von Anna Hein

Irgendwann steht jeder einmal auf der Liste des Todes. Bei dem Versuch, Mama Sambona zu ihren Ahnen zu schicken, hat es der Tod allerdings mit einer gewitzten und liebenswürdigen Königin zu tun, die ihrem schönen Leben noch gar nicht den Rücken kehren will. Schließlich muss er unverrichteter Dinge wieder gehen.

Schulz, Hermann (Text)/Krejtschi, Tobias (Illustration):
Die schlaue Mama Sambona.
Peter Hammer Verlag, Wuppertal 2007.
(5. Auflage 2013)
24 S., 13,90 €
ISBN 978-3-7795-0149-7


Inhalt

Im fernen Afrika, auf der Insel Ukerewe im Ukerewe-See, muss sich der Tod den Gepflogenheiten des Landes anpassen, bevor er einen Menschen holen kann: Er darf jeden nur dreimal aufsuchen. Trifft er ihn nicht an, muss er erfolglos weggehen und darf erst nach vielen Jahren wieder kommen. Als die Königin der Insel, Mama Sambona, auf der Liste des Todes steht, schickt er den Hasen vorweg, da er den Weg nicht umsonst gehen will. Außerdem ist der Tod sehr korrekt und weiß, dass es sich gehört, sich einer Königin vorher anzukündigen. Der Hase hat allerdings Schwierigkeiten, Mama Sambona zu finden. Denn diese wohnt nicht im Schloss, sondern in einem kleinen Holzhaus. Sie ist auch sehr beliebt bei den Bewohnern der Insel, sodass ein Mann den Hasen absichtlich auf seiner Suche so sehr verschreckt, dass dieser flieht und ohne Ergebnis zum Tod zurückkehrt. Der Tod muss also selbst gehen. Gekleidet in seinen besten Anzug trifft er Mama Sambona beim Teetrinken an und will sie mit sich nehmen.

Die schlaue Königin erkennt aber sofort, wer vor ihr steht. Außerdem weiß sie, dass es eine weitere Regel gibt, an die sich der Tod halten muss: Kümmert man sich gerade um ein Kind, kann der Tod nichts ausrichten. Da sie unterdessen ihrer Nichte bei den Hausaufgaben hilft, kann der Tod ihr nichts anhaben. Als der Tod ein zweites Mal kommt, ist Mama Sambona gerade mit der Hirseernte beschäftigt, die lebenswichtige Nahrung für ihre Nichte bedeutet, und wieder muss er alleine nach Hause gehen. Am nächsten Tag lässt die Königin ein großartiges Fest ausrichten, mit viel Musik und Tanz. Obwohl der Tod keine großen Menschenansammlungen mag, muss er wohl oder übel zum Fest gehen, wenn er zu Mama Sambona will. Er lässt sich vom bunten Treiben anstecken und tanzt sogar ausgelassen mit. Als er mit Mama Sambona die Hüften schwingt, hat er so viel Spaß, dass er alles andere vergisst. So lebt die Königin noch heute auf ihrer Insel und freut sich über jeden Besuch.

Kritik

Bereits die erste Seite macht den märchenhaften Charakter der Geschichte deutlich. Die Erzählung spielt im fernen Afrika und der Tod muss sich hier an bestimmte Regeln halten. So darf er maximal dreimal – eine magische Märchenzahl – einen Menschen besuchen. Im weiteren Verlauf begegnet uns der Name Goldmarie, den die kleine Nichte von Mama Sambona trägt. Das Mädchen heißt so, weil ihre Mutter gerade die Geschichte von Goldmarie und Pechmarie gelesen hat. Auch der Hase ist aus afrikanischen Märchen bekannt. Allerdings ist er dort der kluge und verschlagene Charakter, der die anderen Tiere austrickst oder gar tötet. In Hermann Schulz' Buch wird er zum Laufburschen des Todes degradiert. Von einem Mann wird er sogar mit einer kleinen Lüge in die Flucht geschlagen und entpuppt sich als Angsthase.

Die Illustrationen unterstreichen die ängstliche Natur des Hasen, er hat ein rosafarbenes Fell und ist meist mit einem furchtsamen Blick dargestellt. Überhaupt ergänzen die Bilder von Tobias Krejtschi wunderbar die Geschichte bzw. spinnen diese fort. Der Peter Hammer Verlag hatte 2006 zu seinem 40. Jubiläum einen Illustrationswettbewerb ausgeschrieben, den Krejtschi gewann und daraus entstand sein Bilderbuchdebüt Die schlaue Mama Sambona.  Den Tod zeichnet er mit einem ausdruckslosen Gesicht, als geschäftigen Businessmann in Anzug und Krawatte, der in einem düsteren, knochenbestückten Büro sitzt und nichts als seine Arbeit im Sinn hat. Mama Sambona dagegen wird mit einer Pfeife im Mund, gekleidet in ihr leuchtend rotes Lieblingskleid und stets mit einem leichten Lächeln in den Mundwinkeln dargestellt. Sie schaukelt gerne, trinkt Tee oder sonnt sich am See und strahlt dabei eine innere Ruhe und Gelassenheit aus. Dadurch ist sie überhaupt im Stande, den Tod zu überlisten und am Ende ihre Lebensfreude auf ihn zu übertragen.

Die großformatigen Bilder sind in Rot- und Brauntönen gehalten. Auch der Buchumschlag hat diese warmen Farben und überträgt die gute Laune Mama Sambonas auf den Betrachter. In die Bilder sind oft viele kleine Details eingearbeitet und man kann sie stundenlang betrachten. So wird zum Beispiel das Todessymbol der Sanduhr in surrealistischer Weise in die Illustration eingebaut, verzerrte Perspektiven und Proportionen lassen einzelne Gegenstände oder Personen vergrößern und in den Mittelpunkt der Betrachtung rücken.

Schön ergänzt werden die teilweise doppelseitigen Bilder durch kleine schwarze Linolschnitte, die im Kontrast dazu stehen und die Handlung zu kommentieren scheinen.

Die Erzählweise des Buches hat zum Teil etwas märchenhaftes, ist kindgerecht und an die gesprochene Sprache angelehnt. Dadurch wirkt der auktoriale Erzähler sympathisch und genauso gelassen wie Mama Sambona. Auffallend sind Fußnoten, die den Text humorvoll kommentieren und dabei ironisch mit dem Gebrauch von Fußnoten umgehen. Dieses spielerische Element ist allerdings, wie die oben erwähnten Textanspielungen auf Märchen, nur für den erwachsenen Leser erkennbar und kann auch als störend empfunden werden.

Fazit

Der Peter Hammer Verlag veröffentlicht Literatur aus und über Lateinamerika und Afrika. Mit seinem Programm zeigt er politisches und gesellschaftliches Engagement. Hermann Schulz selbst ist in Afrika geboren und hat sich literarisch besonders mit Nicaragua auseinandergesetzt. Das dargestellte Afrika-Bild in „Die schlaue Mama Sambona“ spielt vor allem mit europäischen Klischees gegenüber dem „Schwarzen Kontinent“, so wird zum Beispiel das einfache Landleben,  Musik (Trommeln) und Tanz gezeigt.  Jedoch erweist sich am Ende die lebensfrohe und gemütliche Königin der Insel als Siegerin und der europäische Geschäftsmann Tod findet ebenfalls zurück zu Spaß und Freude.

Handelt es sich hier zwar um ein Bilderbuch für Kinder ab vier Jahren, sprechen jedoch sowohl Text als auch Illustrationen ebenfalls den erwachsenen Leser an. So kann letzterer zum Beispiel die Parallelen zu Märchen und dem Bild des Totentanzes herstellen und einen kritischen Blick auf den bürokratischen Geschäftsmann Tod werfen. Die humorvolle Geschichte, die mit Klischees über Afrika und Märchenvorlagen spielt, richtet sich also zugleich an Kinder und Erwachsene und wird bestimmt auch beim mehrmaligen Lesen und Betrachten nicht langweilig. Sie regt außerdem Kinder zu Nachfragen und auch zum Nachdenken über den Tod an. Vielleicht ist es – dank der ansteckenden Lebensfreude von Mama Sambona – am Ende sogar keine Geschichte über den Tod, sondern über das Leben.

Das Buch Die schlaue Mama Sambona wurde bereits mehrfach ausgezeichnet, so war es 2008 beim Deutschen Jugendliteraturpreis in der Kategorie Kinderbuch nominiert, erhielt 2009 den 1. Platz des Troisdorfer Bilderbuchpreises und im selben Jahr den "Silverstjärnör" beim Peter Pan Preis in Schweden in der Kategorie Bilderbuch.

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