von Jessica Schneider

Nachdem der kleine Eisbär Umka aus seiner Schneehöhle klettert, erwarten ihn eine verschneite Polarlandschaft, ein grenzenloser Himmel, der eisige Ozean, Lektionen im Fischfang und ein ganz besonderes Wesen: ein kleiner Menschenjunge, mit dem er Freundschaft schließt. Diese warmherzige russische Erzählung wurde in moderner Maltechnik von Irina Link illustriert und 2015 sowohl von der Expertenjury als auch vom Publikum mit dem Bilderbuchpreis "Meefisch" ausgezeichnet.

Jakowlew, Juri/Link, Irina: UMKA – Die Geschichte einer ganz besonderen Freundschaft.
Arena Verlag, Würzburg, 2016.
40 Seiten, 12,99 €
ISBN 978-3-401-70617-7.
Empfohlen ab 3 Jahren.

Inhalt

Umka ist ein kleiner Eisbär, der wohlbehütet bei seiner Eisbärenmutter aufwächst, während die Menschen ihre Zelte in der Ferne aufgeschlagen haben. Die alltägliche Routine mit Waschen und Schlafen ist nichts für den wissbegierigen Eisbärenjungen. Schon bevor er einen Blick aus der Schneehöhle werfen kann, hat er viele Fragen über die Welt: Wie baut man eine Schneehöhle? Hat die Sonne einen Fischschwanz? ...

Sobald Umka das erste Mal ins Freie darf, geht er auf eine spannende Entdeckungsreise, die all seine Sinne erweckt und ihn mit der schneebedeckten Landschaft vertraut macht. Der Duft der Sonne, das salzig schmeckende Wasser, das obere Meer, in dem die Sonne schwimmt, – und auch der Rauch aus der Menschensiedlung – bleiben nicht lange unentdeckt. Als Umkas Mutter ihm erklärt, was Menschen sind ("Bären, die die ganze Zeit auf den Hinterpfoten laufen und ihr Fell ausziehen können"), erwacht sofort seine Neugierde. Umka lernt mit der Zeit schwimmen, tauchen, klettern, fischen und jagen, doch die Sehnsucht, einen Menschen zu treffen, bleibt lange ungestillt. Eines Tages trifft er schließlich auf einen solchen kleinen "Bärenmenschen". Fasziniert von diesem Wesen, das so anders aussieht als er, folgt der kleine Eisbär dem erschrocken davonlaufenden Zweibeiner und tollt bald mit ihm gemeinsam durch die Schneelandschaft.

Als die Sonne den Schnee zum Schmelzen bringt, brechen Umka und seine Mutter zu einer langen Reise auf und lassen die Menschen und ihre Heimat weit zurück. Der kleine Menschenjunge steht selbst im nächsten Winter noch am Ufer und betrachtet den Sternenhimmel, an dessen Horizont der Große Bär und der Kleine Bär als Sternbilder hell erstrahlen.

Kritik

Der Arena Verlag präsentiert mit Umka eine Überarbeitung des populären russischen Kinderbuchklassikers von Juri Jakowlew, der 1922 in Petrograd geboren wurde. Die traditionelle Erzählung wurde von der aus Russland stammenden Illustratorin Irina Link auf beeindruckende Weise im Rahmen ihrer Bachelor-Arbeit im Fach Kommunikationsdesign an der Hochschule Trier visualisiert und anschließend für den Marktheidenfelder Preis für Buchillustration eingereicht. Dort setzte sich die 26-jährige Gewinnerin, die 2002 nach Deutschland einwanderte, mit ihren 15 Gemälden gegen 147 Konkurrenten durch und erhielt neben der Auszeichnung auch die Chance, ihr Werk beim Würzburger Arena Verlag zu veröffentlichen.

Die Erzählung Umka folgt der Entwicklung eines Eisbärenjungen und erzählt das Heranwachsen aus seiner tierischen Sicht nach. Dabei werden Umkas Charakter und seine Gedankengänge von den Zügen eines menschlichen Kleinkinds geprägt, das voller Neugierde auf eine weite, fremde Welt trifft. Zu dieser Umgebung gehören auch andere Kulturen und Wesen, die es zu ergründen und besser zu verstehen gilt. Während der Eisbär in seiner natürlichen Wildnis aufwächst, welche dem Leser auf diese Weise auch näher gebracht wird, versteht es Jakowlew, Umkas Gedanken mit Vergleichen aus der Menschenwelt zu schmücken und so eine Brücke zu der alltäglichen Realität der kindlichen Rezipienten zu errichten. Kinder können sich so stärker einfühlen und die Handlung besser nachverfolgen. Je nachdem, wie man die Geschichte liest, eröffnen sich mehrere Deutungsmöglichkeiten. Es kann die Geschichte eines heranwachsenden Kindes und einer ungleichen Freundschaft bleiben, doch auch der Klimawandel sowie kulturelle und geographische Aspekte können einbezogen werden: Die Freundschaft zwischen Umka und dem Menschenjungen stellt im übertragenen Sinne eine Annäherung von Kindern aus unterschiedlichen Kulturen dar und die Überwindung von Unterschieden, die in einer tiefgründigen Verbindung endet. Ein zeitloses Thema, das gerade aber auch aus aktuellem Anlass eine wichtige pädagogische Grundlage darstellt, die es Kindern zu vermitteln gilt. Auf anderer Ebene findet schon dadurch eine interkulturelle Verständigung statt, dass deutsche Kinder mit dem russischen Klassiker vertraut gemacht werden: mit einer Geschichte, von der Irina Link wie viele andere ihrer Landsleute, als Kind nachhaltig geprägt worden ist.

Zudem werden geographische Eigenheiten des Polarmeers vor Augen geführt und eine Nähe zur Natur offenbart. Der Himmel und das Meer spielen dabei eine symbolträchtige Rolle und werden wiederholt von Umka aufgegriffen. Menschen finden sich etwa abseits davon, dort, wo es braune Erde gibt. Zu dieser Naturthematik gesellt sich auch die Frage nach dem Klimawandel, die durch das Tauwetter und die Reise von Umka und seiner Mutter auf den Eisschollen veranschaulicht wird. Die Eisbären kommen am Ende nicht mehr zurück. Die Gründe dafür bleiben offen und der Imagination des Lesers überlassen. Man fragt sich, ob die beiden Tiere durch den Klimawandel verschollen sind, oder ob es sich bei der ganzen Geschichte um die Einbildungskraft eines kleinen Jungen handelt, der in der Einöde des Nordpols seine einsame Kindheit verbringt und Freundschaft bei den Sternen sucht: bei dem Kleinen Bären und bei dem Großen Bären.

Es bleibt bei Theorien, denn das Ende lässt viel Raum für Deutungen offen und ist genau aus diesem Grunde so kindgerecht. Es regt dazu an, nach der Lektüre mit Kindern zusammen über die Geschehnisse zu sprechen und sie bei der Errichtung einer schönen Zukunft und besseren Welt durch moralische Werte wie Geborgenheit, Naturliebe und Freundschaft zu unterstützen.  

Irina Links Illustrationen begleiten die Erzählung durch ihren klaren Formengehalt und ihren ruhigen, einfachen Aufbau. Damit habe sie gültige Werte unterstreichen wollen, wie sie in einem Interview der regionalen Tageszeitung Main-Post erklärte. Auch arktische Fotografien und das Leben der Inuit hätten sie bei ihrer Arbeit an den Acrylgemälden auf Leinwand nachhaltig inspiriert. Das Querformat und seine Landschaftspanoramen untermalen die Polarlandschaft und verleihen ihr eine unendliche Weite. Links moderne Maltechnik fängt das Wesen der Schneelandschaft und des Wassers ein, betont Schattierungen, Lichteinfall und die Polarlichter am Horizont. Durch die durchgängig im Vordergrund stehenden Blautöne entsteht im Spiel mit weißen Flächen und Umrissen die freundliche, aber eisige Atmosphäre des Polarmeeres. Im Zentrum der Bilder stehen die Eisbären und der kleine Menschenjunge, welcher sich mit seiner leuchtenden, braun-roten Kleidung und der rosigen Haut als einziger von dem blauweißen Untergrund abhebt. Irina Links Bildkomposition und die Lesart ihrer Illustrationen sind im Hinblick auf ihre Bachelorarbeit zu Recht als "herausragend" bewertet worden, was noch einmal durch die doppelte Prämierung mit dem Illustrationspreis "Meefisch" (als Experten- und Publikumsliebling) im Jahr 2015 verdeutlicht worden ist.

Copyright: Arena Verlag

Fazit

Juri Jakowlews populärer Kinderbuchklassiker besticht durch seine kinderfreundliche, bildliche Erzählweise, die ausdrucksstark ist und auch in der deutschen Übersetzung von Beate Rausch nicht ihren Charme verliert. Menschen- und Tierwelt werden verknüpft, Einblicke in die ferne Polarlandschaft gegeben, aber auch in die vom Aussterben bedrohte Tierart und ihren Lebensraum, welcher durch den Klimawandel zunehmend an Fläche verliert. Die jungen, nicht voreingenommenen Protagonisten verbildlichen hierbei eine interkulturelle Verständigung über unsichtbare Grenzen hinweg. Die preisgekrönten Illustrationen von Irina Link, in leuchtenden blau-weißen Farbtönen gehalten, bereichern die Erzählung ungemein und lassen das Bilderbuch zu einer Augenweide werden, die nicht nur Kleinkinder ab 3 Jahren, sondern auch ihre Eltern erfreuen wird.

Quelle

Harth, Martin: Ein Eisbärenjunge gewinnt den "Meefisch". In: Main Post. 6.12.2015, aktualisiert am 22.12.2015. URL: http://www.mainpost.de/regional/main-spessart/Ausstellungen-und-Publikumsschauen-Bilderbuecher-Illustrationen-Meefisch-Preistraeger-Paedagogik;art776,9035282 (05.07.2016).

Erstveröffentlichung: 05.07.2016


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