Die Eiskönigin (Frozen. USA, Regisseur: Chris Buck und Jennifer Lee, 2013)

von Dr. Philipp Schmerheim

Erfolgreichster Animationsfilm aller Zeiten, ein veritables weltweites Kulturphänomen vor allem bei Mädchen, die erste Disney-Regisseurin überhaupt und eine konsequente Weiterentwicklung der klassischen Disney-Erzählformel: Die Eiskönigin ist in vielerlei Hinsicht ein bemerkenswertes Märchenmusical. Der offiziell 53. animierte Spielfilm der Walt Disney Studios erzählt Hans Christian Andersens Kunstmärchen von der Schneekönigin im Gewand einer dramatischen Schwesternliebe neu und redefiniert dabei gleichsam nebenbei die Formel vom Kuss der wahren Liebe.

Inhalt

Zu den Klängen von "Frozen Heart" ernten Eismänner im Prolog gefrorenes Eis aus einem der Seen des Königreichs Arendelle, unterstützt von dem kleinen Jungen Kristoffer und seinem Rentier Sven.

Die Exposition des Films beginnt im königlichen Schloss von Arendelle mit den kindlichen Prinzessinnen Anna und Elsa. Mit ihren magischen Fähigkeiten kann die ältere Schwester Elsa Schnee und Eis herbeizaubern und so den Thronsaal in eine Eislandschaft verwandeln. Als Elsa ausrutscht, trifft ein Eisstrahl aus ihrer Hand versehentlich die auf Schneehügeln herumhüpfende Anna, die daraufhin bewusstlos wird.

Die herbeigeeilten Königseltern bitten die Trolle um Hilfe. Deren Häuptling Grand Pabbie löscht alle Erinnerungen Annas an die magischen Fähigkeiten ihrer Schwester. Er warnt Elsa vor ihren mit der Zeit immer größer werdenden Fähigkeiten, die zu kontrollieren sie lernen müsse. Elsas Vater beschließt, sie von der Außenwelt zu isolieren, bis sie lernt, mit ihren Fähigkeiten umzugehen. Eine musikalisch untermalte Zeitraffersequenz zeigt, wie Elsa in ihrer Jugendzeit erfolglos versucht, ihre Fähigkeiten zu kontrollieren, während Anna zunehmend an der Trennung von ihrer Schwester verzweifelt. Auch nachdem der König und die Königin durch ein Schiffsunglück kommen, vermeidet Elsa den Kontakt zu Anna.

Drei Jahre später wird Elsa zur Königin gekrönt. Während sich die Untertanen auf den großen Tag vorbereiten und Elsa befürchtet, die Zeremonie durch ihre Fähigkeiten zu ruinieren, freut sich Anna darauf, ihre Schwester endlich wiederzusehen und endlich wieder Kontakt mit anderen Menschen zu haben. "The First Time in Forever" singend, träumt sie davon, bei dem Fest ihre große Liebe zu treffen.

Tatsächlich lernt Anna ihren Prince Charming in Gestalt von Prinz Hans kennen. Bereits während des Krönungsballs verloben sich der charmante Adlige und die tollpatschige Prinzessin (begleitet von "Love is an Open Door"). Doch Elsa verweigert Anna ihren Segen, woraufhin die Schwestern in einen Streit geraten. Elsa verliert die Kontrolle über ihre Fähigkeiten und verwandelt unwillentlich das gesamte Königreich in eine Eislandschaft. Entsetzt flieht Elsa in die Berge, wo sie sich – "Let It Go" singend – einen Eispalast erbaut, in dem sie als Eiskönigin für den Rest ihres Lebens alleine wohnen will.

Während Anna versucht, Elsa zu finden und zur Rückkehr zu bewegen, überlässt sie Prinz Hans die Verantwortung für das Königreich. Auf ihrer Reise trifft Anna auf den mittlerweile herangewachsenen Kristoff und sein Rentier, die sie auf ihrer weiteren gefahrvollen Reise begleitet. Unterwegs schließt sich ihnen auch der Schneemann Olaf an, der von Elsa zum Leben erweckt wurde und deshalb den Weg zum Eispalast kennt. Dort angekommen, nimmt das Wiedersehen der Schwestern eine tragische Wendung: Elsa verliert wieder die Kontrolle, trifft Anna unbeabsichtigt mit einem Eisstrahl ins Herz und erschafft das Schneemonster Marshmallow, der ihre Besucher aus dem Schloss verjagt.

Kristoff, der bemerkt, dass Anna am Eisfluch zu erfrieren droht, sucht mit ihr Hilfe bei den Trollen. Diese wollen zwar vor allem Kristoff und Anna verkuppeln, wissen aber  auch, dass nur ein Akt wahrer Liebe Annas Leben retten kann. In der Annahme, dass Anna von ihrem Verlobten Hans geküsst werden muss, eilt Kristoff mit ihr nach Arendelle zurück.

Dort versucht der Duke of Weselton (dt.: Herzog von Pitzbühl) unterdessen, die Macht zu übernehmen. Hans verzögert dessen Putschversuch, indem er die in Ungnade gefallene Elsa gefangen nimmt und nach Arendelle zurück bringt, wo sie den Eisfluch zurückgängig machen soll. Auch Anna gelangt schließlich mit Hilfe von Kristoff nach Arendelle zurück. Doch Hans weigert sich, sie zu küssen und entpuppt sich in einem plot twist als Erbschleicher, der Anna nur heiraten will, um über sie an die Krone von Arendelle heranzukommen. Hans lässt Anna zum Erfrieren zurück und erklärt sie vor dem Duke of Weselton für tot – nicht ohne zu behaupten, dass sie vor ihrem Tod geheiratet hätten. Da er Elsa des Hochverrats anklagt, glaubt sich Hans bereits auf dem Königsthron.

Doch Olaf befreit Anna und will sie mit dem zwischenzeitlich zurückgekehrten Kristoff zusammenbringen, den der Schneemann nun für den wahren Kusskandidaten Annas hält. Hans versucht unterdessen, Elsa in eine Falle zu locken. Doch bevor er Elsa mit seinem Schwert erschlagen kann, springt die bereits zu Eis erstarrende Anna dazwischen. Es ist dieser Akt der Selbstaufopferung aus Liebe, der den Fluch bricht und Anna wieder zum Leben erweckt.

Auch Elsa hat nun gelernt, dass Liebe ein gefrorenes Herz schmelzen kann, was ihr die Angst vor ihren Fähigkeiten nimmt. Sie bringt den Sommer zurück nach Arendelle und führt Hans und den Duke ihren gerechten Strafen zu. Für Anna und Kristoff gibt es ein romantisches Happy End, und auch Schneemann Olaf kann sich freuen: Dank der Zauberkräfte Elsas schmilzt er selbst im Winter nicht zu einer Pfütze Wasser zusammen.

Populärrezeption

Mit weltweiten Einnahmen in Höhe von 1,274 Mrd. US-$ ist Die Eiskönigin der in absoluten, nicht inflationsbereinigten Zahlen erfolgreichste Animationsfilm aller Zeiten, und auch unter allen Spielfilmen rangiert Die Eiskönigin knapp hinter Harry Potter und die Heiligtümer des Todes 2 auf Position 5 (Stand: Februar 2015). In Deutschland lief Die Eiskönigin am 26.11. 2013 an und hatte insgesamt 4,7 Mio. Besucher. Auf dem Heimvideomarkt erzielte Die Eiskönigin in den USA die bisher meisten Blu-ray-Verkäufe (vgl. the-numbers.com).

2014 wurde Die Eiskönigin mit zwei Oscars ausgezeichnet: als bester Animationsfilm und für den besten Originalsong ("Let It Go"). Hinzu kommen zahlreiche weitere Auszeichnungen, z. B. als bester animierter Spielfilm bei den Golden Globe Awards und den BAFTA Awards und zwei Auszeichnungen bei den Grammy Awards.

Produktionsgeschichte

Wenige Filme dürften eine ähnlich lange Entstehungsgeschichte haben: Bereits seit 1937 versuchten die Walt Disney Studios, Hans Christian Andersens düsteres Kunstmärchen Die Schneekönigin als abendfüllenden Zeichentrickfilm zu adaptieren – ein Unterfangen, das wiederholt vor allem an der Titelfigur scheiterte, die im Prätext zu komplex, zu antagonistisch geraten ist für die Disney’schen Bedürfnisse nach Familienkompatibilität und klarer Verortung im christlich-konservativen Wertespektrum. 1940 plante Walt Disney erfolglos zusammen mit Samuel Goldwyn einen Hybridfilm aus Zeichentrick- und Realsequenzen über Leben und ausgewählte Märchen Andersens, darunter auch Die Schneekönigin. Zwar verschwand das Projekt schnell in den Archiven, die Konzeptzeichnungen aus der Vorproduktionsphase sollten Jahrzehnte später jedoch John Lasseter dazu inspirieren, das Projekt doch umzusetzen. (vgl. hierzu Solomon 2013: 6-11)

Zwischenzeitlich versuchte das Studio sich auch während der sogenannten "Renaissance-Ära" der 90er Jahre mehrfach an Andersens Vorlage, ermutigt durch den Erfolg von Filmen wie Arielle, die Meerjungfrau (1989, ein weiteres Andersen-Märchen), Die Schöne und das Biest (1991) und König der Löwen (1994). Doch jedes Mal kam das Projekt nicht über frühe Entwicklungsstufen hinaus, sodass Die Schneekönigin wieder in der development hell verschwand.

Erst John Lasseter, der im Jahre 2006 nach dem Kauf der Pixar Animation Studios zum Chefkreativen der Animationsfilmabteilung wurde, belebte das Projekt 2008 wieder. Lasseter hatte selbst bereits lange mit dem Andersen-Stoff geliebäugelt, weil er von den ersten Entwürfen aus den 40er Jahren begeistert war. Deshalb ließ er sich bereitwillig auf den Vorschlag des Drehbuchautors und Regisseurs Chris Buck (Tarzan) ein, Die Schneekönigin umzusetzen (vgl. Solomon 2013: 6-11).

Buck wollte jedoch vor allem mit einem der bekanntesten Motive der Disney-Märchenfilme experimentieren: "True Love’s Kiss", der wahren Liebe Kuss (vgl. Williams 2014). Zu dem Zeitpunkt steuerten Disney-Filme mit weiblichen Hauptfiguren vorwiegend auf den erlösenden Kuss des Prinzen (oder eines anderen love interest) zu – angefangen 1937 mit Schneewittchen und die sieben Zwerge, die von Prince Charming aus ihrem todesähnliche Schlaf geküsst wird (und nicht, wie noch im Grimm’schen Prätext, durch die Ungeschicklichkeit der Zwerge, die den Gläsernen Sarg fallen lassen), über die Meerjungfrau Arielle, die 1989 ihrem geliebten Eric zuliebe zu einem Menschen wird, bis zu der resoluten Tiana aus Küss den Frosch, die sich 2009 erst wieder von einem Frosch in eine junge Frau zurückverwandeln kann, nachdem sie einen Prinzen geheiratet hat. In der Tat variiert die Disney-Version der Schneekönigin durch den Fokus auf die schwierige Beziehung zwischen den Schwestern Anna und Elsa das Liebesthema: Gegenüber dem Motiv der Schwesternliebe tritt die klassische heterosexuelle Romanze in den Hintergrund, verschwindet jedoch nicht völlig.

Da sich der Entwicklungsprozess weiterhin schwierig gestaltete, stieß 2012 auch Jennifer Lee zum Drehbuchteam hinzu, die zuvor gemeinsam mit Phil Johnston das Drehbuch für Ralph Reicht’s (2012) geschrieben hatte, eine Parodie auf Computerspielfiguren. Schnell stellte sich heraus, dass Lee die komplexe Geschichte um die ungleichen Schwestern besser durchdrang als alle anderen am Projekt Beteiligten. So schrieb Lee nicht nur das fertige Drehbuch und wurde damit mehr als zwanzig Jahre nach Linda Woolverton (Die Schöne und das Biest, König der Löwen) erst die zweite weibliche Drehbuchautorin, die als Einzelautorin für einen "Walt Disney Animated Classics" geführt wird. Sie wurde schließlich auch zur ersten weiblichen Regisseurin in der 91-jährigen Geschichte des Konzerns.

Transformationen des Prätexts

Aus der Entscheidung, Die Eiskönigin als Geschichte einer Schwesternliebe zu erzählen, resultieren einschneidende Veränderungen in Handlungsverlauf und Figurenkonstellation im Vergleich zu Andersens Prätext von 1844: Bei Andersen begibt sich das herzensgute Arbeitermädchen Gerda auf die Suche nach ihrem brüderlichen Freund Kay, der von der Schneekönigin in ihren Eispalast entführt wurde und durch deren eisigen Kuss alle Erinnerungen an sein früheres Leben mit seiner Spielgefährtin verloren hat. Bei Andersen ist es Kay, nicht Anna, dessen Herz durch Splitter aus einem von einem bösen Troll hergestellten unheilbringenden Spiegel metaphorisch zu Eis erstarrt, sodass er die Welt nicht mehr mit reiner kindlicher Unschuld wahrnimmt. (In Die Eiskönigin hingegen entfernt der Trollhäuptling Grand Pabbie Annas Erinnerungen an Elsas magische Kräfte lediglich, um das Mädchen zu schützen.) Das Herz aus Eis bedroht Kays moralische Integrität, nicht jedoch – wie in der Disney-Variante – sein Leben. Auch das Motiv des Erwachsenwerdens und der Heimkehr in die Heimat fehlt in dieser Form: Bei Andersen ziehen Kay und Gerda als Kinder aus und kehren gemeinsam als junge Erwachsene in ihre Heimatstadt zurück.

Am deutlichsten ist die veränderte Figurenkonstellation: Aus den Antagonistinnen Gerda und Schneekönigin werden die adligen Geschwister Anna und Elsa, die zudem nur vordergründig in einem Konflikt miteinander stehen. (Wie der plot twist im dritten Akt enthüllt, sind Hans und der Duke of Weselton die eigentlichen Widersacher der Geschwister.) Elsa wird zu einer Ausreißerin, die im Exil und durch die Hilfe ihrer Schwester einsieht, dass sie sich ihren Ängsten stellen muss, um ihre magischen Kräfte zu kontrollieren.

So ist Die Eiskönigin letztendlich tatsächlich lediglich ein Film "inspired by", d. h. eine "Aneignung" (Kreuzer 1999: 27) des Andersen’schen Prätext, der lediglich als Rohstoff, als Inspirationsquelle für eine eigenständige filmische Erzählung dient. Dies ist eine gängige Praxis in Disney-Filmen, die z.B. auch bei der Produktion von Schneewittchen und die sieben Zwerge oder Das Dschungelbuch (1969) angewandt wurde.

Spezifisch für Die Eiskönigin ist jedoch die Entscheidung, die Schneekönigin (Elsa) zu einer komplexen Antagonistin umzugestalten und nicht wie z.B. bei Schneewittchen oder Cinderella als eine weitere entpsychologisierte, rein negativ konnotierte weibliche Figur zu konzipieren. Damit folgen Lee und Buck auch der Tendenz der Psychologisierung von Antagonisten im Hollywood-Märchenkino. Es ist kein Zufall, dass in der Disney-Realfilmproduktion Maleficent  (2014) nun sogar eine der am negativsten besetzten Märchenfiguren des Disney-Kanons zur Hautpfigur eines Blockbuster-Märchenfilms avanciert (passenderweise mit Angelina Jolie in der Rolle der gutmütigen Fee, die aus auf grausame Weise enttäuschter Liebe zu ihren bösen Taten angetrieben wird). In all diesen Entscheidungen spiegelt sich zudem der kreative Einfluss der nunmehr zum Disney-Imperium gehörenden Pixar Animation Studios, die mit Merida (2012, engl. Originaltitel: Brave) zuvor auch eine Art Blaupause für die Figur der Anna geliefert haben.

Weiterentwicklung der Disney-Erzählformel

Die Feineinstellungen an der Figurenkonzeption und -konstellation setzen sich auch in der Erzählstruktur fort: Sicherlich folgt Die Eiskönigin weiterhin der im Hollywood-Kino bewährten Drei-Akt-Struktur und führt mit dem Schneemann Olaf und dem Rentier Sven die Tradition der Sidekicks fort, die im Laufe des zunehmend dramatischen Handlungsverlaufs immer wieder für comic relief sorgen. Doch wie bereits geschrieben, transformiert der Film einige Erzählkonstanten des Disney-Märchenuniversums, vor allem durch die Abwertung der romantischen Liebesgeschichte.

Dadurch werden die weiblichen Figuren auch unabhängiger von ihren männlichen Gegenparts, eine Entwicklung, die sich bereits in früheren Filmen wie Arielle, die Meerjungfrau, Die Schöne und das Biest, Küss den Frosch und Verwünscht (2007, letzteres ein Hybrid aus Real- und Zeichentrickfilm) andeutet. Die Eiskönigin löst sich im Vergleich jedoch noch stärker von der bisher üblichen Fixierung auf die Liebesheirat als Happy End.

So dreht sich auch Küss den Frosch (2009, USA, R: John Musker, Ron Clements) bereits um eine starke, eigenständige Frauenfigur: Das arme Mädchen Tiana arbeitet hart für ihren Traum von einem eigenen Restaurant in New Orleans, gerät aber unversehens an einen verwunschenen Prinzen in Froschgestalt, durch den sie ebenfalls in einen Frosch verwandelt wird, als sie ihn aus Mitleid küsst. Erst als Tiana gegen Ende des Films durch ihre Heirat mit dem Prinzen zur Prinzessin wird, kann sie den Fluch beim Hochzeitskuss brechen. Dadurch erreicht sie zwar letztendlich ihr eigentliches Ziel, ein Restaurant zu eröffnen, doch sie kann es nur erreichen, indem sie den Konventionen der romantischen Nebenhandlung Genüge leistet.

Auch Die Eiskönigin scheint sich vordergründig im Verlaufe der Handlung dieser Doppelstruktur zu bedienen, da Publikum ebenso wie die Protagonisten mittels unzuverlässiger Erzählweise zuerst in dem Glauben gelassen werden, der Liebe wahrer Kuss sei derjenige, den Prince Charming (Hans) oder zumindest das eigentliche love interest (Kristoff) der hilfsbedürftigen Protagonistin Anna angedeihen lässt. Dass sich die Liebe zwischen Schwestern (und somit die Familienbande) als einzig tragfähige Liebesgemeinschaft herausstellt, während die durch den späteren Kuss angedeutete Liebesbeziehung zwischen Anna und Kristoff sich offensichtlich erst noch beweisen muss – das ist in der Tat eine Weiterentwicklung und Anerkennung des zeitgenössischen Frauenbilds des immer noch eher reaktionär-konservativen Konzerns.

Soundtrack

Ein wesentlicher Erfolgsfaktor für das Märchen-Musical ist auch der Soundtrack, zumal mehr als ein Viertel des Films aus gesungenen Liedsequenzen bestehen. Die Lieder, geschrieben von Kristen Anderson-Lopez und Robert Lopez, sind nicht nur eingängig und auf Broadway-Niveau geschrieben, sie beeinflussten den Filmemachern zufolge auch die Figurengestaltung: so ist die psychologische Komplexität der Elsa auch dem Song "Let It Go" geschuldet, der den inneren Konflikt der Eiskönigin ausdrückt: "Don’t let them in, don’t let them see, be the good girl you always have to be". Das Lied zeigt Anna als Person, die "ruled by fear" (Achilles 2014) ist und sich deshalb in ihr selbstgewähltes "kingdom of isolation" (Liedtext) zurückzieht. In der englischsprachigen Originalfassung bilden Idina Menzel als Anna und Kristen Bell als Elsa zudem einander perfekt ergänzende Synchronstimmen. In der deutschen Synchronisation teilen sich verschiedene Sprecherinnen und Sängerinnen die Dialog- und Gesangszenen.

Die visuelle Gestaltung von Die Eiskönigin unterstützt diesen Fokus auf die Musik: Die Kameraführung ist weitgehend ruhig und greift lediglich in Verfolgungs- oder Kampfsequenzen auf hektische Kamerabewegungen zurück, unterstützt von einer durchschnittliche Einstellungslänge von 3,7 Sekunden (Smit 2014). In den zahlreichen Dialogszenen dominieren statische Halbnah- oder Nahinstellungen, auf komplexe Montagestrategien verzichtet der editor Brian Millman zugunsten der Zugänglichkeit für kindliche Rezipienten. Dadurch kommen auch die spektakulären Landschaften Arendelles zur Geltung, für die sich das Animationsteam um Michael Giaimo an den Fjorden und Bergen Norwegens orientiert hat. Für den Film studierten die Animatoren auch intensiv das Verhalten von Schnee in verschiedenen Umgebungen.

Fazit: Kulturphänomen Frozen

Der nicht nur finanzielle, sondern auch popkulturelle Erfolg von Die Eiskönigin offenbart die anhaltende popkulturelle Deutungsmacht des Disney-Konzerns: Durch dessen Marktmacht sind Frozen-Merchandising-Produkte weltweit in den Mädchenzimmern omnipräsent (und es sind vor allem Mädchen, die sich für diesen Film begeistern, wenngleich immerhin 43 Prozent des US-Publikums männlich ist [vgl. Barnes 2013]). So waren Medienberichten zufolge an Halloween 2014 kein Kostüm beliebter als die Prinzessinnenkleider von Elsa und Anna: Mehr als drei Millionen Exemplare setzte der Disney-Konzern ab (Barnes 2014).

Offenbar finden nicht nur Kinder Gefallen an dem Film. So gewinnt der Mädchenname "Elsa" unter Neugeborenen an Bedeutung, und sogar auf Universitätscampussen wurden vermehrt Eiskönigin-Merchandise-Artikel gesichtet (vgl. Konnikova 2014). Das spricht dafür, dass es Disney gelungen ist, einen Family Entertainment Film zu produzieren, der sowohl Kinder als auch Erwachsene anspricht.

 

Quellenhinweis:

Diesem Eintrag liegt folgender Artikel im Lexikon des Kinder- und Jugendfilms zugrunde: Philipp Schmerheim: Die Eiskönigin (Frozen. USA, Regisseur: Chris Buck und Jennifer Lee, 2013). In: Lexikon des Kinder- und Jugendfilms im Kino, im Fernsehen und auf Video. Hrsg. von Horst Schäfer. Teil 1: Kinder- und Jugendfilme. 47. Ergänzungslieferung. Meitingen: Corian-Verlag, 2015. S. 1-9.

 

Literatur

Primärliteratur

  • Andersen, Hans Christian ([1844] 1913): Die Schneekönigin. Ein Märchen von Hans Christian Andersen. Mit farbigen Vollbildern und Buchschmuck von Edmund Dulac. München : Dietrich

Sekundärliteratur

 

Erstveröffentlichung: 05.09.2015

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