von Mirijam Steinhauser

An einem Tag, der so schmerzhaft ist wie Nägel, die vom Himmel fallen, nimmt Anna ihren Papa mit auf eine fantastische Reise voller Erinnerungen. Nach seiner Garman-Trilogie legt Stian Hole mit Annas Himmel ein neues Bilderbuchkunstwerk mit himmlisch schönen Bildern vor, das vom Verlust einer Mutter und Partnerin handelt.

Hole, Stian: Annas Himmel.
Hanser, München, 2014.
48 S., 14,90 €
ISBN 978-3-446-24532-7

Inhalt

Anna, ein Mädchen mit leuchtend roten Haaren und einem orangefarbenen Punktekleid, ein Kind, das kopfüber an Schaukelringen hängt und ausgesprochen fröhlich wirkt, spielt die Hauptrolle in dieser traurigen Geschichte. Gemeinsam mit ihrem Vater, der mit schwarzem Anzug und Glatze klein und schutzlos wirkt, muss sie den Verlust ihrer Mutter verarbeiten. Die Worte "Tod" und "Beerdigung" fallen indes an keiner Stelle des Buches. Hinweise wie die Kleidung des Vaters und der Rosenstrauß, den er in den Händen trägt, sowie die Kirche, die im Hintergrund gezeigt und deren Glockenläuten im Text erwähnt wird, lassen vermuten, dass sich die beiden auf die Trauerfeier vorbereiten. Aber Anna ist noch nicht bereit. Sie nimmt ihren trauernden Vater zunächst mit auf eine Gedanken- und Erinnerungsreise. Anna spricht davon, was ihre Mama gesagt und gemacht hat. Sie stellt die Frage nach Gott und springt schließlich mit ihrem Vater in ein Loch, das sie im Himmel gefunden hat. Annas Himmel gleicht einer Unterwasserwelt und einem botanischen Garten. Hier finden sich berühmte Persönlichkeiten ebenso wie Tiere. Hier kann Annas Papa weinen. Anna überlegt sich unterdessen, was ihre Mama im Himmel tun könnte: Vielleicht ist sie Gottes Gärtnerin oder besucht jemanden, den sie lange nicht gesehen hat. Nach ihrer fantastischen Reise landen Anna und ihr Papa begleitet von zwei wunderschönen Vögeln wieder zu Hause am Fjord. "Endlich lächelt Papa" (Hole 2014, o.S.), heißt es an dieser Stelle. Am Ende sind die Rollen vertauscht: Papa hängt lächelnd an den Schaukelringen, Anna streichelt ihm zärtlich die Wange und bittet ihn, mit ihr aufzubrechen. Im Hintergrund ist wiederum die Kirche zu sehen und ein Ruderboot liegt bereit, um die beiden über den Fjord zu tragen.

Kritik

Stian Holes Bilderbücher widmen sich stets großen Themen: Standen in Garmans Sommer die Angst, in Garmans Straße der Umgang mit eigener Schuld und in Garmans Geheimnis die erste Liebe im Fokus, so ist es bei Annas Himmel die Trauer, der Umgang mit Tod und Verlust. Im Aussparen der eindeutigen Wörter und der Darstellung des Weiterlebens von Vater und Kind gleicht Holes Buch einem anderen norwegischen Bilderbuch zum Thema: Papas Arme sind ein Boot von Stein Erik Lunde und Øyvind Torseter. Anders als in deren Buch ist in Annas Himmel aber das Kind stärker als der zurückgelassene Elternteil.

Mit ihren Fragen, ihrer Erinnerung und ihrer Fantasie begegnet Anna dem Verlust, den sie mit poetischen Worten ausdrückt. Ein schönes Bild für den Schmerz und die Hoffnung, die sich leitmotivisch durch das Buch ziehen, wird der jungen Protagonistin in den Mund gelegt: "Heute lässt da oben jemand Nägel vom Himmel regnen", sagt Anna, um fortzufahren: "aber morgen sind es vielleicht Erdbeeren mit Honig" (ebd.). Dieses Bild verwendet Hole auch für seine Vorsatzgestaltung: Während auf dem vorderen Vorsatz Nägel den Himmel bedecken, so sind es im hinteren Vorsatz Erdbeeren. Dies ist nur ein kleines Beispiel dafür, wie behutsam und gekonnt Hole sowohl mit den Worten umgeht, die er in ruhige, poetische Sprachlandschaften zusammenfügt, als auch dafür, welch großes Können er im Gestalten von Bildwelten besitzt. Dabei ist vielleicht seine größte Stärke, dass er von Kindheit auf eine Weise erzählt, die ein enges Sich-Einfühlen in kindliche Denk- und Sichtweisen offenbart. Damit werden Kinder und Erwachsene auf verschiedenen Ebenen angesprochen und berührt.

Die eigenwilligen Bilder, die Hole aus verfremdeten fotografischen und zeichnerischen Elementen montiert, speisen sich dabei unter anderem aus Werken bekannter Künstler – insbesondere Magritte wird schon in den erwähnten Vorsatzpapieren zitiert und gleichzeitig umgedeutet – sowie aus botanischen Lehrwerken und verschiedenen gebrauchsgrafischen Quellen. Zu den zahlreichen Anspielungen, die sich in Holes Bildwelten finden lassen, gehören Darstellungen bekannter Persönlichkeiten wie Charles Darwin, Pablo Picasso und natürlich Elvis, der bereits in den Garman-Bänden immer wieder ein Gastspiel hatte. All diesen Figuren begegnen Anna und Papa auf ihrer Himmelsreise. Auch der "Briefmarkenmann" aus Garmans Straße sitzt gemeinsam mit Annas Mama an einem himmlischen Kaffeetisch.

Als Sinnbilder für den Verlust finden sich in Annas Himmel immer wieder vanitasartige Stillleben in den einzelnen Bildern: Vertrocknete Blumen, eine zerrissene Perlenkette, Scherben und verlassene Kleider erinnern an die Mutter, die nicht mehr zurückkehren wird. Zweimal aber ist am Himmel das Bild des küssenden Mutterkopfes zu sehen, der sich zu Anna und Papa neigt, ein Zeichen dafür, dass Annas Mama dennoch bei ihrer Familie ist und sich ihr liebevoll zuwendet.

Fazit

Annas Himmel ist ein hintergründiges, bildprächtiges und poetisches Buch voller philosophischer Gesprächsanlässe. Wie für Stian Holes Werke üblich lässt es sich auf mehreren Ebenen rezipieren: Als Möglichkeit, um über den Umgang mit Sterben und Tod ins Gespräch zu kommen, kann es von Erwachsenen und Kindern gemeinsam betrachtet und besprochen werden. Es eignet sich aber auch wunderbar für selbstvergessene Bilderreisen.

 

 

 


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