von Taciana Ottowitz

Alles beginnt damit, dass die Autorin eine niedliche Geschichte über eine Maus, die auf dem Land lebt, erzählen will. Doch mit der Ruhe ist es vorbei, als sich der Kater Chester einmischt. Sein Ziel ist es, die Hauptrolle für sich zu ergattern und die Fortsetzung der Narration zu übernehmen. Eine lustige Geschichte über den "Machtkampf" zwischen Schöpfer und Geschöpf; und letztlich über Kreativität und Erfindungsgabe entfaltet sich. Wer wird da wohl gewinnen?

Watt, Mélanie: Chester.
Aus dem Englischen von Yvonne Hergane-Magholder.
Cecilie Dressler Verlag, Hamburg, 2011. (Nicht mehr lieferbar.)
32 Seiten, 19,95 €
ISBN 9-78-3791522456.
Empfohlen ab 4 Jahren.

Inhalt

Humorvoll wird über den Kampf des Katers Chester um die Hauptrolle in der Geschichte erzählt. Die kanadische Autorin und Illustratorin Mélanie Watt hat ein "Monster" geschaffen: Humorvoll wird über den Kampf des Katers Chester um die Hauptrolle in der Geschichte erzählt. Der größenwahnsinnige Kater rebelliert gegen seine Schöpferin und mischt sich in die Narration ein; er zeichnet und schreibt selbst und gestaltet die Geschichte neu. Chester möchte, dass diese seine wird; im Gegensatz zu der netten kleinen Maus, über die Watt angefangen hat zu erzählen. So werden zwei Geschichten parallel erzählt und eine neue entsteht.

Als Hintergrund für die Illustrationen dient das Haus der kleinen Maus und ihr gemütliches Wohnzimmer. Alles wird in sanftem Grün und Ocker gehalten. Nur der Kater bekommt orangefarbene und braune Flecken. Durch seine kräftigere Farbe wird er hervorgehoben. Chester ist ein schöner runder Kater, der viel Platz im Bild einnimmt. Er ist überproportional groß im Vergleich zu der Maus, wodurch seine Wichtigtuerei zusätzlich betont wird.

Im Wechselspiel zwischen Provokateur und Provozierter entwickelt sich die Geschichte. Zuerst wird das Wohnzimmer der Maus von Chester übermalt. Dann stellt er sich selbst in den Vordergrund des Bildes, sitzt auf dem Sessel der Maus oder verdrängt sie aus der Bildfläche. Nichts hilft. Nicht der Hund, den die Autorin herbeiholt und nicht, dass sie die Zeichnungen des Katers aus dem Bild wäscht. Erst am Ende spielt sie dem Kater einen schönen Streich, was allerdings nicht heißt, dass die Partie gewonnen ist. Die geduldige Gemütsart der Autorin zeigt, wie sehr sie ihre Katze liebt und versteht.

Kritik

Eine sehr gut gelungene Interaktion zwischen Bild und Text bietet das Buch Chester von der Kanadierin Mélanie Watt aus dem Jahr 2007, das 2011 in Deutschland erschien. Es ist ein postmoderne Buch, so wie Rafik Schamis Der Wunderkasten oder Katrin Schärers Johanna im Zug, das sich auf zwei Erzählebenen entwickelt.

Die Illustrationen sind in zwei unterschiedlichen Stilen gestaltet, so dass man zwischen den zwei "Schöpfern" des Buches unterscheiden kann: Die Autorin malt mit Aquarell in sanften Pastelltönen, während Chester grob mit dem roten Filzstift zeichnet. Sein Text und seine Zeichnungen werden dadurch von der Autorin differenziert. Er schreibt und kritzelt um die Illustrationen herum. So wird die gesamte Bildkomposition aufgebaut; aus dem ursprünglich gemalten Bild entsteht durch die Kritzelei etwas Neues. Die visuelle Darstellung vom großen Kater und der kleinen Maus spiegelt die sich zuspitzende Konfrontation wider, die letztendlich auf die Auseinandersetzung zwischen Chester und der Autorin hinweist.

In Chester ist die traditionelle Buchseitenaufteilung zwischen Text auf einer Seite und ganzseitiger Illustration auf der anderen nicht zu finden. Wort und Bilder sind hier vereinigt und jeder Teil trägt neu zur Narration bei. Außerdem ist der Text Bestandteil des Bildes und wird zugleich als kompositorisches Element verstanden. Nur aus dieser gesamten Synthese heraus kann man das Buch genießen. Damit wäre hier eine Trennung von Autor und Illustrator schwerlich vorstellbar. Anders als z.B. bei einem Märchen, das auf Illustrationen verzichten könnte, um die Vorstellungskraft der Kinder anzuregen, kann dieses Buch  nicht. Die Geschichte entwickelt sich auf zwei Erzählebenen.

Mélanie Watt hat zwei weitere Bücher über Chester verfasst, eines ist 2012 unter dem deutschen Titel Chester ist wieder da (Dressler) erschienen; das andere mit dem Titel Chester's Masterpiece (Kids Can Press, 2010) ist nicht ins Deutsche übertragen worden.

Fazit

Dieses außergewöhnliche Buch ist ein glänzendes Beispiel dafür, wie notwendig die Interaktion zwischen Text und Bild ist. Es ist bewundernswert, wie die Autorin die Wechselbeziehung der Narrationsmöglichkeiten ausgeschöpft hat.

Ein kleines Kind ab vier Jahren wird daran seinen Spaß haben, den Verlauf des Streits zwischen dem frechen Kater und der Autorin durch die Seiten zu verfolgen. Der Kater ist ein Lausbub, den man gleich lieb gewinnt. Mit ihm kann das Kind sich sofort identifizieren, denn beide haben das Bedürfnis nach Aufmerksamkeit und Anerkennung. Auch das Kritzeln auf den Bildern spricht es an. Ein größeres Kind dagegen wird seine Freude an den Feinheiten der Geschichte finden. Jeden Beitrag zur Text-Bild-Narration der Protagonisten des Buches wird es genauer untersuchen. Der Betrachter, klein oder groß, wird in das Geschehen so hineinversetzt, dass er fast an die Existenz von zwei Geschöpfen glaubt.


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