von Dr. Andreas Wicke

Es herrscht Krieg zwischen Insektenlabor und Schlagzeugkeller, zwischen Hidde und Jeppe – und das ist deutlich mehr als ein kleiner Streit unter Brüdern. Martin Baltscheit liest Simon van der Geests Roman Krasshüpfer (2012) mit untrüglichem Gespür für die psychologischen Möglichkeiten von Stimme.



Inhalt

Tausendfüßer, Grashüpfer, Würmer, Schnecken, Grillen, Heuschrecken und Käfer bevölkern Hiddes Reich im geheimen Keller unter dem Schuppen. "Ich kann meine Insekten nicht verlieren. Dann bleibt mir nichts", gesteht er (I/1). Aber Hiddes Labor ist in ernsthafter Gefahr, sein älterer Bruder Jeppe spielt Schlagzeug in einer Band und so beginnt ein unerbittlicher Kampf um die Nutzung des Kellers. Die physischen und psychischen Grausamkeiten zwischen den beiden kennen fast keine Grenzen, einmal befürchtet Hidde, er sei zu weit gegangen und habe seinen Bruder getötet. Hinzu kommt ein Geheimnis, das sich durch den ganzen Roman zieht und mit dem Tod des ältesten Bruders Ward zusammenhängt. Und ich, der Zuhörer, der Leser, bin der einzige, dem Hidde es vielleicht anvertrauen wird…

Kritik

Eines Tages wirst du dieses Heft finden. Du nimmst es mit, du schlägst es auf. Ich sehe dich schon sitzen, wie du jetzt sitzt, das Heft in deiner Hand. Du starrst diese Buchstaben an und jene. Und wieder andere. Du runzelst die Stirn und dann lachst du ein bisschen. Weil ich weiß, dass du das jetzt liest, fühle ich mich hier im Keller nicht so allein. (III/7)

Dass moderne Kinderliteratur aus der Ich-Perspektive erzählt wird, ist alles andere als ungewöhnlich, gerade wenn es um Außenseiterfiguren geht. Und Hidde ist ein Außenseiter, ein Nerd, der mit seinen Insekten sehr viel leichter kommunizieren kann als mit seinen Mitschülern und vor allem den Mitschülerinnen. Auch beneidet er seinen Bruder Jeppe, weil der Gitarre und Schlagzeug spielt und weil die Mädchen der Schule ihn bewundern.

Das eigentliche erzählerische Raffinement besteht hingegen in den Leseransprachen, die anfangs noch harmlos klingen: "Du musst wissen, dass ich dich in unseren Krieg mit hineinziehe" (I/1). Nun ja, so harmlos vielleicht doch nicht, zumindest dann nicht, wenn man merkt, dass Hidde ernst macht, denn es bleibt nicht bei unverbindlichen "Was hättest du an meiner Stelle getan?"-Fragen (IV/8). Endgültig mulmig wird es, wenn Hidde mit seinem Bruder plötzlich von mir spricht, wenn man als Rezipient zur Figur innerhalb des Romans wird:

"Ich habe unser Geheimnis erzählt", rutschte es mir heraus. "Das Versteckspielen, das Einsperren, Wards Anfall, alles."
Sein Gesicht wurde weiß. Seine Augen hellblau. Jetzt schlägt er mich mit seiner Gitarre, dachte ich.
"Aber nicht Mam", sagte ich. "Und auch nicht Bor."
"Wem dann?", fragte er. Seine Stimme war plötzlich ganz heiser.
"Jemandem, den du nicht kennst. Jemandem…" Ja, wie soll ich erklären, wer du bist?
"Einer Art Freund. Jemandem, dem man vertrauen kann […]." Ich hoffe, es ist dir recht, dass ich dich eine Art Freund nenne. (IV/7)

Martin Baltscheit flüstert den letzten Satz, es gelingt ihm, solche Passagen so emphatisch zu lesen, dass man das Gefühl hat, antworten zu müssen, dass man überlegt, ob Hidde eine Romanfigur oder vielleicht wirklich ein Freund, eine Art Freund ist. Man fühlt sich ein wenig wie Michael Endes Bastian Balthasar Bux, der als Leser in das Buch, das er gerade liest, Die unendliche Geschichte, hineingezogen wird.

Aber nicht nur Hidde, auch den anderen Figuren gibt Baltscheit ein klares Gepräge, ohne dabei zu sehr zu spielen. Wenn der Bruder Jeppe spricht, weiß man dennoch schnell, dass Hidde ihn nicht mag. Es sind keine übertriebenen Mittel, die Baltscheit einsetzt, aber seine Stimme klingt plötzlich wie der Böse im Western oder der Halbstarke im Film, etwas höher, etwas gepresster, etwas heiser, etwas gezogen; sie hat keinen Kern mehr und wirkt flach. Insgesamt ist der Sprecher stark ins Geschehen involviert, er schreit und flüstert, verhöhnt und verzweifelt, droht und zittert.

Und so, wie der Roman den Text inszeniert, weil die Illustrationen von Karst-Janneke Rogaar, aber auch Durchstreichungen und eingefügte handschriftliche Notizen hinzukommen, spielt auch das Hörbuch mit Inszenierungselementen, die über die reine Lesung hinausgehen. Baltscheit macht den Text mündlicher und nähesprachlicher, indem er minimal eingreift: 'auch' statt 'ebenfalls', kleine Veränderungen im Satzbau. Besonders der Brief, den Hidde an Lieke zu schreiben versucht und der im Roman voller Streichungen und Änderungen ist, wird bei Baltscheit zu einem inneren Kampf zwischen Schreiben-Wollen und Nicht-formulieren-Können, zwischen wenigen Worten und vielen nonverbalen Signalen, dazu hört man Schreibgeräusche und das Rascheln von Papier (vgl. I/8).

An anderer Stelle klingelt ein Telefon, wenn Lieke anruft, ein Piep-Geräusch anonymisiert den Straßennamen, den Hidde nicht nennen will, vor allem aber wird der Einsatz von Musik im Laufe der Lesung intensiver. Dient sie anfangs der Szenentrennung und wirkt bisweilen etwas willkürlich gewählt, werden Schlagzeugklänge im weiteren Verlauf immer dann eingesetzt, wenn Jeppe in seinem Zimmer übt, wenn er seine Schlagzeugbombardierung gegen Hidde richtet, stellenweise bekommt die Lesung dann Hörspiel-Charakter.

Der Krieg zwischen den Brüdern, das Verhältnis zur Mutter, die weitgehend hilflos scheint, der Vater, der gegangen ist, der Tod des ältesten Bruders, um den sich das Geheimnis zwischen Hidde und Jeppe dreht, all das macht den Text düster und lässt kaum Raum für komische Elemente. Allerdings sorgen Hiddes Pläne – meist sind sie nicht von Erfolg gekrönt – dennoch immer wieder für eine Komik, die die Insekten nicht selten das Leben kostet. Sein Versuch, einen Spinnerling für Lieke zu basteln, indem er einen Schmetterling auf eine Spinne bindet, führt lediglich dazu, dass sein Bruder ihn nur noch Spinnerling nennt. Drastisch endet auch seine Idee, Lieke, deren Lieblingsfarbe rosa ist und die Schmetterlinge liebt, mit einer eigenen Züchtung zu überraschen: "Die Raupen, die von dem rosafarbenen Kohl gegessen haben, sind alle tot. Plan misslungen. Vielleicht haben sie die Farbe nicht vertragen" (I/6). Darüber hinaus gewinnen die permanenten Desillusionierungen Hiddes an Komik, weil Baltscheit sich zunächst siegesgewiss in seine Figur hineinsteigert und das Misslingen dann nüchtern konstatiert.

Faszinierend ist, wie vielschichtig Simon van der Geest in Krasshüpfer mit dem Insekten-Sujet spielt, wie er sich damit in kafkaeske Abgründe bewegt, wie die Sprache Hiddes von Vergleichen und Metaphern aus der Insektenwelt geprägt ist: "Ich wünschte, ich hätte auch einen Panzer. Den festen Panzer eines Käfers" (III/6). Am Schluss steht die Befreiung der Insekten und damit verbunden die Befreiung Hiddes. "Ich fühlte, wie mir Flügel aus den Schulterblättern wuchsen und mich zitternd hochhoben. Ich schwebte ein Stück über dem Pflaster. […] Geheimnisse müssen erzählt werden. Sie müssen herauskriechen, sonst fressen sie einen von innen auf" (IV/9). Hier wird die Insekten-Metaphorik vielleicht doch ein wenig zu plakativ.

Fazit

Krasshüpfer wurde bereits auf ganz verschiedenen Ebenen geadelt: Der Roman bekam 2013 den Goldenen Griffel, die Übersetzung ist für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2017 nominiert. Aber auch die Tatsache, dass van der Geests Text von Miriam Pressler ins Deutsche übertragen wurde, kann als Auszeichnung verstanden werden. Die Lesung mit Martin Baltscheit stand darüber hinaus 2016 auf der hr2-Hörbuchbestenliste und war im gleichen Jahr für den BEO nominiert. Dass der Blick in einen ungewöhnlichen Jungen mit einem noch ungewöhnlicheren Hobby Leserinnen und Leser ab etwa 11 Jahren fesselt, lässt sich ahnen. Martin Baltscheits Lesung verstärkt diesen Sog durch eine klare Psychologisierung und eine Stimmgebung, die niemals vorgelesen wirkt, sondern die subjektive Perspektive konsequent durchhält und die Hörerinnen und Hörer zu Verbündeten macht.

 

Titel: Krasshüpfer
Autor: Geest, Simon van der
Produktion: Igel Records
Produktionsjahr: 2016
Dauer: 302 Minuten
Altersempfehlung: Ab 11 Jahren
Sprecher: Baltscheit, Martin

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