von Leon Werth

Dass es sich bei Michael Endes Texten um All-Age-Literatur handelt, ist noch längst nicht Konsens geworden. Lesende wie Forschende der Literaturwissenschaft verorten sie nach wie vor in der literarischen Kinderecke. Mit Michael Ende neu entdecken gibt Hans-Heino Ewers einen Überblick über Themen und Motive, die erst bei der Re-Lektüre auffallen, und bestätigt das hermeneutische Potenzial in Endes Texten.              

Ewers, Hans-Heino: Michael Ende neu entdecken.
Was Jim Knopf, Momo und Die Unendliche Geschichte Erwachsenen zu sagen haben.
Alfred Kröner Verlag, Stuttgart, 2018
280 S., 16,90 Euro
ISBN  978-3-520-51601-5

Inhalt

Aus hermeneutischer Perspektive ist das Lesen eines Textes an ein bestimmtes Vorwissen gebunden, das sich durch Erfahrung weiterbildet. So erweitern sich Vorverständnis und Textverständnis mit der wiederholten Lektüre in Form einer unendlichen Spirale. Dieses Verständnis nimmt Ewers als Ausgangspunkt, sich Michael Endes Bücher Jim Knopf, Momo und Die unendliche Geschichte noch einmal vorzunehmen und ihr unerschöpfliches Deutungspotenzial zu belegen. Mit der Aufforderung an Erwachsene, es ihm gleich zu tun, versammelt er etablierte und neue Interpretationsansätze. Einen übergreifenden Punkt bilden gattungstheoretische Überlegungen und die Betrachtung des Mythischen in allen drei Texten. 

Kritik

Die Geschichten um Jim Knopf vergleicht Ewers mit dem Feenmärchen der literarischen Romantik. Er arbeitet detailliert heraus, welche Merkmale mit denen des Feenmärchens übereinstimmen und wann mit dieser Gattungstradition gespielt wird, etwa in der Form der Satire oder der Travestie. Das Mythische setzt Ewers hier in einen Zusammenhang zum technischen Fortschritt der Moderne: Ersteres werde zunächst aufgehoben, indem z. B. der Lokomotivführer Lukas viele Probleme durch seinen Ideenreichtum und sein handwerkliches Geschick löse. Am Ende greife dann aber doch wieder das Mythische in den Handlungsverlauf ein, wenn der Goldene Drache der Weisheit Jims Herkunft enthülle. Sehr interessant sind Ewers' Ausführungen zu Intertextualität und Antirassismus. So bezieht er sich auf Julia Voss’ Auseinandersetzungen mit Jim Knopf, dessen realem Vorbild Jemmy Button und dem gleichnamigen fiktionalen Prätext von Benjamin Subercaseaux. Die von ihr untersuchten expliziten Anspielungen auf die nationalsozialistische Rassenlehre (z. B. das Verbot für .nicht-reinrassige Drachen', die Drachenstadt zu betreten) erweitert er beispielsweise um die "politische Botschaft" (Ewers, S. 34), die der Scheinriese Tur Tur verkörpere: Die Eigenschaft der Gestalt, die aus der Ferne riesenhaft erscheine und erst mit Annäherung auf die Größe eines Menschen schrumpfe,  symbolisiere die  "Überwindung rassistischer Einstellungen durch ein mutiges Aufeinander-Zugehen" (ebd., S. 35).

Die traditionelle gesellschaftskritische Auslegung des Märchenromans Momo erweitert Ewers ebenso um das Element des Mythischen: Die Figur Momo sei "zwar eine reale, aber doch keine realistisch gezeichnete Figur" (ebd., S. 61). Als Zuhörerin trage sie dazu bei, dass ihre Mitmenschen, die das Amphitheater aufsuchen, selbst eine Lösung für ihre Probleme finden. Somit könne sie als Muse oder Geniusfigur bezeichnet werden. Sehr interessant ist Ewers' Analyse der grauen Herren. Er konstatiert, dass es sich bei ihnen zwar um phantastische Wesen handele, die das neue Gesellschaftssystem im Roman nicht nur repräsentieren, sondern auch durchsetzen würden. Als "abhängige Angestellte" (ebd., S. 88) stünden sie jedoch keineswegs über diesem System. Sehr stark entfaltet Ewers die These, dass es sich bei ihnen um Produkte der menschlichen Phantasie bzw. des Unbewussten handelt. Während er sie einer "gesellschaftlichen Mythologie" (ebd., S. 102) zuordnet, seien Meister Hora und sein Nirgend-Haus als Allegorie der Zeit, deren Wesen Momo hinterfrage, der Teil einer "philosophischen Mythologie" (ebd., S. 103). Ewers analysiert die Funktionen einzelner Kapitel für den Handlungsverlauf des Märchenromans. Zudem macht er deutlich, dass Momo nicht als politische Aktivistin handele. Vielmehr sei ihr Anliegen die Rettung der Personen aus ihrem engeren, privaten Umfeld. Anhand der allmählichen Verdrängung des Phantasiespiels der Kinder belegt Ewers eine möglicherweise intendierte Kritik an den Lernspielen der Reformpädagogik. Dem stellt er die These entgegen, dass Momo vielleicht doch gar nicht so weit von den belehrenden Texten eines Bertold Brecht entfernt ist.

Besonders hervorzuheben ist Ewers' Bruch mit dem Gros an entwicklungspsychologischen Auslegungen der Unendlichen Geschichte. Dass es sich bei Bastians Reise nach Phantásien eben nicht um einen wie auch immer ausgetragenen Entwicklungsprozess vom schüchternen Außenseiter zum selbstbewussten Teenager handele, macht Ewers z. B. daran fest, dass ein selbstbewussteres Verhalten den anderen Kindern aus seiner Klasse gegenüber gar nicht mehr thematisiert werde. Primär geht Ewers der Frage nach, welche Voraussetzungen Bastian dazu mitbringen muss, um Phantásien retten zu können. Er befasst sich eingehend mit der Charakterisierung Bastians als Außenseiter mit einer starken Einbildungskraft, dessen Lektürevorlieben dem Wirklichkeitsanspruch der sozialrealistischen Literatur widersprächen. An einigen Stellen wirken Ewers' Ausführungen eher wie das Zusammentragen bereits etablierter Interpretationsansätze. So kombiniert er in seiner Beschäftigung mit den Ebenen der Fiktion das von Hajna Stoyan analysierte 'Buch-im-Buch'-Motiv mit Martin Götzes wirkungsästhetischen Ergebnissen zum Verhältnis von Text und Leser Bastian. Schon Götze stellt Phantásien als Produkt von Bastians Einbildungskraft heraus, das im Leseprozess entstehe. Wenn aber bei Ewers vom 'Akt des Lesens' die Rede ist, wird eine wirkungsästhetische Auslegung des Textes nur angedeutet und nicht explizit erwähnt. Bastians schwindendes Fiktionalitätsbewusstsein und das Element der Metafiktion sind relevante Aspekte, die jedoch auch schon von Stoyan, Götze und Linda Müller behandelt wurden. Als Eigenverdienst darf hier gelten, dass er diese Elemente plausibel in sein Konzept des Mythischen integriert: Mit der Unendlichen Geschichte als Buch seien die phantásischen Mythen bereits festgeschrieben und somit vom Aussterben bedroht. Erst durch den Leser Bastian würden die Mythen wiederbelebt und schließlich fortgesetzt. Statt diese wirkungsästhetische Perspektive weiterzuverfolgen, interpretiert Ewers den zweiten Teil des Romans zwar etwas einseitig, aber doch schlüssig als bloßen Traum. Schon Linda Müller hat sich in ihrer Dissertation Einmal Phantásien und zurück mithilfe von C. G. Jungs tiefenpsychologischen Erkenntnissen einzelnen Beispielen gewidmet. Ewers geht weiter und vereint alle Etappen von Bastians Aufenthalt in Phantásien unter dieser Lesart. Bedauerlicherweise wird Müllers Arbeit mit keinem Wort erwähnt, sondern bereits vorher in einem kurzen Überblick über die Rezeption der Unendlichen Geschichte als bloße Wiedergabe von bereits Bekanntem diskreditiert. Ewers' Auslegung der Held-Hynreck-Episode als "Satire auf das mittelalterliche Ritterwesen" (ebd., S. 206) und seine These, dass schon Bastians Einschreibung in die Unendliche Geschichte und seine Rolle als Retter Phantásiens auf seine Hybris zurückzuführen seien, sind hingegen sehr erfrischend.

Der interessanteste Aspekt, den Ewers liefert, ist das deus ex machina-Moment in allen drei Geschichten: Seiner meiner Meinung nach vertraue Ende nicht mehr auf die Selbstbefreiung des Menschen aus seinen Konflikten, sondern löse die Handlung stets durch Hilfe von außen auf: Jim Knopf verfalle durch den Auftritt des Goldenen Drachen wieder dem Mythos. In Momo sei es Meister Hora, der am Ende doch ins Geschehen eingreifen müsse. Und auch Bastian in der Unendlichen Geschichte werde nur durch Atréju und Fuchur errettet. In seinem Schlusswort macht Ewers deutlich, dass die Analyse und die Auslegung von Michael Endes Texten keinesfalls abgeschlossen seien. Seinem Wunsch nach einer Michael-Ende-Forschung kann nur zugestimmt werden.

Hauptkritikpunkt an Ewers' Argumentationsstil ist die Verabsolutierung seiner Standpunkte. Durch die Nutzung von Pronomina in der ersten Person Plural für ein "gemeinschaftliches Vorgehen und Erkunden" (ebd., S. 16) der Texte nimmt er sich ohne Weiteres heraus, dass auch die Lesenden immer seiner Meinung sind. Auch gelingt es ihm nicht ganz, seinem Anspruch entsprechend allgemeinverständlich zu schreiben. An einigen Stellen ist das Lesepublikum sicherlich mit der Häufung wissenschaftlicher Ausdrücke überfordert, an anderen Stellen würden Fachbegriffe wie 'Primär'- und 'Sekundärwelt' mit kurzer Erläuterung für ein besseres Verständnis sorgen. Für eine reine Wissenschaftlichkeit ist wiederum der Aufbau der Monografie etwas zu unstrukturiert: Aus dem Inhaltsverzeichnis geht nicht wirklich hervor, mit welchen Themen sich Ewers in den jeweiligen Kapiteln beschäftigt. Abgesehen von dem Ziel, "den grundlegenden Charakter der drei Hauptwerke Michael Endes, deren Grundmuster und primäre Aussageintention […] herauszuarbeiten" (ebd., S. 15), fehlt eine klare These. Somit wirken die Themen, die den Verständnishorizont von Erwachsenen erweitern sollen, oftmals wie eher willkürlich gewählte Aspekte. In seinen Ausführungen spielt Ewers mehrfach auf die Wirkungsästhetik Wolfgang Isers, auf luzide Träume und die 'possible worlds theory' an, die u. a. von Marie-Laure Ryan für die Literaturwissenschaft fruchtbar gemacht wurde, ohne diese Begriffe und Namen zu nennen. Literaturhinweise am Ende des Buches bieten eine gute Forschungsgrundlage. Die Verlegung des Fußnotenapparates an das Ende des Buches erleichtert die Lektüre für die Allgemeinheit, wissenschaftlich Interessierten hingegen beschert sie ein unnötiges Hin- und Herblättern. Liest sich eine Person nämlich doch einmal die Fußnoten durch, stößt sie ­­­auf grenzwertige Formulierungen: Das behauptete mütterliche Verhalten von Bastians Vater mit dem Essenkochen und der Erfüllung körperlicher Nähe zu begründen, kann durchaus als sexistische Bemerkung aufgefasst werden.

Fazit

Ewers liefert mit seiner Monografie einen wichtigen Beitrag dazu, Michael Endes Texte auch Erwachsenen ins Gedächtnis zu rufen. Mit der Verneinung einer entwicklungspsychologischen Auslegung der Unendlichen Geschichte, seiner gattungstheoretischen Überlegungen zu Momo und Jim Knopf und dem frischen Aspekt des Mythischen belegt Ewers das hermeneutische Potenzial in Michael Endes Texten; das womöglich nie endende Verstehen und Neuverstehen seiner Geschichten. Trotzdem verabsolutiert Ewers einige Standpunkte, was einem erstrebenswerten Methodenpluralismus schadet, und er bedient sich durchaus etablierter Interpretationen. Als populärwissenschaftlicher Streifzug verstanden lässt sich der Aufbau der Monografie nachvollziehen. Für die angestrebte Allgemeinverständlichkeit weist sie jedoch eine zu starke sprachliche Komplexität auf. Michael Ende neu entdecken sollte sich dementsprechend entscheiden, ob es rein wissenschaftlich sein will oder doch ein breiteres Publikum ansprechen möchte; ob es nur die bewährten Hauptintentionen der Texte versammelt oder doch etwas Neues vorbringt. Schließlich stellt sich noch die Frage, ob nicht auch schon junge Lesende dazu imstande sind, einige der primären Aussagen aus Endes Texten herauszulesen.


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