von Benjamin Moldenhauer

Die von zahllosen Fans langerwartete Verfilmung des Bestsellers von John Green, einem der interessantesten Jugendbuchautoren zurzeit, ist in die Kinos gekommen. Sie ist, darüber besteht bei Kritik und im Fandom seltene Einigkeit, rundum gelungen.

Inhalt

Die 16-jährige Hazel Grace (Shailene Woodley) ist unheilbar an Lungenkrebs erkrankt. In einer Selbsthilfegruppe lernt sie Augustus Waters (Ansel Elgort) kennen, dem wegen seiner Knochenkrebserkrankung ein Bein amputiert werden musste. Eine Romanze bahnt sich an, Hazel aber bleibt, obwohl schwer verliebt, zurückhaltend, aus Angst, die Menschen, die sie lieben, zu verletzen. Augustus ermöglicht ihr eine Reise nach Amsterdam, gemeinsam mit ihm und ihrer Mutter (Laura Dern) besucht Hazel dort ihren Lieblingsautoren, Peter van Houten (Willem Dafoe), der, wie sie erst später erfährt, in seinem Roman "Ein herrschaftliches Leiden" den Krebstod seiner Tochter verarbeitet hat. Van Houten entpuppt sich als erkalteter Zyniker, der Besuch ist eine Enttäuschung. Zurück im Hotel schlafen Augustus und Hazel miteinander. Kurz darauf erzählt Augustus unter Tränen, dass der Krebs wider Erwarten zurückgekehrt ist. Wieder zu Hause angekommen, verbringt er seine letzten Wochen zusammen mit Hazel. Augustus stirbt, Peter van Houten erscheint auf der Beerdigung. Hazel wirft den Autoren nach einem kurzen Streit aus dem Wagen. Die letzte Einstellung zeigt, wie sie im Garten ihres Elternhauses liegt, in die Sterne schaut und sich in einem inneren Monolog für die "kleine Ewigkeit" bedankt, die sie gemeinsam mit ihrer ersten und wahrscheinlich einzigen großen Liebe erleben durfte.

Kritik

Die Bücher des Autoren John Green, der die literarische Vorlage zu Das Schicksal ist ein mieser Verräter verfasst hat, haben eine inzwischen unüberschaubar große, enthusiastische Fanbase. Einer der Gründe für diesen Erfolg dürften sich im Falle der jugendlichen und der erwachsenen Leser ähneln: Dieser unmittelbar einleuchtende lakonische und zugleich Dringlichkeit evozierende Ton, der bereits den Debütroman Eine wie Alaska und eben auch The Fault in our Stars (so der Originaltitel des Buches) bestimmt, ist in der Literatur nicht allzu häufig zu finden. Die emotionale Direktheit, mit der der Text die ganz großen Themen – die Liebe, den Tod und die Möglichkeit des guten Lebens – anspricht, ohne dabei im Kitsch oder in banaler Postkartenpoesie zu versacken, ist auch für erwachsene Leser beeindruckend.

In der deutschen Literatur- und Filmlandschaft reihen Film und Buch sich in eine Reihe von Texten ein, die von einer unheilbaren Krebskrankheit erzählen. Christoph Schlingensiefs So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein und die gebundene Ausgabe der Texte Wolfgang Herrndorfs, die in seinem Blog "Arbeit und Struktur" erschienen sind, sind Bestseller und werden auch von Jugendlichen gelesen, Andreas Dresens Halt auf freier Strecke, der mit den Mitteln des filmischen Sozialrealismus vom Tod eines Familienvaters erzählt, war 2011 kommerziell überraschend erfolgreich. Es scheint, als ließe sich über die existentiellen Fragen, die die Lebenden umtreiben, am besten in literarisch oder filmisch evozierter Nähe zum Tod sprechen; als würde das unausweichliche Ende für eine Relevanz sorgen, die das Alltägliche nicht mehr zu gewährleisten vermag. Die Gefahr, für die Zwecke der Erzählung Leiden zu instrumentalisieren, ist nicht weit (und es sei zumindest bemerkt, dass alle drei genannten Referenzbeispiele sie, mit unterschiedlichen erzählerischen Mitteln, umschiffen).

Dass es vor diesem Hintergrund auch der Verfilmung von Das Schicksal ist ein mieser Verräter gelingen würde, den unpeinlichen Ton der Vorlage zu treffen, war so klar also nicht. Es ist aber, liest man sich durch die Blogs und Foren der Fans, die in diesen Fragen durchaus das letzte Wort haben, offensichtlich geglückt. Das Drehbuch haben Scott Neustaedter und Michael H. Weber geschrieben, zwei Autoren, die bereits die Skripts für (500) Days of Summer und The Spectacular Now verfasst haben. Wie auch die beiden letztgenannten bedient sich Das Schicksal ist ein mieser Verräter behutsam bei der Ästhetik des US-Independentkinos, vermeidet monumentale Bilder und Gesten und vertraut stattdessen, wie auch die großen Klassiker des US-Jugendfilms, etwa von John Hughes, auf die Glaubwürdigkeit und Ausstrahlungskraft seiner Figuren. Die Dialoge wiederum sind weitgehend aus der bereits äußerst filmisch anmutenden literarischen Vorlage entnommen.

Nur einmal schliddert der Plot nah am Kitsch entlang. Hazel und Augustus besuchen in Amsterdam das Anne-Frank-Haus (ein Museum für ein anderes todgeweihtes Mädchen), Hazel quält sich kurzatmig bis auf den Dachboden hinauf. Oben küssen sich die beiden zum ersten Mal, und die Anwesenden applaudieren. Von diesem kurzen Moment abgesehen verzichten die Bilder auf allzu plumpe Emotionshebel.

Im Gegensatz zu dem zermürbenden Film Dresens gelingt es Das Schicksal ist ein mieser Verräter zudem, den Humor in einer Weise zu wahren, die das Grauen nicht relativiert. Der Film versucht den Beweis zu führen, dass die Ankündigung des Todes einen nicht aus der Verantwortung entlässt, sich um sein Glück und um das der Menschen, die mit einem leben, zu sorgen, und der lakonische Witz der Figuren wird als Möglichkeit präsentiert, die eigene Souveränität so lange wie möglich zu wahren. Dass der Film, wenn auch nicht so drastisch wie das Buch, darauf insistiert, dass der körperliche Verfall am Ende auch das Ende jeder Selbstbestimmung bedeutet, impliziert hier keinen Fatalismus, sondern eine Wertschätzung der Zeit, die bleibt. Peter van Houten, den der Schmerz zum Zyniker hat werden lassen, der menschliche Interaktionen nicht mehr anders denn als Serie verbaler Verletzungen gestalten kann, bekommt auf seine Beleidigungen von Hazel dann auch die einzig ideale Reaktion zu hören: "Fick dich".

Wie nebenbei schafft es Das Schicksal ist ein mieser Verräter, der von erwachsenen Zuschauern zumeist als banal geschmähten Teenagerliebe, die gerne nur als Durchgangsstadium verstanden wird, das existentielle Gewicht zu verleihen, das ihr gebührt. Dazu braucht es offenbar eine unheilbare Krankheit als Plotbasis und die mit ihr einhergehende Wahrnehmung, dass die beiden Figuren hier nicht nur ihre erste, sondern auch ihre aller Wahrscheinlichkeit nach einzige große Liebe erleben. John Green nimmt die Extreme – die Krebserkrankung in Das Schicksal ist ein mieser Verräter, die über dem Tod ihrer Mutter verzweifelte Titelheld in Eine wie Alaska –, um von ihnen ausgehend die Fragen zu thematisieren, über die sich sonst nur selten sprechen lässt. Dass auch der Film an dieser selbstgestellten Aufgabe nicht scheitert, ist so überraschend wie erfreulich. Hin und wieder darf man doch der Illusion verfallen, dass es Erzählungen gibt, die aus einem (und dementsprechend auch den anderen) einen angenehmeren Menschen machen. Das Schicksal ist ein mieser Verräter wäre dann eine davon.

Fazit

Das Schicksal ist ein mieser Verräter gelingt es, Lebenshunger und die Trauer über den unwiederbringlichen Verlust zu zeigen, mitunter im selben Moment. Die zugleich einfühlsame wie abgeklärte und Art und Weise, in der der Film existentielle Fragen – nicht nur für Jugendliche – aufwirft, ist die Grundlage für eine komplexe und alltagsnahe filmische Reflexion über das Leben, die Liebe und den Tod. Bei der sich der Film, und das ist das Erstaunliche, nicht verhebt. Empfohlen ab 12 Jahren.

 


Titel: Das Schicksal ist ein mieser Verräter
Originaltitel: The Fault in Our Stars
Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2013
Dauer: 126 Minuten
Altersfreigabe: Ab 6 Jahren
Erscheinungsdatum (Deutschland):

12. Juni 2014

Verleih: Fox
Einspielergebnis: unbekannt
Regisseur: Josh Boone
Drehbuch:

Scott Neustaedter, Michael H. Weber

Darsteller: Shailene Woodley, Ansel Elgort, Laura Dern, Willem Dafoe, Nat Wolff, Sam Trammell
Kamera: Ben Richardson
Musik: Mike Mogis, Nate Walcott
Schnitt:

Robb Sullivan

Produzenten: Marty Bowen, Wyck Godfrey

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