rezensiert von Robina Busse und Carlotta Bielefeld

Wie erklärt man seinem eigenen Kind, dass ein geliebter Mensch unter einer Depression leidet? In seinem Buch Meine Mutter, die Fee greift Tobias Krejtschi in Zusammenarbeit mit Nikola Huppertz das problematische Thema der Depression kindgerecht auf und beeindruckt Leserinnen und Leser mit seinen eindrucksvollen und bewegenden Illustrationen.

Huppertz, Nikola und Krejtschi, Tobias: Meine Mutter, die Fee.
Tulipan Verlag, München 2018.
36 Seiten. 15,00 €
ISBN 978-3-86429-369-6.
Empfohlen ab 4 Jahren.

Inhalt

Fridis Leben gerät ins Ungleichgewicht, als sie nach und nach bemerkt, dass etwas mit ihrer Mutter nicht stimmt. Die positiven Momente zwischen Fridi und ihrer Mutter, in denen sie sich nah sind, werden immer seltener. Die geistige Abwesenheit der Mutter nimmt immer mehr zu. Somit muss Fridi Aufgaben ihrer Mutter im Haushalt übernehmen. Auch wenn die anderen Fridis Mutter für verrückt halten, will diese das anfangs nicht wahrhaben. Doch mit der Zeit erkennt auch sie die Veränderung ihrer Mutter und bezeichnet sie ebenfalls als verrückt. Ihr Vater erklärt ihr jedoch, dass ihre Mutter eine Fee sei und sich deswegen merkwürdiger verhält. Anfangs misstraut Fridi der Geschichte des Vaters und stellt diese immer wieder in Frage, doch mit der Zeit beginnt sie der Geschichte Glauben zu schenken.

Kritik

Nicola Huppertz und Tobias Krejtschi greifen mit der Thematik der Depression ein sehr aktuelles Thema auf, da pro Jahr cira 8,2% der Bürgerinnen und Bürger im Alter von 18 bis 79 Jahren in Deutschland an einer Depression erkranken (vgl. Jacobi et al., 2016). Sie animieren dazu, sich mit psychischen Erkrankungen zu beschäftigen anstatt sie zu verschweigen. Krejtschi bleibt seinem abstraktem Illustrationsstil treu, welchen man auch in seinen anderen Büchern, wie zum Beispiel in Nis Randers (2015) oder Kinderbibel (2019), wiederfindet.

Das Format des Buches und der Bilder ist quadratisch. Daher ist es sehr handlich. Das Buch besteht hauptsächlich aus Krejtschis Illustrationen. Bereits die Bilder erzählen den Großteil der Handlung. Der Text stellt im Vergleich zu den Bildern den kleineren Anteil dar und dient als Ergänzung der Bilder. Die Ergänzung wird daran deutlich, dass der Text zusätzliche Informationen beinhaltet, wie zum Beispiel Dialoge zwischen den Charakteren, die in den Bildern nicht direkt zu erkennen sind. Trotzdem wird die grundlegende Handlung, bereits durch die Bilder deutlich. Somit liegt der Fokus auf den Bildern. Der hohe Bildanteil besonders für jüngere Kinder geeignet, die noch nicht lesen können. Die wenigen Farben der Bilder sind gedeckt gehalten. Das Farbspektrum beschränkt sich auf rot, rosa bis hin zu grün und grau. Es fällt auf, dass die Bilder von einem Grauschleier überzogen sind, was durch eine gesprenkelte Malweise illustriert wird. Sowohl der Grauschleier als auch das gedeckte Farbspektrum unterstreichen die Traurigkeit und Schwere der Situation, in der sich die Familie befindet (vgl. S. 18/21).

Die Räume sind dreidimensional dargestellt. Die Perspektive, die Rezipientinnen und Rezipienten einnehmen, wechselt zwischen einer Vogel- und Seitenperspektive. Sie sind Beobachtende und blickt von außen auf das Geschehen. Krejtschi wendet einen eher minimalistischen Zeichenstil an und verzichtet auf umfangreiche Details. Daher sind die Räume, wie z.B. die Küche, aufgeräumt und geordnet. Es fällt auf, dass die Möbel harte Kanten aufweisen. Das unterstreicht die beklemmende und erschwerte Situation, da das Gefühl von einem gemütlichen Zuhause, in dem man sich wohlfühlt, fehlt (vgl. S.11).  Die einzigen Details, die im Wohnzimmer zu finden sind, sind drei düster wirkenden Bilder und eine vertrocknete und herunterhängende Blume, die man immer wieder auf den Bildern wiederfindet (vgl. S. 5, 8/9). Diese verdeutlichen die Gefühls- und Lebenslage der Mutter und der Familie. Der einzige Raum, der lebhaft und unaufgeräumt wirkt, ist das Kinderzimmer von Fridi. Man erkennt bunte Bilder an den Wänden und Spielzeuge, die auf dem Boden verteilt liegen. Der Kontrast zwischen Fridis Kinderzimmer und dem Rest der Wohnung veranschaulicht, dass die zwei Welten der Eltern und des Kindes aufeinandertreffen. Auf der einen Seite die schwierige Situation, in der sich die Mutter aufgrund ihrer Erkrankung befindet, aber auch die des Vaters, der mit seiner Frau mitleidet. Auf der anderen Seite die bis zu einem gewissen Zeitpunkt unbesorgte und fröhliche Kinderwelt von Fridi.

Die Mutter wird in den Illustrationen sehr dünn, schmal und zerbrechlich dargestellt. Die Körperhaltung und Mimik unterstreichen die Auswirkungen der Erkrankung. Sie sitzt meist erschöpft und teilnahmslos auf dem Boden oder im Sessel. An anderen Tagen liegt sie eingerollt im Bett und verdeckt ihr Gesicht mit den Händen. Die Auswirkungen der Depression erkennt man ebenfalls an den strähnigen und ungekämmten Haaren, sowie an dem dauerhaften Tragen des Nachthemds. Bevor der Vater Fridi erzählt, dass ihre Mutter eine Fee sei, weisen die angedeuteten Flügel auf dem Rücken der Mutter bereits auf die Erklärung des Vaters hin.

Der Vater wird im Gegensatz zu den anderen Figuren als sehr massig und besonders groß dargestellt. Dies verdeutlicht, dass er in der Familiensituation als Anker für Fridi dient. Er versucht neben seiner Vaterrolle auch die Mutterrolle zu übernehmen. Trotz der Stärke verdeutlichen sein trauriger Gesichtsausdruck und die gebeugte Körperhaltung, dass auch ihm die Situation zusetzt. Um Fridi die Erkrankung verständlich zu machen, erzählt er ihr sinnbildlich für die Depression der Mutter, die Geschichte der Fee. Mit der Feengeschichte begründet der Vater die Verhaltensweisen der Mutter. So beschreibt er zum Beispiel das teilnahmslose Rumsitzen im Sessel mit Aussagen wie: "Sie hört wohl der Erde beim Rauschen zu" (S. 22).

Die Geschichte des Buches wird aus der Ich-Perspektive Fridis erzählt, wodurch eine Identifikation insbesondere für Kinder ermöglicht wird. Fridi ist ein recht energisches, fröhliches, aber gleichzeitig emphatisches, sensibles und aufmerksames Kind. Anfangs befindet sich Fridi in einem inneren Konflikt zwischen den Kommentaren von außen und den eigenen Empfindungen. Sie denkt viel über die Kommentare der anderen nach und bemerkt zwar auch die Veränderung ihrer Mutter, verteidigt sie anfangs jedoch. Die schönen Momente mit ihrer Mutter, die nach und nach immer weniger werden, lassen die Sorgen für kurze Augenblicke verschwinden. Auch wenn sie der Geschichte mit der Fee anfangs keinen Glauben schenkt, hilft sie ihr im Laufe der Zeit mit der Erkrankung umzugehen. Bevor die Mutter sich sinnbildlich auf die Reise in das Land der Feen macht, lässt der Text darauf schließen, dass Fridi endgültig akzeptiert, dass ihre Mutter eine Fee ist. Sowohl der Text als auch das Familienbild auf der Kommode geben den Rezipierenden Hoffnung auf bessere Zeiten.

Allgemein lässt sich sagen, dass das metaphorische Bild der Fee sehr gut gewählt ist, da dieses Fabelwesen genau wie eine psychische Erkrankung nicht fassbar ist. Jedoch wird zu wenig erklärt, was eine psychische Erkrankung wirklich ist und ausmacht. Hierbei stellt man sich die Frage, bis zu welchem Alter ein Kind der Geschichte, dass die Mutter eine Fee ist, noch glauben kann. Spätestens, wenn ein Kind in die Schule kommt, wird es von Mitschülerinnen und Mitschülern für solchen Fantasiegeschichten vermutlich nicht ernst genommen. Ebenfalls wird die psychische Erkrankung durch die Geschichte der Fee sehr beschönigt, da die Verhaltensweisen der Mutter nur mit der Geschichte begründet und fast schon entschuldigt werden, anstatt dem Kind zu erklären, dass es sich um eine schwere psychische Erkrankung handelt. Angebrachter wäre eine realistische Erklärung der Erkrankung. Nebenbei könnte man Aspekte der Krankheit mit einer Fantasiegeschichte verknüpfen, um die Depression für Kinder verständlicher zu machen. Somit würde das Kind nicht vollständig in dem Glauben der Geschichte gelassen werden. Aus erzieherischer Sicht ist es wichtig, dass ein Kind lernt, dass die Realität nicht immer nur schöne und positive Aspekte beinhaltet, sondern auch, dass das Leben negative Seiten haben kann. Eine Aufgabe der Eltern besteht darin, dem Kind den Umgang mit schweren Zeiten zu vermitteln.

Fazit

Abschließend kann gesagt werden, dass das Kinderbuch Meine Mutter, die Fee ein sehr bewegendes, aber auch inhaltlich wertvolles Buch ist. Es ermöglicht eine kindgerechte Vermittlung des doch so schwierigen und nicht greifbaren Themas psychischer Erkrankungen. Die Bilder Krejtschis sind mitfühlend und aussagekräftig gestaltet. Der Text bietet eine gute Ergänzung zu den Illustrationen.

Die Gesamtsituation der Familie wird recht düster dargestellt, durch die Geschichte der Fee wird der Situation aber etwas an Schwere genommen. Es ermöglicht auch Betroffenen sich mit den Figuren des Buches zu identifizieren und sich darin wiederzufinden. Das Bilderbuch ermutigt Eltern, das heikle Thema mit ihren Kindern zu besprechen. Hierbei kann es eine gute Gesprächsgrundlage und somit ein gutes Hilfsmittel darstellen. Das Bilderbuch eignet sich bereits für jüngere Kinder ab 4 Jahren.

 

Literatur

Kurwinkel, Tobias: Bilderbuchanalyse. Narrativik-Ästhetik-Didaktik. 2., akt. u. erw. Aufl. Tübingen: Narr Francke Attempto Verlag, 2020.

Jacobi, F., Höfler, M., Strehle, J. et al.: Erratum zu: Psychische Störungen in der Allgemeinbevölkerung. Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland und ihr Zusatzmodul "Psychische Gesundheit" (DEGS1-MH). In: Nervenarzt 87 (2016), 88–90.

Erstveröffentlichung: 14.01.2021


catchme refresh
Joomla Extensions powered by Joobi

Veranstaltungen

September 2021
Mo Di Mi Do Fr Sa So
30 31 1 2 3 4 5
6 7 8 9 10 11 12
13 14 15 16 17 18 19
20 21 22 23 24 25 26
27 28 29 30 1 2 3