von Mirijam Steinhauser

Ein Junge stürzt eine Klippe hinunter und findet sich unverletzt in einer magischen Umgebung wieder: der abenteuerlichen Bildwelt des Künstlers Hieronymus Bosch (um 1450–1516). Das spannende Wimmelbuch von Thé Tjong-Khing macht Lust auf Kunstgeschichte, fasziniert aber auch ohne jedes Hintergrundwissen.

Tjong-Khing, Thé: Hieronymus. Ein Abenteuer in der Welt des Hieronymus Bosch.
Moritz, Frankfurt a. M., 2016.
48 Seiten, 14,95 €
ISBN 9783-89565-321-6.
Empfohlen ab 5 Jahren.
 
Inhalt

Ein Junge bricht, ausgestattet mit Rucksack, Mütze, Seil und Ball, zu einem Ausflug auf und stürzt eine riesenhafte Klippe hinunter. Er landet nicht nur in tiefem Wasser, sondern gleich in einer völlig anderen Welt, die von merkwürdigen Kreaturen bewohnt wird. Dort kommen ihm seine Besitztümer abhanden, die er wiederzufinden versucht. Eine dämonische echsenhafte Figur lockt den Jungen in ihre Höhle, wo sie ein schreckliches Gebräu vorbereitet. Es gelingt ihm, sich selbst und drei weitere Kinder, die für den Kochtopf bestimmt waren, aus ihren Käfigen zu befreien. Er begleitet sie zurück zu deren Eltern, die Echse wird überwunden, und auch der Protagonist selbst kommt – nebst seiner Ausstattung – schließlich wieder zuhause an.
 
 

Kritik

Ganz ohne Worte – sieht man einmal von Titel und Klappentext ab – erzählt Thé Tjong-Khing in klug durchkomponierten Bildern die Geschichte des Jungen, die bei genauerer Betrachtung zahlreiche Nebenstränge aufweist. Kinder werden von der düsteren und spannenden, dabei aber märchenhaft glücklich endenden Handlung beeindruckt sein und gerne darüber ins Gespräch kommen. Dem erwachsenen, mit Bilderbüchern und bildender Kunst vertrauten Rezipienten kommt Tjong-Khings Buch daneben in doppelter Weise vertraut vor: Zum einen entdeckt er darin, wenn nicht von selbst, so doch wenigstens angeregt durch den recht eindeutigen Titel, zahlreiche Anleihen an das bis heute nicht vollkommen entschlüsselte Bildwerk des niederländischen Künstlers Hieronymus Bosch. Figuren und Gebilde aus dem Garten der Lüste, dem Heuwagen-Triptychon und der Versuchung des Heiligen Antonius bevölkern die fantastische Welt, in der sich der junge Held bewähren muss. Wie passend, dass das Buch pünktlich zum 500. Todestag des alten Meisters erschien, in dem auch zwei große Ausstellungen seiner Werke in Madrid und Boschs Geburtsstadt ’s-Hertogenbosch  stattfanden. Zum anderen gleicht Hieronymus, wenn man von der eigenartigeren und düsteren Figurenauswahl und dem entsprechenden Setting absieht, deutlich der Torten-Serie, mit der Tjong-Khing als Wimmelbuchkünstler populär wurde. Wie diese Bände, in denen das Aufspüren einer verloren gegangenen Torte im Mittelpunkt steht, regt auch Hieronymus zum genauen Hinsehen, zum wiederholten Durchblättern, Zurückschauen und zum detektivischen Spürsinn an: Schon auf den Vorsatzpapieren begegnet der Betrachter zahlreichen Motiven und Figuren aus Boschs Gemälden, die sich als zusätzliche Suchaufgabe im Buch ausfindig machen lassen, daneben aber auch einige anachronistische Gegenstände wie Lippenstift und Heftpflaster, die ebenfalls auf den Folgeseiten vorkommen werden. Gerahmt wird die abenteuerliche Handlung von zwei nahezu gleichen Darstellungen, die Aufbruch und Heimkehr des Helden visualisieren. Das gewöhnlich aussehende kleine weiße Haus mit unverändert davor geparktem Auto, das Vorspann und End-Bild zeigen, steht in krassem Gegensatz zum wilden Treiben in der Bosch’schen Welt.
Wer noch nicht mit Boschs Werk vertraut ist, kann Hieronymus wie die Torten-Bücher ganz einfach als spannendes Wimmelabenteuer lesen, immer wieder betrachten, verschiedene Erzählstränge entdecken und dabei generationenübergreifend ins Gespräch kommen. Das Bilderbuch bietet sich daneben, wie auch das 2017 erschienene Folgewerk Kunst mit Torte, wunderbar als Medium für den Kunstunterricht der Grundschule und unteren Sekundarstufe an, um auf leichte Weise in ein spannendes Kapitel der Kunstgeschichte einzuführen. Im Deutschunterricht kann es, vergleichbar den anderen Wimmelbüchern von Tjong-Khing, darüber hinaus als vielfältiger Erzähl- und Schreibanlass genutzt werden. Dabei werden gerade die fantastischen Wesen eine wortschatzerweiternde, sprachkreative Wirkung entfalten.

Fazit
 
2017 wurde Thé Tjong-Khings Hieronymus zu Recht für den Deutschen Jugendliteraturpreis in der Sparte Bilderbuch nominiert. Es wird, ganz egal, ob es den Preis erhält oder nicht, von Kindern ab fünf Jahren, aber auch von erwachsenen Kunst- und Bilderbuchfreunden immer wieder gerne durchgeblättert und bestaunt werden.
 

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