von Frank Münschke

Welcome to the Dollhouse erzählt die Geschichte der jugendlichen Außenseiterin Dawn Wiener, die an ihrem sozialen Umfeld und sich selbst scheitert. Todd Solondz entlarvt die bürgerliche Doppelmoral und zeigt ein dysfunktionales Bild der amerikanischen Mittelschicht.

Inhalt

Die 11-jährige Dawn Wiener hat es nicht leicht. In der Schule wird sie von Mitschülern und Lehrern gleichsam gemobbt und auch zu Hause, in den Suburbs von New Jersey, ist sie eine Außenseiterin: Ihre kleine Schwester Missy ist eine süße Vorzeige-Ballerina, die die volle Aufmerksamkeit ihrer Eltern erhält, ihr Bruder ist ein Computer-Crack und spielt zumindest in einer (wenn auch sehr unterambitionierten) Rockband. Wenn die Familie zusammen Fernsehen schaut, muss Dawn als Einzige auf dem Boden sitzen. 

Jedes Zusammentreffen mit anderen Jugendlichen ist für sie eine Demütigung und Herausforderung zugleich, sei es der Spießroutenlauf durch die Cafeteria, die Machtdemonstration eines anderen Mädchens auf der Schultoilette oder die angedrohte Vergewaltigung ihres Mitschülers Brandon. An der Schule wird sie konsequent mit dem Spitznamen „Wiener Dog“ (Alternativ: „Wiener Würstchen“) angesprochen.

Dawn sehnt sich nach Aufmerksamkeit und körperlicher Nähe. Und als sie erfährt, dass Steve, der coole Sunnyboy-Freund ihres Bruders, mit jeder rummacht, solange es ein Mädchen ist, versucht sie ihr Glück. Auch hier wird sie abgewiesen. 

Doch dann sieht Dawn die Chance, sich an ihrer Umwelt zu rächen: Sie unterschlägt ihrer Schwester Missy eine Information und im tragischen Fortgang der Geschichte wird diese entführt. Und so erhält Dawn plötzlich noch die Möglichkeit, Anerkennung zu bekomme – zumindest von ihrer Familie. Daher macht sie sich auf den Weg nach New York, denn dort wurde das Tutu von Missy gefunden.

Rezension

Welcome to the Dollhouse aus dem Jahr 1995 ist Todd Solondz' erster Langfilm und er wählt bereits hier ein Setting, das einen zentralen Platz in seinem Œevre einnehmen wird: Die amerikanische Vorstadt. Das lässt auf den ersten Blick eine Identifikation mit den Figuren zu, die uns vertraut erscheinen. Doch Welcome to the Dollhouse zeigt in den 87 Filmminuten die Abgründe der gesellschaftlichen Mitte. 

Es wird die Geschichte von Dawn Wiener erzählt, die wie die Schablone einer Außenseiterin in den Film eingeführt wird: Ihre Brille ist zu groß, die Brillengläser sind viel zu dick, ihre Zähne sind leicht schief, sie ist unpassend gekleidet und dazu auch noch auffällig tapsig. Und damit nicht genug: Sie schafft es, fast jede Situation noch schlimmer zu machen, als sie ohnehin schon ist. Der Zuschauer schwankt zwischen Mitleid und Fremdscham. Mit Dawn hat Solondz eine der interessantesten jugendlichen Außenseiterfiguren der Filmgeschichte geschaffen – und der Regisseur spielt mit allen verfügbaren Klischees, bestätigt sie und lässt sie gleichzeitig auch immer wieder ins Leere laufen. Das macht den Film absolut empfehlenswert. Welcome to the Dollhouse funktioniert Dank der vielschichtigen Zeichnung der Protagonistin, die herrlich (und gleichzeitig beängstigend) glaubhaft von Heather Matarazzo gespielt wird. 

Dass Dawn eine Außenseiterin ist, wird bereits mit der ersten Einstellung des Films deutlich: Es wird das Portraitfoto einer amerikanischen Familie an der Wand gezeigt: Vater, Mutter, drei Kinder. Mit einer langsamen Heranfahrt nähern sich die Kamera dem Foto, doch diese schwenkt leicht und fast unmerklich nach rechts und verharrt auf dem Gesicht von Dawn Wiener, dem Sandwich-Kind der Familie, die ganz am Rand des Fotos steht – und irgendwie nicht dazu zu gehören scheint. 

Welcome to the Dollhouse ist ein Film über Ungerechtigkeit und Enttäuschung. Solondz stellt Dawn Wiener allerdings nicht als unschuldiges Opfer dar, sie selbst präsentiert eine große Angriffsfläche durch ihr Handeln. In jeder Situation trifft sie die falsche Entscheidung. Diese Normbrüche sorgen für Humor, doch das Lachen bleibt dem Zuschauer immer wieder im Halse stecken. 

Es gibt zwei große Hoffnungsschimmer im Film: Dawn und der Schulschläger Brendon nähern sich an, Dawn rettet ihre Schwester Missy aus den Fängen eines Kidnappers und ihre Mutter ist zum ersten Mal im Leben stolz auf sie. Doch die Beziehung zu Brendon endet in einem Missverständnis und die Rettung von Missy stellt sich als Traumsequenz heraus – Dawn ist auf einer New Yorker Straße eingeschlafen. In der filmischen Realität hat ein Nachbar Missy entführt, die Polizei kann sie allerdings befreien. Dawn, zu dem Zeitpunkt noch in New York, wird nicht vermisst. Sie ist zurück am Rand des Fotos. Das wird auch durch das Ende des Films unterstrichen: Dawn sitzt in einem Schulbus und fährt mit dem Schulchor nach Disneyland. Sie singt wiederwillig und schräg mit. Die Kamerafahrt ist die gleiche wie zu Beginn des Films. Dawn sitzt ganz außen. 

Eine Identifikationsfigur sucht der Zuschauer vergebens: Dawns Eltern sind egoistisch und ihre Ratschläge an ihre Tochter wirken im besten Falle zynisch ("Wer hat denn gesagt, dass du dich wehren sollst?"), die kleine Schwester verpetzt Dawn mehrmals, ihr Bruder schottet sich weitestgehend ab — er hat die Rolle als Außenseiter akzeptiert. Die Familie wirkt nach außen wie eine Vorzeigefamilie. Ein herrliches Beispiel dafür ist die überhöht dargestellte Gartenparty zum Hochzeitstag der Eltern, die das zur Schau gestellte Familienidyll karikiert. Und auch die weiteren Figuren im Film unterstützen das oberflächliche und von eigenen Interessen gesteuerte Menschenbild, das Solondz entwirft: Alle sympathischen Charakterzüge werden von negativen Aspekten überlagert.

Todd Solondz' Filme provozieren, wollen wachrütteln – und das immer kombiniert mit einer Brise schwarzem Humor. Doch die Provokation ist eine andere als etwa bei Gaspar Noé (Menschenfeind, Irreversibel), dessen Werke sowohl inhaltlich als auch visuell die direkte Konfrontation suchen. Solondz erzählt hingegen meistens ruhig und unspektakulär, fernab jeder Effekthascherei. So auch in Welcome to the Dollhouse. Der Film ist klassisches US-Independentkino und er gewann 1996 beim Sundance Festival den Großen Preis der Jury. 

Wer wissen möchte, wie es mit Dawn Wiener weitergeht, dem sei der aktuelle Film von Solondz empfohlen, der nach der Protagonistin aus Welcome to the Dollhouse benannt wurde: Der Episodenfilm Wiener Dog (2016) widmet sich im zweiten Handlungsteil der Geschichte von Dawn und Brendon, die sich knapp 20 Jahre nach der Handlung von Welcome to the Dollhouse zufällig wiedersehen. 

Fazit

Welcome to the Dollhouse blickt hinter die Fassade amerikanischer Vorstädte und zeigt die Abgründe kleinbürgerlichen Lebens. Mit Dawn Wiener erschafft Todd Solondz eine der interessantesten jugendlichen Außenseiterfiguren der Filmgeschichte, die der Zuschauer auch nach Filmende nicht vergessen wird.

Titel: Willkommen im Tollhaus
Originaltitel: Welcome to the Dollhouse
Genre: Coming of Age, Drama
Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 1995
Dauer: 87 Minuten
Altersfreigabe: Ab 12 Jahren
Erscheinungsdatum (Deutschland): 07.11.1996
Verleih: Sony Pictures Home Entertainment
Regisseur: Todd Solondz
Drehbuch: Todd Solondz
Musik: Randy Drummond
Darsteller: Heather Matarazzo (Dawn Wiener), Daria Kalinina (Missy Wiener), Matthew Faber (Mark Wiener) Angela Pietropinto (Mrs. Wiener), Bill Buell (Mr. Wiener), Brendan Sexton III (Brandon McCarthy), Eric Mabius (Steve Rogers)
Kamera: Randy Drummond
Schnitt: Alan Oxman
Produzent: Todd Solondz

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