von Sindy Hildebrand

Schneemannkind Flocke überlegt, wo Süden sein könnte, dann ruft er: "Lass' uns gehen, machen wir eine Reise!" Hoffnungsvoll klingt das für den kleinen vor Kälte zitternden Vogel. Er fühlt sich in der weiten Schneelandschaft verloren, in der er kaum überleben kann. Eine Bilderbuchgeschichte über zwei Freunde, die nicht unterschiedlicher sein könnten.

Hilbert, Jörg: Das Schneemannkind auf Reisen.
Carlsen, Hamburg, 2016.
48 Seiten, 12,99 €
ISBN 978-3-551-51468-4.
Empfohlen ab 3 Jahren.

Inhalt

Als das Schneemannkind Flocke mit seiner Familie zuschaut, wie Kinder mit Snowboard und Schlitten die Piste hinunterjagen, kommt ein kleiner Vogel angeflattert. Er zittert vor Kälte. Flocke hat sofort eine Idee: Am Nordpol baut man sich ein Iglu, um es schön warm zu haben. "'Im Süden ist es trotzdem wärmer […]. Warum bin ich nur ein Zugvogel und nicht ein Känguru? Dann gäbe es einen kuscheligen Bauchbeutel, in den ich schlüpfen könnte, wenn mir kalt ist'", (S. 8) jammert der kleine Vogel. Flocke lässt nicht locker, gräbt in seinen dicken runden Bauch eine Kuhle, legt sie mit Ästen aus und bittet den Vogel in sein Nest zu springen. Doch dieser klagt weiter, denn er gehört in den Süden, dort wo die Sonne mittags am höchsten steht. Leider hat er den Zeitpunkt verpasst, um mit seinen Artgenossen dort hinzufliegen. Deshalb beschließt das Schneemannkind mit dem kleinen Vogel auf Reise zu gehen. Ihr Weg muss sie über die großen Berge führen, weit hinter die Seilbahnstation bis zur Wetterwarte auf dem Berggipfel. Doch "'[a]lleine kommt da keiner drüber […]. Dazu muss man schon ein Schwarm sein'" (S. 20), seufzt der kleine Vogel.

Zu zweit sind sie das – und schon steigen er und das Schneemannkind mit Hilfe des Wetterballons und des Windes immer höher und weiter, jenseits der Berge, wo es immer wärmer wird und Flocke immer kleiner…

Kritik

Nach Das Schneemannkind (Erstausgabe 2014) und Das Eichhörnchen und das Schneemannkind (Pixi-Buch im Pixi-Adventskalender 2016) schickt der deutsche Autor und Illustrator Jörg Hilbert das Schneemannkind Flocke nun auf Reisen. Flocke ist wissbegierig, hilfsbereit und abenteuerlustig. So hilft er einem kleinen Vogel, der bei ihm in der Kälte gelandet ist, aus seiner Not und bringt ihn nach Süden in die Wärme, obwohl er damit sein eigenes Leben aufs Spiel setzt. Mit verschiedenen, im gleichen Farbmuster gehaltenen Transportmitteln überwinden die Protagonisten schneebedeckte Berge und überfliegen einen bunten Zoo, bis sie an einer Palmenküste auf die Artgenossen des Vogels treffen. Farblich und formtechnisch wird ihre Reise vom Winter in den Sommer durch den Übergang von blau-weißen Gebirgslandschaften zu gelb-grünen Strandidyllen nachvollzogen, aber auch ihre Körpergrößen kehren sich um: Erst trägt das Schneemannkind auf seinem Kopf den kleinen Vogel, doch je mehr sie in Richtung Wärme fliegen, desto kleiner wird Flocke, bis er auf dem Vogel weiterreiten muss. Flocke scheint zu wissen, dass er im Sommer nicht überleben kann, aber durch den Wasserkreislauf und den Wind wird er seine Heimat wieder erreichen. In Form einer Wolke mit Schneemannumrissen gelangt Flocke zurück in seine Winterwelt, um dort als Schnee zu fallen und mit Hilfe der Menschenkinder, die er zu Beginn der Geschichte beobachtet hatte, neu entstehen zu können. Sein Lebenskreislauf scheint damit geschlossen, doch er ist erst vollständig, als der kleine Vogel mit seinem Schwarm aus dem Sommerquartier zu ihm zurückkehrt. Diese ungewöhnliche Freundschaft zwischen Flocke und dem Vogel wird besonders schön durch die Gestaltung der letzten Doppelseite deutlich, die das alljährliche freudige Wiedersehen beider in einer Landschaft in Szene setzt, die Merkmale des Winter und des Sommers fließend vereint.

Mit Wassermalfarben, Bunt- und Wachsstiften sowie dynamischem, an das Landschaftsrelief und die Wetterlage angepassten Schriftzug erzählt Hilbert die Geschichte zweier anthropomorpher Figuren, die trotz unterschiedlicher Lebenswelten und -weisen Freunde geworden sind und einander ergänzen. Dabei zeigt gerade der Protagonist Flocke, was es heißt, einem anderen – gleich seinem Aussehen, seiner Zugehörigkeit oder seiner Herkunft – zu helfen, für ihn Verantwortung zu übernehmen und dabei seine eigenen Bedürfnisse zurückzustecken. Das großformatige Bilderbuch (23.5 x 28.5 cm) mit dem festen Umschlag bietet Betrachter und Leser zudem einen ersten, einfach vermittelten Einblick in den Wasserkreislauf sowie den Winter-Sommer-Wechsel, der mit dem Zug der Vögel gen Süden verbunden ist.

Einladend wirken die auf festem Papier gedruckten Bilder nicht nur aufgrund der hübsch gezeichneten Haupt- und Nebenfiguren, sondern auch wegen ihrer stimmigen Farbgebung und übersichtlichen Komposition. Die Illustrationen werden durch witzige Einzelheiten aufgelockert, die aufmerksamen Betrachtern ein Lächeln ins Gesicht zaubern. So trägt z. B. die Schneemannmutter Dutt. Dass der Blick fürs Detail trotz der teilweise großflächigen Formgestaltung gewahrt werden soll, deutet bereits das als eine Art Rätsel konzipierte Eröffnungsgedicht an, das die Schneemanngestalt als Verbindung von Winter und Sommer (Schneeflocken und Sommermöhre) beschreibt.

Fazit

Mit Das Schneemannkind auf Reisen hat Jörg Hilbert, der vor allem mit seiner Ritter-Rost-Kinderbuchreihe bekannt geworden ist, ein liebevoll gezeichnetes Winterbuch geschaffen, das auch im Sommer spielt. Nicht nur die Figur des Schneemanns, die Kinder wie Erwachsene im Winter gern bauen und die uns auf Wiesen und Wegen zuschmunzelt, und damit die kalte Jahreszeit angenehmer macht, regt zum Aufschlagen des Buches an. Gerade für kleine Betrachter und Zuhörer, die erste Freundschaften in Sandkasten und Kindergarten knüpfen, stellen das selbstlose, sympathische Schneemannkind Flocke und der kleine jammernde, doch dankbare Vogel Identifikationsfiguren dar. Zum Anschauen, Zuhören und später zum ersten Selbstlesen eignet sich diese schlicht erzählte Geschichte einer ungewöhnlichen Freundschaft für Kinder ab drei Jahren.  


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