Das Motiv 

Das Motiv stellt nach Christiane Lubkoll "die kleinste strukturbildende und bedeutungsvolle Einheit innerhalb eines Textganzen" dar und zudem "eine durch die kulturelle Tradition ausgeprägte und fest umrissene thematische Konstellation." (Lubkoll 2013, S. 542)

Explikat 

Das obige Zitat beinhaltet bereits viele Aspekte, welche die Auseinandersetzung mit literarischen Motiven bestimmen und diese für die Analyse von literarischen Texten nutzbar machen. So verweist Lubkoll in ihrer Definition auf die strukturbildende Rolle des Motivs (vgl. ebd.). Eng verbunden ist diese Rolle mit der inhaltlichen Unbestimmtheit, die das Motiv kennzeichnet, und es gleichzeitig vom literarischen Stoff abgegrenzt (vgl. Frenzel 2005, S. VII). So kann das Motiv zwar bestimmte Figurenkonstellationen und Situationen bedingen, allerdings sind diese nicht an konkrete Namen und feststehende Handlungsmuster gebunden (vgl. ebd.). Im Rahmen eines Motivs lassen sich demnach verschiedenste Konstellationen und Situationen unterschiedlich entfalten. Lubkoll verweist zudem auf die semantische Qualität des Motivs und weist ihm Bedeutung zu (vgl. Lubkoll 2013, S. 542). Diese Bedeutungskonstitution kann auch über die Verbindung von unterschiedlichen Themen zu einem Motiv entstehen. 

Diese Verbindung ist es, die Motive zu einer "fest umrissenen thematische[n] Konstellation" (ebd.) werden lassen. So entsteht aus der Verbindung der abstrakten und unbestimmten Themen (vgl. Frenzel 2005, S. VII) "Liebe" und "Feindschaft" das Motiv der "unmöglichen oder verbotenen Liebe", welches sich in zahlreiche Handlungen und Figurenkonstellationen übersetzen lässt und William Shakespeares Romeo und Julia mit Stephanie Meyers Twilight-Serie verbindet. Zwar ist Romeo im glitzernden Vampir Edward vielleicht nur schwer zu erkennen, dennoch zeigt sich anhand des Motivgebrauchs die intertextuelle Verbindung der Texte bzw. die intermediale Beziehung zwischen Roman und Theaterstück. Auch wenn William Shakespeare wahrscheinlich eher weniger an einen Vampir-Liebes-Roman dachte, als er auf die Austauschbarkeit von Namen verwies, lässt sich diese Austauschbarkeit nicht nur im genannten Motiv wiederfinden, sondern sie kennzeichnet zudem die skizzierte Verbindung: "What's in a name? That which we call a rose/ By any other word would smell as sweet." (Shakespeare 2008, Akt 2.1 85-86) Über den Geruch als Motiv in der Twilight-Serie kann an anderer Stelle diskutiert werden. 

Die intertextuellen Verbindungen, die sich an dieser Stelle zeigen, stellen einen wichtigen Aspekt des Motivs dar, den auch Lubkoll (vgl. Lubkoll 2013, S. 542) und Max Lüthi benennen. So schreibt dieser dem Motiv zu, dass es "die Kraft hat, sich in der Überlieferung zu erhalten." (Lüthi 2004, S. 19) Das Motiv kann demzufolge, ebenso wie das Thema oder auch der Stoff, textimmanent untersucht werden, also im Hinblick auf seine narrative und strukturelle Bedeutung innerhalb eines Textes, intertextuell und damit in Bezug auf seine Verknüpfung zu anderen Texten oder auch intermedial (vgl. Lubkoll 2013, S. 542). Nach Sandra Poppe kann das Motiv zudem – insbesondere in dem genannten Beziehungsgeflecht – als transmediales Phänomen verstanden werden (vgl. Poppe 2013, S. 38).

Deutlich zeigen sich diese Analysemöglichkeiten bspw. in der Verwendung des Doppelgängermotivs in den Kinder- und Jugendmedien. Daemmrich und Daemmrich halten für dieses zwei verschiedene Traditionslinien fest:

Die Figur dient einerseits im Aufbau von Handlungen dazu, wirkungsvolle Situationen auszuarbeiten, in denen verblüffend ähnliche Personen die Rolle anderer übernehmen (Motivation der Handlung). Andererseits werden Doppelgänger ins Geschehen eingeführt, um sowohl innere Zustände als auch individuelle Vorstellungen von Personen zu beleuchten (Motivation von subjektbezogenen Reaktionen). (Daemmrich und Daemmrich 1995, S. 108) 

Diese beiden Traditionslinien finden sich auch in der kinder- und jugendliterarischen Bearbeitung. So wird in Erich Kästners Das doppelte Lottchen über das Motiv der Doppelgängerinnen innerhalb der Handlung eine große Bandbreite an komischen und die unmittelbare Umgebung verwirrenden Momente geschaffen: Luise als Lotte verzweifelt an der Rindfleischbrühe (vgl. ebd. S. 74-75) und verblüfft Anni Habersetzer (vgl. Kästner 2000, S. 72). Lotte als Luise hingegen stößt nicht nur den Hund des Hofrats Strobl in Verwirrung (vgl. ebd. S. 59), sondern ihren Vater und den Koch des Imperial obendrein (vgl. ebd. S. 58). 

Neben diesem eher komischen Gebrauch des Doppelgängermotivs kann dieses auch als Moment gesellschaftlicher Kritik genutzt werden (vgl. Daemmrich und Daemmrich 1995, S. 108). Ein solch gesellschaftskritischer Rollentausch findet bspw. Mark Twains Der Prinz und der Bettelknabe statt – selbst wenn in der Musical-Bearbeitung BARBIE ALS PRINZESSIN UND DAS DORFMÄDCHEN (Lau USA 2004) dieser Impetus durch den Fokus auf das romantische 'Happy End' möglicherweise etwas gemildert wird. 

In Laetitia Barnicks Anastasias Phantom wird die Doppelgängerfigur der Protagonistin zunächst als Spuk identifiziert:

"Es war nicht Asti!" wiederholte Heimchen. "Es war ihre Doppelgängerin. Kein Wesen aus Fleisch und Blut, sondern – na ja, eben ein Spuk, eine Erscheinung. Asti war wirklich die ganze Zeit hier zu Hause." (Barnick 1992, S. 99). 

Diese Verwendung, die dazu dient, die (unterdrückten und unbewussten) Emotionen von Anastasia verzerrt zu spiegeln, steht somit in der zweiten von Daemmrich und Daemmrich benannten Traditionslinie (vgl. Daemmrich und Daemmrich 1995,  S. 108): 

Wie ich es aus den Büchern entnehme, hat offenbar ein Teil deiner Seele Gestalt angenommen. Es ist ein Teil von dir, den du noch nie wahrgenommen oder gezeigt hast. […] Ein Mensch kann eben nicht immer nur von früh bis spät seine Pflicht tun, dabei stets artig und anständig sein und niemals an sich selbst denken. Ein paar kleine Freiheiten sollten doch jedem, und erst recht einem Kind, gestattet werden. (Barnick 1992, S. 116) 

Erst als Anastasia sich auf ihre eigenen Wünsche konzentriert, diese einfordert und somit aus ihrem Unterbewusstsein hervorholt, verschwindet ihr liederliches und verfressenes Phantom wieder:

"Aber was muß [sic] ich denn tun, damit sie verschwindet?" "Auch mal ein bißchen [sic] an dich selbst denken, Asti." (ebd. S. 119) 

Zahlreiche andere Motive aus dem Bereich der Kinder- und Jugendmedien finden Sie hier


Bibliografie 

Primärliteratur 

  • Barnick, Laetitia: Anastasias Phantom. München: Lentz Verlag, 1992.
  • Kästner, Erich: Das doppelte Lottchen. Hamburg: Cecilie Dressler Verlag, 2000.
  • Shakespeare, William: The most excellent and lamentable tragedy of Romeo and Juliet. In: The Norton Shakespeare. Hrsg. von Stephen Greenblatt, Walter Cohen, Jean E. Howard und Katharine Eisaman Maus. 2nd Edition. New York/London: Norton& Company, 2008. S. 897-972.

Sekundärliteratur 

  • Daemmrich, Horst S. und Ingrid: Themen und Motive in der Literatur. 2. überarb. und erw. Auflage. Tübingen/Basel:  Francke Verlag. 1995.
  • Frenzel, Elisabeth: Stoffe der Weltliteratur. Ein Lexikon deutungsgeschichtlicher Längsschnitte. 10.  erw. und überarb. Auflag. Stuttgart: Alfred Kröner Verlag, 2005.
  • Lüthi, Max: Märchen. 10. aktualisierte Auflage. Stuttgart/Weimar: Metzler Verlag, 2004. 
  • Lubkoll, Christiane: Motiv. In: Metzler Lexikon. Literatur - und Kulturtheorie. Ansätze – Personen – Grundbegriffe. Hrsg. von Ansgar Nünning. 5. aktualisierte und erweitere Auflage. Stuttgart: Metzler, 2013. S. 542-543. 
  • Poppe, Sandra: Emotionen in Literatur und Film. Transmediale Visualität als Mittel der Emotionsdarstellung. In: Medien erzählen Gesellschaft. Transmediales Erzählen in der Medienkonvergenz. Hrsg. von Karl. N. Renner, Dagmar von Hoff und Mathias Krings. Berlin/Boston: de Gruyter, 2013. S. 37-64. 

Erstveröffentlichung: 12.10.2016 


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