von Imke Meyerdierks und Dr. phil. Andreas Wicke

Paul Maar (*1937) ist ein deutscher Autor von Kinder- und Jugendbüchern, Theaterstücken sowie Drehbüchern. Bekannt geworden ist er mit Romanen wie Eine Woche voller Samstage (1973), Lippels Traum (1984) oder Herr Bello und das blaue Wunder (2005). Darüber hinaus ist er als Illustrator und Übersetzer tätig. Neben zahllosen Auszeichnungen wurde Maar 1996 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis für sein Gesamtwerk geehrt.

Biographie

Paul Maar wird am 13. Dezember 1937 in Schweinfurt geboren. Weil die Mutter früh stirbt und der Vater erst im Krieg, dann in Gefangenschaft ist, wächst Maar bei seinen Großeltern und der neuen Frau des Vaters in einem kleinen Dorf in Mainfranken auf. Durch den Großvater, der in seiner Gastwirtschaft anschaulich Geschichten erzählt, lernt Maar, wie man Menschen mit Erzählungen unterhalten kann. Von seinem Großvater wird er auch animiert, erste kleine Geschichten aufzuschreiben.

1947 kehrt der Vater aus Kriegsgefangenschaft zurück, die Beziehung der beiden zueinander ist jedoch kompliziert. Die Interessen seines Sohnes hält er für reine Zeitverschwendung und lässt ihn spüren, dass er ihn und seine Fähigkeiten nicht ernst nimmt. Später hat Paul Maar deswegen Der Eisenhans aus den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm als sein Lieblingsmärchen bezeichnet.

Schon früh weiß er, dass er ein künstlerisches Talent besitzt, will allerdings zunächst Maler werden. Nach seinem Abitur studiert er Malerei und Kunstgeschichte an der Kunstakademie in Stuttgart, anschließend ist er sechs Jahre als Kunsterzieher tätig. Er weiß, dass er auch im Bereich der Kunst hätte Karriere machen können, wenn ihm nicht "das Schreiben dazwischengekommen und wichtiger geworden wäre" (Maar 2007, S. 44). Die Zeichnungen zu vielen seiner Werke, etwa den Sams-Romanen, stammen von ihm selbst. Wenn er seine Bücher bei Lesungen signiert, findet man neben der Unterschrift oft auch einen gezeichneten Hund, ein Sams, ein Känguru oder einen Galimat.

Quelle: gemeinfrei

Heute lebt Paul Maar als freier Autor und Illustrator in Bamberg. Neben Romanen schreibt er Kindertheaterstücke, verfasst Drehbücher für Kindersendungen des Fernsehens und übersetzt Kinderbücher aus dem Englischen. Gemeinsam mit seiner Frau Nele Maar hat er beispielsweise Barbara Robinsons Hilfe, die Herdmanns kommen (1974) aus dem Englischen übertragen.

Paul und Nele Maar haben drei inzwischen erwachsene Kinder, darunter die Kinderbuchautorin Anne Maar sowie den Literaturkritiker Michael Maar.

Werk

Im Klappentext zu Der Galimat und ich (2015) wird Paul Maar als "Sams-Erfinder" bezeichnet und in der Tat beginnt mit Eine Woche voller Samstage 1973 eine kinderliterarische Erfolgsgeschichte. Im Zentrum der mittlerweile sieben Romane steht das Sams, ein fantastisches Wesen, das zunächst Herrn Taschenbier von einem ängstlichen und unterdrückten Bürger zu einem selbstbewussteren Individuum erzieht. Günter Lange (2007, S. 66) weist darauf hin, dass das Sams im psychoanalytischen Sinne als das 'Es' Taschenbiers gedeutet werden könne, Stefan Neuhaus (2007) betont den anarchistischen Gehalt der Geschichte, die typisch für die antiautoritäre und emanzipierte Kinderliteratur um 1970 ist. Ab dem vierten Band, Ein Sams für Martin Taschenbier (1996), kommt mit dem Sohn Martin die nächste Generation hinzu, mittlerweile ist auch Martin verheiratet und hat eine Tochter, sodass die Sams-Bücher zu einem Generationenprojekt geworden sind, dessen Erfolg sich auch in den Verkaufszahlen spiegelt: Bis 2015 wurden nach Angabe des Oetinger Verlags rund 4,5 Millionen Sams-Bücher verkauft.

Die Romane werden zunächst ab 1977 von der Augsburger Puppenkiste adaptiert, dann unter der Regie von Ben Verbong mit Christine Urspruch als Sams verfilmt (Drehbuch: Paul Maar und Ulrich Limmer). Darüber hinaus umfasst der Medienverbund auch Hörbuch, Hörspiel und Computerspiel, des Weiteren wurde der Stoff als Musical sowie für das Sprechtheater adaptiert (vgl. Weinkauff 2014 sowie Maar 2007, S. 87-106). Dass Paul Maar an den einzelnen medialen Produkten jeweils selbst beteiligt ist, erläutert er in seiner Poetikvorlesung an der Oldenburger Carl von Ossietzky Universität. Er postuliert dort, dass "Autoren, Illustratoren und Spielgestalter nicht resignierend eine unabwendbare Entwicklung beklagen, sondern aktiv werden, selbst Computerspiele entwickeln und der Flut an sogenannten 'Ballerspielen' witzige und kreative Spiele gegenüberstellen" (Maar 2007, S. 106) sollen.

Außer dem Aspekt der Multimedialität, der charakteristisch für Maars Œuvre ist, nennt Günter Lange (2007, S. 8ff.) als zentrale literarische Prinzipien: Intertextualität, Komik und Sprachspiel sowie Fantastik.

Das Spiel mit intertextuellen Bezügen, mit Anspielungen und Zitaten findet sich durchgängig in Maars Texten, beleuchtet man die Geschichte der Intertextualität in der Kinder- und Jugendliteratur, so kommt Paul Maar dabei eine zentrale Bedeutung zu (vgl. Wicke 2014, S. 6f.). In einer Rede erläutert er, dass "seine literarischen Vorlieben und Vorbilder auf sein Schreiben abfärben. Wie die meisten Schriftsteller bin ich leidenschaftlicher Leser. Die Werke meiner Lieblingsautoren sind mir durch wiederholtes Lesen so vertraut, dass mir ihre Verfasser längst wie alte Freunde erscheinen." Deswegen ist es ihm ein Bedürfnis, "die von ihm verehrten Schriftsteller wenigstens zaghaft zu grüßen, sie zu zitieren, mit Motiven und Figuren aus ihren Werken zu spielen" (Maar 2007, S. 171f.). Bereits in seinem ersten Kinderbuch, Der tätowierte Hund (1968), findet sich in der Geschichte vom bösen Hänsel, der bösen Gretel und der Hexe ein deutlich markierter Hinweis auf das entsprechende Märchen der Brüder Grimm, aber der Titel des Bandes verweist ebenso auf Ray Bradburys Roman Der illustrierte Mann, außerdem folgt Maar in der Konstruktion der Rahmen- und Binnenerzählungen Boccaccios Il Decamerone. Allusionen auf Grimm'sche Märchen finden sich durchgehend in Maars Texten, etwa in der Märchenparodie In einem tiefen dunklen Wald (1999) sowie in Sams im Glück (2011), aber bereits in Eine Woche voller Samstage wird das Sams mit Rumpelstilzchen verglichen (vgl. Wicke 2013, S. 6f.). Mit Verweisen auf die Märchen aus Tausendundeine Nacht sowie nordischen Sagen spielt der Autor in Lippels Traum und der Fortsetzung Lippel, träumst du schon wieder! (2012). Ein besonderes Verhältnis hat Paul Maar zu den Texten E. T. A. Hoffmanns, auf die er in Ein Sams für Martin Taschenbier am intensivsten anspielt, hier wird das Sams explizit in die Tradition von Hoffmanns Das fremde Kind gestellt (vgl. Lange 2000).

Komik erzielt Maar durch skurrile Situationen, durch Wortspiele und subtile Ironie, außerdem durch die extreme Überzeichnung alltäglicher Situationen. Jenny Wozilka (2005, S. 70) zeigt anhand der Sams-Romane, dass bereits die äußerliche Beschreibung des Sams eine komische Wirkung erziele, weil die "Entlehnung der Physiognomien aus verschiedenen Tierbereichen und deren Mischung mit dem Menschlichen" grotesk wirke. Darüber hinaus geht sie auf Beispiele auf der sprachlichen Ebene – die Wortspiele, Neologismen, Verdrehungen, Parodien etc. – sowie auf der Figuren- und Handlungsebene ein, hier steht die Situationskomik im Vordergrund. Weiterhin nennt Wozilka (2005, S. 80ff.) den Perspektivwechsel als "Gestaltungsprinzip […] im kinderliterarischen Werk Paul Maars" und weist darauf hin, dass es "dem Charakter des Komischen" entspreche, "das Gewohnte mit dem fremden Blick" zu betrachten. Das wird deutlich, wenn Maar beispielsweise in der Geschichte vom bösen Hänsel, der bösen Gretel und der Hexe die Sympathielenkung so verändert, dass die scheinbar eindeutige Charakterstruktur der Märchenfiguren in ihr Gegenteil verkehrt wird. Der innovative Umgang mit Perspektivität spiegelt sich aber auch in Maars narratologischen Experimenten, etwa wenn in den Herr Bello-Romanen multiperspektivisch erzählt wird.

Oft sind die Texte auf kleinstem Raum auf eine Pointe hin konstruiert, exemplarisch lässt sich das an Maars Lyrik belegen, Rüdiger Steinlein analysiert ausgewählte Beispiele und zeigt, dass "Wort- bzw. umfassende Sprachspiele […] der Königsweg kinderlyrischer Komik" sind (Steinlein 2009, S. 40). Folgendes Gedicht mit dem Titel Gelogen stammt aus der Anthologie JAguar und NEINguar (2009): "Was du hier liest, / ist kein Gedicht, / ist endlos lang / und reimt sich nicht." Die komische Wirkung des Vierzeilers erschöpft sich allerdings nicht in einem kurzen Lachen, sondern regt darüber hinaus zu einer poetologischen Reflexion über Wesenszüge lyrischer Texte an.

Paul Maars schriftstellerisches Werk umfasst hauptsächlich Kinder- und Jugendromane, die der fantastischen Literatur zuzurechnen sind. Realistische Texte wie die Nachkriegsromane Andere Kinder wohnen auch bei ihren Eltern (1976) und Kartoffelkäferzeiten (1990) sowie der Roman Die Eisenbahn-Oma (1981), der von der Beziehung verschiedener Generationen erzählt, bilden die Ausnahme. Zwar gibt es keine endgültige Bestimmung von Fantastik, Maar (2007, S. 52) selbst jedoch sagt: "Eine Definition der 'fantastischen Erzählung' besteht ja darin, dass in ihr ein fantastisches Element in die reale Welt eintritt, auf sie einwirkt und sie verändert." Damit beschreibt er genau die Variante, die auf viele seiner Texte zutrifft. Geht man von zwei Welten aus, die im fantastischen Text nebeneinander existieren, einer primären oder realistischen und einer sekundären oder fantastischen, so geht es bei Maar meist nicht um das Nebeneinander dieser Welten und entsprechende Umsteigepunkte, wie man sie von Hoffmanns Nussknacker und Mausekönig bis Rowlings Harry Potter in der fantastischen Literatur kennt. Vielmehr thematisiert er – etwa in den Romanen um das Sams, den Geschichten mit Herrn Bello oder zuletzt in Der Galimat und ich – den Eintritt eines fremden Wesens in die reale Welt und beschreibt die Veränderungen, die daraus resultieren, dass man die Welt mit anderen Augen oder aus einer neuen Perspektive betrachtet. "Meine Geschichten sind oft wie ein Fluss, in dem an einer Engstelle plötzlich ein Zweig hängen bleibt", beschreibt Maar sein Fantastik-Modell in einem Interview (Ebbinghaus 2012). "Er braucht einen Schubs, um weiter schwimmen zu können. Den bekommt er oft durch meine phantastischen Figuren." Zwar wird das Auftreten des fantastischen Wesens – anders als im Märchen – als auffällig und unerklärlich wahrgenommen, dennoch trifft zu, was Konrad Heidkamp (2005) in seiner Rezension zu Herr Bello und das blaue Wunder feststellt: "Man findet sich schnell ab bei Paul Maar mit dem Einbruch des Wunderbaren in die Welt der Wirklichkeit, Zauber bedeutet höchstens, dass man ein Fläschchen verwechselt hat."

Eine fantastiktheoretische Sonderstellung nimmt Lippels Traum ein, weil die Titelfigur hier wirklich in zwei Welten existiert, allerdings ist auch die sekundäre Welt insofern realistisch, als es sich dabei um Lippels Träume handelt, und Maar weist darauf hin, dass man "gute Argumente finden" könne, selbst diesen Text "als realistischen Kinderroman einzuordnen", weil er "von den Alltagserlebnissen eines Jungen" erzählt, "der, wie jeder Mensch, nachts träumt und im Traum – wie wir spätestens seit Freud wissen – die Tageserlebnisse verarbeitet" (Maar 2007, S. 52). Günter Lange hält jedoch zu Recht dagegen, dass Lippels Traumwelt "stabil" und "in sich geschlossen" sei und damit "in deutlichem Gegensatz zu seiner realistischen Welt" stehe. "Aus diesem Grunde kann man Lippels Traum", so Lange (2007, S. 6), "mit einiger Berechtigung zur phantastischen Literatur zählen." Rüdiger Steinlein (2008, S. 86) schließlich schlägt den Bogen von E. T. A. Hoffmann zu Paul Maar und rubriziert "Texte[] mit Traumbezug" als "Sonderfälle der Phantastik".

Dass die neuere Kinder- und Jugendliteratur mit Familienformen jenseits traditioneller Vorstellungen experimentiert, ist unbestritten. Hannelore Daubert (2005, S. 698) geht davon aus, dass die "traditionelle Kleinfamilie" in der Kinderliteratur "nur noch als Karikatur, als rigides, spießiges Gegenmodell" fungiere. Beleuchtet man Familienkonstellationen in Maars Texten, kommen klassische Vater-Mutter-Kind-Beziehungen auch hier nur selten vor. Kilian aus Andere Kinder wohnen auch bei ihren Eltern lebt anfangs bei seinen Großeltern und soll plötzlich zu seinen Eltern ziehen, Johanna aus Kartoffelkäferzeiten wächst kriegsbedingt in einer reinen Frauengemeinschaft auf, Max in Herr Bello und das blaue Wunder lebt bei seinem alleinerziehenden Vater, weil die Mutter mit einem Krokodiljäger durchgebrannt ist, und Jim aus Der Galimat und ich wird nach dem Tod seiner Eltern bei Onkel und Tante aufgenommen. Britta Minges unterzieht die Einelternfamilie in Herr Bello und das blaue Wunder einer Analyse und sieht in der liebevollen Vater-Sohn-Beziehung zwischen Max und Sternheim "die Prinzipien der Verhandlungsfamilie mit zwei mehr oder weniger gleichberechtigten Partnern verwirklicht" (Minges 2010, S. 92). Maar spiele dabei mit Klischeevorstellungen, wenn die Mitarbeiterin vom Jugendamt darauf hinweist, dass dem Haushalt eine Frau fehle. Geht der Vater am Schluss wirklich eine neue Beziehung ein, sei dies "keine praktische[,] sondern eine rein emotionale Entscheidung des Vaters" (ebd., S. 97). Bereits in Herrn Taschenbier aus Eine Woche voller Samstage sieht Kai Sina (2013, S. 196) einen "'neuen Mann', der Gewalt als Erziehungsinstrument selbstverständlich ablehnt und sein Vatersein stattdessen mit Gefühl ausgestaltet."

Einerseits wird immer wieder darauf hingewiesen, dass die Auseinandersetzung mit Familienformen im Werk Maars autobiographisch begründet werden könne, vor allem aber dürfte sie aus einem grundsätzlichen psychologischen Interesse resultieren. Maar selbst betont, dass er über seine Frau Nele, die als Psychotherapeutin arbeitet und häufig mit den familiären Konflikten in Scheidungssituationen konfrontiert ist, viel über solche Probleme gelernt habe. Ein Beispiel für die direkte Zusammenarbeit ist, dass Paul Maar Papa wohnt jetzt in der Heinrichstraße (1988), ein Bilderbuch seiner Frau zum Thema Scheidung, vier Jahre nach dem Erscheinen zu einem Theaterstück umgearbeitet hat.

Neben den Erfolgen im epischen und lyrischen Bereich ist Paul Maar nämlich auch ein produktiver und versierter Bühnenautor. Von dem frühen Stück Kikerikiste (UA 1973), über F.A.u.s.T. (UA 1999), ein Stück, das die Kindheit und Jugend des historischen Doktor Faust behandelt (vgl. Payrhuber 2012, S. 153-166 sowie Maar 2007, S. 125-139), bis zu Peer und Gynt (UA 2009) hat er sich immer auch mit dem Medium Theater beschäftigt. Der Bühnenerfolg zeigt sich in den Theaterstatistiken, Maar steht in der Spielzeit 2012/13 auf Platz 15 der Liste der meistgespielten Autoren. Die Aufführungsstatistik des Deutschen Bühnenvereins verzeichnet Maar in dieser Spielzeit in Deutschland, Österreich und der Schweiz mit neun Stücken inkl. Ko-Autorschaften. Über 145.000 Menschen besuchen die insgesamt 480 Vorstellungen; zieht man zwei Monate Sommerpause ab, sehen in der Spielzeit 2012/13 also täglich durchschnittlich fast 500 Menschen Theaterstücke von Paul Maar.

In dem Sachbuch Türme werden die verschiedensten Arten von Türmen portraitiert und mit kleinen Anekdoten versehen; die Mixtur aus Faktualem und Fiktionalem trägt den Untertitel "Ein Sach- und Erzählbuch von berühmten und unbekannten, bemerkenswerten und merkwürdigen Türmen". In Die ZEIT urteilt Birgit Dankert (1987): "Paul Maar hat die Fakten und Photos mit Legenden und Märchen, die Grundrisse und Chronisten mit Anekdoten und Utopien vermischt. Dem Leser werden Rätsel und Denkaufgaben gestellt. Gotische Kirchtürme und Minarette, Pagoden und Stahl-Skelette erhalten auf diese Weise ihre Begründung auch im Denken und Träumen, im Erleben der Menschen ihrer Herkunftskulturen. Nicht zuviel Wissen wird mitgeschleppt."

Besondere Qualitätsmerkmale der Kinderliteratur Paul Maars sind ihre Vielschichtigkeit und Mehrfachcodiertheit. Maar trennt nicht zwischen Literatur für Kinder und solcher für Erwachsene. "Außerdem denke ich beim Schreiben durchaus an den erwachsenen Mit- und Vorleser, stelle ihn mir recht belesen vor und möchte ihn nicht langweilen" (Maar 2007, S. 178), sagt er in einer Preisrede. Ein Beispiel für dieses Phänomen sind sicher die intertextuellen Verweise, etwa auf Werke E. T. A. Hoffmanns, Laurence Sternes oder Goethes. Aber auch sozialgeschichtliche Bezüge, die sich nicht direkt an den kindlichen Leser wenden, sind hier zu nennen: Den Kaufhausbrand, den das Sams in Eine Woche voller Samstage sprachlich inszeniert, ist für Kinder ein ausschließlich komisches Ereignis, das über ein bewusstes sprachliches Missverständnis in Gang gesetzt wird. Für erwachsene Leser – insbesondere der frühen 1970er Jahre – dürften zusätzlich die Bezüge zu den Frankfurter Kaufhausbränden der späteren RAF erkennbar werden, die den anarchistischen Gehalt des Romans unterstreichen (vgl. Wicke 2016). Aber auch die Begeisterung für Gras, die die Opodeldoks in dem gleichnamigen Roman von Paul Maar und Sepp Strubel (1985) zelebrieren, könnte bei Kindern und Erwachsenen ganz unterschiedliche Assoziationen hervorrufen und aus sehr verschiedenen Gründen komisch wirken.

Letztlich verhandelt Paul Maar in seinen Texten in klarer Sprache und kindgerechter Narration gleichwohl große und grundlegende philosophische Fragen. So geht es etwa in Herr Bello und das blaue Wunder um den ungewöhnlich perspektivierten Blick auf Tier und Mensch (vgl. Wicke 2017), in Der Galimat und ich wird die Frage diskutiert, ob Erwachsensein erstrebenswerter ist als Kindheit. In der Geschichte vom Jungen, der keine Geschichten erzählen konnte, die 2004 zunächst in Die ZEIT erscheint, gelingt Maar neben der fantastischen Handlung eine hochkomplexe metafiktionale respektive fiktionalitätstheoretische Reflexion über das Schreiben und Erzählen insgesamt. Gerhard Haas (2011) hat Paul Maar angesichts der immensen Bandbreite seines Schaffens als "Alleskönner" bezeichnet.

Rezeption

Trotz der eminenten Bekannt- und Beliebtheit Maars und obwohl seine Texte im besten Sinne literarisch sind, hat sich die Literaturwissenschaft nur am Rande mit dem Autor und seinem Werk beschäftigt. Mit dem Band Paul Maars Kinder und Jugendbücher in der Grundschule und Sekundarstufe I legt Günter Lange die einzige umfassende Annäherung in monographischer Form vor, allerdings steht hier die didaktische Perspektive im Vordergrund, die insgesamt die Forschungssituation zu Maar dominiert.

Der Erfolg seines kinder- und jugendliterarischen Werks zeigt sich hingegen in Verkaufszahlen, Besucherrekorden und Rezensionen, vor allem aber in der Menge der hochkarätigen Preise und Ehrungen, die ihm von Anfang an zuteilwerden. Bereits seine erste kinderliterarische Publikation, Der tätowierte Hund, wird 1969 für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert, er bekommt ihn schließlich 1988 für das Sachbuch Türme und 1996 für sein Gesamtwerk als Autor. Außerdem erhält Maar, um nur eine kleine Auswahl zu nennen, 1985 den Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreis, 1987 den Großen Preis der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur e. V., 1999 den Friedrich-Rückert-Preis, 2000 den E. T. A. Hoffmann-Preis, 2003 den Deutschen Bücherpreis und 2009 den Wolfram-von-Eschenbach-Kulturpreis. Außerdem ist er Träger des Bundesverdienstkreuzes 1. Klasse (1998) sowie der Bürgermedaille der Stadt Bamberg (2004). Die Poetik-Professur der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg hat er 2004 inne, 2015 ist er Brüder-Grimm-Professor an der Universität Kassel. Rund zwanzig Schulen sind außerdem nach Paul Maar benannt.

"Ob es Paul Maars erstes Buch Der tätowierte Hund oder Lippels Traum ist oder seine unerschöpfliche 'Was wäre, wenn…?'-Fantasie, sein Hang, mit literarischen Formen und Genres zu spielen, ob es seine Jaguar und Neinguar-Gedichte sind oder seine Theaterstücke – es gibt keinen deutschen Autor, der so vielseitig, beidfüßig begabt und erstklassig ist – von seinen Zeichnungen ganz zu schweigen", resümiert Konrad Heidkamp (2007) in einer Laudatio anlässlich des 70. Geburtstags von Paul Maar in Die ZEIT.


Literatur

  • Dankert, Birgit: Türme Türme Türme. In: Die ZEIT vom 6.11.1987.
  • Daubert, Hannelore: Familie als Thema der Kinder- und Jugendliteratur. In: Taschenbuch der Kinder- und Jugendliteratur. Hrsg. von Günter Lange. Bd. 2. 4. Aufl. Baltmannsweiler: Schneider, 2005. S. 684-705.
  • Ebbinghaus, Uwe:  Paul Maar im Gespräch. Woher kommen die Sams-Eier, Herr Maar? In: FAZ vom 9.4.2012.
  • Haas, Gerhard: Der Alleskönner. Der Arbeitskreis für Kinder- und Jugendliteratur nominiert Paul Maar für den Hans Christian Andersen-Preis 2012. In JuLit (2011) 3. S. 67-69.
  • Heidkamp, Konrad: Mönsch Maar! In: Die ZEIT vom 11.5.2005.
  • Heidkamp, Konrad: Hinter dem Sonntag. In: Die ZEIT vom 21.11.2007.
  • Jahnke, Manfred: Wie das Sams überflüssig gemacht wird. Anmerkungen zu Büchern von Paul Maar. In: Fundevogel (1996) 120. S. 37-46.
  • Lange, Günter: Paul Maars Kinder- und Jugendbücher in der Grundschule und Sekundarstufe I. Baltmannsweiler: Schneider, 2007.
  • Lange, Günter: Paul Maar. In: Kinder- und Jugendliteratur. Ein Lexikon. Hrsg. von Kurt Franz, Günter Lange und Franz-Josef Payrhuber. 45. Erg.-Lfg. Meitingen: Corian, 2012. S. 1-58.
  • Lange, Günter: Das Sams und das fremde Kind. In: Volkacher Bote (2000) 71. S. 12-17.
  • Maar, Paul: Vom Lesen und Schreiben. Reden und Aufsätze zur Kinderliteratur. Hamburg: Oetinger, 2007.
  • Minges, Britta: Patchworkfamilien in der Kinder- und Jugendliteratur der Gegenwart. Innsbruck: Studienverlag, 2010.
  • Neuhaus, Stefan: Vom antiautoritären Kindermärchen zum postmodernen Film? Die Verwandlungen des Sams. In: Revista de Filología Alemana (2007) 15. S. 111-125.
  • Payrhuber, Franz-Josef: Jugendtheaterstücke der Gegenwart. Zwölf Unterrichtsmodelle zur Jungen Dramatik für die Sekundarstufe. Baltmannsweiler: Schneider, 2012.
  • Sina, Kai: Paul Maar, Das Sams (1973). In: Unter dem roten Wunderschirm. Lesarten klassischer Kinder- und Jugendliteratur. Hrsg. von Christoph Bräuer und Wolfgang Wangerin. Göttingen: Wallstein Verlag, 2013. S. 181-198.
  • Steinlein, Rüdiger: "eigentlich sind es nur Träume". Der Traum als Motiv und Narrativ in märchenhaft-phantastischer Kinderliteratur von E. T. A. Hoffmann bis Paul Maar. In: Zeitschrift für Germanistik NF 18 (2008) 1. S. 72-86.
  • Steinlein, Rüdiger: Udakak und Lidokork. Komik in neuer Kinderlyrik. In: kjl&m (2009) 2. S. 32-41.
  • Weinkauff, Gina: Das Sams. Betrachtung eines prominenten kinderliterarischen Medienverbundes und seiner Rezeption in der Fachöffentlichkeit. In: Kinder- und Jugendliteratur in Medienkontexten. Adaption – Hybridisierung – Intermedialität – Konvergenz. Hrsg. von Gina Weinkauff, Ute Dettmar, Thomas Möbius und Ingrid Tomkowiak. Frankfurt/Main: Peter Lang, 2014. S. 127-146.
  • Wicke, Andreas: "Scharfsinn und Spieltrieb". Intertextueller Literaturunterricht am Beispiel von Paul Maars Eine Woche voller Samstage. In: Literatur im Unterricht 14 (2013) 1. S. 1-14.
  • Wicke, Andreas: Intertextualität. In: Kinder- und Jugendliteratur. Ein Lexikon. Hrsg. von Kurt Franz, Günter Lange und Franz-Josef Payrhuber. 52. Erg.-Lfg. Meitingen: Corian, 2014. S. 1-24.
  • Wicke, Andreas: Zwischen RAF und Romantik. Paul Maars "Eine Woche voller Samstage". In: Von "Bibi Blocksberg" bis "TKKG". Kinderhörspiele aus gesellschafts- und kulturwissenschaftlicher Perspektive. Hrsg. von Oliver Emde, Lukas Möller und Andreas Wicke. Opladen, Berlin, Toronto: Budrich, 2016. S. 161-174.
  • Wicke, Andreas: "Mönschsein ist gut", sagte Herr Bello. "Aber Hundsein ist auch gut." Mensch-Tier-Perspektiven in Paul Maars Herr Bello-Trilogie. In: Paul Maar. Studien zum kinder- und jugendliterarischen Werk. Hrsg. von Andreas Wicke und Nikola Roßbach. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2017. S. 121-138. 
  • Wozilka, Jenny: Komik und Gefühl in der Kinderliteratur. Baltmannsweiler: Schneider, 2005.

Internet

Umfangreiche Informationen zu Autor und Werk finden sich auf www.paul-maar.de

Auf http://www.dassams.de/presse/downloads/elektronisches-pressekit/ gibt Paul Maar in kurzen Video-Interviews Auskunft über seine Arbeit.

Weitere Beiträge zu Paul Maar auf KinderundJugendmedien.de:

Filmkritiken

Lippels Traum (Lars Büchel, 2009)

Literaturkritiken

Maar, Paul: Herr Bello und das blaue Wunder

Maar, Paul: Eine Woche voller Samstage

Maar, Paul: Das Sams feiert Weihnachten

 

Erstveröffentlichung: 13.10.2015


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