von Marvin Madeheim

Großstadtkinder auf Hochhausdächern werfen ihre Angeln in den Nachthimmel. Mondfisch steht auf dem Speiseplan. Die Welt steht Kopf in Shaun Tans Reise ins Innere der Stadt (2018). Auch dieses Werk des vielfach ausgezeichneten Bild- und Text-Künstlers richtet sich nicht nur an Jugendliche, sondern ist auch für Erwachsene höchst interessant.

Tan, Shaun: Reise ins Innere der Stadt.
A. d. Englischen von Eike Schönfeld.
Aladin, Hamburg, 2018.
288 Seiten, 28 €. 
ISBN 978-3-848921188.
Empfohlen ab 10 Jahren.

Inhalt

Tans Reise ins Innere der Stadt ist eine Sammlung von 25 Texten – jeweils nur wenige Seiten lang – kombiniert mit mehr als 40 Abbildungen von Ölgemälden. Die Erzählungen, Gedichte und Malereien erzählen von Tieren in der Großstadt und ihrem zumeist von Grausamkeit bestimmten Verhältnis zum Menschen. Düster und traurig kommen die Tandems daher. Die irrealen, traumartigen Bild- und Textwelten schaffen eine Atmosphäre tiefster Melancholie, aus der heraus die menschlichen und tierischen Akteure zumeist ein besseres Leben finden sollen.

Kritik

Tan ist Schriftsteller, Künstler, Illustrator, Oscar-prämiert für seinen animierten Kurzfilm Die Fundsache (2011) und ausgezeichnet mit dem Jugendliteraturpreis sowie dem Astrid Lindgren Memorial Award. Mit seiner neusten Geschichtensammlung reitet er auf der Welle des aktuellen Human-Animal-Diskurses.1 Es finden sich fantastische Erzählungen von sprechenden Bären, von in Hochhäusern lebenden Krokodilen, von Haustieren, Nutztieren, Parasiten und monsterartigen Kreaturen. Das Reflexionspotenzial der dargestellten Mensch-Tier-Verhältnisse ist groß und eröffnet auch kritische Blicke. So wird nicht zuletzt am Beispiel des Papageien und seiner "anthropomorphen kleinen Seele[]" (S. 216) die Vermenschlichung des Vogels skeptisch beäugt, wenn es heißt: "Wie sie den Kopf so schief halten! Sie sind doch genau wie du und ich! / Das sagen die Leute, die keine Papageien zu Hause haben." (S. 216)

Die vielseitigen Geschichten eröffnen ein Spannungsfeld zwischen ökonomischer Verwertbarkeit und dem Dasein des Tieres als ,bester Freund des Menschen'. Oder wie Hal Herzog es mit dem Titel seiner anthrozoologischen Studie treffend formuliert: Wir streicheln und wir essen sie (2012). Besonders die Form der Kurzgeschichtensammlung ermöglicht, in verschiedenen Erzählsituationen unterschiedliche Beziehungsmodelle von Mensch und Tier durchzuspielen. Und so steht dem Tod der viel geliebten Hauskatze Käpt’n Plüsch ein Geisterpferd gegenüber, das skandiert: "Der größte Fluch eines Tieres ist, Menschen Geld wert zu sein." (S. 122) – Trotz ihrer Fabelartigkeit wirken die Erzählungen selten moralisierend; wohl auch, weil sie eher wie Traumsequenzen denn Märchen daherkommen. Dennoch: Mit der Reflexion der Tierrollen kehrt häufig auch Betroffenheit ein. Die Bestie ist hier der Mensch und umgekehrt lassen sich vermenschlichte Tiere nur schwer schlachten. Der wohlbekannte Topos des unschuldigen Tieres und seines menschlichen Peinigers zieht sich als roter Faden durch den Erzählband. Besonders ausgeprägt zu finden ist er in der Erzählung vom Schwein.

Ein Schwein steht in der Ecke eines Wohnzimmers. Es scheint langsam im Boden zu versinken, es verschwindet "Stück für Stück oder vielmehr scheibchenweise." (S. 129) Die Kinder sorgen sich um das traurig dreinblickende Tier: "Vielleicht hat das Schwein ja eine Familie, so wie wir." (S. 130) – Sie befreien es, basteln ihm neue Beine aus Pappe und Farbe, es läuft glücklich durch die Nacht. Die traumartigen Sequenzen greifen ineinander mit den farbgewaltigen Bildwerken, die jeder Erzählung beistehen. Textstimmung und Bildstimmung gehen hierbei häufig scherenartig auseinander. Während der Text das Schwein auf kindlich-naive Weise als eine Mischung aus Glücksschwein und Piñata beschreibt, zeigt das Gemälde das Tier isoliert, einsam und verloren (vgl. Abb. 1). Dem fantasierenden Textduktus steht bildliche Ernsthaftigkeit gegenüber – und umgekehrt: Der Erzählung von verarmten Stadtkindern auf nächtlichen Hochhausdächern begegnet eine Farbexplosion aus Licht und Gold, und auf die versöhnliche Geschichte vom Tod der geliebten Hauskatze folgt eine berührende Darstellung, in der das übergroße Tier den kauernden Menschen wie ein Schiff durch eine nächtliche Sturmflut trägt (vgl. Abb. 2). Bild und Text halten sich die Waage. Sie lassen Leserin und Leser nie zu traurig – aber auch nie zu glücklich zurück.

Abb. 1: © Tan/Aladin Verlag 2018, S. 132/133


Tans Reise ins Innere der Stadt zeichnet sich vor allem aus durch das Zusammenspiel von Malerei und Text. 43 Ölgemälde stehen den 25 Texten zur Seite. Dabei ist ihr Verhältnis selten ein illustratives. Vielmehr brillieren die Darstellungen durch ihr Vermögen, die Textstimmung zu verstärken oder auch zu konterkarieren. Sie sind Momentaufnahmen, Kombinationen aus Figuralität und flächiger Abstraktion. Eine konkrete Sinnzuschreibung geschieht oftmals erst durch den Text, der sich scheinbar um das Bild herum situiert. Die traumartigen, häufig sehr matten und flächigen Darstellungen erinnern an Gemälde von Ruprecht von Kaufmann. Motive großstädtischer Isolation, die verlorenen Bildfiguren, ihre Einsamkeit und Sehnsucht schlagen eine Brücke zu den Bildwelten von Edward Hopper – Betrachter und Betrachterin sind ausgeschlossen.


Abb. 2: ©Tan/Aladin Verlag 2018, S. 116/117


Eine große Qualität der künstlerischen Darstellungen liegt in ihrer Bedeutungsoffenheit. Das Bildpotenzial übersteigt oftmals das seiner textuellen Repräsentation. Die Malereien eröffnen eine Vielzahl anderer Geschichtsschreibungen und laden Leserin und Leser ein, auf den Bildseiten zu verweilen, in ihren Kosmos einzutauchen und eigene Geschichten zu ersinnen. Es entsteht ein Nebeneinander der textlichen und bildlichen Narrationen. Bildrealität und literarische Fiktion korrelieren und potenzieren sich. Dabei schaffen es die Malereien häufig, selbstverständlich darzustellen, was der vorangegangene Text nahezu irritierend fantastisch erzählt. Irrealität und Traumhaftigkeit erscheinen im Bildlichen oftmals gewohnter. Und so fragt man sich nicht selten: Was war hier zuerst da? Das Bild vom Wal über der Stadt oder die Erzählung von Menschen, die eine Orca-Mutter in den Himmel hoben und nun nicht wissen, wie das Tier wieder herunterkommen soll. Sie schreit so bitterlich nach ihrem Kind. – Die Absurdität der Geschichte und die Selbstverständlichkeit ihrer bildlichen Darstellung stehen nahezu diametral zueinander. Die Spannung ist ein Genuss.

Fazit

Tans Bild- und Textband zeigt menschengemachte Welten voller Einsamkeit, Ungerechtigkeit und Schmerz, in denen jede gute Tat leuchtet wie ein heller Stern am Firmament. Selten stimmt das Ende der Erzählungen Leserin und Leser glücklich – ein 'weniger traurig' muss genügen. Die Welt bleibt gestört, sie ist nur ein bisschen besser geworden. Die Erzählungen, Gedichte und Malereien behandeln Themen wie Verlust, Isolation und Tod. Text und Bild dienen einander als Gegengewicht, sie geben Aussicht auf Heilung einer kaputten Ordnung und hüllen die Lektüre in einen Schleier liebevoller Melancholie. Tans Reise ins Innere der Stadt ist ein Feuerwerk der Gefühle, dessen Altersempfehlung nach oben keine Grenze kennt. Die zumeist kindliche oder tierliche Perspektive bietet auch jüngeren Leserinnen und Lesern genügend Anknüpfungspunkte. Geeignet ist es daher ab zehn Jahren.

 

Fußnoten

1 Vgl. hierzu etwa Julia Bodenburgs Monographie Tier und Mensch. zur Disposition des Humanen und Animalischen in Literatur, Philosophie und Kultur um 2000 (2012), Anette Bühler-Dietrichs und Michael Weingartens Sammelband Topos Tier. Neue Gestaltungen des Tier-Mensch-Verhältnisses (2016) sowie Mona Mönnigs Studie zur Konstruktion tierlicher Sichtbarkeit als Phänomen menschlicher Überpräsenz (2013).

Literatur

  • Bodenburg, Julia: Tier und Mensch. zur Disposition des Humanen und Animalischen in Literatur, Philosophie und Kultur um 2000. Freiburg im Breisgau: Rombach 2012.
  • Bühler-Dietrich, Anette & Weingarten, Michael (Hrsg.): Topos Tier. Neue Gestaltungen des Tier-Mensch-Verhältnisses. Bielefeld: Transcript 2016.
  • Herzog, Hal: Wir streicheln und wir essen sie. Unser paradoxes Verhältnis zu den Tieren [2010; eng: Some We Love, Some We Hate, Some We Eat: Why It's So Hard to Think Straight About Animals]. Übersetzt von Heike Schlatterer & Helmut Dierlamm. München: Hanser 2012.
  • Mönnig, Mona: Konstruktion tierlicher Sichtbarkeit als Phänomen menschlicher Überpräsenz. In: Tiere, Bilder, Ökonomien: aktuelle Forschungsfragen der Human-Animal Studies. Hg. v. Chimaira – Arbeitskreis. Bielefeld: Transcript 2013. S. 241-266.

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