Stadler, Franz / Hobsch, Manfred: Die Kunst der Filmkomödie. Band 1: Komiker, Gangs und Regisseure

von Horst Schäfer

Filmkomödien sollen das Publikum zum Lachen bringen – nicht mehr und nicht weniger. Das wäre eine einfache Definition, die alles oder nichts aussagt. Das Genre, so alt wie die Geschichte des Films, wird immer wieder neu bedient und beschrieben; die Attraktivität und der Erfolg der Produktionen sind abhängig vom souveränen Umgang mit den Komponenten  des Genres und den vielen, grenzüberschreitenden Variationen. Worüber der Filmzuschauer lacht und wie die Gagmaschine Kino funktioniert – das erklären Franz Stadler und Manfred Hobsch in dem Handbuch Die Kunst der Filmkomödie.

Stadler, Franz / Hobsch, Manfred: Die Kunst der Filmkomödie.
Band 1. Komiker, Gags und Regisseure.
Mühlberger Filmbuchverlag. Frankenthal 2015.
445 S. 29,90€ (Print), 22,99€ (E-Book)
ISBN 978-3-945378-17-5

Viele Filmhistoriker, -theoretiker und -wissenschaftler haben sich bereits mit Filmkomödien befasst, sie beschrieben und analysiert. Im deutschsprachigen Raum waren es in den 1980er Jahren u.a. Kurt-Uwe Nastvogel und Gerhard Schatzdorfer mit zwei Bänden zum Komischen Film (1982). Diese Bücher sind heute vergriffen. Zehn Jahre später bereitete der Filmhistoriker, Autor und Publizist Rolf Giesen mit Lachbomben. Die großen Filmkomiker. Vom Stummfilm bis zu den 40er Jahren (1991) und Die großen Filmkomiker. Von 1945 bis heute (1993) in der Heyne Film- und Fernsehbibliothek sein fundiertes filmhistorisches Genre-Wissen für Fans und Cineasten auf. Seine Bücher sind detailreich und amüsant zu lesen, ohne auf oberflächliche Pointen zu setzen.

2005 erschien dann in der Reihe Filmgenres im Reclam Verlag der von Heinz-B. Heller und Matthias Steinle herausgegebene Band Komödien. Besonders anhand dieser Publikation wird deutlich, wie schwer es ist, eine allgemeingültige, übergreifende und schlüssige Definition zu finden. Die Herausgeber haben vor dieser Aufgabe kapituliert und präsentieren stattdessen eine beachtliche Anzahl von Filmen, die sich aus unterschiedlichen Perspektiven und divergierenden Motivationen als exemplarische Beispiele eignen. Die Bandbreite der Filmauswahl reicht von den klassischen Komödianten wie Buster Keaton, Charlie Chaplin und den Marx Brothers bis hin zu Jim Jarmusch und Kaja von Garnier – basierend auf einer sehr persönlichen Auswahl der Autorinnen und Autoren. Die Titel werden – ohne einen schlüssigen Bezug untereinander – nur chronologisch geordnet.

Wenn sich nun zwei Autoren zusammengetan haben, um aus ihrer Sicht und aus der Fülle ihrer Erfahrungen heraus über Die Kunst der Filmkomödie zu schreiben, so sind die Erwartungen besonders hoch: Der eine, Franz Stadler, ist ein engagierter Kinobetreiber, dessen legendäre filmkunst 66 in Berlin nicht nur die Stadt, sondern die gesamte Kinoszene verändert oder zumindest beeinflusst hat. Der andere, Manfred Hobsch, ist ein enthusiastischer Kinogänger, der sich als Filmjournalist, Mitbegründer des Berliner Stadtmagazins zitty und Autor diverser Filmfachbücher einen Namen gemacht hat.

Im ersten Teil von Komiker, Gags und Regisseure werden "Grundformen und Handlungsmuster der Filmkomödie" vorgestellt: Slapstickkomödie und Tragikomödie, personelle Grundkonstellationen wie Komische Typen oder Ensemblekomödien, Grundthemen wie Romantic Comedy, Culture Clash, Gaunerkomödien oder Spaß mit Leichen. Dieser Teil schließt ab mit den 20 Grundgags der Filmkomödie wie Situationskomödie, Runnings Gags, Tortenschlacht, Kettenreaktionen sowie falsche Erwartungen und echte Überraschungen.

Die Ausführungen von Stadler und Hobsch lesen sich leicht, eingängig und nachvollziehbar. Ihre Ausführungen und Folgerungen veranschaulichen sie mit exemplarischen Beispielen aus bekannten Filmen: kurz und treffend, alles wird belegt. Für den Abschnitt über "Culture Clash" wird eine entsprechende Szene aus Almanya (S. 48) zitiert, und bei den "Screwball Comedies" ist es selbstverständlich eine Sequenz aus dem Film Leoparden küsst man nicht (S. 42).

Bei den "20 Grundgags der Filmkomödie" wird oft auf Filme mit Laurel & Hardy verwiesen: u.a. "Situationskomik", "Große Ursache – keine Wirkung", "Kunst der Zerstörung", "Spätzündung", "Kettenreaktion", "Tortenschlacht", "Spiel mit der Gefahr" sowie "falsche Erwartungen und echte Überraschungen". Hier wird deutlich, welchen Einfluss Stan Laurel und Oliver Hardy auf dieses Genre hatten.

Selbstverständlich gehören sie auch in das "ABC der großen Filmkomiker" mit gut 70 Namen von Abbott & Costello bis Robin Williams, das den Mittelteil des Buches bildet. Das letzte Drittel ist den besten Komödienregisseuren vorbehalten: von Pedro Almodóvar bis ZAZ (Jim Abrahams und die Zucker Brothers). Leider nur als Bonus gibt es Abschnitte zu drei Komödienschmieden: die Filme Judd Apatows, das Ealing Studio und Saturday Night Live. Darüber hätte man gerne mehr erfahren.

Kritik

Warum und worüber man lacht? – Dazu gibt es in den oben genannten Büchern zur Filmkomödie mehr oder weniger ausführliche Erklärungen und Begründungen. Aufschlussreich in diesem Zusammenhang ist immer noch Rolf Giesens "Versuch über das Lachen im deutschsprachigen Film", der Epilog seines Lachbomben-Bands. Einer exakten Definition der Filmkomödie entziehen sich auch Franz Stadler und Manfred  Hobsch, wenn sie über "Die Kunst der Filmkomödie" schreiben: "Die Überschneidung der Genregrenzen macht es schwer, den Begriff der Filmkomödie exakt zu definieren. Um höchste Vergnüglichkeit zu bewirken, werden durch geschickte Verknüpfung mehrerer Themen neue Reize gewonnen, verschiedene Handlungsfäden und Komikelemente miteinander vermengt, satirische und parodistische Momente ins Geschehen eingefügt." (S. 17)

Die beiden Autoren wollen mit dazu beitragen, "die guten Filmkomödien von den schlechten zu unterscheiden. Denn darum geht es: um die gute Filmkomödie" (S. 11). Diese Absicht umzusetzen ist ihnen gelungen. Entscheidend sind nach wie vor die Qualität der Produktionen und ihr Unterhaltungswert. Da mittlerweile fast alle relevanten filmhistorischen Werke über DVD und andere Medien verfügbar sind, kann man die Einschätzungen und Einordnungen der Fachliteratur persönlich nachvollziehen und überprüfen. Dabei sind Qualitätskriterien, wie sie von Stadler und Hobsch  benannt werden, sinnvoll und hilfsreich.

Bei der Fülle des Materials lassen sich Ungenauigkeiten oder Ungereimtheiten nicht ausschließen. So werden bei den komischen Typen, beliebte TV-Komiker aufgeführt, die später dann "irgendwann einmal ihre eigenen Kinofilme machen" (S. 30). Als Beispiele wird auf Otto Waalkes, Didi Hallervorden, Christoph Maria Herbst und Heinz Erhardt verwiesen. Das stimmt bei dem Letztgenannten mit Sicherheit nicht, denn er war bereits zu Zeiten seiner Fernsehkarriere einer der großen Stars der Kino-Filmkomödien der 1950er und -60er-Jahre. Diesen Fauxpas bügeln die Autoren bei den Großen Filmkomikern aus; hier widmen sie Heinz Erhardt gleich mehrere Seiten (S. 119ff.).

Für Kinder und Jugendliche gibt es bei den Großen Filmkomikern außer Charlie Chaplin kaum Identifikationsfiguren oder Idole – vergleichbar zu anderen Filmgenres wie Action und Abenteuer mit Stars und Protagonisten in ihren unendlichen Heldenreisen. Über das Filmpublikum wird überhaupt nur sehr wenig geschrieben; um sie geht es in diesem Buch ja auch nicht. An einer Stelle findet sich jedoch eine zu pauschale Aussage: "Sprachen in der Vergangenheit die Filmkomödie hauptsächlich die Mittelschicht der erwachsenen Geldverdiener an, so verschob sich spätestens mit dem Aufkommen der Multiplexe in den 1980er Jahren und ihrem jugendlichen Publikum der Akzent auf diese einträgliche Besuchergruppe" (S. 13).

Auch hier korrigieren sich die Autoren später bei den "Besten Komödienregisseuren". Denn es gab bereits zwanzig Jahre zuvor eine von Filmkomödien beeinflusste Jugendkultur. So werden Richard Lester und seine Beatles-Filme genannt, die eine völlig neue Art des Musikfilms darstellten und damit international riesige Erfolge erzielten: "Die unkonventionelle Verquickung von dokumentarischen Sequenzen, Slapstick-Intermezzos, schrägen Kameraperspektiven und surrealen Bildmontagen war die ideale Form, um das Lebensgefühl der gegen das Establishment rebellierenden jungen Generation in ein treffendes Zeitgeistdokument der 1960er Jahre umzusetzen" (S. 368). Eine solche direkte Wirkung der Kinoleinwand auf Jugendliche im Publikum, auf ihren Lebensstil und ihre Lebensziele, haben andere Filmkomödien bis heute nicht gehabt.

Fazit

Die Kunst der Filmkomödie ergänzt in idealer Weise die auf dem Markt vorhandenen Fachpublikationen. Hobsch und Stadler präsentieren eine subjektive Sicht auf das Genre, orientiert an filmhistorisch gesicherten Fakten. Ohne übersteigerte Interpretationssucht geschrieben, animieren die Autoren geradezu, sich die Filme anzusehen, die man noch nicht kennt und über die man bislang nur gelesen hat. Und das ist mehr, als manches Film-Fachbuch zu leisten vermag. Auf den Folgeband 2, Die eintausend besten Filmkomödien, darf man gespannt sein. Eintausend!? Weniger wäre vielleicht mehr. 

Newsletter