"Ich hoffe, eines Tages anzukommen wie diese Vögel. In einer neuen Heimat, wo wir in Sicherheit sind und neu anfangen können." Dieser letzte Satz aus dem vorliegenden Bilderbuch schildert eindrücklich die Hoffnung, die die kindliche Ich-Erzählerin bei der Flucht aus ihrer Heimat begleitet. Die Fluchtgeschichte einer Familie zeigt stellvertretend für viele andere Flüchtlingsschicksale die Schrecken von Krieg, Flucht und Vertreibung auf, ohne zu beschönigen, aber auch ohne auf einen optimistischen Erzählduktus zu verzichten.
  

Sanna, Francesca: Die Flucht.                                                                     A. d. Englischen von Thomas Bodmer.
NordSüd, Zürich, 2016.
48 Seiten, 17,99 €
ISBN 978-3-314-10361-2.
Empfohlen ab 5 Jahren.

 
Inhalt

Kinder- und Jugendliteratur ganz verschiedener Gattungen und Genres zum Thema Flucht und Vertreibung ist angesichts der gesellschaftlichen Aktualität und Brisanz zahlreich publiziert worden (vgl. z.B. Boie, Kirsten/Birck, Jan: Bestimmt wird alles gut; Kobald, Irena/Blackwood, Freya: Zuhause kann überall sein). Auch das vorliegende Bilderbuch mit dem einfachen, aber prägnanten Titel Die Flucht ist dafür ein Beispiel. Es erzählt die Geschichte einer Familie, deren intaktes Leben sich aufgrund der Folgen des hereinbrechenden Krieges schlagartig verändert. Ein besonders traumatisches Erlebnis stellt der Tod des Vaters dar, der mit wenigen Worten verstörend emotionslos und unaufgeregt geschildert wird: "Eines Tages nahm der Krieg uns den Papa weg." (o. S.) Dieses Ereignis markiert einen Wendepunkt in der Erzählung. Die Mutter beschließt, mit ihren Kindern in ein weit entferntes Land zu fliehen, in dem sie sicher leben können. Anhand der Bilder werden verschiedene Etappen der Flucht skizziert. Nicht selten wird die Familie währenddessen mit Schwierigkeiten und Hindernissen konfrontiert: So gelingt ihnen die Flucht über die Mauer als Landesgrenze erst, nachdem sie einen Mann dafür bezahlen, dass er ihnen unbemerkt vor den Wächtern zu fliehen verhilft. Auch die beschwerliche Überfahrt über das Meer auf einem überfüllten Boot wird beschrieben, die jedoch glückt. Die Reise erscheint endlos: "Wir fahren tage- und nächtelang und überqueren viele Grenzen. Vom Zug aus sehe ich hinauf zu den Vögeln. […] Auch ihre Reise ist lang, aber für sie gibt es keine Grenzkontrollen." (o. S.) Die Erzählung endet offen, sodass unklar bleibt, ob die Familie das Ziel ihrer Flucht je erreichen wird.
 
 
 
 
Kritik

Das Bilderbuch ist in mehrfacher Hinsicht außergewöhnlich, wobei insbesondere das Bild-Text-Verhältnis als komplex und vielschichtig hervorzuheben ist. Während der Text häufig vom Informationsgehalt auf das Wesentliche reduziert ist, vermögen die Illustrationen eine besondere Symbolkraft zu entwickeln, welche die sehr vage Verbalsprache subtil erweitert. Explizit wird das Ausdrucksvermögen der Illustrationen bereits auf der ersten Doppelseite des Buches: Zu sehen ist die Familie, die am Strand Sandburgen baut. Die orientalisch anmutenden Häuser der Heimatstadt, die geografisch nicht näher bestimmt wird, fügen sich wie Sandburgen in die Strandidylle und symbolisieren das unbeschwerte Leben der Familie. Am rechten Bildrand deutet das pechschwarze Meer auf das drohende Unheil hin, das auf den nächsten Seiten wie eine Welle über die Stadt und ihre Bewohner bricht. Die schwarze Welle verformt sich sodann zu riesigen Händen, die nach der Stadt und der Familie greifen; der Krieg wird im Bild personifiziert. Die Zerstörungswut dieses Krieges wird in den Illustrationen präzisiert, indem die Häuser, Autos und andere Gegenstände wie im Chaos durch das Bild ‚fliegen‘.
Auf der Doppelseite, auf der der Tod des Vaters verkündet wird, ist der Hintergrund komplett schwarz gehalten, sodass die Farbgebung die fehlenden Emotionen im Text zu ergänzen vermag. Im Verlauf dominieren jedoch kräftige, bunte Farben, die nur dann einer dunkleren Farbgestaltung weichen, wenn sich Hürden und Gefahren auf der Flucht auftun.
In den Illustrationen werden zudem die Träume, Sehnsüchte und Hoffnungen des kindlichen Ich-Erzählers ausgedrückt, sodass eine neue Erzählebene eröffnet wird, die zum Teil ins Fantastische abdriftet. Dies spiegelt sich in romantisierenden Naturdarstellungen – Tiere, Pflanzen, Wälder – wider, die Märchenassoziationen wecken. Auch die Wächter an der Landesgrenze muten wie rotbärtige, wütende Märchenriesen an, die die Familie jagen und bedrohen. Die Grenzen zwischen Fantasie und Wirklichkeit werden auf visueller Ebene zum Teil aufgehoben, was sich in der letzten Illustration des Bilderbuches zeigt: Mutter und Kinder fliegen auf dem Rücken eines riesigen Vogels mit einem Schwarm in die Freiheit davon. Die Deutung wird dem Leser selbst überlassen: Entladen sich auf visueller Ebene die Hoffnungen und Sehnsüchte der Familie oder ist dies ein Hinweis auf ein glückliches Ende, der im Text fehlt?
Zudem ist auch auf die Besonderheit der Figurendarstellung der Mutter einzugehen. Eine Doppelseite zeigt sie auf Pflanzen und ihren Haaren gebettet im Wald, die Kinder schützend im Arm haltend. Auf der anderen Seite ist das gleiche Motiv zu sehen. Nun ist jedoch die Nacht angebrochen und die Mutter kann ihre wahren Gefühle offenbaren. Sie weint große Tränen und schwarze Hände greifen – wie Albträume – nach ihr. Wie stark sie ist, zeigt sich darin, dass sie ihre Ängste und Sorgen vor ihren Kindern erfolgreich verbergen kann. Das weiß der kindliche Erzähler im Text zu berichten: "Doch Mama ist ja da. Und sie hat nie Angst."  
Entsprechend der Fluchtthematik nimmt auch die Motivik des Fortbewegens sowie die Raumkonzeption eine große Bedeutung ein. "Der Charakter des Transitorischen wird besonders sichtbar, wenn die Interdependenz von Fluchtrouten, Orten und Transportmitteln in den Blick genommen wird." (Wrobel/Mikota 2017, 11) Insbesondere durch die verschiedenen Fortbewegungsmittel – Lieferwagen, Fahrrad, Boot, Zug – werden die räumlichen Distanzen auf der Flucht dargestellt und dabei immer wieder auf den Zielort als Land der "Sicherheit" verwiesen. 
Auf paratextueller Ebene deutet das Nachwort auf den Entstehungskontext des Werkes. Die Erzählung gründet auf ganz unterschiedlichen Flüchtlingsschicksalen, die sich Francesca Sanna im persönlichen Kontakt mit geflüchteten Menschen hat erzählen lassen: "Dieses Buch", so Sanna, "fasst all diese persönlichen Geschichten zusammen und zeugt von der unglaublichen Kraft dieser Menschen, die sie erlebt haben." (o.S.) Das Vorhaben, möglichst vielen Geflüchteten eine Stimme zu leihen, spiegelt sich auf der narrativen Ebene des Buches wider: So bleiben sämtliche Orte wie auch Figuren unbenannt und unkonkret. Schließlich lässt auch das offene Ende eine Deutung im Sinne der Universalisierung der Schicksale zu. Es symbolisiert einerseits die Ungewissheit auf der Flucht, zum anderen ermöglicht es, die verschiedenen Ausgänge einer solchen Flucht potenziell offen zu halten. So kommt es weder zu einer Verharmlosung im Sinne einer Happy End-Struktur noch werden Hoffnungen der Rezipienten auf einen glücklichen Ausgang zunichte gemacht.  
Vielfach wird an Kinder- und Jugendliteratur zum Thema Flucht kritisiert, dass diese entweder einen sehr moralisch-belehrenden Grundtenor vertreten oder aber problematische Flüchtlingsstereotype – als Opfer ohne Handlungsalternativen – spiegeln würden (vgl. Nagy 2017, 4f.). Beides ist dem vorliegenden Bilderbuch nicht vorzuwerfen – im Gegenteil. Durch die Wahl des kindlichen Erzählers auf Verbalebene wird ein moralischer Impetus grundlegend vermieden. Auf liebevolle Weise wird hier in Text und Bild ein Erzählstil gefunden, der gleichermaßen die Einzigartigkeit als auch die Vielzahl der Flüchtlingsgeschichten beschreibt und die Menschen würdigt. Insbesondere mittels der Figur der Mutter wird der Stereotyp des hilflosen, schwachen Flüchtlings dekonstruiert. Die Anonymität der flüchtenden Familie ermöglicht zudem, dass die Rezipienten unterschiedliche Menschen, z.B. Flüchtlingskinder aus ihrer Umgebung, in diese Geschichte projizieren sowie Empathie, Verständnis und Respekt entwickeln können. Der Bezug auf Fantastisches erlaubt dafür Ausdruck zu finden, was eben nicht in Worte zu fassen ist, wie z.B. die vielfältigen und widersprüchlichen Emotionen auf der Reise.

Fazit

Das vorliegende Bilderbuch eignet sich sehr gut, um Kinder ab fünf Jahren behutsam an die Thematik Flucht und Migration heranzuführen. Worte werden hier sparsam eingesetzt, um weder die kindlichen Leser mit Details zu überfordern, noch um deren Vorstellungsbildung zu hemmen. Dabei empfiehlt es sich, einzelne Aspekte in begleitender Anschlusskommunikation zu vertiefen und Fragen aufzugreifen. Jedoch sollte auch der erwachsene Leser verdeutlichen, dass Leerstellen bleiben müssen: Wer eine solche Flucht nicht selbst erlebt hat, kann sich nicht anmaßen, diese gänzlich zu füllen. 
Zu resümieren ist, dass dieses Bilderbuch berechtigterweise für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2017 in der Sparte Bilderbuch nominiert worden ist und als Hoffnungsträger für das Medium Bilderbuch in Bezug auf dieses gesellschaftlich brisante Themenfeld bezeichnet werden darf. Zudem hat Francesca Sanna mit diesem Buch den Klaus Fugge Preis 2017 für vielversprechende Nachwuchstalente im Bereich der Bilderbuchillustration erhalten.
    
Literatur
  • Nagy, Hajnalka: Im Niemandsland. Überlegungen zu Bildern und Vorstellungen von Flucht und Migration in der Kinder- und Jugendliteratur. In: 1001 Buch (2017) H.2, 4-9.
  • Wrobel, Dieter/Mikota, Jana: Flucht erzählen – Flucht verstehen: Flucht-Literatur im Unterricht. Zur Einführung: In: Flucht-Literatur. Texte für den Unterricht Band 1. Primarstufe und Sekundarstufe 1. Hrsg. von dens. Baltmannsweiler 2017, 9-16.   

 

Weitere Rezensionen zu den Büchern, die für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2017 nominiert wurden, finden Sie hier.

Erstveröffentlichung: 13.07.2017


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