von Benjamin Moldenhauer

Die intuitive Verbindung zwischen Mensch und Pferd ist ein fest etabliertes Motiv im Kinder- und Jugendfilm. In Katja von Garniers Ostwind steht die Freundschaft zwischen einem Mädchen und dem Titelhelden im Zentrum einer Erzählung über Selbstfindung und die Loslösung von der Eltern- und Großelterngeneration. 


Inhalt

Wegen anhaltender Probleme in der Schule wird die eigensinnige Mika (Hanna Binke) von ihren Eltern (Jürgen Vogel und Nina Kronjäger) über den Sommer auf den Reiterhof ihrer Großmutter Maria Kaltenbach (Cornelia Froboess) in Hessen geschickt. Dort soll das vierzehnjährige Mädchen für die Klausur lernen, die sie nach den Ferien nachschreiben muss. Mika fühlt sich auf dem streng geführten Gestüt offensichtlich unwohl und ist vom Landleben gelangweilt. Erst Ostwind, das Pferd, das ihre Großmutter so stark verletzt hat, dass diese nicht mehr reiten konnte, weckt Mikas Interesse. Schnell entsteht eine Bindung zwischen dem Mädchen und dem Tier, das, weil es als undressierbar gilt, sein Leben eingesperrt im Stall verbringen muss.

Bald erfährt Mika, dass Ostwind vom Pferdeschlachter abgeholt werden soll. Gemeinsam mit dem Stallburschen Samuel (Marvin Linke) und dessen Großvater Herr Kaan (Tilo Prückner) beginnt sie, heimlich mit Ostwind für das alljährliche Springreitturnier zu trainieren. Das Training gelingt, Mika kann teilnehmen. Ihre Konkurrentin Michelle gibt ihr allerdings mit einer brennenden Salbe präparierte Gamaschen für Ostwind. Vor dem letzten Hindernis verliert Mika die Kontrolle über das Pferd und wird abgeworfen, Samuel wird von einem Huf am Kopf getroffen und muss ins Krankenhaus.

Verleih: Constantin

Als Mika erfährt, dass der Pferdeschlachter auf dem Weg zum Hof Kaltenbach ist, reitet sie mit Ostwind bis an die Nordsee, zu dem Zeltlager, in dem ihre beste Freundin die Ferien verbringt. Dort wird Ostwind mit Chips und Süßigkeiten gefüttert, bekommt eine Kolik und muss zurück nach Kaltenbach, Mika steht unter Schock und wird ins Hospital gebracht. Dort kommen sie und Manuel dahinter, dass die Gamaschen Ostwinds sabotiert wurden. Mika flüchtet aus dem Krankenhaus und stellt ihre Konkurrentin zur Rede, es klärt sich alles auf.

Doch für das Pferd scheint es bereits zu spät zu sein: Der Pferdeschlachter war bereits da. Todtraurig fährt Mika mit ihren Eltern nach Hause. Sie geraten in einen Stau, Mika rennt zurück auf die Wiese, auf der sie das Reiten gelernt hat. Dort gibt es ein Wiedersehen: Ostwind konnte sich aus dem Pferdetransporter befreien. 

Kritik

Katja von Garniers Film Ostwind beginnt mit einem Prolog, in dem der Titelheld sich aus seinem Stall befreit und in die Weite rennt. Die Kamera fliegt über die Landschaft, und noch bevor die Heldin eingeführt ist, wird so ein zentraler Topos des Films etabliert: Die Wildheit des Pferdes wird assoziiert mit Motiven wie Freiheit und Unbändigkeit. Dass sich gerade Pferde im Kinder- und Jugendfilm besonders gut als Metapher für die Wünsche der weiblichen Hauptfiguren eignen, mag daran liegen, dass der Reiterhof noch immer einen Sehnsuchtsort darstellt, auch in der Welt außerhalb des Kinos. Nun sind insbesondere der psychoanalytisch ausgerichteten Entwicklungspsychologie zu der mädchenhaften Pferdebegeisterung bislang vor allem Erklärungen eingefallen, die das Reiten als insgeheim sexuellen Topos begreifen. Diese Assoziation vermeidet Ostwind und erzählt von einem zuerst nur eigensinnigen Mädchen, das die impliziten Erwartungen der Eltern- wie auch die Großelterngeneration hinter sich lassen muss, um etwas wirklich Eigenes entwickeln zu können. Der Topos der Freiheit wird eingebettet in die Geschichte einer Selbstfindung.


Verleih: Constantin

Der elterliche Auftrag ist unübersehbar: Mikas Eltern, zwei allzu beschäftigte Akademiker, schicken ihre Tochter tatsächlich mit einem Buch über Quantenphysik in den Urlaub. Und die Großmutter, eine preußisch anmutende Matrone mit dem sprechenden Namen Kaltenbach, sieht in dem Mädchen zuerst nicht viel mehr als eine Versagerin, die man disziplinieren und im Zaum halten muss. Die Konstellation hat Familientradition: Die beiden zentralen weiblichen Erwachsenenfiguren sind in strukturell ähnlich verstopften Beziehungen verstrickt wie Mika. Mikas Mutter konnte und wollte den Auftrag ihrer Mutter nicht erfüllen und ist keine Reiterin, sondern Quantenphysikerin geworden. Und so wiederholt sich das Drama gleichsam zwanghaft.

Dass man sich unter diesen Voraussetzungen nicht wachsen kann, liegt auf der Hand. Erst ein alter Mentor, Herr Kaan, fördert Mika in einer Weise, die ihr entspricht. Der Film plädiert ganz offensichtlich nicht für eine Verweigerung von Selbstkontrolle, sondern für die Gleichzeitigkeit von Disziplin und Eigenwillen: Ab dem Moment, in dem Mika weiß, was sie will und braucht, gelingt der Umgang mit den Anforderungen der Welt wie von selbst. Herr Kann lehrt das Mädchen in phantastisch anmutender Geschwindigkeit das Reiten, das hier explizit assoziiert ist mit körperlicher (und damit auch psychischer) Selbstbeherrschung: Auf dem Plan stehen Gleichgewicht, Rhythmus, Koordination und Ausdauer. Reiten fungiert hier als Schule des Lebens, die dem Inbegriff des weltenthobenen Denken – Quantenphysik – dichotom gegenübergestellt ist.

Generell wird diese Entwicklungsgeschichte dem Zuschauer in nicht eben subtiler Weise vermittelt. Implizit bleibt hier wenig. In der Inszenierung der ersten Begegnung zwischen Mika und Ostwind wird von der sich ankündigenden Verbindung zwischen Mensch und Tier noch vor allem mittels Kamera und Schnitt erzählt: Es gibt die inzwischen konventionalisierte Schuss/Gegenschuss-Folge zwischen Mensch und Tier, welche uns in Großaufnahme zwei Augenpaare – ein menschliches und ein tierisches – zeigt, die einander anblicken. Die auf diesem Wege hergestellte Inszenierung eines stummen Einverständnisses zwischen Kind und Tier ist ein im Kinder- und Jugendfilm inzwischen fest etablierter inszenatorischer Topos. Nur über die Blicke deutet die kurze Sequenz bereits die Differenz zwischen Mika und den übrigen Figuren an: Im Gegensatz zu allen anderen sieht das Mädchen das Tier nicht als Objekt, sondern als Gegenüber.

Verleih: Constantin

Von da an aber, und das ein Problem des deutschen Kinos insgesamt, mag der Film seinen Bildern nicht mehr so recht vertrauen, und klärt den Zuschauer fortlaufend darüber auf, wie er das Verhältnis einzuschätzen hat. Was Mika intuitiv gelingt – die Einfühlung in die Ängste und Impulse ihres Gegenübers – wird dem Zuschauer nicht zugetraut; was auf der Leinwand mit genuin filmischen Mitteln erzählt werden könnte, wird ununterbrochen auf der Dialogebene erklärt. Ostwind sei "wie ein Spiegel", "er ist nicht unbrauchbar, weil er nicht so toll ist wie seine Eltern", erklärt Mika. Und natürlich geht es ihr in diesem Punkt ganz genauso. Nur ließe sich dergleichen ohne Weiteres weniger aufdringlich erzählen, auch wachere Achtjährige realisieren (und sei es nur intuitiv), was ein kindgerecht inszenierter Film ihnen zeigen will, ohne, dass man es die Figuren derart explizit aufsagen lassen müsste; und der punktuell allzu offensive Musikeinsatz trägt in dieser Hinsicht sein Übriges bei. Die chronische Unterschätzung des Publikums erstreckt sich auch auf den deutschen Kinder- und Jugendfilm, während beispielsweise US-Produktionen in dieser Hinsicht zunehmend komplexer gedacht und gebaut sind.

Sieht man aber von dem Wie des Erzählten ab und fragt nach dem Was, wird die Geschichte einer Selbstfindung, die nicht ohne Abgrenzung funktionierten kann, in Ostwind konsequent auserzählt. Es endet mit einem emblematischen Bild: Mika springt mit Ostwind unter dem Applaus der Eltern- und Großelterngeneration über ein Hindernis; und sie trägt nicht die allzu enge Reiterinnenkluft, die ihre Großmutter ihr aufnötigen wollte, sondern ihre eigenen Klamotten, Chucks statt Reitstiefel. Die erfolgreiche Harmonisierung von Tradition und Eigensinn, die so etwas wie das ausnahmsweise unausgesprochene Ideal des Films darstellt, gefriert am Ende zu einem Freeze Frame.

Fazit

Ostwind ist ein gelungener Film über die Selbstverortung eines Mädchens, das mit der Erwartungshaltung der vorangegangenen Generationen zurechtkommen muss. Er erzählt seine Geschichte dramaturgisch weitgehend gelungen und einige Nebenfiguren unnötig schematisch wirken. Das Thema des Films, die Notwendigkeit der Abgrenzung und der Wert des Eigensinns während der Adoleszenz, ist vermutlich erst für Mädchen (und eventuell auch einige aufgeschlossene Jungen) ab 12 Jahren interessant; jüngere Zuschauer können sich an sympathischen Charakteren, punktuell spektakulär inszenierten Reitszenen und in sich spannenden Einzelsequenzen erfreuen.

Titel: Ostwind – Zusammen sind wir frei
Originaltitel: Ostwind
Produktionsland: Deutschland
Produktionsjahr: 2013
Dauer: 105 Minuten
Altersfreigabe: Ohne Altersbeschränkung
Erscheinungsdatum (Deutschland): 21.03.2013
Verleih: Constantin
Einspielergebnis: € 4.862.249
Regisseur: Katja von Garnier
Drehbuch: Kristina Magdalena Henn, Lea Schmidbauer
Darsteller: Hanna Höppner, Marvin Linke, Cornelia Froboess, Tilo Prückner, Jürgen Vogel, Nina Kronjäger, Detlev Buck
Kamera: Torsten Breuer
Musik: Annette Focks
Schnitt: Dirk Grau
Produzent: Ewa Karlström, Andreas Ulmke-Smeaton

 


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