von Thomas Boyken

Kann es funktionieren, beinahe 5500 Jahre Schriftgeschichte auf 72 Seiten in Form einer Graphic Novel zu präsentieren? Ja, es kann gelingen. Wie sich die Schriften der Welt von "der Keilschrift zum Emoji" gewandelt haben und immer noch wandeln, zeigt Vitali Konstantinov auf ästhetisch ansprechende Art und Weise. Das Buch scheut nicht die Thematisierung komplexer Sachverhalte und zeigt dabei en passant, dass wir in einer durch und durch typographischen Kultur leben. Gerade die Digitalisierung führt nicht dazu, dass wir weniger schreiben und lesen. Vielmehr sind die neuen Medien eine Folge unserer Schriftkulturen.

 

Konstantinov, Vitali:
Es steht geschrieben. Von der Keilschrift zum Emoji.
2. Auflage, Gerstenberg Verlag, Hildesheim, 2019.
80 Seiten. 25,00 €
ISBN 978-3-8369-5943-8
Empfohlen ab 10 Jahren.

 

 Inhalt

Bei Es steht geschrieben handelt es sich um ein Sachbuch, das die Geschichte der Schriftkulturen gewitzt und amüsant in Panels und mit Mitteln der Graphic Novel darstellt. Sowohl für den Text als auch die Illustrationen, die in der Regel in Schwarz-Weiß mit wenigen roten, blauen oder grünen Highlights gehalten sind, zeichnet Vitali Konstantinov verantwortlich. Die Aufmachung des Buches ist einladend: In einem Großformat von 24,5 x 33 cm wird auf insgesamt 72 Seiten die Geschichte der Schriften chronologisch dargestellt. Ausgangspunkt ist aber die Bedeutung der Schrift in der Gegenwart. Dass wir – trotz aller kulturpessimistischer Unkenrufe – in einer typographischen Welt leben, zeigt sich an Konstinantinovs Zahlenspiel des Anfangs: "Um ungefähr so viel zu schreiben, wie in den vergangenen 5500 Jahren zusammengenommen, brauchen wir heute dank Internet nur zwei Tage." (S. 6) Natürlich ist Quantität nicht immer Qualität, was im dazugehörigen Panel auch durch die Gegenüberstellung von Shakespeare und einer mit einer Mauskappe und roter Nase ausgestatteten Person, die auf ihren Laptop einhämmert, angedeutet wird. Aber das Ausgangsargument ist klar: Schreiben ist auch heute noch die wichtigste Kulturtechnik.

Konstantinov gliedert seine kleine Kulturgeschichte der Schrift in drei Kapitel. Zunächst geht es um die Anfänge der Schriftkulturen ("Sprechen – Zeichnen – Schreiben"). Danach werden die "[e]rsten Schriften der Welt" präsentiert. Die "Schriften-Schöpfer", also die Erfinder unterschiedlichster Schriften vom mongolischen Alphabet über die koreanische Hangul-Schrift, die man – wie der Anmerkungsteil informiert – "in wenigen Stunden lernen kann" (S. 71), bis zu den Schriften in Mittelerde oder dem Klingonischen werden hier vorgestellt. Im Anhang finden sich ein kurzes Nachwort des Autors, eine "Weltgeschichte der Schriftsysteme", ein knapper Anmerkungs- und Übersetzungsteil und ein Nachwort von Johannes Bergerhausen, Professor für Typografie und Buchgestaltung an der Hochschule Mainz. Allein dieser Aufbau zeigt zweierlei: Zum einen handelt es sich bei Es steht geschrieben nicht um eine eurozentrische Darstellung der Schriftkulturen; tatsächlich nehmen insbesondere die asiatischen Schriftsysteme und Schriftenerfinder den wohl größten Raum ein. Zum anderen hat dieses Sachbuch durchaus einen wissenschaftlichen Anspruch. Selbstverständlich kann man auf einem äußerst gedrängten Raum keine knapp 5500 Jahre Schriftkultur wissenschaftlich akkurat darstellen. Aber dies ist auch nicht das Ziel des Buches. Vielmehr präsentiert es informative und kuriose Aspekte, die die Leserinnen und Leser möglicherweise 'anfixen', sich mit einem doch eigentlich ziemlich angestaubten und 'nerdigen' Thema selbstständig auseinanderzusetzen.

Kritik

Der geringe Raum, der Konstantinov für sein ambitioniertes Projekt zur Verfügung steht, ist sowohl Vor- als auch Nachteil des Buches. Einerseits nötigt es den Autor, durchaus komplexe Entwicklungen zu pointieren. So wird immer wieder ironisch in Frage gestellt, ob archäologische Funde denn wirklich immer echt sind. Der Cascajal-Stein wird beispielsweise als das "älteste bekannte Schriftzeugnis in Amerika" bezeichnet (S. 26). Tatsächlich wird dieser Steinblock, der auf einer Seite mehrere Zeichen trägt, die auf eine Alphabetschrift hinweisen, auf das erste Jahrtausend vor Christus datiert. Allerdings sind die Fundumstände höchst ungesichert. Im Panel wird die Echtheit des Cascajal-Steins von einer Figur, die als Kothaufen-Emoji dargestellt wird und als eine Art running gag durch die Panels springt, entsprechend in Frage gestellt: "Ein kleiner Stein aus einem alten Schutthaufen? Also, ich weiß nicht…" (S. 26) Gerade diese ironischen Brechungen reizen Leserinnen und Leser sicherlich zur eigenständigen Recherche. Andererseits führt die Begrenztheit auch zu Verkürzungen. Irritieren mag beispielsweise, dass Konstantinov nicht zwischen Hand- und Druckschriften unterscheidet; ohnehin spart er die Druckgeschichte, die bei Gutenbergs Handpresse beginnt und bis in die digitalisierte Gegenwart reicht, vollkommen aus. Dass Frakturschriften beispielsweise eine bestimmte Klasse von Druckschriften bezeichnen, kann man nicht aus den Panels schließen. Außerdem wird ein Panel über die Sütterlinschrift in die Reihe der Frakturpanels gesetzt, was den Anschein erweckt, dass die Sütterlinhandschrift etwas mit Frakturtypen zu tun habe. Dabei ist die Sütterlinschrift eine Variante der Kurrentschrift. Problematisch ist dies auch, weil im Folgepanel richtigerweise auf den nationalsozialistischen Erlass von 1941 hingewiesen wird, die Frakturtypen nicht mehr zu nutzen, wobei auf die hübsche Ironie aufmerksam gemacht wird, dass die Frakturschriften ja als 'deutsche Schrift' galten. Suggeriert wird hier aber eine Linie Frakturschrift – Sütterlinschrift, die in dieser Form nicht haltbar ist.

Dennoch überwiegen die Vorzüge dieser graphischen Kulturgeschichte. Denn es wird an vielen Stellen deutlich, dass Schriften eine wichtige politische Funktion besitzen. Dies zeigt sich am bereits erwähnten nationalsozialistischen Verbot der Frakturschriften. Weil die Schwabacher (das ist eine Frakturtype) angeblich eine von Juden entwickelte Schrift sei (was nicht stimmt), hat das NS-Regime seit dem 3. Januar 1941 alle offiziellen Dokumente in Antiqua-Schriften gesetzt. Wie sehr Schrift mit Nationenbildung oder kultureller Hegemonie – oftmals auch mit Nationalismus oder Kolonialismus – zu tun hat, führt Konstantinov immer wieder eindrücklich vor Augen. Schrift ist eben nicht 'nur' ein Träger für Inhalte. Mit Schriften werden kulturelle Identitäten gestärkt und Nationen konstituiert. Schriften sind ein Zahnrad in der kulturellen und politischen Mechanik. Schriften sind aber auch dynamisch. Sie entwickeln sich und können 'erfunden' werden. Dies zeigt Konstantinov abschließend an den Schriften in Mittelerde, die John Ronald Reuel Tolkien für seinen Roman Lord of the Rings (1937–49) entwickelt hat. Dass Schrift aber auch ein höchst kreatives Potenzial besitzt, belegt gerade dieses Beispiel: Bekanntlich wollte Tolkien mit den unterschiedlichen Schriften und Sprachen von Mittelerde nicht einfach eine möglichst komplexe Diegese schaffen. Er suchte vielmehr nach einem Anlass, um diese Fantasie-Sprachen zu entwickeln. Der Roman ist nur Nebenprodukt der Schriften-Erfindung.

Fazit

Es ist eine gute Entscheidung der Jury, Es steht geschrieben für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2020 zu nominieren. Es ist ein informatives und anregendes Buch. Und: Es ist ein schönes Buch. Es mag ja selbstverständlich erscheinen, dass ein Buch, das sich mit Schriften befasst, auch die Materialität des Buches zu nutzen versteht. Der Verlag muss sich aber auf ein solches Projekt einlassen. Ob das Buch inhaltlich für die avisierte Zielgruppe passend ist, kann man nur schwer sagen. Das Thema könnte Zehnjährige möglicherweise nur schwer begeistern. Dass aber gleich zu Beginn auf die Bedeutung der Schriften in unserem Lebensalltag hingewiesen wird, mag als Türöffner funktionieren. Für fortgeschrittene Leserinnen und Leser, die sich für Fragen der Medialität und der Schriftgeschichte interessieren, bietet das Buch meines Erachtens ohnehin etliche Anknüpfungspunkte, die ein eigenständiges Weiterdenken und Suchen herausfordern. Das Buch kann man aber auch gemeinsam lesen. Denn auch die erwachsenen Leserinnen und Leser werden in dem Steinbruch von Kuriositäten so Einiges finden, das sie noch nicht kennen. Ohne Frage ist es ein anspruchsvolles Buch, das gleichwohl ansprechend und gewitzt gestaltet ist. Als Coffee-Table-Book ist es definitiv zu schade. Diese kleine graphic cultural history der Schriften muss gelesen werden.

 

Die Nominierungen für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2020 im Überblick finden Sie hier (mit weiteren Rezensionen auf KinderundJugendmedien.de)

Erstveröffentlichung am 26.05.2020


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