von Kirsten Kumschlies

Auf dem alten Schrottplatz stimmt etwas nicht. Zwischen den Autoskeletten und dem vielen Müll entdeckt Amanda unheimliche Schatten. Nach einem Sturz in ein Becken voller ekliger Flüssigkeit wird es noch wunderlicher, denn plötzlich erwachen selbst gebaute Figuren aus Schrott zum Leben. Und was hat es mit dem vielen Müll auf sich, der sich überall in der Stadt türmt? Davon und von noch viel mehr erzählt Ruth Rahlff in einem phantastischen Kinderumweltkrimi der besonderen Art, der nicht nur eine spannende Handlung, liebenswerte Figuren und wunderbar eigenwillige Schauplätze zu bieten hat, sondern auch als grandioser Umweltbuchtipp durchgeht. Auf einen zweiten Band kann man da nur hoffen.

Rahlff, Ruth: Amanda und das Herz aus Schrott.
Verlag Magellan, Bamberg, 2021.
335 Seiten. 16,00 €
ISBN 978-3-7348-4729-5
Empfohlen ab 10 Jahren.

 

Inhalt

Amanda lebt mit ihrer Familie auf einem Schrottplatz, denn kürzlich hat ihr Vater den Recyclinghof der Stadt übernommen, zu dem auch alle Entsorgungsstellen zählen. Für das kreative Mädchen, das mit Begeisterung Schrottfiguren baut, ist das ein wunderbarer Ort, an dem es sich entfalten und austoben kann. Doch in der Schule gibt es gerade Ärger, denn Philip und Rick drangsalieren die gewitzte Protagonistin und beleidigen ihren Lebensort, nennen diesen boshaft "Müllhalde" (S. 9) und betreiben eine regelrechte Hetzjagd. Das Schlimmste daran ist, dass Amandas Freundinnen Kalpana und Nora nicht zu ihr halten. Im Gegenteil: Sie lassen sie im Stich und freunden sich mit den mobbenden Jungen an. Als sie über das Gelände des Schrottplatzes vor Philip flüchtet, fällt Amanda in ein Becken mit einer stinkenden, gelben Flüssigkeit. Danach ist alles anders für Amanda, denn ihre Schrottfiguren erwachen zum Leben und sie kann mit ihnen reden wie mit echten Menschen. Gemeinsam mit ihren magischen Freundinnen und Freunden registriert Amanda von nun an die seltsamen Veränderungen, die auf dem Schrottplatz vor sich gehen. Denn da sind seltsame Geräusche zwischen den Autowracks, und Amanda nimmt dort auch Schatten wahr. Zudem häufen sich in der ganzen Stadt auf einmal riesige Müllberge, die die Erwachsenen offenbar nicht sehen. Eines Tages entsorgt ein alter Mann eine kaputte Schrottfigur auf dem Recyclinghof. Amanda repariert sie, und die Figur erwacht sofort zum Leben, stellt sich als Archie vor und erweist sich als gebildeter Vielleser, der Amanda und den anderen aus Schrott gebauten Tieren von nun an ein treuer Begleiter wird. Mit vereinten Kräften ergründen sie das Geheimnis der ekligen, gelben Flüssigkeit, die nicht nur phantastische Kräfte freisetzt, sondern auch für die Verschmutzung der Stadt sorgt. 

Dass hinter all dem ein böser Plan steckt, wissen die Leserinnen und Leser von Anfang an, denn in die Handlung eingeschoben sind regelmäßig durch Kursivdruck abgehobene Passagen, in denen der unbekannte Bösewicht von seinen Machenschaften erzählt, ohne dass er selbst genau beschrieben würde. So ist er präsent, aber in seinen Konturen nicht fassbar. Klar ist nur, dass hier ein gigantischer Umweltzerstörer am Werk ist, der durch den achtlosen Umgang der Menschen mit ihrem Müll wächst und wächst. Das Rätsel löst sich erst ganz am Ende des Romans auf...

Kritik

Gekonnt vermischen sich in Amanda und das Herz aus Schrott phantastische und realistische Elemente und es entsteht ein Umweltbuch der besonderen Art, das ganz ohne moralisch erhobenen Zeigefinger auskommt. Durch die atmosphärisch gelungene Raumsemantik, die durch den Schauplatz des Schrottplatzes bedingt ist, entfaltet der kinderliterarische Text eine mitreißende und besondere Ausstrahlung. Geschickt sind hier bewährte Motive wie die Freundschaft des einsamen Kindes mit phantastischen Helferfiguren und der Kampf dieser Einheit gegen das Böse mit der Umweltschutzthematik kombiniert. Nicht nur die Ich-Erzählerin Amanda ist eine wahre Sympathiefigur, die zur Identifikation einlädt, die lustigen Schrottfiguren sind es auch. Insbesondere der von seinem Vorbesitzer entsorgte Archie ist mit vielfältigen Charaktereigenschaften ausgestattet, ist öfter mal schlecht gelaunt und hat Heimweh. Zwischendurch kommt es sogar zum Streit zwischen Amanda und Archie, und kurzzeitig entsteht der Verdacht, er könnte mit der bösen, umweltzerstörerischen Kraft, die von der ominösen, gelben Flüssigkeit ausgeht, unter einer Decke stecken. 

Der phantastisch konnotierte Kinderroman enthält Züge einer Kriminalhandlung, aus der sich die Spannung der Geschichte speist, die einem von der ersten Seite an in den Bann zieht. Die Handlung startet in medias res, als Amanda auf der Flucht vor Philip ist, der sie über den ganzen Schrottplatz jagt. So entsteht nicht nur sofort Spannung, sondern es wird gleichsam der atmosphärisch gestimmte Raum sichtbar, der dem kinderliterarischen Text seine besondere Note verpasst. Seine tragende Rolle ist durch Kartenmaterial vom Schrottplatz in der Buchklappe paratextuell unterstrichen. 

Fazit

Ein außergewöhnlicher guter Kinderroman, dem es gelingt, unter Rückgriff auf bewährte Motivkonstellationen eine ganz eigene phantastische Welt zu kreieren und dabei auch noch für ernste Themen wie Mobbing und vor allem Umweltschutz und Mülltrennung zu sensibilisieren. Für Kinder ab 10 Jahren, die spannende Geschichten mögen, auf der ganzen Linie empfehlenswert.

 Erstveröffentlichung: 09.07.2021


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