von Ina Schenker

"Das Gespenst von Canterville ist eine unprätentiöse, humorvolle Einführung in die Welt der klassischen Musik und der Literatur." So begründet die Jury des BEO 2017 ihre Entscheidung, das bereits 2006 produzierte Hörspiel in der Sonderpreiskategorie Beste Klassiker schließlich auf die Longlist zu setzen.

Inhalt

Die Handlung des Orchesterhörspiels folgt Oscar Wildes Erzählung aus dem Jahr 1887. Im Zentrum der Geschehnisse steht Familie Otis aus Amerika, die ein englisches Spukschloss als neuen Wohnsitz erwirbt. Sir Simon Canterville, der 300 Jahre alte Hausgeist, ist ruhelos, weil er seine Frau ermordete und als Strafe selbst in den Hungertod getrieben wurde. Laut einer Prophezeiung braucht es die Tränen eines unschuldigen Kindes, um den Umtriebigen in den Tod zu erlösen. In Virginia Otis, die im Gegensatz zum Rest der Familie dem Gespenst weniger furchtlos und pragmatisch als empathisch begegnet, findet er schließlich seine Retterin.

Hörspielcover Das Gespenst von CantervilleCover des Hörspiels "Das Gespenst von Canterville", (c) SWR

Kritik

Die Adaption von Das Gespenst von Canterville ins elektroakustische Medium ist zunächst keine neue Idee. Wildes Erzählung bietet einen intermedial viel verarbeiteten Stoff. So lassen sich allein dreizehn Filmversionen, fünf Theaterinszenierungen, ein Bilderbuch, drei Opernumsetzungen und zehn Hörspielvarianten anführen. Auch die Übersetzung in eine kindgerechte Gedankenwelt ist dabei schon mehrfach vorgenommen worden. Was diese Ausführung von Das Gespenst von Canterville jedoch so einmalig macht – dies überzeugte auch die BEO-Jury – ist die Kombination von Text, Musik, Stimmen und Geräuschen zu einem Orchesterhörspiel. 

Übernimmt zu Beginn die Erzählerstimme noch die Führung und gibt die nötigen Hintergrundinformationen zu den Cantervilles, der Familie Otis sowie den ersten Handlungsschritten, steht im weiteren Verlauf die Musik in all ihren differenzierenden Nuancen im Vordergrund. Besonders nachvollziehbar ausgestellt wird dieser Wechsel in der Exposition. So benennt die personifizierte Erzählinstanz jede einzelne Figur namentlich, verortet sie im Gefüge der Figurenkonstellation und beschreibt sie darüber hinaus in einer ihrer zentralen Eigenschaften. Unterdessen beginnt bereits jeweils eine spezifische Melodie nach und nach in den Vordergrund zu wachsen. Diese untermalt zunächst das sprachliche Auftreten der Figuren, etabliert sich als Leitmotiv und agiert schließlich eigenständig (Lorentz 2006, II/1:30). Diesem Erzählmuster folgt die Gesamtstruktur des Orchesterhörspiels. Während die Handlung sich vom Alltag der Schlossbewohner_innen entfernt und mehr und mehr in die Welt des Gespenstes und seiner Todessehnsucht eintaucht, gewinnt die Musik in ihrer semantischen Offenheit stetig an Präsenz. Dadurch entsteht eine mystische Stimmung, die auf einer emotionalen und abstrakten Ebene operiert, die dem Zeichensystem Sprache verwehrt bleibt. Dabei bedient das Orchesterhörspiel bekannte Genre-Erwartungen und spart auch nicht mit Pomp. So evozieren die Schwere der Musik als dramatisch inszenierte Todessehnsucht und die Gewalttat des Mordes an Sir Simons Ehefrau eine höchst unheimliche, bisweilen unfassbare Atmosphäre, die auf junge Rezipient_innen einen starken Effekt ausüben kann. 

Das Orchesterhörspiel bedient sich aber besonderer Erzählverfahren, spezifisch für das elektroakustische Genre, die einen Ausgleich zu den bedrohlicheren Szenarien schaffen. So kann die Hauptfigur Virginia, die sich freiwillig und mutig in die Welt des Gespenstes begibt, als einzige Figur auch mit der personifizierten Erzählinstanz kommunizieren. Diese Erzählform der Metalepse wird eingesetzt, damit sie ihre Gefühle und Perspektiven, die eventuell die der Rezipient_innen spiegeln, dem Erzähler und damit auch den Zuhörenden mitteilen kann. Gleichzeitig ermöglicht diese Strategie, den Erzähler zu korrigieren oder ironisch zu kommentieren und damit humorvolle Momente zu schaffen. Als dieser sich beispielsweise in überschwänglichen Komplimenten ergießt und sie als leichtes, graziles Rehkitz mit wunderschönen, blauen Augen beschreibt, weist sie den Erzähler zurecht, dass er doch mit seiner Aufmerksamkeit beim Gespenst bleiben solle, dieses stünde ja im Mittelpunkt der Erzählung (ebd. I/3:56). Darüber hinaus nimmt Virigina die Hörerschaft insgesamt auf einer Metaebene an die Hand und erklärt, wie das Konzept Orchesterhörspiel funktioniert. Damit gibt sie das Geheimnis um die Wirkmacht von Musik als Erzählelement preis und enthüllt sie als menschliches Handwerk. So lässt sie aus einem einzigen Ton, der einen Regentropfen symbolisiert, ein ganzes (Orchester-)Gewitter entstehen und wieder verklingen (ebd. III/1:05). Virginia fungiert als Verbündete der Hörer_innen und führt sie nicht nur zusammen mit dem Erzähler durch die Handlung, sondern auch durch das Konstrukt Erzählung. 

Die bisher hervorgehobene Todesthematik ist nur eines der Inhaltselemente, die über die Jahrhunderte zu einer immer wiederkehrenden Verarbeitung des Gespenstes von Canterville inspirierten. Auch die doppelte Gesellschaftskritik, die sich im Kulturkontakt zwischen den Repräsentant_innen der sogenannten "Neuen Welt" durch die amerikanische Familie Otis und der romantisierten, mystifizierten "Alten Welt" des englischen Adels zeigt, steht im Fokus der Adaption. Dabei ist positiv hervorzuheben, dass Familie Otis zwar der Vorlage folgend einen uneingeschränkten Kapitalismusglauben propagiert, der sich sowohl im munteren, werbenden Umgang mit Markenprodukten als auch ihren Kaufambitionen alter Kulturgüter manifestiert, in der elektroakustischen Umsetzung aber auf Plumpheit verzichtet wird. Eine Handhabung, die in der deutschsprachigen Kinder- und Jugendhörspieltradition, besonders im Bereich der populären Erzählkultur, häufig anders akzentuiert wird, wie Anette Bastian feststellt.

Von unschlagbarer Komik ist, dass man die Amerikaner, die sich in den Hörspielen nach Europa verirren, sofort an ihrem unverwechselbaren Akzent erkennt. Dieser Akzent ist zweifellos exklusiv für deutsche Kinder- und Jugendhörspiele entwickelt worden, natürlich stets gespickt mit ein paar englischen Vokabeln. (Bastian 2003, S. 61)

Bleibt hierzu für Das Gespenst von Canterville anzumerken, dass die Sprecher_innen ihren Figuren mit Respekt begegnen und sie trotz ihrer Repräsentationsfunktion nicht als leere Hüllen, sondern empfindsame, erlebende Wesen verkörpern.

Fazit

Der BEO ist nicht der erste Preis, für den diese Hörspielversion von Das Gespenst von Canterville nominiert ist. Neben dem deutschen Hörbuchpreis 2007 in der Kategorie Das besondere Hörbuch/Musik und dem internationalen Kinderhörspielpreis 2007 des Türkischen Rundfunks TRT (Türkiye Radyo ve Televizyon Kurumu) bekam es auch den Leopold 2007. Klassiker sind deswegen Klassiker, weil sie immer wieder neu umgesetzt und in ihrer thematischen Fülle vielfältig gelesen, geschaut und gehört werden. Das Besondere dieser Inszenierung ist die wirkmächtige Orchestermusik von Henrik Albrecht, die über eine weite Spanne die Emotionalität und Mystik der Erzählung alleine trägt, sich aber auch auf eine verspielte Metaebene mit den Figuren und Zuhörenden einlässt. Der leichte Tonfall dieser Erzählmomente kann den unheimlichen Szenarien jedoch nicht ganz die Waage halten, weshalb eine Altersempfehlung ab acht oder zehn Jahren angemessener scheint als die vom Verlag angegebenen sechs Jahre. Außerdem bleiben gerade wegen dieses eindrucksvollen musikalischen Fokus manche kindgerechte Anpassungen auf der Strecke, wie Albrecht auch selbst angibt: "Bei meinen Orchesterhörspielen schreibe ich zuerst den Text. Diese Bearbeitung reduziert die Vorlage auf wenige leicht verständliche Bilder. Ähnlich wie in der Oper ist es bei dieser komprimierten Kunstform wichtig, sprachlich nicht zu überladen zu agieren" (Wicke 2016). So wird der Mord Sir Simons an seiner Ehefrau kaum hinterfragt und schlicht dadurch gerechtfertigt, dass diese nicht gut kochen konnte (Lorentz 2006, XV/1:42). Auch die Kapitalismuskritik zerfällt in einen knappen und humorigen Werbetonfall, der nicht unbedingt als Satire zu erkennen ist. Dies sind aber nur kleine Stolpersteine in einem sonst ansprechenden Hörerlebnis.  

 

Literatur

 

Titel: Das Gespenst von Canterville
Autor:
Oscar Wilde
Bearbeitung: Judith Lorentz
Genre: Orchesterhörspiel
Produktionsland: Deutschland
Produktionsjahr: 2006
Dauer: 60 Minuten
Altersfreigabe: Ab 6 Jahren
Interpret_innen: Peter Fricke (Erzähler), Laura Maire, Stefan Kaminski, SWR Rundfunkorchester Kaiserslautern (Dirigent: Andreas Hempel)
Produktion: SWR mit DLR/hr2/NDR/WDR

 

 

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