von Tanja Lindauer

Mit seinem Erstlingswerk Lindbergh – Die abenteuerliche Geschichte einer fliegenden Maus hat sich Torben Kuhlmann augenblicklich in die Herzen junger und alter Leser katapultiert. Das zweite Buch, Maulwurfstadt, besticht in jeder Hinsicht ebenso wie der Vorgänger. Dabei schlägt der Autor und Illustrator hier kritischere Töne an und zeigt die Auswirkungen der rasch voranschreitenden Industrialisierung anhand einer Maulwurfpopulation.

Kuhlmann, Torben: Maulwurfstadt.
NordSüd, Zürich, 2016.
32 Seiten, 14,99 €
ISBN 978-3314102745.
Empfohlen ab 5 Jahren.

Inhalt

Eines Tages macht es sich ein Maulwurf unter einer grünen saftigen Wiese gemütlich und richtet sich dort häuslich ein. Doch er bleibt nicht lange alleine und immer mehr Maulwürfe ziehen hinzu. Unter Tage entwickelt sich aus einer einzigen Maulwurfbehausung eine riesige Metropole. Die Bau-Technik schreitet unaufhaltsam voran und wird immer raffinierter. Tiefer und tiefer bohren sich riesige Geräte ins Erdreich. Die kleinen gemütlichen Erdhöhlen müssen winzigen Metallkistchen weichen, dicht an dicht gedrängt. Platz wird zur Mangelware. "Moletown" wächst unaufhörlich weiter, und so wird auch die Infrastruktur stetig ausgebaut. Die Tunnel werden länger und tiefer, als Resultat müssen Trambahnen gebaut werden, die die Maulwürfe zur Arbeit bringen. Die Stadt wächst unaufhörlich und so hält auch die Bürokratie Einzug: ein Bürgermeister wird ernannt, Architekten müssen sich um die Stadtplanung kümmern.

Das rasante Wachstum und der technische Fortschritt haben dabei tiefe Spuren hinterlassen. Lediglich ein kleiner Grasfleck erinnert an die einstige grüne Wiese, sie musste schlammbraunen Hügeln, Strommasten und rauchenden Schornsteinen weichen. Doch nicht nur die Natur hat sich verändert, sondern auch die Bevölkerung. Von den ehemaligen gemütlichen Unterkünften mit ihren scheinbar ausgeglichenen Bewohnern, die kochten oder ein Buch lasen, ist nichts mehr übrig. Erschöpft und müde von der Arbeit lassen sich die Maulwürfe vor dem Fernseher nieder oder essen Fertiggerichte aus der Dose.

Im Vor- und Nachsatz wird mit Zeitungsausschnitten und Schwarzweißfotos die Entwicklung noch einmal zusammengefasst. Dies lässt Hoffnung aufkommen, denn hier sind beispielweise die einstigen Schornsteine nun Windrädern gewichen und ein "Agreement on Green" wurde unterzeichnet. Haben die Maulwürfe also erkannt, dass der bislang beschrittene Weg nur in den Abgrund führen konnte?

Kritik

Fast gänzlich ohne Worte gelingt es Kuhlmann, am Beispiel von "Moletown" die Entwicklung der Städte und deren Folgen zu veranschaulichen. Lediglich auf der ersten Seite führen wenige Sätze den Leser in die Geschichte ein – auch auf der letzten Seite wird das Gezeigte noch einmal textlich unterstützt. Kuhlmanns in warmen Sepiatönen gehaltene Illustrationen sind ausdrucksstark und der Verzicht auf Text beinahe eine Notwendigkeit. Denn so kann man sich ganz den Details seiner Bilder widmen: hier ein Maulwurf, der Nintendo spielt, dort ein rauchender Vertreter auf dem Balkon. Seine Bildsprache ist dabei einerseits eindeutig, lässt aber auch Freiraum für Interpretationen. So finden sich darin interpikturale Verweise zu Kunst und Film: Die Maulwurfreihen, die am Bahnhof warten, erinnern beispielweise an Fritz Langs Metropolis und das Titelbild ist eine Hommage an Chaplins Modern Times – beides eine erneute Warnung bezüglich der rasanten Entwicklung.

Zahnräder, Dampfloks, historische Maschinen, Schwarzweiß-fotografien, Maulwürfe in Trenchcoats: Kuhlmanns aus Lindbergh bekannter Stil bleibt bestehen und die Bilder erinnern oftmals an die 1960er, wobei es Ausnahmen wie die Abbildung eines Nintendo gibt. Die Stadt, die hier entsteht, lässt einige Parallelen zu New York City erkennen – schon aufgrund der englischen Begriffe, die sich auf den Seiten finden lassen –, etwa zum Times Square, wo der Stau scheinbar unauflöslich ist und Reklameschilder Waren anpreisen. Auch findet sich eine Anspielung auf die berühmte Fotografie "Lunch atop a Skyscraper".

Der Autor-Illustrator erzählt vordergründig die Geschichte von Maulwurfstadt, hält dabei aber dem Leser einen Spiegel vor Augen. Es ist eine Allegorie auf die Verstädterung und Industrialisierung mit all ihren Folgen. Das fortschreitende Wachstum hinterlässt Spuren: In der Stadt wird Wohnraum zur Mangelware, man baut in die Höhe. Und auch in der Natur sind die Folgen unverkennbar. Die einstige saftige grüne Wiese ist verschwunden, nur ein kleines Fleckchen – der Central Park? – trotzt noch dem Moloch (seit jeher wird die Stadt, wie NYC, in der Literatur auch als Moloch beschrieben, der die Menschen regelrecht verschlingt, vgl. beispielweise Stephan Crane). Der Umweltkollaps steht kurz bevor.

Es ist ein kritisches Buch, und die Parallelen zu unserem Verhalten sind nicht zu übersehen. Die moderne Industriegesellschaft hat den Lebensraum vieler Tiere und Pflanzen zerstört. Und beinahe zu spät hat man gemerkt, dass man so nicht weitermachen kann.

Fazit

Das Bilderbuch erhebt mahnend den Zeigefinger und zeigt, was der Mensch mit der Natur anrichtet. Die Bildersprache ist gewaltig und man taucht immer tiefer in die einzelnen Illustrationen ein.

Auch wenn die Thematik komplex ist, ist Maulwurfstadt nicht nur ein Buch für Erwachsene, sondern ein Muss für jedes Kinderzimmer. Junge Leser ab sechs bis sieben Jahre werden verstehen, was sie dort gezeigt bekommen und dabei vieles kommentieren: So zu leben, das sieht ungemütlich aus.

Die vom Verlag empfohlene Alterseinstufung von fünf Jahren dagegen ist zu gering gesetzt, obgleich sich auch jüngere Kinder gerne in den Details verlieren werden. Die Analogie zur Industrialisierung und das notwendige Umdenken allerdings können von ihnen noch nicht erfasst werden.

Ein Buch, das noch lange nach der Lektüre nachhallt.


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