von Kirsten Kumschlies

Was kann alles als modernes Märchen gelten? Inwiefern spiegelt sich die klassische Märchenerzählung in aktuellen Medienformaten der Populärkultur? Maren Conrad greift ein virulentes und spannendes Thema auf und legt einen bunt-heterogenen Sammelband vor, der nur zum Teil Antwort auf diese Fragen liefert, aber höchst interessante Gegenstände in den Blick nimmt. Diese reichen von Game of Thrones über populäre Disneyfilme bis hin zu den Topmodel-Sammelheften.

Conrad, Maren (Hrsg.): Moderne Märchen. Populäre Variationen in jugendkulturellen Literatur- und Medienformaten der Gegenwart.

Würzburg: Könighausen & Neumann 2020.

262 Seiten, 38,00 €

ISBN 978-3-8260-6802-7.

Inhalt

Der 2020 bei Könighausen & Neumann erschienene und von Maren Conrad herausgegebene Sammelband ist aus einer Ringvorlesung hervorgegangen, die unter Leitung der Herausgeberin im Sommersemester 2018 an der Friedrich Alexander-Universität-Nürnberg-Erlangen veranstaltet wurde. Als "Anliegen aller Beiträge", deklariert Conrad in der Einleitung,

"sowohl die historischen Ursprünge und Kernnarrationen der klassischen Märchen als auch für diese Texte entwickelten, wesentlichen literaturwissenschaftlichen Theorien zur Märchenanalyse aufzugreifen und für moderne Texte und Medienformate, die wesentlich auf Märchenstrukturen und -motive rekurrieren, neu nutzbar zu machen." (S. 9)

Ausgehend von der Prämisse, dass Märchen auch im Medienzeitalter noch allgegenwärtig sind, versammelt der Band sehr heterogene Ansätze, die Gender Studies, Ecocriticism, Psychoanalyse, Mediensemiotik und Literaturtheorie vereinen. Struktur in diese Heterogenität zu bringen, versucht die Herausgeberin, indem sie den Band in folgende Teilkapitel gliedert: Neue Märchenformate: Serialisierung und Interaktivität, Engagierte Märchen: Ökologie und Diversität, Moderne Held*innen: Geschlechterrollen, Traditionelle Themen neu erzählt: Glaube und Tod.

Kritik

Die Heterogenität sei zum Ausgangspunkt der Kritik genommen. Conrads Sammelband versammelt sehr lesenswerte und spannende Einzelanalysen. Die Zusammenstellung wirkt aber sehr divers, um nicht zu sagen beinahe willkürlich. Einziges Bindeglied der Beiträge ist, dass sich alle Analysen auf das Motiv der Heldenreise beziehen, das allen hier verhandelten "modernen Märchen" als Strukturmoment innewohnt. Doch gehen wir einen Schritt zurück und fragen: Was sind denn nun moderne Märchen? Eine abschließende Antwort bleibt der Band schuldig. Jedoch zeigt er, inwiefern die von Conrad in der Einleitung angesprochene und oben zitierten Theorien der Märchenanalyse auf moderne Erzählungen und Medienformate angewendet werden können. Das meint in diesem Band vor allem die Märchenanalyse Propps, mit der ein Großteil der Artikel arbeitet. Bettelheims psychoanalytischer Zugriff auf Märchenanalysen kommt (bedauerlicherweise) nicht zum Zuge.

Unter der Überschrift "Neue Märchenformate: Serialisierung und Interaktivität" verhandelt Stefan Tetzlaff den Bezug von Märchen und Superheldencomics und stellt den grundlegenden Unterschied insofern heraus, da das Märchen nicht auf Serialität zielt, der Superheldencomic indes schon. Matthias Kandziora nimmt die Serie Game of Thrones mithilfe der Morphologie des Märchens nach Propp in den Blick. Er kommt zu dem Schluss, dass es sich um ein modernes Märchen handelt, "das vornehmlich für Erwachsene bestimmt ist" (S. 65). Die Figuren sind komplexer als im klassischen Märchen konzipiert. Auf der Grundlage seiner Analyse erklärt der Autor Erfolg und Popularität damit, "weil es Teil einer Sublimierung ist" (ebd.).

Zuletzt vergleicht Martin Henning klassische Märchen mit ihren interaktiven Adaptionen. Der Beitrag geht der Frage nach, "in welcher Weise Computerspiele Märchenmotive verarbeiten, in welcher Relation die daraus resultierende Wertevermittlung zu derjenigen der Ursprungstexte steht, und was für Funktionen Märchenstrukturen im interaktiven Medium insgesamt erfüllen" (S. 71). Er zeigt, "dass Computerspiele als bedeutsame Teile kultureller Selbstproduktion aufzufassen sind, mit Hilfe derer Kultur für ihre Mitglieder verhandelbar wird" (S. 94).

Es folgt ein Abschnitt zu sogenannten engagierten Märchen: "Ökologie und Diversität". Hier arbeitet Stefanie John Bezüge zwischen Naturwelt und Tierfiguren in Animationsfilmen heraus. Analysegegenstände sind die Filme Findet Nemo und WALL-E: Beide Filme, so John,  "verdanken ihre Popularität ihren traditionellen, an bekannte Märchennarrative angelehnten Erzählstrukturen und dem innovativen Einsatz der massentauglichen Animationsästhetik, aber auch ihrer ökokritischen Brisanz – was sie zu "Modernen Märchen" macht" (S. 102). Denn sie "entwerfen romantisch-märchenhafte Handlungsverläufe und verknüpfen diese mit umweltpolitischen Fragen unserer Zeit" (S. 103). Unter Rekurs auf die Theorie des Ecocriticism arbeitet sie heraus, inwiefern die Filme "dringende ökologische Anliegen" (S. 121) thematisieren und schreibt am Ende treffend: "Zweifellos war es genau die Kombination aus Ökokritik, familientauglichem Unterhaltungspotenzial und einer innovativen Ästhetik, die den kommerziellen Erfolg und die positiven Kritiken beider Filme wesentlich beeinflusste" (S. 121).

Weiterhin wendet sich Espinoza Garrido in diesem Abschnitt mit Minstreltradition bzw. "rassistischen Repräsentationsmechanismen" (S. 127), bei denen Weiße stereotyp Menschen anderer Hautfarbe darstellen, und Selbstzitat bei Disney einem sehr speziellen Thema zu und zeigt, dass "die Film- wie auch die Konzerngeschichte Disneys weit über ihre Frühphase hinaus eng mit der Repräsentationslogik rassistischer Minstrelshows verwoben" (S. 149) ist – ein politisch durchaus brisantes Ergebnis.

Ebenso politisch geht es weiter, denn es folgt eine wieder durch zwei Beiträge getragene Zusammenschau auf "Moderne Held*innen: Geschlechterrollen". Sarah Maaß wagt einen Blick in die aktuelle Populärkultur, die gegenwärtig in viele Mädchen-Kinderzimmer eingewandert ist. "Anhand der symbolischen Figuren des Topmodels und der Prinzessin wird die Genderstrukturierung gegenwärtiger weiblicher Subjektivierungsdispositive sowie ihr Anteil an der „Desartikulation“ des Feminismus herausgearbeitet" (S. 160). Hervorzuheben ist, dass ihre Analyse nicht einer einfachen Abwertung und Zuschreibung solcher Formate als Teil von Trivialisierungsprozessen folgt. Ihr Blick geht tiefer, wenn sie resümiert: "Im Sinne eines Phantasmas ermächtigter Weiblichkeit sind Prinzessin und Topmodel bzw. ihr Kombinat als Motor für weibliche Subjektivierungsprozesse zu begreifen, der seine Funktionalität v.a. innerhalb der normalistischen Logik Castingshows entfaltet" (S. 172).

Hernach untersucht Karina Brehm die Gleichstellung und Geschlechterrollen in der schwedischen Kinder- und Jugendliteratur, speziell im Bilderbuch. Sie verweist auf Gleichstellungsprinzipien, die schon in schwedischen Kindergärten zum Tragen kommen. Die Autorin bezieht sich auf eine Fülle von schwedischen Kinder- und Bilderbüchern und kommt zu dem Ergebnis: "In der schwedischen Kinder- und Jugendliteratur begegnen uns freche Mädchen und sanfte Jungs, mutige Prinzessinnen, die Prinzen retten, fußballspielende Mädchen mit Kopftuch, Jungs in Tutus, Mädchen als Erfinderinnen und Kinder aus den verschiedensten Familienkonstellationen und kulturellen Hintergründen" (S. 205). Das alles ist höchst lesenswert, doch der Bezug zu modernen Märchen geht hier mehr und mehr verloren. Zwar folgt ganz am Ende noch eine Analogisierung der vorgestellten Bücher mit Märchentexten, indem diese als "Nachfolger des traditionellen Märchens" (S. 206) aufgefasst werden. Ganz überzeugend ist dieser nachgeschobene Bezug aber nicht.

Dasselbe gilt für den nachfolgenden Artikel, der in den letzten Abschnitt eingeordnet ist: "Traditionelle Themen neu erzählt: Glaube und Tod". Nun analysiert Manuel Illi Sektenerzählungen in der gegenwärtigen Kinder- und Jugendliteratur. Er tangiert damit ein spannendes Sujet, das unbedingt in das Aufgabenfeld der Kinder- und Jugendliteraturforschung gehört. Seine Kategorisierung des Gegenstands ist durchweg überzeugend. Doch allein die Rechtfertigung darüber, dass die Analyse der Sekten-Erzählungen an Propps Märchenanalyse angelehnt ist, genügt nicht, um hier von "modernen Märchen" zu sprechen. Vielmehr können die hier verhandelten Texte als realistisch-problemorientiert bezeichnet werden: Das blaue Mädchen von Monika Feth, Und plötzlich bist du jemand anders von Christian Tielmann und Dschihad Calling von Christian Linker. Der Rekurs auf Propp wird aber am Ende des Beitrags auch nicht wieder aufgenommen, was im Grunde konsequent ist, weil er in der Analyse ja auch nicht bemüht wurde. Der Aufsatz mutet so wie ein Fremdkörper im Band an. Das ist beim letzten Beitrag von Patrick Graur wieder anders. Sein Artikel "Tod und Sterben – Erinnern und Erzählen. Tendenzen aktueller Märchenfilme am Beispiel von Sieben Minuten nach Mitternacht und Kubo" fasst "Tod und Sterben als Grundkonstanten märchenhaften Erzählens" (S. 237) auf. Graur arbeitet heraus, dass der Tod im Märchen stets die Funktion der Mangelsituation am Anfang einnehme, aber nicht Teil der Heldenreise ist, so entstehe eine im Sinne Lüthis flächenhafte Sichtweise auf den Tod. Beide von Gaur analysierten Jugendfilme zeigen "Tendenzen aktueller märchenmotivierter Stoffe" (S. 242). Die Erzählweise klassischer Märchen wird thematisiert und so dekonstruiert. Damit erscheint die Geschichte Conors aus Sieben Minuten nach Mitternacht als modernes Märchen, als intermediale Art des Erzählens.

Ein zusammenführender Artikel, der die Beiträge nochmal bündelt und in Beziehung zueinander setzt und vor allem definitorische Grundlagen liefert, wäre bereichernd gewesen – allerdings sei angemerkt, dass ein solcher Beitrag ja grundsätzlich in Tagungs- und Vorlesungsbänden fehlt bzw. eine Seltenheit ist.

Fazit

Der Bezug zur Heldenreise ist der Kitt, der die Artikel zusammenhält, allerdings in den Aufsätzen von Brehm und Illi brüchig wird, was den Wert der Einzelarbeiten nicht schmälert. Wer eine theoretisch fundierte Zusammenschau auf moderne Märchen erwartet, wird bei der Lektüre des Bandes enttäuscht. Wer feinsinnige Einzelanalysen zu den ausgewählten Gegenständen sucht, beispielsweise im Kontext einer Haus- oder Abschlussarbeit in Literatur- und/oder Medienwissenschaft, der wiederum macht einen großen Gewinn mit dem Sammelband.

Wünschenswert wäre ein Autorenverzeichnis mit biographischen Informationen zu den einzelnen Beiträgerinnen und Beiträgern gewesen.

                                                                                                                                                                                                                                                                                                   Erstveröffentlichung: 11.11.2020


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