von Mirijam Steinhauser

Keine niedliche Nilpferd-Geschichte: Zoowärter Simon erliegt den Verletzungen, die ihm sein Schützling, das Nilpferd Kako, "getrieben von einem natürlichen Trieb" (Polack/Barroux, 2015) zufügt. Ein ungewöhnliches Bilderbuch zu einem historischen Ereignis.

Polack, Emmanuelle (Text); Barroux (Bild): Kako, der Schreck-liche. Nach einer wahren Begebenheit, die sich 1903 in einem Pariser Zoo zugetragen hat.
Aus dem Französischen von Babette Blume
mixtvision, München 2015.
32 S., 14,90 €
ISBN 978-3-95854-017-0

 

Inhalt

22. August 1896: Zoowärter Simon erwartet eine wertvolle Lieferung aus Afrika, das niedliche Nilpferdbaby Kako trifft im Pariser Zoo ein und wird von da ab von Simon bestens versorgt. Kako wächst zu einem stattlichen Nilpferdbullen heran und beeindruckt die Zoobesucher mit seinem Wasserballett, aber auch mit seinem gewaltigen Gebiss, das ihm den Beinamen "der Schreckliche" einbringt.

15. Juli 1903: Nach dem Feuerwehrball kommt der Nilpferdwärter etwas zu spät in den Zoo. Er merkt nicht, dass Kako wegen der lauten Nacht gereizt ist, als er ihn wie immer in seinem Gehege füttern möchte. Kako stößt Simon zunächst um und verschlingt den Wärter anschließend "ohne lang zu fackeln".

Kritik

Die Geschichte, die zunächst wie eine gewöhnliche Tierfreundschaftsgeschichte am Bilderbuchschauplatz Zoo beginnt, entpuppt sich – wie der durch Titel, Klappentext und Vorwort vorgewarnte Leser bereits weiß – zu einer auf realen Ereignissen beruhenden Erzählung mit dramatischem Ende. Die Autorin des Buches, Emmanuelle Polack, die als Historikerin für verschiedene Pariser Museen arbeitet, findet nach Angaben des Verlages ihre Inspiration in Fundstücken aus den Museumsarchiven. Dies ist dem Buch anzumerken, das sich durch die Datierung der Ereignisse, die paratextuellen Verweise auf den historischen Hintergrund (neben den bereits erwähnten Textelementen auch ein Zeitungsbericht über das Ereignis im hinteren Vorsatz) und durch Einbeziehung originaler Zeitungsartikel in die Illustrationen mehrfach auf die reale Begebenheit beruft, die zur Grundlage für die Erzählung wurde.

Die Illustrationen von Barroux erinnern in ihrer grafischen Gestaltung an die Zeit, in der die Geschichte spielt. Neben zeichnerischen Elementen und grob farbig lavierten Hintergründen besteht das Nilpferd Kako aus den erwähnten Ausschnitten aus Original-Zeitungsartikeln, die wiederum Nilpferde im Pariser Jardin des Plantes zeigen. Durch diese Collageelemente entsteht eine Art mise-en-abyme. Im Fokus stehen Pfleger und Tier vor der reduziert gehaltenen Kulisse des Nilpferdgeheges. Im Hintergrund werden manchmal die wenig persönlich gezeichneten Zoobesucher einbezogen. Die handgeletterte Schrift des knappen Textes fügt sich gut in die gekonnte Bildgestaltung ein. Das schreckliche Unglück am Ende der Geschichte wird illustratorisch nicht dramatisiert: Die vorletzte Doppelseite zeigt den Sturz des Wärters, der leicht verdutzt blickend dem Nilpferd gegenüberliegt. Die letzte Szene zeigt dann zu dem knappen Text "Und ohne lang zu fackeln verschlang er ihn", wie die Füße des Wärters aus dem Nilpferdmund ragen. Auf dem Gehegeboden liegt noch die blaue Wärtermütze. Weder Blut noch Zähne sind zu sehen, auch werden keine schreckgezeichneten Zuschauer dargestellt. Das Ereignis präsentiert sich als in der Logik der Handlung unausweichliches, eben durch einen natürlichen Trieb ausgelöstes Geschehen.

Der Inhalt der Geschichte ist dazu angetan, zum Ausgangspunkt für Gespräche über das Zusammenleben von Mensch und Tier, die Frage nach der artgerechten Haltung von Wildtieren und die Berechtigung von Zoos zu werden. Letztlich zeigt sich hier, dass wilde Tiere unzähmbar und für den Menschen unberechenbar bleiben. Man kann dem Nilpferd Kako für seine schreckliche Tat nicht böse sein, die Verantwortung dafür liegt bei den Menschen, die ihn seinem natürlichen Umfeld entrissen und ihn ihrer eigenen Schaulust unterworfen haben. Das Bilderbuch selbst nimmt diesbezüglich allerdings keine moralische Wertung vor. Es beschreibt ganz einfach die Geschehnisse und überlässt es dem Rezipienten, seine Schlüsse daraus zu ziehen. Damit präsentiert es einen Stoff, der zwar traurig, aber für Kinder ab etwa fünf Jahren durchaus verständlich sein dürfte. Schließlich haben sie eine intensive Beziehung zu Tieren und wissen durchaus, dass diese bestimmte Bedürfnisse und einen eigenen Willen haben.

Äußerst ärgerlich ist, dass im Klappentext des Buches von dem Nashorn Kako zu lesen ist. Ein dummer Fehler, der auf mangelnde Sorgfalt hinweist und den aufmerksamen Paratext-Leser beim Betrachten des Buches zunächst verwirrt. Hier muss der Verlag bei späteren Ausgaben unbedingt korrigierend eingreifen. Dem Buch liegt – wie allen Neuerscheinungen des mixtvision-Verlages – ein Zugangscode für das entsprechende E-Book bei.

Fazit

Kako, der Schreckliche setzt den zahlreichen heiteren Bilderbuch-Zoogeschichten im Stil von Gute Nacht, Gorilla! einen nachdenklichen Blick auf den menschlichen Umgang mit Zootieren entgegen. Es überzeugt durch die Übereinstimmung von inhaltlichen und gestalterischen Überlegungen sowie durch die ungewöhnliche Art, in der hier eine "wahre Begebenheit" aufgegriffen wird. Ein Buch für Kinder, die sich mit dem Verhältnis von Mensch und Tier befassen und dabei auch schwierige Aspekte begreifen und annehmen können.

Erstveröffentlichung: 02.06.2015


catchme refresh
Joomla Extensions powered by Joobi

Veranstaltungen

Oktober 2019
Mo Di Mi Do Fr Sa So
30 1 2 3 4 5 6
7 8 9 10 11 12 13
14 15 16 17 18 19 20
21 22 23 24 25 26 27
28 29 30 31 1 2 3