seltsame Woche mit Tess (2015), Kükensommer (2015), Gips oder wie ich an einem einzigen Tag die Welt reparierte (2016), Hundert Stunden Nacht (2017), Für immer Alaska (2018), Sonntag, Montag, Sternetag (2020), und Heute kommt Jule (2021) hat die Autorin bereits große Aufmerksamkeit erlangt und ist mit zahlreichen Preisen (u.a. Leipziger Lesekompass, Goldener Griffel, LUCHS des Monats, Leselotse, Katholischer Kinder- und Jugendbuchpreis, Die Silberne Feder, Leipziger Lesekompass) ausgezeichnet worden. Mit Haifischzähne hat die in London geborene und in Den Haag aufgewachsene Autorin eine einfühlsamen und gleichzeitig sehr humorvollen Kinderroman nachgelegt, der mit authentischen und starken Protagonisten und Protagonistinnen und gelungenen Dialogen aufwartet und sehr sensibel das bedrückende Thema Krebs aufgreift. Darüber hinaus vermittelt der Text den Eindruck, dass wahre Freundschaft alles zu überwinden vermag. In dieser Pandemie bedingten unsteten Zeit, erscheint die Road Novel genau richtig. Da diese Hoffnung vermittelt, auch wenn die Situation noch so aussichtlos erscheint. Ein wahrer Lichtblick am Kinderliteraturhimmel. Zurecht wurde Haifischzähne in die Nominierungsliste für den Deutschen Jugendliteraturpreis aufgenommen. Der Roman ist für Kinder ab 10 Jahren sehr zu empfehlen. Ebenso kommen Erwachsene auf ihre Kosten, da ihnen die verzweifelte Situation und Vernachlässigung der betroffenen Kinder behutsam und nachvollziehbar ohne jeglichen pädagogischen Impetus vor Augen geführt wird.

Weitere Nominierungen zum Deutschen Jugendliteraturpreis 2021 finden Sie hier

 Erstveröffentlichung: 25.06.21 


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