von Roxana Bangert

Die Augsburger Puppenkiste ist das wohl bekannteste Marionettentheater Deutschlands. Angefangen als Hausbühne der Familie Oehmichen, kann die Puppenkiste heute auf über 1200 Fernsehsendungen zurückblicken, die vor allem in der Zusammenarbeit mit dem Hessischen Rundfunk entstanden. Noch immer ist das Theater, zu dem seit 2001 auch Europas erfolgreichstes Puppen-Museum gehört, ein Familienunternehmen.

Gründung und erste Jahre

Die Augsburger Puppenkiste feierte am 26. Februar 1948 im ehemaligen Heilig-Geist-Spital Premiere. Der gestiefelte Kater war das Stück, das eine bis heute andauernde Erfolgsgeschichte einläutete. Die Idee zu einem Puppentheater kam Gründer Walter Oehmichen, selbst ausgebildeter Schauspieler und beschäftigt am Augsburger Stadttheater, während des Zweiten Weltkrieges  (1940), als er mit seiner Truppe in einem französischen Dorf bei Calais stationiert und in einer Schule untergebracht war. In der hinteren Ecke des Klassenraumes stand ein kleines Puppentheater. Die Puppen bastelte Walter Oehmichen kurzerhand selbst und unterhielt damit seine Kameraden. Die Wirkung, die sein Spiel auf die anderen Soldaten hatte, beeindruckte und faszinierte ihn. Damit war die Idee zur Gründung eines eigenen Puppentheaters geboren: "Die Puppen waren nicht zu finden und so baute ich eine aus Pappe und führte sie den Kameraden vor. Die Wirkung war verblüffend. Da fing ich an zu planen, zu überlegen, zu konstruieren ..." (Steinbach 2013, S. 25)

Zurück in der Heimat machte sich Oehmichen ans Werk und zimmerte innerhalb der nächsten zwei Jahre seine erste Puppenbühne, zunächst für den Hausgebrauch: Den Puppenschrein. Dieser wurde am Geburtstag von Tochter Ulla, dem 15. November 1942, vor Freunden und Verwandten eingeweiht. Darsteller waren an diesem Tag neben Walter Oehmichen seine Frau Rose, ebenfalls Schauspielerin an den Augsburger Bühnen, und die beiden Töchter Ulla und Hannelore. Auch öffentliche Auftritte hatten die Oehmichens mit dem Puppenschrein, den ersten am 7. Dezember 1943 im Lazarett "Maria Stern". Die Existenz des Puppenschreins währte jedoch nicht lange: In einer Bombennacht des Zweiten Weltkrieges vom 25. auf den 26. Februar 1944 verbrannte der Schrein im Augsburger Stadttheater, wo er nach der abendlichen Vorstellung zur Aufbewahrung zurückgelassen worden war. Glücklicherweise hatte Walter Oehmichen die meisten der Puppen mit nach Hause genommen.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, zu dem auch Oehmichen zuletzt erneut eingezogen worden war, verlor die Familie das Puppentheater nicht aus den Augen. Da Walter nach seiner Stationierung in Frankreich 1940 der NSDAP hatte beitreten müssen, um weiterhin Mitglied der Augsburger Bühnen bleiben zu dürfen, oblag es nun seiner Frau Rose, in der Zeit der Entnazifizierung durch die Amerikanischen Besatzer die Genehmigung für den Aufbau eines Marionettentheaters einzuholen. Dem Antrag wurde schließlich stattgegeben. Seine Räumlichkeiten fand das Theater im Heilig-Geist-Spital, entstanden im 17. Jahrhundert, welches vom Krieg teilweise verschont geblieben war. Mithilfe des Oberbürgermeisters von Augsburg und des neuen Intendanten des Stadttheaters wurde es zum Bühnenraum umgestaltet, wobei alles verwendet wurde, was man auf der Straße oder in den Trümmern finden konnte und noch brauchbar war. Da Walter Oehmichen die Zerstörung des Puppenschreins und die glückliche Fügung der zufälligen Rettung der meisten Puppen nicht vergessen hatte, kam ihm die Idee für ein Theater, welches in eine Kiste passen und für Gastspielreisen transportfähig sein sollte. (Steinbach 2013, S. 31) So kam die Puppenkiste, die genau vier Jahre nach Zerstörung des Puppenschreins ihre Eröffnung feierte, zu ihrem Namen. Wieder bestand das Ensemble aus Mitgliedern der Familie. Der Zuschauerraum war bis auf den letzten Platz besetzt. Doch auch mit den neu gewonnenen Räumlichkeiten waren die nächsten Jahre für die Oehmichens, wie für alle Augsburger, nach dem Krieg sehr schwer, was unter anderem mit der Währungsreform zusammenhing, welche am 21. Juni 1948 in Kraft trat und mit der die Deutsche Mark die Reichsmark ablöste. Walter Oehmichen schrieb dazu im Oktober 1948: "Die Währungsreform hatte uns nur einen kümmerlichen Rest unseres sauer verdienten Geldes gelassen, aber wir haben uns durchgewurschtelt und mit einigen Schulden die zweite Spielzeit begonnen. Wir können über Besuch nicht klagen, aber durch die stark gesengten Eintrittspreise bleibt halt nicht viel übrig." (Steinbach 2013, S. 43)

Mit dem Ende der zweiten Spielzeit hatte das Theater 255 Vorstellungen hinter sich. Zudem startete die Puppenkiste mit ihren auswärtigen Gastspielreisen durch andere deutsche Städte, die in den folgenden Jahren regelmäßig stattfanden. Den Auftakt dazu bot die Reise nach Frankfurt am Main im Sommer 1949, wo das Ensemble im Ratskeller am Römer auftrat. 1953 wurde das Theater umgebaut und erhielt nun auch eine feste Bestuhlung im Zuschauerraum und für die Bühne Spielbrücken aus Metall. So hatte das jahrelange Knarzen der Holzspielbrücken, auf denen die Marionettenspieler ihre Figuren führen, ein Ende. In den 60er-Jahren übergab Walter Oehmichen das Zepter an seinen Schwiegersohn Hans-Joachim Marschall, Ehemann von Tochter Hannelore, auch wenn er bis zu seinem Tod 1977 noch tatkräftig in der Puppenkiste mitarbeitete. (Steinbach 2013, S. 54) 1969 erhielt Walter Oehmichen das Bundesverdienstkreuz zu seinem 50-jährigen Bühnenjubiläum. (Kratochwil 2012, S. 94)

Die Augsburger Puppenkiste im Fernsehen

Bundesweite Bekanntheit erreichte die Augsburger Puppenkiste durch ihre Fernsehproduktionen, die vor allem in Zusammenarbeit mit dem Hessischen Rundfunk in Frankfurt entstanden. Ihren ersten Fernsehauftritt hatte die Puppenkiste allerdings beim NWDR, welcher an Weihnachten 1952 seinen Sendebetrieb aufnehmen wollte und  auf der Suche nach attraktivem Programm war. Auf der Augsburger Herbstausstellung stieß Hanns Fahrenburg, Leiter des Hamburger Senders, schließlich auf das Marionettentheater der Familie Oehmichen und suchte direkt den Kontakt zu Theaterchef Walter. Bereits ein Jahr später, am 21. Januar 1953, wurde die erste Sendung, Peter und der Wolf, im NWDR ausgestrahlt. 

Auch Fritz Umgelter, Regisseur in Frankfurt, erkannte das Potenzial der Marionetten im Fernsehen und überredete seinen Freund Walter Oehmichen, den er  aus seiner Zeit am Augsburger Stadttheater kannte, künftig mit dem Hessischen Rundfunk zusammenzuarbeiten. In den Jahren 1953/54 entstanden acht Produktionen mit Marionetten beim HR, der dank passender Aufnahmetechniken alle Stücke im Frankfurter Studio live aufzeichnete, ebenso wie der NWDR dies in Hamburg getan hatte. Danach  kam es jedoch zu einer jahrelangen Stilllegung der Zusammenarbeit, da die Verantwortlichen des HR das Kinderprogramm zeitweilig aus ihrem Programm strichen (HR-online: Wie Marionetten zu Fernsehstars wurden). In dieser Zeit war die Puppenkiste im Bayrischen Rundfunk zu sehen, bis man 1958 wieder zum HR wechselte. Mittlerweile war es auch möglich, die Geschichten im Vorfeld aufzuzeichnen, um sie dann geschnitten und bearbeitet auszustrahlen.

Gedreht wurde nun nicht mehr in Frankfurt, sondern während der Sommerpause im Foyer des Theaters in Augsburg. So entstand im Folgenden die erste Serie der Augsburger Puppenkiste, Die Muminfamilie (1959), welche vom Hausautor des Theaters, Manfred Jenning, konzipiert und mit umgesetzt wurde. Jenning war bereits seit der Gründung des Marionettentheaters dabei gewesen und hatte sich in den Folgejahren als Puppenspieler und -sprecher sowie als Hausautor hervorgetan. Bis 1979 schrieb Jenning für die Puppenkiste und den HR insgesamt 3 Spielfilme, 25 Fernsehserien und 518 Sandmännchen-Folgen. (vgl. Steinbach 2013, S. 95)

Die Idee für ein Sandmännchen war geboren, als Helga Mauersberger, die zuständige Redakteurin beim HR, Manfred Jenning 1962 den Auftrag erteilte, 50 Filme von jeweils 3 Minuten Länge zu  schreiben und zu produzieren. (Steinbach 2013, S. 103f.) In den 60er- und 70er-Jahren entstanden bis heute bekannte Serien und Filme wie Jim Knopf (1961/76), Urmel aus dem Eis (1969/74) oder Der kleine König Kalle Wirsch (1970). Als Jenning  1979 starb, übernahm Schauspieler und Regisseur Sepp Strubel die Leitung der TV-Adaptionen.

Unter einem anderen Regisseur, Michael F. Huse, schrieb die Puppenkiste am 27. März 1997 erneut Geschichte, als sie mit ihrem ersten (und bisher einzigen) Spielfilm in die Kinos kam: Die Story von Monty Spinneratz hatte in Deutschland rund 1 Million Besucher und wurde obendrein mit dem Bayrischen Filmpreis als bester Kinderfilm ausgezeichnet. Dennoch blieb dieser Abstecher auf die Kinoleinwand unter den Erwartungen. Zudem hatte die Produktion statt der veranschlagten 7 Millionen ganze 16 Millionen D-Mark verschlungen, was dazu führte, dass die Produktionsfirma des Films ihren Geschäftsbetrieb einstellen musste. (Steinbach 2013, S. 163)

Die Augsburger Puppenkiste heute

Seit 1992 leitet Klaus Marschall in dritter Generation die Augsburger Puppenkiste, sein Bruder Jürgen ist Mitbesitzer des Theaters und heute zuständig für den Puppenbau. Unter Leitung der beiden Brüder entstand nicht nur der oben erwähnte Kinofilm, sondern auch eine ganze Reihe weiterer TV-Serien. So strahlte der HR in den Jahren 2000 und 2001 13 Folgen der Serie Lilalu im Schepperland aus, welche aus der Feder des neuen Hausautors Peter Scherbaum stammt. Außerdem realisierte man mit dem Wissenskanal BR-Alpha 2005/06 das Projekt Ralphi, in dem ein "Schlaubär" Erkundungstouren in Museen und anderen sehenswerten Orten für Kinder unternimmt. Seit ihrer Tournee zum 50-jährigen Bestehen 1998 ist die Puppenkiste zudem verstärkt außerhalb von Augsburg zu sehen, so touren die Marionettenspieler z.B. mit Mutmach- und Lehrstücken durch deutsche Kinderkliniken und Kindergärten. Außerdem bereisten die Puppenspieler in den letzten Jahren Europa und Länder wie Japan, Arabien und  die USA.

Seit 2001 gehört zur Augsburger Puppenkiste auch das mit über 60.000 Besuchern jährlich erfolgreichste Puppentheater-Museum Europas, die "Kiste". Über 6000 Figuren aus den letzten Jahrzehnten sind hier auf 570 Quadratmetern in direkter Nachbarschaft zur Bühne in der Augsburger Spitalgasse zu bewundern. Die Augsburger Puppenkiste ist Mitglied im "Verband der Städtischen Bühnen Augsburg". 1993 wird die Zusammenarbeit zwischen Stadt und Theater so beschrieben: "Dankenswerterweise stellt die Stadt Augsburg der Puppenkiste ein spielfertiges Haus zur Verfügung, die städtischen Bühnen sorgen für die Ankündigungen auf ihren Plakaten und stellen einen Beleuchtungstechniker mit großer Theatererfahrung zur Verfügung. Was sonst noch zum Bühnenbetrieb gehört, geschieht in Eigenverantwortlichkeit der Puppenkiste." (Kratochwil 2012, S. 91)

Die Puppenkiste blickt auf über 1200 Fernsehsendungen zurück, und auch wenn es in den letzten Jahren keine neuen Produktionen gab, so werden die alten TV-Erfolge doch fast täglich in den verschiedenen Sendeanstalten der ARD wiederholt. In 65 Jahren des Bestehens haben über 4,5 Millionen Menschen die Marionetten in Augsburg live gesehen. (Steinbach 2913, S. 6. Stand 2012) Klaus Marschall inszeniert heute ein Drittel mehr Vorstellungen als sein Vater Hans-Joachim, welcher etwa 350 Vorstellungen im Jahr gab (Freitag 2015). Besonders beliebt ist heute wie damals das Erwachsenenprogramm, das Kabarett mit Marionetten am Abend, dessen Erfinder ebenfalls der langjährige Mitarbeiter der Puppenkiste Manfred Jenning war. Die Platzauslastung liegt bei annähernd 100 Prozent (Freitag 2015). Dennoch schreibt das Theater seit 10 Jahren rote Zahlen (Planet Wissen vom 19.04.2013), obgleich sowohl die Stadt Augsburg als auch der Freistaat Bayern jährlich eine halbe Million Euro in die Puppenkiste investieren. Sein Honorar bemesse sich am Schuldendienst, erklärt Klaus Marschall im Interview mit ZEIT-Online vom 1. Oktober 2015, und der Etat sei "immer auf die Kante genäht". Dennoch bleibt er gelassen. Zu Gast in der Sendung "Planet Wissen" des Westdeutschen Rundfunks am 19.04.2013 erklärt er: "Es geht immer mal rauf, mal runter, gerade was die Finanzen angeht, und das regelt sich schon irgendwie, irgendwann."

Einen Überblick über die Theaterinszenierungen und die Fernsehfilme der Augsburger Puppenkiste finden Sie hier.


Literatur

  • Das große Buch der Augsburger Puppenkiste. Hrsg. von Fred Steinbach. Köln: Bastei Lübbe GmbH & Co. KG, 2013.
  • Kratochwil, Ernst-Frieder: Deutsches Puppen- und Maskentheater seit 1900. Milow: Schibri-Verlag, 2012

Medien

  • Planet Wissen: Jim Knopf, Urmel und Co – Die Geschichte der Augsburger Puppenkiste. Interview mit Klaus Marschall. Ausstrahlung: 19.04.2013.

Internet


Weitere Beiträge zur Augsburger Puppenkiste auf KinderundJugendmedien.de:

Filmkritiken

Erstveröffentlichung: 26.05.2016

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