von Anna Patrucco Becchi

In diesem Band werden sechs Klassiker der kinderliterarischen Phantastik, die in den Nachkriegsjahrzehnten aus dem Englischen oder Französischen ins Deutsche übersetzt worden sind, aus literatur- und übersetzungswissenschaftlicher Sicht eingehend analysiert. Dabei gilt es auszumachen, ob die Mehrdeutigkeit des Originals, die den Text zugleich für Kinder und Erwachsene attraktiv macht, auch in der deutschen Übersetzung bewahrt wurde. Dies gibt Aufschluss über historische Kindheits- und Literaturvorstellungen, kinderliterarische und übersetzerische Normen, kulturelle Kontexte und den Umgang mit Kinderliteratur.

  

Blümer, Agnes: Mehrdeutigkeit übersetzen. Englische und französische Kinderliteraturklassiker der Nachkriegszeit in deutscher Übertragung. 
(=Kinder- und Jugendkultur,  -literatur und -medien. Bd. 106). Peter Lang, Frankfurt a.M., 2016.
434 Seiten. 76,95 €.
ISBN 978-3-631-6724-8.

   

 

Inhalt

Die Publikation präsentiert sich zwar im Titel als übersetzungswissenschaftliche Abhandlung, fokussiert aber auch zwei weitere Themenbereiche: das altersübergreifende Schreiben und die Phantastik. Der erste Teil bildet die theoretische Grundlage zu den Übersetzungsanalysen, die im zweiten Teil folgen, und legt die unterschiedlichen Theorien zu den drei eben genannten Themen dar. Im zweiten Teil wird dann anhand von Fallstudien der Frage nachgegangen, inwiefern die deutschen Übersetzungen aus den 1950er und 1960er Jahre die ursprüngliche Mehrfachadressiertheit von phantastischen Texten respektiert haben. Analysiert werden folgende sechs Klassiker: The Borrowers von Mary Norton (1952), Tom’s Midnight Garden von Philippa Pearce (1958), Tistou les pouces verts von Maurice Druon (1957), A Wringle in Time von Madeleine L’Engle (1962), Where the Wild Things Are von Maurice Sendak (1963) und Conte numéro 1 von Eugène Ionesco und Etienne Delessert (1968). Nach einer kurzen Charakterisierung jedes Werkes hinsichtlich seiner phantastischen Merkmale, einigen biobibliographischen Angaben zur Autorin bzw. zum Autor und Informationen zu den Ausgaben und Übersetzungen, erfolgt eine eingehende Analyse der deutschen Übersetzungen. Ging die Autorin vor Beginn ihrer Arbeit davon aus, dass die von der Theorie des 'guten Jugendbuchs' geprägte deutsche Kinderbuchkultur der Nachkriegszeit, welche die Mehrdeutigkeit kinderliterarischer Texte als wenig kindgemäß ansah, zu einer Tilgung zusätzlicher Bedeutungsebenen für erfahrene Leserinnen und Leser geführt habe, so kommt sie am Ende ihrer Analyse zu einem davon etwas abweichenden Schluss: In den meisten von ihr präsentierten Fällen konnte sie nur noch eine Abschwächung der Doppelsinnigkeit feststellen. Außerdem geht aus ihrer Analyse klar hervor, dass Doppelsinnigkeit auch zeitgebunden ist und verblassen kann. Anspielungen auf den politischen und gesellschaftlichen zeitgenössischen Kontext eines Werkes werden mit der Zeit auch im Original weniger offensichtlich und brauchen eine Rekontextualisierung, um wieder aufgedeckt zu werden (S. 371-382).

Kritik

Der erste Teil des Buches ist in drei Kapitel gegliedert. Im ersten Kapitel geht es um die Frage der Mehrfachadressiertheit von bestimmter Kinder- und Jugendliteratur, die in der Fachliteratur breit diskutiert wurde und in den letzten Jahren zur Bildung eines neuen Begriffs geführt hat: der Crossvover- oder All-Age-Literatur. Die Autorin erläutert hier einige der wichtigsten wissenschaftlichen Ansätze, angefangen von dem der israelischen Professorin Zohar Shavit, die von ambivalenten Texten für mindestens zwei intendierten Lesegruppen (Kindern und Erwachsenen) spricht (S. 23 f.). Danach geht sie auf die Unterscheidung der Australierin Barbara Wall zwischen "single address" (der Text ist nur an Kinder adressiert), "double address"(der Text ist sowohl an Kinder als auch - offen oder verdeckt - an Erwachsene adressiert) und "dual address" (der Text nimmt beide Lesergruppen gleich ernst und spricht auf unterschiedliche Weise beide an) ein (S. 24 f.). Besprochen wird anschließend Hans Heino Ewers Unterscheidung zwischen Erwachsenen als "Mitlesern" und Erwachsenen als "eigentlichen" Leser von Kinder- und Jugendliteratur und seine Auffassung der Kinder und Jugendliteratur als "Vermittlerliteratur" sowie sein Konzept der Doppelsinnigkeit (S. 25-30). Um allzu strikten Dichotomien zu entgehen, schlägt Emer O' Sullivan dagegen vor, von Mehrfachadressiertheit zu sprechen und somit die Vielfalt von Leserrollen im kinderliterarischen Kommunikationsprozess angemessen zu beachten. Dies erlaubt z. B. auch erwachsene Leser zu berücksichtigen, die ein kindliches Vergnügen am Text haben wollen oder eine nostalgische Lesart annehmen. Laut der Autorin bietet O' Sullivan zudem anhand von Übersetzungsanalysen "bis jetzt den einzigen überzeugenden theoretischen Zugang zur Übersetzung von Mehrfachadressiertheit bzw. Doppelsinnigkeit" (S. 33). Abschließend werden die Begriffe Crossvover- oder All-Age-Literatur erläutert, um dann im nächsten Kapitel zum Thema Phantastik überzugehen.

Da die bekanntesten mehrdeutigen Texte der Kinder- und Jugendliteratur zur Gattung der Phantastik gehören, verspricht sich die Autorin von der Untersuchung dieser Aufschluss über die Doppelsinnigkeit im Allgemeinen. Zunächst fragt sie sich, ob Phantastiktheorien, wie etwa die von Todorov, die Phantastik "als die Unschlüssigkeit angesichts des übernatürlichen Phänomens - als den Zweifel, ob man dieses als real erklärt oder als phantastisch hinnimmt" (S.52) auffassen, auch an kinderliterarischen Texten anwendbar sind. Wie Ewers aber festgestellt hat, verhält es sich in solchen Texten anders. Hier ist es vielmehr so, dass die Kinder Träger der phantastischen und die Erwachsenen der rationalen Weltsicht sind. Außer Zweifel ist aber, dass das metaphorische Potenzial der Phantastik Raum für Doppelsinnigkeit und verschiedene Interpretationsmöglichkeiten bietet.

Das dritte Kapitel gibt einen Überblick über die verschiedenen Theorien literarischen Übersetzens von Hieronymus bis zur Gegenwart und widmet sich verstärkt den Theorien des kinderliterarischen Übersetzens, die sich relativ spät entwickelt haben: Erwähnt werden u. a. die klassischen Arbeiten von Göte Klingberg, Zohar Shavit, Riitta Oittinen und Emer O' Sullivan. Zudem wird darüber hinaus auf eine sehr umfassende Bibliographie verwiesen. Das ewige Dilemma zwischen Freiheit oder Treue der Übersetzung gegenüber dem Original, bzw. Ausgangssprachen- oder Zielsprachenorientierung, verfremdendem oder einbürgerndem Übersetzen, prägt die Diskussion auch im kinderliterarischen Bereich. Von besonderer Bedeutung ist aber auch die Polysystemtheorie, wonach zielkulturelle Normen den Übersetzungsprozess steuern. Für die in diesem Buch diskutierten Fälle der deutschen Nachkriegszeit, die von Internationalisierung und der Theorie des "guten Jugendbuches" geprägt war, vermutet die Autorin z. B. einen Einfluss von außerliterarischen Faktoren wie das Bemühen um Völkerverständigung und der Einbezug von entwicklungspsychologischen Erkenntnissen auf die Entstehung der Zieltexte (S. 78).

Aus der Besprechung der unterschiedlichen Theorien - vom sehr umstrittenen Ansatz Riitte Oittinens, in dem die kindlichen Zielsprachen-Lesenden so sehr in den Mittelpunkt gerückt werden, dass auch starke Eingriffe in den Text gerechtfertigt werden und der Übersetzer quasi zu einem Autor wird, und der verwandten Skopos-Theorie von Hans J. Vermeer bis zur narratologisch orientierten Übersetzungstheorie Emer O' Sullivans - geht klar hervor, dass in der Übersetzung von Kinderliteratur die Rezipientenorientierung vermehrt sprachliche, stilistische und kulturelle Adaptionen, sogenannte Shifts, als zulässig erscheinen lässt. Solche sollten nach der Autorin jedoch "nicht nur negativ als Abweichung von der Kommunikationssituation beurteilt werden, sondern im historischen Kontext gedacht werden, in dem Übersetzungen, die variante Leserrollen gestalten, durchaus erwünscht gewesen sein können". (S. 110)

Im zweiten Teil der Abhandlung wird das bisher Besprochene durch Fallstudien beleuchtet. Zahlreiche Beispiele  regen zum Nachdenken über Gründe und Folgen von Adaptionen im kinderliterarischen Übersetzen an. Es würde hier den Rahmen sprengen, darauf im Einzelnen einzugehen. Dennoch sei betont, wie die Autorin durch ihre punktuelle Analyse sehr anschaulich beweist, dass Abweichungen im Text (auch nur durch Tempus- oder Moduswechsel oder eine andere Zeichensetzung) zu Reduzierungen der Bedeutungsebenen führen können. Zudem können Änderungen von paratextuellen Elementen (wie Titel, Kapitelüberschriften, Cover) ein Buch in eine andere Gattungsrichtung verschieben: von der Phantastik zum Märchen, Abenteuer- oder Science Fiction-Roman. 

Das Buch behandelt zudem den editorischen Umgang mit den Illustrationen, die gewisse Merkmale der Übersetzung noch verstärken können. "Zu makrostrukturellen Auswirkungen auf die verschiedenen Lesarten des Textes" kann es nämlich auch kommen, wenn zwar die Originalillustrationen übernommen, aber selektiert und anders angeordnet werden (S. 266). Besonders bei der Besprechung der Bilderbücher wird deutlich, dass oft nicht allein die Übersetzer dafür verantwortlich sind, dass gewisse Shifts stattfinden.

Allein die Relativierung, wonach Übersetzer nicht fehlerhaft oder fahrlässig handeln, weil sie im Grunde genommen die Normen ihrer Zeit befolgen, kann man nicht partout teilen. Gerade Blümers Arbeit beweist nämlich, dass eine Übersetzung die Stimme des Texts in allen seinen Nuancen wiedergeben sollte und Kinderliteratur der gleiche Respekt wie Erwachsenenliteratur gebührt.

Fazit 

Agnes Blümer hat mit ihrer Abhandlung einen wissenschaftlich Beitrag zur Diskussion über die spezifischen Merkmale der kinderliterarischen Übersetzung und Phantastik geleistet, der auf einer fundierten Recherche gründet und eine wahre Fundgrube an Beispielen darstellt, die sowohl Übersetzungswissenschaftlern als auch Literaturwissenschaftlern wichtige Impulse für ihre weitere Untersuchungen geben kann.

Erstveröffentlichung am 20.11.2020

 

 

 


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