von Varina Vieten

Edward mit den Scherenhänden erzählt das Märchen von der Schönen und dem Biest einmal anders. Die skurrile Geschichte ist die erste Zusammenarbeit von Tim Burton und Johnny Depp. Sie rührt zwar am Ende zu Tränen, doch ob sie wirklich kindgerecht ist, scheint fragwürdig.

Inhalt

Edward mit den Scherenhänden erzählt die Geschichte des von Menschenhand erschaffenen Edward (Johnny Depp), der zum Zeitpunkt des Todes seines Schöpfers (Vincent Price) noch nicht vollendet ist. Deshalb besitzt er statt Händen Scheren. Nachdem sein Erfinder gestorben ist, lebt Edward allein auf dem abseits gelegenen Schloss. Eines Tages bekommt er Besuch von der Avon-Beraterin Peg (Dianne Wiest), die Mitleid mit dem verschlossenen Jungen verspürt und ihn kurzerhand mit in ihre bunte 50er Jahre Vorstadt nimmt. Dort verliebt sich der wortkarge Edward in Pegs Tochter Kim (Winona Ryder), die ihn jedoch für ein Monster hält.

Mehr und mehr erlangt Edward dagegen die Gunst der Nachbarschaft. Begünstigt wird dies durch sein spezielles Talent: Er schafft Figuren und Tiere aus einfachen Hecken. Es dauert nicht lange und schon steht in jedem Vorgarten der Kleinstadt eine von ihm geschnittene Hecken-Skulptur. Nur Kims Freund Jim (Anthony M. Hall) kann sich nicht mit dem neuartigen Wesen anfreunden. Schließlich hetzt er sogar die ganze Nachbarschaft gegen Edward auf. Zu diesem Zeitpunkt erkennt Kim die Gemeinheiten ihres Freundes und wendet sich hin zu Edward.

Die aufgebrachten Vorstädter sind aber nicht mehr zu halten und zwingen Edward zur Flucht. Er zieht sich mit Kim zurück in sein Schloss. Als die Meute immer noch keine Ruhe gibt, beschwichtigt Kim sie, indem sie sagt Edward sei tot. Danach shen sich die beiden nie wieder.

Verleih: 20th Century Fox

Kritik

Mittlerweile haben Tim Burton und Johnny Depp viele bekannte Filme zusammen gedreht (etwa Alice im Wunderland, Sleepy Hollow, Charlie und die Schokoladenfabrik, Sweeney Todd und Dark Shadows) und gelten daher als Erfolgspaar. Ihre gemeinsame Geschichte beginnt jedoch bei Edward mit den Scherenhänden. Für den damals noch jungen Schauspieler Johnny Depp war es die erste Kinofilmrolle (zuvor kannte man ihn jedoch schon aus der Teenie-Serie 21 Jump Street).

Edward sieht zwar fast aus wie ein Mensch (abgesehen von den Händen), hat aber keinerlei soziale Kenntnisse und ist darüber hinaus auch sehr wortkarg. Deshalb muss er viele Gedanken und Eindrücke allein mit seiner Körpersprache, beziehungsweise mit seiner Mimik und Gestik ausdrücken. Auch weil Johnny Depp für seine Rolle über 12 kg abnehmen musste und man ihn deshalb im Vergleich zur Serie kaum wiedererkennt, gelingt es ihm, die Figur liebenswert und skurril zugleich darzustellen.

Tim Burton erwarb sich bereits vor Edward mit den Scherenhänden durch Filme wie Batman (mit dem legendären Jack Nicholson als Joker) und Lottergeist Beetlejuice den Ruf eines Regisseurs mit ausdrucksstarker Bildsprache. Besonders eindrucksvoll wird in Edward mit den Scherenhänden der Unterschied zwischen der bonbonbunten Vorstadt und dem dunkel-düsteren Schloss deutlich. In Edwards Heimat, einem abgelegenem Schloss auf einem Hügel, gibt es wenig bunte Elemente. Alles ist dunkel und wirkt deshalb mysteriös, geheimnisvoll und gefährlich. Auch Edwards Bekleidung besteht aus einer Art schwarzem Leder. Seine Haare sind ebenfalls Schwarz und sein Gesicht scheint von der Sonne unberührt in einem reinen Weiß. Damit erinnert er an Vertreter der Gothic-Szene. In Kontrast dazu steht die furchtbar bunte Welt von Peg und ihrer Familie. Hier ist der Rasen grüner als Grün und der Himmel blauer als Blau. Alle sind vordergründig schrecklich nett zueinander, die Sonne scheint immer und jedes Haus besticht durch seine individuelle knallig-bunte Farbe.

So werden Gegensätze erzeugt, die augenscheinlich auf den klassischen Kontrast zwischen Gut und Böse hindeuten, wobei Edward die Rolle des Bösen übernimmt und die ach so einträchtige Vorstadt das absolut Gute darstellt. Erst etwas später kristallisiert sich dann heraus, dass es in Wirklichkeit eigentlich genau umgekehrt ist: Edward erscheint als liebenswert und besonders, wohingegen die Nachbarschaft sehr intolerant, skrupellos und gefährlich ist.

Verleih: 20th Century Fox

In diesem für das damalige Mainstream-Kino vergleichsweise unkonventionellen Umgang mit filmästhetischen Konventionen könnte unter Umständen auch ein Problem bezüglich der Altersfreigabe liegen: Die FSK empfiehlt den Film Zuschauern ab 6 Jahren. Jedoch ist fraglich, ob ein kleines Kind von 6 Jahren tatsächlich begreift, dass eben Edward der Gute ist. Anders als in Disneys Die Schöne und das Biest ist Edwards Schloss nämlich gerade nicht bunt, freundlich und einladend: hier dominiert die Farbe schwarz, die Einrichtung als karg zu beschreiben wäre übertrieben, alles ist staubig mit Spinnenweben übersäht und hat Macken und Katschen von Edwards Scherenhänden. Im Grunde genommen könnte man sich genau so ein Schloss in einem Horrorfilm vorstellen. Gerade auf Kinder, die meist einen Faible für bunte Bilder haben, wirkt dieses Szenario unter Umständen erschreckend und abstoßend.

Die Figur des Edward selbst ist auch nicht unbedingt leicht einzuordnen: Er sagt nicht viel und sieht anders aus als der Ottonormalverbraucher. Seine subtile Gestik und Äußerungen sind gerade für Kinder nicht immer unmittelbar verständlich. Edwards Gesicht ist von vielen Narben gezeichnet, die er sich auch noch selbst mit seinen Händen zugefügt hat. So könnte es geschehen, dass sie gerade mit der Gegenseite sympathisieren und gar nicht erkennen, dass es sich bei diesem Film um eine tragische Liebesgeschichte ohne happy end handelt. Zudem weist der Film darauf hin, dass die (hier gegenüber Edward ablehnende) Meinung der Mehrheit nicht immer der Wahrheit entsprechen muss, und dass Kim das Richtige tut, als sie Edward nicht wegen seines Aussehens, seiner ungewöhnlichen Fähigkeiten oder seiner obskuren Herkunft ablehnt.

Auch ist die Hetzjagd auf Edward am Ende des Films vergleichsweise düster dargestellt; das Schloss als letzter Handlungsort des Films wirkt gefährlich und dunkel. Schreckhafte Kinder, die sich emotional leicht in eine Filmhandlung hineinsteigern, könnten somit leicht Albträume von Edward mit den Scherenhänden bekommen.

Verleih: 20th Century Fox

Auch der von der FSK sonst für eine niedrige Altersfreigabe geforderte glückliche Ausgang der Handlung kommt in diesem Film nicht vor: Edward muss allein und zurückgezogen auf seinem Schloss leben, und Kims Liebe zu ihm bleibt unerfüllt. Die Vorstädter haben es geschafft, Edward aus der Stadt zu treiben. Da befriedigt auch der Tod von Jim nicht die Gemüter.

Angesichts dieser Aspekte spricht auch der einem kindgerechten Märchen Rahmen entsprechende Handlungsrahmen nicht für eine frühe Altersfreigabe: Erzählt wird die Geschichte nämlich aus Kims Sicht, die als Großmutter ihre tragische Liebesgeschichte ihrer kleinen Enkelin als Gutenachtgeschichte erzählt.

Nicht ohne Grund ist der Film somit in anderen Ländern strenger beurteilt worden. In europäischen Ländern wie Italien, Spanien, Island oder Portugal ist er erst ab 12 Jahren freigegeben. In anderen Ländern beträgt das Mindestalter sogar 14 Jahre, wie in Peru oder Chile.

Fazit

Dessen ungeachtet brillieren Johnny Depp und Tim Burton in Edward mit den Scherenhänden, sodass der Film auf jeden Fall sehenswert ist. Es wäre aber vielleicht besser, wenn kleine Kinder ihn nicht unbedingt alleine ansehen würden, sondern mit reiferen Zuschauern, die ihnen beim Begreifen der skurrilen Handlung behilflich sein können.

 

 

Titel: Edward mit den Scherenhänden
Originaltitel: Edward Scissorhands
Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 1990
Dauer: 101 Minuten
Altersfreigabe: Ab 6 Jahren
Erscheinungsdatum (Deutschland): 18.04.1991
Verleih: Twentieth Century Fox
Einspielergebnis: $86,02 Mio.
Regisseur: Tim Burton
Drehbuch: Tim Burton, Caroline Thompson
Darsteller: Johnny Depp (Edward), Winona Ryder (Kim Bogg), Dianne Wiest (Peg Bogg), Vincent Price (Der Erfinder), Anthony Michael Hall (Jim), Alan Arkin (Bill Bogg)
Kamera: Stefan Czapsky
Musik: Danny Elfman
Schnitt: Richard Halsey
Produzent: Tim Burton, Denise Di Novi

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