von Frank Münschke

Alice in den Städten von Wim Wenders ist ein in kunstvollen Schwarz-Weiß-Bildern gefilmtes Roadmovie. Der Film zielt primär auf ein erwachsenes Publikum ab, doch die selbstbewusste und positive Figur der neunjährigen Alice bietet großes Identifikationspotential auch für kindliche und jugendliche Zuschauer.

Inhalt

Der 31-jährige deutsche Journalist Philipp Winter hält sich in den USA auf und möchte eine Reportage über das Land und die amerikanische Landschaft schreiben. Doch er bringt keinen Text zustande. Philipp befindet sich in einer Schaffenskrise und gleichzeitig in einer ausgeprägten Identitätskrise. Statt zu schreiben, schießt er Fotos mit einer Polaroidkamera – diese sollen ihm als Gedankenstütze dienen. Er spricht bei seinem Verlagsagenten in New York vor und fragt nach einem finanziellen Vorschuss, da ihm das Geld ausgeht. Doch der Agent lehnt ab. Philipp beschließt, zurück nach Deutschland zu fliegen, um dort die Geschichte zu Ende schreiben.

Doch wegen eines Fluglotsenstreiks wurden alle Flüge nach Deutschland gestrichen, alternativ kann er aber am nächsten Tag nach Amsterdam fliegen. Noch am Flughafen in New York lernt er die neunjährige Alice und ihre Mutter Lisa kennen. Die drei übernachten gemeinsam in einem Hotelzimmer und wollen am nächsten Tag denselben Flieger nach Amsterdam nehmen. Am Morgen ist Lisa allerdings verschwunden, sie hat Philipp aber eine Nachricht hinterlassen: Er soll Alice mit nach Amsterdam nehmen, sie selbst wird nachkommen. Doch dort taucht Lisa nicht auf. Und so beginnt ein Road Trip von Philipp und Alice durch das Rheinland und das Ruhrgebiet. Auf der Suche nach Alices Großmutter. Das Problem ist: Alice kennt den Namen ihrer Großmutter nicht, sie weiß allerdings, wie das Haus aussieht, in dem diese lebt.

Kritik

Mit den Filmen von Wenders ist es so eine Sache: Durch das langsame Erzähltempo können seine Filmgeschichten bei flüchtiger Betrachtung belanglos wirken, der Zuschauer kann an Wenders‘ Filmen sprichwörtlich "vorbeischauen". Selbst bei seinen bekanntesten Filmen wie Paris, Texas (1984) oder Der Himmel über der Berlin (1987) sind die Meinungen innerhalb der Filmkritik gespalten. Der Regisseur selbst möchte, dass der Zuschauer die Dinge hinter der Oberfläche wahrnimmt, auf die Details achtet. Ein fokussiertes Auge und ein wacher Kopf sind also die Grundlage für die Sichtung eines Wenders-Films.

Alice in den Städten aus dem Jahr 1974 ist einer der Vorzeigefilme des Neuen Deutschen Films. Es ist Wenders‘ vierter Spielfilm und laut eigener Aussage der Film, in dem er seine eigene Filmsprache gefunden hat. Alice in den Städten wurde in schwarz-weiß gedreht und stellt den ersten Teil einer Roadmovie-Trilogie dar, die weiteren sind Falsche Bewegung (1975) und Im Lauf der Zeit (1976). Der Titel des Films, der auch auf das Werk Lewis Carrolls verweist, führt zuerst zu einem Fehlschluss: Es ist nicht Alices Film, sondern Philipp steht im Zentrum der Geschichte. Allerdings kommt der neunjährigen Alice eine zentrale Rolle zu – durch sie findet der Protagonist wieder zu sich selbst.

Philipp Winter (gespielt von Rüdiger Vogler, der auch die Hauptrollen in den beiden weiteren Teilen der Trilogie übernimmt) wird an  der amerikanischen Atlantikküste eingeführt, er sitzt alleine am Strand, nur eine Polaroid-Kamera in seinen Händen. Philipp wirkt isoliert von der Welt und den Menschen, was durch die melancholische Filmmusik, die von der deutschen Krautrock-Band Can stammt, unterstützt wird. Der Anfang des Films ist keine Exposition der Handlung im herkömmlichen Sinne, stattdessen wir die Hauptfigur etabliert. Im weiteren Verlauf der Geschichte wird deutlich, dass sich Philipp in einer tiefen Lebenskrise befindet. Treffend sagt er: "Ich bin mir selbst fremd geworden". Er sucht Beweise für seine Existenz durch Fotos. Mehrmals vergleicht er Polaroid-Fotos mit der Realität und muss feststellen: "Es ist doch nie das drauf, was man gesehen hat". Und das gilt auch für ihn selbst. Sein Nachname "Winter" ist ein sprechender Name: Philipp ist eine Figur voller Kälte und Trostlosigkeit.

Doch Philipp verändert sich im Laufe des Films unter dem Einfluss Alices. Er nimmt seine soziale Umwelt wieder wahr, die alltägliche Realitäten, die Kleinigkeiten des Lebens. Er wird menschlicher. Das Kind weckt den Erwachsenen auf.

Alice wird gespielt von Yella Rottländer. Sie ist selbstbewusst-direkt, unbeschwert und unvoreingenommen. Sie hat genaue Vorstellungen, was sie will und was nicht. Alice wirkt weitestgehend psychologisch ausgeglichen – und das, obwohl sie eine temporäre Waise ist.

Ganz langsam nähern sich die beiden Figuren an. Philipps anfängliches Desinteresse an der gemeinsamen Reise ist offenkundig, er verschließt sich vor Alice. Und als sie in Wuppertal sind und das Haus der Großmutter nicht finden können, bringt Philipp Alice zur Polizei. Doch Alice flüchtet und sitzt auf einmal wieder in Philipps Auto. Das ist ein zentraler Wendepunkt des Films, Philipp beginnt sich zu öffnen: Alices direkte und unverstellte Art erweckt ihn wieder zum Leben, er findet zu seiner Identität als soziales Wesen zurück. Er übernimmt auf einmal Verantwortung für das Mädchen, wird einfühlsamer, wärmer. Zu Beginn der gemeinsamen Reise muss Alice Philipp mehrmals darauf aufmerksam machen, dass sie Hunger hat, nun besorgt er ihr unaufgefordert Frühstück.

Alice verändert Philipp, sie selbst muss sich nicht verändern. Man kann hier von einer Inversion, einer Umkehrung der Rollen sprechen: Alice ist die Erwachsene, die sich nicht mehr verändern braucht. Sie ist Philipp psychologisch überlegen, das zeigt sich zum Beispiel in einer Szene in einem Amsterdamer Friseursalon: Philipp ist der holländischen Sprache nicht mächtig, Alice hat hier bereits ein paar Jahre gelebt und gibt dem Friseur Anweisungen. Und am Ende des Films überreicht sie ihm sogar das Geld für sein Zugticket.

Das Thema des Films ist die Suche des Protagonisten nach seiner Identität: Die Reise nach Amerika ist die Suche nach einer neuen Heimat, die allerdings zu keinem Ergebnis führt und die Lebenskrise noch verstärkt. Durch die zweite Reise und mithilfe von Alice findet Philipp wieder zu sich selbst. Der Film folgt hier der Logik eines Entwicklungsromans: Eine Figur ist auf der Suche nach Veränderung und findet sie im Laufe der Geschichte.

Wenders` Film steckt voller Poesie, etwa wenn sich bei der Fahrt durch das Ruhrgebiet ein kleiner Junge auf dem Fahrrad abstrampelt, um dem Auto der beiden zu folgen, im Hintergrund stehen Backsteinhäuser und auf der Tonspur erklingt die sphärische Musik von Can. So unterbricht Wenders immer wieder die Haupthandlung, belanglos wirkt das zu keinem Zeitpunkt.

In Robby Müller hat Wenders den für ihn perfekten Kameramann gefunden, der die passenden Bilder für seine Vorstellung einer "poetische Langsamkeit" findet. Müller übernahm insgesamt bei zwölf Wenders-Filmen die Kameraarbeit. Alice in den Städten ist durchgängig in einem authentischen Fluss, was auch an der Schnittarbeit von Peter Przygodda liegt, wohl der renommierteste Filmeditor des Neuen Deutschen Films.

Rüdiger Vogler wurde in den 70er-Jahren als der deutsche Jean-Paul Belmondo angesehen (so wie Belmondo die männliche Muse für Jean-Luc Godard war, war Vogler eine Inspirationsquelle für Wenders). Auch wenn er nicht ganz an die Coolness des französischen Schauspielers herankommt, überzeugt er in seiner Rolle. Sein etwas unmotiviertes Spiel im ersten Teil des Films ist der Charakterisierung seiner Figur geschuldet. Yella Rottländer spielt die Rolle der Alice so authentisch und glaubhaft, dass es schade ist, dass es sich bei Alice in den Städten um den letzten Kinofilm handelt, in dem sie zu sehen ist. Doch ihre Darbietung wirkte nach – Christian Petzold, einer der zentralen Vertreter der Berliner Schule, benannte seinen Film Yella (2007) nach dem Vornamen der Schauspielerin – eine Hommage an Alice in den Städten, das ihm eigenen Aussagen zufolge den Blick für das Autorenkino öffnete.

Alice in den Städten ist ein Road-Movie und steht somit in der Tradition eines klassischen amerikanischen Filmgenres. Genre-Filme haben (auch heute noch) im deutschen Kino nicht den Stellenwert wie in anderen Ländern (auch was das europäische Kino angeht; man nehme nur den Kriminalfilm in Frankreich) Der erste Teil spielt in Amerika, der zweite in Deutschland. Das lässt den Schluss zu: Wenders möchte das Genre nach Deutschland überführen. Und innerhalb des Films spielt Wenders immer wieder mit den Genre-Konventionen oder ironisiert diese – etwa wenn aus einer Juke-Box "On the road again" von Canned Heat erklingt.

Der Film steckt ohnehin voller Verweise auf die amerikanische Kultur: In Wuppertal (während Alice auf der Polizeistation sitzt) besucht Philipp ein Chuck-Berry-Konzert, noch in Amerika schaut er sich John Fords Young Mr. Lincoln (1939) im Fernsehen an. Am Ende des Films liest er den Nachruf auf den Tod des Regisseurs in der Zeitung. Der Tod John Fords ist gleichbedeutend mit dem Ende des amerikanischen Traums für Philipp. Er wird in Deutschland bleiben.

Fazit

Alice in den Städten ist ein Film voller Schönheit, der die Geschichte einer Zweckbeziehung erzählt, die sich zu einer Freundschaft entwickelt und dem anfangs hadernden Protagonisten einen neuen Lebenssinn aufzeigt. Zwar handelt es sich nicht um einen Kinder- und Jugendfilm, da er sich nicht explizit mit kindlichen oder jugendlichen Lebenswelten beschäftigt, dennoch ist der Film für ein Publikum ab 8 Jahren sehr zu empfehlen, da durch Alice eine glaubhafte und positive Identifikationsfigur geschaffen wird.

Titel: Alice in den Städten
Genre: Roadmovie, Drama
Produktionsland: Deutschland
Produktionsjahr: 1974
Dauer: 112 Minuten
Altersfreigabe: Ab 6 Jahren
  Empfohlen ab acht Jahren
Erscheinungsdatum (Deutschland): 17.05.1974
Verleih: arthaus
Kinobesucher: n.b.
Regisseur: Wim Wenders
Drehbuch: Wim Wenders, Veith von Fürstenberg
Kamera: Robby Müller
Musik: Can
Schnitt: Peter Przygodda
Produzent: Peter Genèe, Joachim von Mengershausen
Darsteller: Rüdiger Vogler (Philipp Winter), Yella Rottländer (Alice van Damm), Lisa Kreuzer (Lisa van Damm), Edda Köchl (Angela)

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