von Andreas Wicke

Es ist kein eitler Rückblick des 1937 geborenen Schriftstellers, des renommierten Kinderbuchautors und erfolgreichen Theaterdichters, vielmehr verfasst Paul Maar Erinnerungen, die unprätentiös auf die eigene Kindheit und Entwicklung blicken. Dass alles auch hätte anders kommen können, ist Maar bewusst, wenn er sein Leben unsentimental und nicht ohne Lakonie darstellt.

 

Paul Maar
Wie alles kam. Roman meiner Kindheit
FISCHER Verlag, Frankfurt/Main, 2020.
304 Seiten. 22,00 €
ISBN 978-3-10-397038-8.

 

Inhalt

Paul Maar, der heute in Bamberg lebt, erzählt die Geschichte seiner Kindheit und Jugend in Schweinfurt und dem fränkischen Dorf Obertheres. Im Zentrum dieser Autobiographie stehen die Erinnerungen an ein Aufwachsen in der Kriegs- und Nachkriegszeit: Es geht um Bombenangriffe und das spätere Wirtschaftswunder, um die Großeltern, zu denen Maar ein enges Verhältnis hat, um die Mutter, die wenige Wochen nach seiner Geburt gestorben ist, die zweite Frau des Vaters, vor allem aber um den Vater selbst und das entfremdete und belastende Verhältnis zu ihm.

Doch Maar erinnert sich nicht nur an seine Kindheit, er reflektiert auch den Vorgang des Erinnerns, fragt, ab wann Erinnerung im Kindesalter überhaupt möglich ist, macht sich bewusst, dass sie durch Geräusche und Gerüche, vor allem "durch alte Fotografien heraufbeschworen" (S. 14) wird. Der Schriftsteller überlegt zudem, wie sich Erinnerung zu einem Text weben lässt: "Erinnerungen sind keine Tagebücher", schreibt er und weiß, dass die Metapher, die aus einem Bach langsam einen Fluss, einen Strom werden lässt, nicht funktioniert: "Eher sind es verstreute große und kleine Pfützen nach einem Starkregen" (S. 12). In diesen autobiographischen "Pfützen" spielt das Lesen, spielen Literatur, Theater und Kunst eine wichtige Rolle.

Kritik

"Ich meine, daß die Basis der Himmelsleiter, auf der man hinaufsteigen will in höhere Regionen, befestigt sein müsse im Leben, so daß jeder nachzusteigen vermag. Befindet er sich dann immer höher und höher hinaufgeklettert, in einem fantastischen Zauberreich, so wird er glauben, dies Reich gehöre auch noch in sein Leben hinein, und sei eigentlich der wunderbar herrlichste Teil desselben", sagt Theodor in E.T.A. Hoffmanns Die Serapionsbrüder. Das Verhältnis zwischen Vernunft und Fantasie, zwischen Wirklichkeit und Wahnsinn ist aber nicht nur für die Romantiker ein zentrales Moment ihres Schreibens, auch Paul Maar, der das Werk Hoffmanns schätzt und immer wieder mit Motiven aus seinen Erzählungen spielt, beginnt seine Autobiographie mit einer Erinnerung, die sich dem komplizierten Verhältnis stellt.

Schwimmende Fische, so ist das erste Kapitel überschrieben, in dem er erzählt, was er als Kind im Halbschlaf erlebt hat: "Mit einem Mal ist das Zimmer mit blauer Luft gefüllt und in diesem Blau sehe ich Fische und fischähnliche Tiere schweben. Ich weiß, dass ich nicht träume. Ich kann den Kopf wenden und die schwebenden Tiere aus einer anderen Perspektive sehen" (S. 9). Dieser Dämmerzustand scheint ein Bild für den Zustand zwischen Vernunft und Wahn zu sein. "Ich ahne zwar, dass diese Kreaturen nicht real sind, drehe aber immer mal am Gehirnschalter, um mich zu vergewissern, dass ich noch in Omas Schlafzimmer im Bett liege" (ebd.). Später erklärt sich Maar die Halluzinationen als mögliches Ergebnis eines Getreidepilzes, spürt jedoch auch die Angst, ganz in eine andere Welt abzugleiten. "[I]n diesem Moment glaube ich zu wissen, dass ich verrückt werde, wenn ich es jetzt nicht schaffe, mit letzter Willenskraft den Rückweg in die Realität zu finden. Es gelingt mir schließlich, und ich weiß: Nie mehr darf ich den Weg in diese andere Welt zulassen!" (S. 10).

Paul Maar entwirft hier keine Poetik, er schreibt keine Bambergische Dramaturgie, dennoch zeigt die Geschichte, die er an den Beginn eines Textes mit dem Titel Wie alles kam stellt, dass die Verbindung von Fantasie und Wirklichkeit nicht nur in Lippels Traum, in den Romanen um das Sams, Herrn Bello und den Galimat, sondern auch für den Autor selbst ein zentrales Thema ist. Und das "Serapiontische Prinzip" gilt auch im Œuvre des Kinderbuchautors: Die Himmelsleiter muss fest im Leben wurzeln, die sekundären Welten der Fantastik stehen immer in einem bindenden Verhältnis zur Realität.

Solche Betrachtungen sind eingebettet in die Schilderung einer Kindheit in der Kriegs- und Nachkriegszeit. Während Maar zu seiner Stiefmutter und den Großeltern ein inniges Verhältnis entwickelt, ist die Beziehung zum Vater voller Konflikte: "Den Vater meiner frühen Kindheit habe ich als ausgeglichenen, unternehmungslustigen, fröhlichen Menschen in Erinnerung. Zum Vater, der mir fremd war, der mich schlug und mir Angst machte, wurde er erst, als er verbittert als König ohne Land im dörflichen Exil ausharren musste" (S. 59). Dieser Vater, den er zunächst nicht erkennt, als dieser aus Kriegsgefangenschaft nach Hause kommt, der ihn mit einem Schlauch verprügelt und das Lesen des Sohnes als "Zeitverschwendung" (S. 135) abtut, nimmt eine zentrale Rolle in Maars Wie alles kam ein, auch der erwachsene Schriftsteller kann sich nicht von dessen Übermacht befreien. "Ich hatte gehofft, dass der Schatten meines Vaters nach seinem Tod langsam verblassen würde, und musste feststellen, dass er eher länger wurde" (S. 50).

Immer wieder finden sich aber auch heiter-anekdotische Betrachtungen, etwa die Erkenntnis, was Oma Rethel alles unter ihrem Kleid trägt, oder die Sprachverwirrung, als ein amerikanischer Soldat dem Kind Schokolade geben will, die Oma Kuni für vergiftet hält:

"Der GI bemerkte ihr Zögern und nahm an, sie sei der Meinung, er wolle dafür bezahlt werden, schüttelte den Kopf und sagte eindringlich: 'It's a gift!' Worauf Oma Kuni fassungslos zu mir sagte: 'Er gibt's auch noch zu!'" (S. 133)

Und nicht nur das Englische führt zu Verwirrungen, vor allem das Fränkische verfolgt Paul Maar sein Leben lang. Das harte und das weiche B ist ein Kapitel überschrieben, in dem es auch um die weiteren Plosive geht: um "Erdbeerdorde" (S. 191), den "Dädowierden Hund" (S. 193) und die Probleme des Studenten, der mit der "Tochter des Intendanten (Indendanten? Indentanden?) des Fränkischen Theaters" (S. 190) befreundet ist.

Neben den Kriegserinnerungen und Familiengeschichten, neben Schulepisoden und Lausbubenstreichen, neben dem Sittengemälde im Franken der Nachkriegszeit zeichnet Maar die Geschichte eines Büchermenschen, der sich in Texten spiegelt, der in Geschichten flieht, für den Literatur eine Gegenwelt bedeutet, die er sich hart erkämpfen muss. Literatur begleitet Paul Maar durch alle Situationen seines Lebens:

"Dann las ich in Nabokovs 'Sprich, Erinnerung, sprich'" (S. 12); "Dort legte ich mich vorsichtig aufs Bett und griff nach meinem Lieblingsbuch Robinson Crusoe" (S. 49); "In der Rückschau weiß ich, dass es Don Quijote mit den Illustrationen von Gustave Doré gewesen sein muss" (S. 122); "Beide hatten wir ein Buch, das wir heilig hielten als Andenken an unsere leiblichen Mütter: sie eine Bibel, ich das Lexikon Der Sprach-Brockhaus" (S. 134); "Eines der Märchen aus dem Buch spendete mir Trost und wurde in der Rückschau fast so etwas wie eine Überlebenshilfe […]: 'Der Eisenhans'" (S. 136); "Bald entwarf ich Bühnenbild und Kostüme zu Hauptmanns Biberpelz" (S. 211); "Meine Tante aus Wiesbaden hat mir zu Weihnachten Pippi Langstrumpf geschenkt" (S. 233); "Der Säulenheilige unter meinen Lieblingsautoren wurde Jorge Luis Borges" (S. 292).

Mehr Beispiele ließen sich finden, doch die geballte Darstellung täuscht. Es geht nicht um Namedropping oder das Zurschaustellen von Gelehrsamkeit. Vielmehr zeigt sich, dass der Autor zunächst vor allem Leser ist, dass Literatur für Maar eine lebenswichtige Funktion hat, die weit über Zerstreuung oder Unterhaltung hinausgeht und zum Grundnahrungsmittel des späteren Autors wird, die ihm aber auch ermöglicht, vor dem strengen Vater und seinen Schlägen in eine andere Welt zu fliehen. Kein Wunder, dass der Deutschunterricht ihn zunächst enttäuscht: "Es waren alberne, dumme Geschichten, die ich da vorgesetzt bekam: Hans hat den Ball / Hat Hans den Ball / Ja, Hans hat den Ball" (S. 148).

Maar konstruiert keine Kongruenz von Leben und Werk, spiegelt sich nicht in den Charakteren, die er geschaffen hat. Dennoch finden sich immer wieder Figuren und Formulierungen, die man aus seinen Romanen kennt: Wenn die Mutter ihm "Träumst du schon wieder?" (S. 195) zuruft, findet sich diese Frage auch in Lippel, träumst du schon wieder!, Maars Sportlehrer (vgl. S. 197) ähnelt Herrn Daume aus den Sams-Romanen, wie Kilian in Andere Kinder wohnen auch bei ihren Eltern liest Maar begeistert Tom Sawyer, und die Familiengeschichte der Omas und Tanten erinnert an Kartoffelkäferzeiten.

Nur bei Herrn Wenner, einem Mitarbeiter im väterlichen Betrieb, der die mit einer Rechenmaschine erstellten "Resultate noch einmal auf dem Papier nachzurechnen und zu prüfen" (S. 286) hatte, wird die Verbindung explizit. Nachdem Maar die traurige Existenz des schüchternen und untertänigen Angestellten geschildert hat, heißt es: "Ich hätte Herrn Wenner gerne zu mehr Lebensfreude und Selbstsicherheit verholfen, doch das schafft man nicht als Jugendlicher. Aber als erwachsener Autor konnte ich ihm eine Figur zur Seite stellen, die all das verkörpert und im Übermaß besitzt, was ihm abgeht: Lebensfreude, Witz, Mut, Selbstsicherheit und eine große Portion Frechheit" (S. 287). Die Rede ist natürlich von Herrn Taschenbier und dem Sams.

Die assoziativen Sprünge zwischen Leben und Werk, aber auch zwischen den Zeitebenen machen den Reiz dieser Memoiren aus. Maar springt von einer Kindheitserinnerung an den Vater zum letzten Besuch in dessen Krankenhauszimmer, erzählt, wie er seine Frau Neele kennengelernt hat, und berichtet von ihrer Demenzerkrankung. Dieser Bericht aus der Jetztzeit ist vielleicht das traurigste, aber zugleich ein äußerst berührendes Kapitel, in dem Paul Maar ganz unsentimental erzählt, wie er sich in die Logik dieser Krankheit hineindenkt und eine neue Form des Miteinanders sucht: "Wenn ich die liebevolle Verbindung zwischen uns beibehalten wollte, musste ich mich auf ihre Wahrheit einlassen, auch wenn ich dabei zwangsläufig log" (S. 204).

Fazit

Der Roman meiner Kindheit ist kein Kinderbuch, sondern eine Autobiographie, die sich zunächst an jene Erwachsenen richtet, die mit Paul Maars Romanen, Sprachspielen und Theaterstücken, mit den Filmen und Hörspielen um das Sams, Lippel und Herrn Bello aufgewachsen sind. Allerdings kann Wie alles kam genauso gut als Einstieg dienen, um sich mit Leben und Werk des heute 83jährigen Autors zu beschäftigen. Auch in diesem Text erkennt man den versierten und sprachsensiblen Schriftsteller, der hier gekonnt zwischen Familien- und Zeitgeschichte, zwischen damals und heute, zwischen tragischem und komischem Erinnern, zwischen Literatur und Leben vermittelt. Nach der Lektüre wird man Paul Maars Kinder- und Jugendbücher unbedingt noch einmal lesen oder vorlesen wollen, vielleicht mit einem anderen Blick.

Erstveröffentlichung: 27.1.2021

 

Weitere Rezensionen zu Werken Paul Maars auf KinderundJugendmedien.de:

Eine Woche voller Samstage

Das Sams feiert Weihnachten

Sams im Glück

Das Sams und der blaue Drache (Hörbuch)

Herr Bello und das blaue Wunder

Lippels Traum (Lars Büchel, 2009)

 


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