Der Vers als formales Element der Lyrik beschreibt einen kurzen, klar abgegrenzten Abschnitt, der selbst wiederum durch formale Elemente gegliedert sein kann. Der Vers wird optisch als Zeile, die ein klares Anfang und Ende besitzt, dargestellt.

Explikat 

Schon die optische Präsentation der Verse in Zeilen macht einen der Hauptunterschiede zwischen Vers- und Prosatext aus. Während der Vers deutlich in einzelne Zeilen segmentiert ist, spielt bei Prosatexten die einzelne Zeile eine geringere Bedeutung. Zudem ist die Silbenzahl beim Vers geringer und ihre Abfolge geregelter, woraus sich eine Silbenstruktur ergibt, die zähl- und messbar ist. Anhand dieser lässt sich das Metrum des Verses bestimmen.

Als weiteres den Vers konstituierendes Element lässt sich neben dem Metrum bspw. auch das Reimschema bestimmen. So stellen die beiden folgenden Zeilen aus Josef Guggenmos' Fritz Stachelwald zwei Verse dar, die durch einen Paarreim miteinander verbunden sind: 

"Bei Nacht und Nebel durch den Park 
marschiert der Polizist Hans Stark." 

(Guggenmos 2007a, S. 10)

Begrenzt wird der Vers durch die Versgrenze. Diese setzt sich aus Verseingang und Versende zusammen und sie erhält sowohl optisch – durch ihre Stellung, über Großschreibungen oder Satzzeichen – als auch akustisch besondere Beachtung. Die beiden begrenzenden Elemente lassen sich wiederum in unterschiedliche Inszenierungsmöglichkeiten aufteilen. 

Der Verseingang 

Auftakt 

Der Auftakt bezeichnet die jeweils unbetonten Silben – Senkungen – am Versbeginn.

So beginnt Fritz Stachelwald von Josef Guggenmos mit einer unbetonten Silbe und somit mit einem Auftakt: 

"Bei Nacht und Nebel durch den Park 
marschiert der Polizist Hans Stark." 

(ebd.)

Verse, die mit einer Hebung – einer betonten Silbe – beginnen, sind somit auftaktlos, wie in Josef Guggenmos' Mir ist eine Maus entlaufen

"Hört, was ich tat." 
(Guggenmos 2007b, S. 11)

 

Das Versende 

In Bezug auf das Versende lassen sich zwei unterschiedliche Gestaltungsmöglichkeiten bestimmen, die in Differenz zu einander die zwei Probleme des Versendes adressieren: 

Das Versende wirft zwei Probleme auf. Zum einen muss es als solches markiert werden, damit der Hörer die Abfolge der Verse wahrnimmt. Zum anderen muss es den Übergang zum nächsten Vers vorbereiten. (Gelfert 1998, S. 52)

Als deutliches und vor allen deutlich hörbares Ende des Verses kann die Kadenz benannt werden. 

Die Kadenz bezeichnet den Versschluss und damit Art und Weise, wie der Vers von der letzten betonten Silbe an gestaltet bzw. gefüllt ist.  

Unterscheiden lassen sich in Bezug auf den Versschluss drei Varianten: 

  • Die männliche oder stumpfe Kadenz ist einsilbig und endet mit einer betonten Silbe, also mit einer Hebung. Beispiel: "Are losing theirs and blaming it on you,/" (Kipling 1943)
  • Die weibliche oder auch klingende Kadenz ist zweisilbig und endet auf einer unbetonten Silbe, also einer Senkung. Beispiel: "If you can keep your head when all about you/"  (ebd.) 
  • Die dritte und dreisilbige Variante ist die reiche oder gleitende Kadenz, die mit zwei unbetonten Silben endet. Sie wird auch "pyrrhichische Kadenz" genannt. Beispiel: "Wir sind die Treibenden." (Rilke 1997, Erster Teil, XXII. Sonett) 

Das Erkennen der unterschiedlichen Versschlüsse stellt nur einen ersten Analyseschritt dar, an den sich die Analyse der Bedeutung der jeweiligen Kadenz bzw. auch die Bedeutung des Wechsels zwischen den unterschiedlichen Kadenzformen anschließt. Eine mögliche Bedeutung, die sich bspw. aus dem permanenten Wechsel zwischen männlicher und weiblicher Kadenz ergibt, ist in der akustisch wahrnehmbaren Inszenierung von These und Antithese zu sehen (vgl. Fry 2010, Pos. 951-955). Eben dieses Wechselspiel findet sich in Rudyard Kiplings If (vgl. ebd. Pos. 955-961), welches als Handlungsempfehlung von Kipling an seinen Sohn verstanden werden kann, sich bis heute großer Beliebtheit erfreut (vgl. ebd. Pos. 955-961) und Rezitationswettwerbe an High Schools und Universitäten initiiert. Das Spiel mit dem Wechsel von weiblicher Endung und männlicher Endung, das sich durch das Gedicht zieht, sieht Fry als ein Spiel aus Frage und Antwort, indem die weibliche Endung eine Frage oder eher ein Problem aufwirft und die männliche Endung dieses beantwortet (vgl. ebd. Pos. 976-978):

If you can keep your head when all about you                    
Are losing theirs and blaming it on you,                 
If you can trust yourself when all men doubt you,                   
But make allowance for their doubting too;              

(Kipling 1943) 

Für Mehrwisser und Prüferbeeindrucker:              

Sowohl im Französischen als auch im Englischen, welches die Bezeichnung aus dem Französischen übernommen hat (vgl. Fry 2010, Pos. 917-918), findet die Unterteilung der Kadenz in männlich und weiblich oder stark und schwach statt. Während sich Stephen Fry in seinen Aussagen zur Kadenz bei seinen Leserinnen entschuldigt (vgl. ebd.), sei selbige Entschuldigung an dieser Stelle bei den Lesern vorgenommen – denn in der Gegenüberstellung von stumpf und klingend scheint hier der männliche Part die weniger schmeichelhafte Beschreibung erhalten zu haben.   

In Bezug auf den hörbaren und deutlich bestimmbaren Versschluss lassen sich zudem zwei weitere Beschreibungselemente festhalten, die jeweils das Versmaß betreffen und entweder sein vollständiges Vorliegen bezeichnen (akatalektisch) oder die Verkürzung eben dieses über die Verkürzung des letzten Versfußes (katalektisch).

In Erich Kästners Parodie Weihnachtslied, chemisch gereinigt wechseln die Versfüße jeweils zwischen akatalektisch und katalektisch: 

Morgen, Kinder, wird's nichts geben!
Nur wer hat, kriegt noch geschenkt.
Mutter schenkte euch das Leben.
Das genügt, wenn man's bedenkt.

(Kästner 1966, S. 35)

Neben dem genannten deutlich hörbaren Versschluss kann am Versende jedoch auch der Übergang von einem Vers in den nächsten betont werden und somit die semantische Nähe der dadurch verbundenen Verszeilen hervorgehoben werden. Als ein solches Mittel wird das Enjambement bezeichnet.

Das Enjambement (der Zeilensprung) beschreibt das "Hinüberspringen" von einer Aussage von einer Verszeile zur nächsten.                    

Das Enjambement stellt eine Abweichung von der Norm dar. So bilden Verszeilen häufig nicht nur optisch oder formal eine Einheit, sondern auch syntaktisch und inhaltlich. Beim Enjambement hingegen endet mit dem Ende der Verszeile die jeweilige syntaktische Einheit nicht, sondern sie wird in die nächste Verszeile hinein getragen. So sind die gereimten Kapiteleinleitungen in Ottokar DommasOttokar, das Früchtchen durch zahlreiche Enjambements geprägt:

Die Ferien im Winter_                          
_gibt es für uns Kinder_                         
_und als erste Frühlingsboten_              
_Schreckschußnoten.

(Domma 1978, S. 138)

Bisweilen wird in diesem Fall der Zeilensprung auch graphisch und morphologisch über Worttrennungen markiert, die zudem dem Reimschema bzw. seiner Bewahrung geschuldet sind. 

Mein Vater wird mächtig spendabel_                      
und schenkt der Mutti einen fabel-_                
_haften Blumenstrauß und Pralinen.                       
Die Oma kriegt Scheibengardinen.

(ebd. S. 147)

Gerade durch das Fehlen des Enjambements im Übergang von der vorletzten zur letzten Zeile erhält diese dabei besondere Gewichtung in ihrer Funktion als Abschluss. 


Bibliografie

Primärliteratur

  • Domma, Ottokar: Ottokar das Früchtchen. Berlin: Eulenspiegel Verlag, 1978.
  • Guggenmos, Josef: Fritz Stachelwald. In: Ders.: Was denkt die Maus am Donnerstag. München: DTV, 2007a. S. 10. 
  • Guggenmos, Josef: Mir ist eine Maus entlaufen. In: Ders.: Was denkt die Maus am Donnerstag. München: DTV, 2007b. S. 11. 
  •  Kästner, Erich: Kästner für Erwachsene. Frankfurt am Main: S. Fischer, 1966. S. 35.
  • Kipling, Rudyard: If. 1943. https://www.poetryfoundation.org/poems-and-poets/poems/detail/46473 (02.11.2016).
  • Rilke, Rainer Maria: Duineser Elegien. Sonette an Orpheus. Nach den Erstdrucken von 1923 kritisch hrsg. v. Wolfram Groddeck. Stuttgart: Reclam, 1997.

Sekundärliteratur 

  • Gelfert, Hans-Dieter: Einführung in die Verslehre. Stuttgart: Reclam, 1998. 
  • Fry, Stephen: The Ode Less Travelled: Unlocking the Poet Within. Calgary: Cornerstone Digital, 2010.

Erstveröffentlichung: 14.12.2016 

 


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