von Sabine Planka

Die zwei Steinböcke Gian und Giachen, bekannt aus den Werbefilmen für die Schweizer Region Graubünden, feiern nun ihr Bilderbuchdebut mit Illustrationen von Amélie Jackowski. Die beiden Steinböcke fürchten sich – vor allem in der Dunkelheit. Wie kann es nur sein, dass der Schneehase im Dunkeln keine Angst hat? Sie beschließen, ihn das Fürchten zu lehren… Eine zum Teil in Bündnerdeutsch erzählte Geschichte über Angst und Mut für Kinder ab vier Jahren.

Jackowski, Amélie (Bild): Gian und Giachen und der furchtlose Schneehase Vincenz.
NordSüd, Zürich, 2016.
32 Seiten, 25 €
ISBN 9783-314-10353-7.
Empfohlen ab 4 Jahren.

Inhalt
Gian und Giachen müssen sich bald einen Schlafplatz suchen, denn die Sonne geht bald unter und es wird Nacht. Doch die beiden fürchten sich unglaublich: Schon das kleinste Knacken lässt sie erstarren und weckt die schlimmsten Befürchtungen nach Schneemonstern. Doch es ist ‚nur‘ der Schneehase Vincenz, der ihren Weg kreuzt und sich über ihre Angst lustig macht:

"Habe ich euch erschreckt?", ruft er. "Das kann doch nicht sein! Ich fürchte mich nie vor etwas!"(o.P.) Dann hoppelt er kichernd davon. Gian und Giachen schauen ihm verdutzt nach. Wie macht dieser Vincenz das nur, dass er sich nie vor etwas fürchtet?

Die beiden Steinböcke schmieden den Plan, Vincenz zu erschrecken und verstecken sich hinter einem Baum. "Sobald Vincenz vorbeihoppelt, wollen sie ihn mit einem furchterregenden Schrei erschrecken." (o.P.) Doch ihr Plan misslingt und der Hase hoppelt unbehelligt an ihnen vorbei, während sie unter einem mit Tannennadeln gespickten Schneehaufen liegen. Auch die Pläne, sich mit einem Schrei von einem Felsen auf ihn zu stürzen bzw. aus einem Schneeversteck auszubrechen, schlagen fehl. Gian und Giachen verstehen die Welt nicht mehr: Warum lässt sich der Hase nicht erschrecken? Die Lösung ist ganz einfach und kommt von Vincenz, den sie schließlich fragen, selbst:

"Warum ich mich nie fürchte, ist mein Geheimnis", erklärt er. "Soll ich es euch verraten?" Die beiden Steinböcke nicken mit den Köpfen. "Kommt", sagt Vincenz. Gian und Giachen spazieren mit ihm durch die Schneelandschaft. Endlich verrät der Schneehase den beiden Steinböcken, warum er in der Nacht nie Angst hat. "Es ist ein supereinfacher Trick. Wenn ich im Dunkeln bin, denke ich immer an etwas Schönes. Etwas, das ich mir ganz fest wünsche. So hat es in meinem Kopf nie Platz für Angst." (o.P.)

Die Steinböcke sind erstaunt: "In däm sinem Kopf häts kai Platz für Angscht." Und: "Är hat halt au a kliina Kopf." (o.P.)

Gian und Giachen

Kritik
Die Geschichte und die ‚Moral von der Geschichte‘ sind so einfach wie schön erzählt: Der Angst kann man begegnen und sich ihr stellen, so dass sie gar nicht mehr schlimm ist. Wenn man an andere Dinge denkt, die einen aufmuntern, haben die unguten Gefühle keinen Platz mehr. Angstbewältigung wird hier als zentrales Thema in den Mittelpunkt der Geschichte gerückt, die leicht erzählt wird. Das Thema wird dem Leser keineswegs aufdringlich präsentiert. Die erzählenden Texte sind kurz gehalten und leicht zu erfassen, in Kombination mit den kolorierten und detailreichen Bildern, die seitenfüllend angelegt sind und mitunter auch Doppelseiten füllen, entsteht die wunderbare Bergwelt Graubündens, in der Steinböcke und Schneehasen nebeneinander leben.

Was jedoch das von Amélie Jackowski, die u.a. auch "Der Dachs hat heute einfach Pech" illustriert hat, gestaltete Bilderbuch so unglaublich unterhaltsam macht, findet sich jenseits des geschichtenerzählenden Textes und jenseits des Bildes und funktioniert besonders in der Kombination mit Text und Bild: Es sind die Sprüche und Äußerungen der beiden Steinböcke, die in Jackowskis Bilderbuch im sogenannten Bündnerdeutsch wiedergegeben werden. Unter dem Begriff Bündnerdeutsch werden oftmals die im Kanton Graubünden gesprochenen deutschsprachigen, hochalemannischen Dialekte zusammengefasst. Gian und Giachen verbalisieren ihre Angst und kommentieren ihre Pläne, mit denen sie Vincenz ihrerseits Angst einjagen wollen. Die beiden Steinböcke – die man als Leser/Betrachter unmöglich auseinanderhalten kann, wenn nicht explizit im Text benannt wird, wer gerade was macht – schauen sich den Sonnenuntergang an und lassen verlauten: "Jetzt macht wider aina zmitzt am Tag z Liacht ab…", und: "Das isch d Sunna, wo go schloofa goot. Si lait sich sicher in as Himmelbett." Als die beiden Böcke Vincenz das erste Mal einen Streich spielen wollen und sich hinter eine Tanne verstecken, sagen sie: "Bisch parat?" "I bi so schaurig parat, dass i schu fascht wider färtig bin." Und als sie in einen Schneehaufen springen, statt Vincenz zu erschrecken, murmeln sie unter der Schneedecke: "Häts klappt?" "Waiss nid. Gsen nüt. As isch glaub wider extrem schnäll Nacht worda." (o.P.)

Schweizer Leser – mit dem NordSüd-Verlag publiziert passenderweise ein Schweizer Verlag das Bilderbuch, so dass die Heimatver- und -angebundenheit der beiden Steinböcke noch stärker unterstrichen wird – werden mit dem Text vermutlich keine Probleme haben, zumal sie die beiden Steinböcke bereits aus den Werbespots kennen, die für die Region Graubünden gedreht wurden. Hier stehen Gian und Giachen im Mittelpunkt, um für die Region zu werben, was folglich auch dazu geführt hat, dass es diverse Fanartikel mit ihnen zu kaufen gibt (siehe zum Beispiel https://www.graubuenden.ch/de/service/fanshop; Stand: 06.02.2017).

Leser aus Deutschland, die mit Schweizer Dialekten wenig oder keine Erfahrung haben, werden im Vergleich dazu auf der reinen Leseebene zunächst deutlich mehr (heraus-)gefordert: Man beginnt, die entsprechenden Textstellen laut zu lesen – und hier geht dann der Lesespaß so richtig los! Besonders durch die Kombination des Dialektes mit den Missgeschicken, die den beiden gutmütigen, aber doch auch etwas einfältigen Steinböcken laufend passieren, entsteht ein herrliches und kurzweiliges Lesevergnügen. So will man Jackowskis Bilderbuch immer wieder zur Hand nehmen, um die Geschichte zu lesen – oder auch nur, um seine eigene Aussprache zu trainieren. Was hier zunächst so spielerisch anmutet, kann aber durchaus auch vor einem ernsten Hintergrund platziert werden, wird doch über die sprachliche Ebene ein Bewusstsein für Dialekte und unterschiedliche Ausprägungen der deutschen Sprache geschaffen und dient so der Förderung der Mehrsprachigkeit.

Fazit
Gian und Giachen und der furchtlose Schneehase Vincenz ist ein unglaublich tolles Bilderbuch für Leser ab vier Jahren, wobei jüngere Leser, die mit Schweizer Dialekten keine Erfahrung haben, zu Beginn beim Verstehen der sprachlichen und mundartlichen Eigenheiten eventuell Hilfestellung benötigen. Hat man den Kniff mit der Sprache aber heraus, eröffnet das Bilderbuch ein großartiges und kurzweiliges Lesevergnügen – und hier muss die Wiederholung einfach sein! – für Jung und Alt. Man schaut den zwei Steinböcken nur zu gerne dabei zu, wie sie sich der Angst stellen und sie überwinden. Lediglich der veranschlagte Preis von 25,- € für ein Bilderbuch für Kinder trübt den Lesespaß und lässt eventuell vor einer Anschaffung zurückschrecken.

Links
https://www.graubuenden.ch/de/service/steinboecke-gian-und-giachen/steinbock-spots; Stand: 06.02.2017

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