von Sabine Planka

Eine kleine Maus macht sich auf, um die Welt zu erobern – und inspiriert einen kleinen Jungen zum Bau eines Flugzeugs. Später wird er damit in die Historie eingehen... Eine Geschichte über Mut, Erfindergeist und Abenteuerlust, den Pionieren der Luftfahrt gewidmet, die für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2015 (Kategorie Bilderbuch) nominiert wurde.

Kuhlmann, Torben: Lindbergh. Die abenteuerliche
Geschichte einer fliegenden Maus.
NordSüd Verlag AG, Zürich 2014.
96 S., 17,95 €
ISBN 978‐3‐314‐10210-3

Inhalt

Als die kleine Maus eines Tages erwacht, sind alle anderen Mäuse verschwunden. Vermutlich geschah dies aus Furcht vor den neuen mechanischen Geräten, die die Maus später als Mausefallen identifizieren kann, die in den Zeitungen gefeiert werden. Zeitungen sind es auch, die sie Überlegungen anstellen lassen, dass die anderen Mäuse per Schiff nach Amerika gereist sein könnten. Die kleine Maus macht sich auf den Weg zum Hafen, muss aber dort feststellen, dass der Hafen und ganz besonders die Zugänge zu den Schiffen von Katzen bewacht werden, vor denen sie gerade noch flüchten kann. In der Dunkelheit wird sie plötzlich von einem Rauschen überrascht, das sich nahende Fledermäuse ankündigt.

Von ihnen inspiriert, beginnt die kleine Maus, eine Flugmaschine zu bauen, damit sie nach Amerika fliegen kann. Sie sammelt im Hafen, in den Kanalschächten und Gassen die verschiedensten Utensilien, die sie zu einer ersten Flugmaschine zusammenbaut. Als anfängliche Flugversuche scheitern, bei denen sich die kleine Maus zudem vor Eulen in Acht nehmen muss, gibt sie nicht auf, sondern tüftelt im Gegenteil weiter an ihrer Konstruktion, bis sie schließlich ein kleines motorbetriebenes Flugzeug gebaut hat. Sie startet mit ihrer Maschine – und fliegt. Sie entkommt den Eulen, gleitet über Landschaften und schließlich über den Ozean, überholt die Schiffe, die sie zuvor noch im Hafen gesehen hat und erreicht schließlich Amerika. Hier triftt sie nicht nur die anderen Mäuse wieder, sondern ist auch ein kleiner Star, der in den Zeitungen gefeiert wird – und einen kleinen Jungen zum Träumen bringt: Charles Lindbergh…

Kritik

Das ungewöhnlich umfangreiche Bilderbuch, das Torben Kuhlmann hier als Erstlingswerk vorgelegt hat, besticht in mehrfacher Hinsicht. Der sparsam gesetzte, dennoch aber pointiert erzählte Text steht einer Fülle an Bildern gegenüber, die das Erzählte nicht nur einfach bebildern, sondern die Geschichte weitererzählen und nahtlos an das bisher Erzählte anknüpfen. Textuelle Lücken füllen sich somit wie von selbst und der Betrachter kann die Geschichte weiterverfolgen. Die Bilder versetzen den Leser in eine vergangene Zeit, in der das Reisen noch mühsam und nicht so einfach war, wie es heute ist. Kuhlmann gelingt dieser ‚Zeitsprung‘ in die Vergangenheit, indem er den Abbildungen einen vergilbten, ockerfarbenen, mitunter gelblich-grauen Touch verleiht, den man von alten Fotos kennt, die man nach Jahren aus einer Kiste holt und bei deren Betrachtung man in Erinnerungen schwelgt. Genau das macht Kuhlmann auch in seinem Bilderbuch und ist – positiverweise – nicht zurückhaltend in der Art seiner Darstellung: Neben den Bildern, die das Leben der Maus zeigen, bindet Kuhlmann auch Zeitungsseiten und Fotografien sowie Briefe und Postkarten, aber auch von der Maus gezeichnete Konstruktionspläne mit ein, um einen umfassenden Eindruck von Historie zu liefern und um den Leser gleichzeitig in diese Zeit hineinzuziehen. Besonders lässt sich dies an der 'Erfindung' der Mausefalle verdeutlichen, die in den Zeitungen als "New Invention", "Das sichere Ende der Mauseplage" oder schlicht mit der Headline "Es klappt" angekündigt wird. (o. P.)

Die kleine Maus, die im ganzen Buch namenlos bleibt, muss sich Gedanken machen, wie sie den allgegenwärtigen Gefahren – Menschen, die Fallen aufstellen, Katzen, die auf der Lauer liegen und Eulen, die eine Bedrohung aus der Luft sind – entkommen kann. Ihre Bemühungen und Ideen, ein Flugzeug zu bauen, verbunden mit der Art der Darstellung – kleine schwarze Knopfaugen blicken den Betrachter nicht selten direkt an –, verleihen der Maus schnell Individualität und lassen den Leser mitfiebern.

Kuhlmann bedient sich in der Art der Darstellung zudem filmischer Perspektiven: Extreme Aufsichten werden gekonnt vermischt mit extremen Untersichten, extreme Totalen stehen Nah- und Großaufnahmen gegenüber, sodass beeindruckende Effekte und nachhaltige Eindrücke erzielt werden, z. B. wenn sich die kleine Maus einer ganzen Übermacht an Mausefallen gegenüber sieht und inmitten dieser Masse verloren scheint. Hinzu kommt der Detailreichtum, mit dem Kuhlmann seine Welt ausstattet und an der man sich einfach nicht sattsehen kann!

Bestechend ist die technische Raffinesse der kleinen Maus, aus der das persönliche und geradezu leidenschaftliche Interesse Kuhlmanns für Luftfahrt spricht. Diese Leidenschaft setzt sich auch über die eigentliche Geschichte hinaus fort: Kuhlmann fügt seinem Buch eine ebenfalls gezeichnete "kurze Geschichte der Luftfahrt" (o.P.) an, die über Otto Lilienthal, die Brüder Wright und natürlich über Charles Lindbergh informiert.

Fazit

Kuhlmann ist ein Buch gelungen, das durch die Idee besticht, dass eine kleine Maus Charles Lindbergh inspiriert haben könnte, ein Flugzeug zu bauen, um den Atlantik zu überqueren. Die wunderschönen Bilder vermögen es, den Rezipienten in die Vergangenheit hineinzuziehen. Sie erinnern in der Art der Zusammenfügung an ein Fotoalbum, in dem man schwelgen kann. Kuhlmann hat somit ein Bilderbuch geschaffen, an dem sich nicht nur Kinder ab ca. vier Jahren sattsehen können, sondern an dem auch Erwachsene ihre Freude haben werden. Es bleibt zu hoffen, dass noch viele Bilderbücher dieser Art folgen werden.


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