von Dr. Anna Stemmann

Reinhard Kleist wurde mit seinen biographisch geprägten Comic in den letzten zehn Jahren bekannt und u.a. mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis 2013 ausgezeichnet. Nach Der Boxer erzählt er in Knock Out! die Geschichte des Boxers Emile Griffith. Dieser kämpfte in den USA in den 1960er und 70er Jahren und haderte damit, in einer Gesellschaft zu leben, in der homosexuell und Schwarz zu sein, ein doppeltes Stigma war.

Kleist, Reinhard: Knock Out! Die Geschichte von E. Griffith.
Carlsen, Hamburg 2019.
160 Seiten. 18,00 €
ISBN 978-3-551-73363-4.
Empfohlen ab 16 Jahren.

Inhalt

Der Comic beginnt mit einer Kampfszene auf offener Straße, mehrere Männer verprügeln brutal einen wehrlosen Mann und beschimpfen ihn wüst. Unmittelbar steigt die Erzählung damit in die zentralen Konfliktherde der folgenden Geschichte ein und verdeutlicht, um welche existenziellen Prozesse es geht und wie schonungslos diese ausgestaltet werden. Sukzessive erfährt man, dass es sich bei dem niedergeschlagenen Mann um Emile Griffith handelt. Aus dieser Ebene der Gegenwart, ungefähr in den 1980er Jahren verortet, in der Griffith schwer verletzt ist und sich zu einem Taxi schleppt – begleitet von einem zunächst unbekannten jungen Mann in Boxkleidung –, blendet die Geschichte immer wieder zurück in die Vergangenheit. In den Rückblenden berichtet Griffith, wie er als junger Mann nach New York kam und wie er als Lagerarbeiter von seinem Chef als potenzieller Boxer entdeckt und zum Training überredet wurde, obwohl er eigentlich lieber Hüte für Damen designen wollte.

Der Comic zeichnet die Erfolgsgeschichte des jungen Mannes nach, zeigt aber auch die Schattenseiten des Ruhmes als Schwarzer und homosexueller Mann in den 1960er Jahren. Seine Homosexualität kann Griffith nicht ausleben, vor allem in der hypermaskulin aufgeladenen Boxerszene. Daher führt Griffith ein Doppelleben mit Scheinehe. Dieses Leben droht aus den Fugen zu geraten, als Griffith bei einem Kampf einen anderen Boxer, Benny Paret, tödlich verletzt. Wie seine Karriere weiter verläuft und ihn dieser Schatten aus der Vergangenheit seither verfolgt, setzt der Comic ins Bild.

Kritik

Interessant ist, wie der Comic mit den zwei etablierten Zeitebenen arbeitet und diese miteinander verzahnt. So deckt sich erst nach und nach auf, dass der junge Mann, der den verletzten Griffith in der Rahmenerzählung begleitet, nur imaginiert ist. Griffith tritt in einen ausgedachten Dialog mit Benny Peret, für dessen Tod er sich auch Jahrzehnte später verantwortlich fühlt. Bildsprachlich entwickelt Kleist dafür gelungene großformatige Panels, in denen sich Ereignisse der Zeitebenen überlagern und diese ineinanderlaufen. Sichtbar wird in diesem erzählerischen und graphischen Verfahren, wie die Vergangenheit immer noch Griffiths Gegenwart prägt und diese einfärbt. Für die Darstellung der Konflikte findet Kleist somit auch eine entsprechende visuelle Form, die spannungsvoll die inneren und äußeren Konflikte der Figur umreißt. Dass sein Gegner Paret als Figur im Bildraum präsent ist, schafft eine beklemmende Atmosphäre und führt visuell in die psychischen Tiefen der Hauptfigur Griffith ein.

Im Zeichenstil ist unverkennbar der kräftige Kleist’sche holzschnittartige Schwarz-Weiß Strich zu erkennen: Er zeichnet seine Figuren, vor allem auch in den Kämpfen, mit großer Dynamik, und entwickelt eine plastische Szenerie, die sich allein aus dem Kontrast von Schwarz und Weiß ergibt. Gerade für die Darstellung von Schwarzen Figuren stößt dieses Darstellungsprinzip mitunter aber an seine Grenzen, denn diese sind weiterhin mit schwarzem Strich umrandet und in der großen Fläche weiß angelegt. Kleist arbeitet zwar mit Schattierungen auf dem Körper, dennoch entsteht immer wieder der Eindruck, die Figuren wären eigentlich Weiß. Davon abgesehen ist es überzeugend, wie Kleist die persönliche Geschichte von Emile Griffith erzählt, die unter dem Brennglas ebenso stellvertretend für viele andere Schicksale und das gesamtgesellschaftliche Klima der 1960er und 70er Jahre steht. Das Medium Comic bietet in den dualen Darstellungskanälen von Schrift- und Bildtext vielfältige Darstellungsmöglichkeiten, die Kleist geschickt nutzt.

Fazit

Kleist entwickelt in Knock Out! eine gut recherchierte und erzählerisch spannend konstruierte Geschichte, die Ausdruck des damaligen Zeitgeschehens ist. Aber auch für den heutigen Umgang mit Diversity kann der Comic viele Impulse geben. Durch die Bildebene entsteht eine lebendige Narration, die schonungslos in und durch die Lebensgeschichte von Emile Griffith führt. In dynamischen und kraftvollen Zeichnungen hat Kleist einen Comic vorgelegt, der für Leserinnen und Leser ab 16 Jahren geeignet ist.

 

Erstveröffentlichung: 25.09.2019


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